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zuletzt aktualisiert 11.02.2012, 10.24 Uhr

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Miserabilismusporno erster Kajüte

Von Ekkehard Knörer, 14.02.2010, 10:40

Ich gebe, bevor ich hier als der Berliner Schlechte-Laune-Bär abgestempelt werde, zu Protokoll, dass mir die beiden Wettbewerbsfilme "My Name is Khan" (warum der außer Konkurrenz läuft, weiß der Kosslick) und "If I Want to Whistle, I Whistle" von Florin Serban auf ihre sehr unterschiedliche Weise jeweils sehr imponiert haben.

Bild zum Artikel

"Submarino" von Thomas Vinterberg allerdings hat das nicht. Der Film ist eine Zumutung, was noch kein Werturteil ist. Aber er ist mächtig stolz darauf, eine Zumutung zu sein, darauf, seine Figuren und seine Zuschauer so richtig tief in die Scheiße tunken zu können. Und dieser Stolz ist zum Kotzen. Dieser Stolz, und mehr noch die Tatsache, dass er dem Film aus jeder Pore entströmt, machen diese Geschichte zweier Brüder, denen "das Leben" (in Wahrheit natürlich das Drehbuch) nichts erspart, zum Miserabilismusporno erster Kajüte. Kurze, unvollständige Aufzählung des Elends, das sie und wir mit ihnen durchwaten: trunksüchtige Mutter, "Schuld" am Tod des kleinen Bruders, erst kaputte, dann abbe Hand, Drogensucht, lautes Radio des Nachbarn, Taufname per Telefonbuch, schwer pathologischer fetter bester Freund, Geldsorgen sowieso, Vollbart, Ex-Frau jetzt mit Baby eines anderen Mannes, Tod der Mutter, schwermütige Indie-Musik, Höllenfahrt mit Frauenchören, überfahrene Ehefrau, grisselgraue Postdogmakamerabilder, hässliches Dänemark, Selbstmord.

Also, wo waren wir, Geschichte zweier Brüder, denen das Leben nichts erspart. Es liegt ein Roman zugrunde, dem Vinterberg und sein Drehbuchautor Tobias Lindtholm aber einen Rahmen hinzugefügt haben, der dem Fass per erstens Fatalismusinsinuation und zweitens superdämlichem Ende ("Hoffnung") den Boden ausschlägt. Lindtholm sitzt bei der PK auf dem Podium im hellblauen Hemd und mit brav gescheiteltem Haar und trübt kein Wässerchen. Vinterberg erklärt, dass er sich auskennt, weil ein Grundschulfreund, während er, Vinterberg, zum Regiestar wurde, die Drogenkarriere vorzog. Natürlich haben sie recherchiert. Natürlich bilden sie sich etwas darauf ein, als die bourgeoisen Typen, die sie sind, der elenden Wirklichkeit so schonungslos nahegetreten zu sein. "Submarino", der Titel des Films beschreibt eine dem Waterboarding verwandte Foltermethode: Das Opfer wird unter Wasser gedrückt, bis es zu ersticken glaubt. Das trifft, unfreiwillig, versteht sich, sehr gut das Verhältnis des Filmemachers zu seinen Figuren.

Thomas Vinterberg: Submarino. Mit Jakob Cedergren, Peter Plaugborg, Morten Rose, Patricia Schumann. Dänemark 2010, 110 Minuten. (Vorführtermine)



7 Kommentare

Stichwörter: 13. februar 2010, alkohol, dänemark, dogma, folter, hoffnung, submarino, thomas vinterberg, wettbewerb 2010

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Leserkommentare (7)

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Lukas Foerster

16.02.2010 um 12:37:24 Uhr

ganz meine Meinung @JoergH.
Überhaupt Moodysson, der destiliert regelmäßig aus den eigentlich schrecklichsten Genres auf wundersame Weise ehrliches Kino: "Mammuth" hätte sehr leicht schlimmstes Unicef-Kino (=globalisiertes Sozialarbeiterkino) werden können, "Together" nostalgischer Hippie-Kitsch und "Fucking Amal" ein scheissliberales Emanzipationsmärchen. Statt dessen sind alle drei ziemlich tolle Filme geworden. Wäre eine nähere Untersuchung wert, wie er das hinbekommt.

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JoergH

16.02.2010 um 08:00:53 Uhr

@Reini Urban & @Ekkehrad Knörer:

Selbst "Lilja4Ever" ist kein Miserabilismusporno - ich kenne keinen Film, der zwar so distanzlos in seinen Bildern ist, aber trotdem nicht von der Lust am Zuschauen lebt. Ich habe ihn viel eher als emotionales Passionsspiel erlebt, das gerade von der Achtung Moodyssons vor seiner Hauptfigur lebt. Nicht jeder deprimierende Film ist gleich ein Porno, womöglich noch mit der kathartischen Wirkung eines bürgerlichen "Gut dass es uns nicht so geht". Diese Selbstgerechtigkeit geht "Lilja" völlig ab.

