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Aus dem Archiv
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Mord und Ratschlag
Ein bisschen ding
Die Krimikolumne. Von Michael Schweizer
11.06.2003. Die Krimikolumne. Heute: "Ich rede jetzt gar nicht großartig von der Liebe, weil natürlich Liebe geht mit Anwesenden grundsätzlich nicht, das versteht sich von selbst." Das Besondere an Wolf Haas' Krimi "Das ewige Leben" ist der Ton . Von Michael Schweizer
"Ja siehst du, das ist ihm jetzt auch wieder eingefallen. Von früher tausend Sachen eingefallen, erster Schultag, erstes Sparbuch, erste Zigarette, erste Jimi-Hendrix-Platte, erste Liebe, erster Vollrausch, erste Pistole, erste Uniform, erster Vollrausch in Uniform, erster Sex in Uniform, erste Handschellen, erste Leiche, weil erste Eindrücke einfach immer am lebendigsten."
So klingt "Das ewige Leben", der sechste Roman des 1960 geborenen Österreichers Wolf Haas um den Ex-Polizisten und mittlerweile wohl auch Ex-Detektiv Brenner. Dieser Ton, von lobenden Rezensenten geschickt nachgeahmt und doch nicht erreicht, ist Haas' Patent und das Besondere der Brenner-Bücher. Und nicht die Handlung, deren Versatzstücke der Krimileser längst kennt. Etwas US-amerikanische schwarze Serie und Chandler-Milieu: korrupte Polizei, rassistische Kleinbürger, ein mutiger, unreifer Held und Antiheld, eine Femme fatale, die alles durcheinander bringt. Die Macht der alten Geschichten: Brenner, über 50, kehrt nach Graz zurück, wo er 1973 mit drei anderen Polizeischülern eine Bank überfallen hatte. Einer ist dabei gestorben, die anderen sind nie erwischt worden, und der jetzige Polizeichef will besonders dringend, dass das so bleibt. Österreichische Staffage: eine selbst ernannte Sicherheitswacht, die die Stadt von Zigeunern und Drogenhändlern säubern will, eine Grazer Bar, über die auch andere Dichter schon geschrieben haben, die Landesnervenklinik Sigmund Freud. Und ein österreichischer Allzweckraunz, gemütliche Misanthropie Marke Bernhard, Doderer, Jelinek: "Ich rede jetzt gar nicht großartig von der Liebe, weil natürlich Liebe geht mit Anwesenden grundsätzlich nicht, das versteht sich von selbst."
Wer spricht da eigentlich? Wolf Haas hat wohl etwas erfunden, das man den immateriellen Du-Erzähler nennen könnte. Der redet den Leser mit "du" an, weiß wie ein allwissender Erzähler, was Brenner denkt, ist aber nicht Brenner und weiß andererseits vieles über Brenner, das der selbst nicht weiß. So steht er, weniger gesprächig, auch zu anderen Mitwirkenden; von wieder anderen schildert er nur das Sichtbare. Dieses Verhältnis von Wissen und Nichtwissen ist unmöglich, der Sprecher, sei er handelnde Figur oder verlässliche Instanz hinter den Kulissen, müsste entweder mehr wissen oder weniger. So wie es ist, stimmt es nicht. Der Erzähler stellt sich zwar am Schluss als Brenners Mitbewohner vor, aber das ist Unsinn oder Selbstpersiflage, dieser Mann könnte, was der Erzähler sagt, überwiegend gar nicht wissen. Eine Erklärung wäre, dass abwechselnd mehrere Erzähler aus unterschiedlichen Perspektiven das Wort führen, aber nein: eindeutig einer. Nur kann es ihn so nicht geben.
Natürlich macht Haas das mit Absicht. Ein Erzähler, der nicht existiert, muss nicht ordentlich berichten. Er kriegt Freispruch von der Logik und darf in aller Ruhe seine mäandernde Suada verbreiten. Virtuos launisch rückt er mit dem heraus, was ihm gerade passt. Er verhunzt die Grammatik - zum Beispiel mit den falschen "Weil"-Anschlüssen -, um das Wichtige zu betonen. Vor allem aber: Er ufert aus. Wenn er überhaupt greifbar wäre, stünde er an einer Theke, bestellte laufend nach und quatschte einen klaren Kopfes zu. Schnell hätte er gewonnen mit seinem versteckt psychoanalytischen, materialistischen, todesfaszinierten Gegrummel. So ein Dauersprecher braucht keinen Zuhörer, aber ein Gegenüber, deshalb das ständige "du". Auch der Plot ist sehr geschickt konstruiert, doch das können ähnlich auch andere Krimiautoren. Das Eigentümliche an dem Buch, mit dem es steht und fällt, ist sein Ton.
Klarer Fall: Es steht, und es ragt. Großes Kompliment. Nicht vielen Krimis merkt man so an, dass der Verfasser die Sprache liebt, und noch seltener wird sein Werben so üppig erhört. Man muss in einem fort laut lachen; blättert zurück und lacht noch mal. Man nickt sogar: Doch, so ist das Leben, ich leider auch. Hier schreibt ein weiser Mann, zum Glück mit Understatement. Dem geheimnisvollen Erzähler geht es wie vielen seiner wesentlich durchschaubareren Kollegen im Grunde um Anstand. Aber kein Pathos, keine Gratismoral, stattdessen Mut zur unerschrockenen Beratung. Ab wann zum Beispiel darf man einer Witwe den Hof machen? "Man kann vielleicht beim Leichenschmaus anfangen mit den ersten Komplimenten, man kann, wenn es sein muss, vielleicht während dem Begräbnis die Witwe ein bisschen fester stützen als unbedingt notwendig, dass man ihr, während die Totengräber den Sarg hinunterlassen, vielleicht den Arm ein bisschen um die Taille gleiten lässt, damit sie nicht zusammenklappt, man kann meinetwegen sogar, wenn viel Konkurrenz da ist, schon bei den Begräbnisvorbereitungen mit Rat und Tat zur Seite stehen, dass man, falls der Leichnam im Haus aufgebahrt ist, die Totenwache bis tief in die Nacht hinein hält. (...) Aber Sterbezimmer, wo noch immer eine gewisse Hoffnung besteht, das ist schon ein bisschen ding."
Wolf Haas: "Das ewige Leben". Roman. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2003, 222 Seiten, gebunden, 17,90 Euro (Bestellen)
Archiv: Mord und Ratschlag
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