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Ekkehard Knörer

15.02.2010 um 21:29:59 Uhr

@ReiniUrban: Sie bringen mich jetzt aber in die unangenehme Lage, Ihrem Lob für mich wenigstens in einem entscheidenden Teilpunkt widersprechen zu müssen. Lukas Moodysson gehört für mich nicht wirklich in diesen Topf: "Mammoth" jedenfalls ist die Gutherzigkeit selbst. Und das meine ich in der Tendenz positiv, wie im letzten Jahr an dieser Stelle beschrieben.

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Reini Urban

15.02.2010 um 19:26:55 Uhr

Das ist lustig, dass gerade hier die Precious-Frage auftaucht, die mich gerade brennend beschäftigt und ich deshalb via Google "Sozialdrama" auf Ekkehards neueste "Miesepeter" Kritik gestossen bin. Sehr gut! Üble Filme muss man anständig verreissen. Lukas Moodysson ist in der selben Liga.

Precious ist allerdings das komplette Gegenteil. Trotzdem brennt es mir auf der Zunge auch Precious verreissen zu müssen. Der Roman "Push" von Sapphire ist ein typisches neorealistiches Sozialdrama, allerdings höchst subjektiv, mit kunstvoller Kunstsprache, als Leser wird man nur im Hinterkopf mit der Sozialtristesse konfrontiert. In manchen unerwarteten Reaktionen der Umwelt, in den Lebensumständen, aber die Heldin malt sich ständig das rosigste Bild. Ein bisschen Hubert Selby.
Ein Film kann das nicht vermitteln.
Er könnte, wenn er auch auf der subjektiven Ebene bleibt. Wenn die subjektive Sicht die objektive überwiegt. Ein Gaspar Noe zB kann das.
Manche Österreicher können auch die tristeste Ausgangslage spannend und sehenswert machen.
Aber als US Regisseur kann man das nicht verlangen. Precious ist Mainstream, und das ist das große "Verdienst". Lee Daniels malt die Tristesse in den rosigsten Bildern und Musik, selten hat man ein so gut fotografiertes Sozialdrama gesehen (Noe + Haneke ausgenommen).
Übel ist dagegen der Verzicht auf die Subjektivität. Ständig wird man in pädagogisch wertvoller Zeigefingermanier auf die Diskrepanz der hässlichen Heldin und ihrer Innensicht hingewiesen, ständig sieht man ihr Gesicht und ihren fetten Körper, bis es uns gegen Ende hin egal ist.
Die schlechte Holzhammer Methode, wie bei Winterberg od. Moodysson.

Beide sind schlechte Lehrerfilme, typisches europ. Zeigefinger Sozialdrama.
Precious ist dagegen ein interessanter, aber letztendlich gescheitertet Genrebastard, vermixt mit amerik. Feelgood Didaktik.

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Ekkehard Knörer

15.02.2010 um 11:40:42 Uhr

@precious-frage (das etwas seltsame kommentarsystesm hier lässt ausgerechnet die kommentare verschwinden, wenn man antworten will): ich habe precious noch nicht gesehen, habe aber genau das mit dem miserabilismusporno von verlässlichen gewährsleuten schon so oft gelesen, dass mich nichts danach drängt, dies zu tun.

@chaqui: und wie stehen wir so zu kommentatoren, die munter drauflosunterstellen und noch zu feige sind, ihren richtigen namen drunter- oder drüberzusetzen?

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Chaqui

15.02.2010 um 00:23:40 Uhr

Schlimmer sind da eigentlich nur von zu hohem Workload, Kritiker-Gruppenzwang und Zwangsnörgelose gebeutelte bildungs-bourgeoise Typen, die stolz darauf sind bourgeoise Regisseure (die immerhin noch in der elenden Wirklichkeit recherchieren) tief in die Scheiße zu tunken. Ist halt wunderbar einfach, liest sich total intelligent und man muss sich noch nichtmal groß mit dem Thema auseinandersetzen. Dieser Stolz ist noch deutlich widerlicher.

Ich würde doch allen Lesern dieser Seiten ans Herz legen, diesem Film unvoreingenommen eine Chance zu geben.

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Binding

14.02.2010 um 12:20:58 Uhr

Mich würde mal interessieren, ob und inwiefern der Film mit dem Oscar-Anwärter "Precious" vergleichbar ist, auf den die Einordnung als Miserabilismusporno größtenteils ebenfalls zutrifft.

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