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zuletzt aktualisiert 22.05.2012, 14.07 Uhr

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Im Kino

Magenschläge fürs allzu Kausale

Von Lukas Foerster, Ekkehard Knörer

06.04.2011. Einen Boxerfilm nach wahren Begebenheiten erzählt David O. Russell in "The Fighter" - und wuchert mit erstaunlichen Haupt- und Nebendarstellern sowie Haupt- und Nebenbegebenheiten. Ganz straight dagegen zieht Jason Statham seinen Job als Actionstar im Remake des Charles-Bronson-Films "The Mechanic" durch.

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Das Äquivalent einer rechten Geraden ist David O. Russells Boxerfilm "The Fighter" ganz sicher nicht. Da sind so viele Schläge, angetäuschte und echte, direkte und hinterlistig gesetzte, auf einmal. Was man erst gar nicht denkt, denn scheinbar harmlos geht?s los. Friedlich nebeneinander auf der Couch sitzen zunächst Dicky Eklund (Christian Bale) und sein Halbbruder Micky Ward (Mark Wahlberg). Dicky macht Grimassen und Faxen, als stünde er unter Strom: den Crack-Süchtigen, der er ist, sieht man ihm an. Micky ist ein Mann, den nichts so schnell aus der Ruhe bringt, ein Mann, der recht wenig spricht. Es gehören, da muss die Kamera nur kurz mal aufziehen, dazu: die Mutter der beiden, furchterregend, blond toupiert, knappe Röcke, Revolverschnauze - Melissa Leo, die in ihrer Rollenwahl nicht zimperlich ist. Ebenfalls sitzen im Rund, als Chor, farcenhaft, die sieben Schwestern mit sich türmendem Haar und finsterem Blick, meist mit der Mutter im Bunde. Einen Vater des einen oder anderen dieser neun Kinder gibt es auch. Der hat wenig zu melden.

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"The Fighter" kämpft sich, je länger er dauert, desto eher ins Genre des Boxerfilms, kommt aber nie richtig an. Micky Wards zweiter Frühling wird zu einer Art Zentrum dieser Geschichte, die den wirklichen Geschehnissen um die real existierenden Protagonisten mit mehr oder minder großer Treue folgt - und ausgerechnet vor den drei Kämpfen gegen Arturo Gatti (hier ein Youtube-Zusammenschnitt), für die Ward eigentlich berühmt ist, dann einfach Schluss macht. Als Nebendarsteller gewann Christian Bale seinen Oscar, jedoch ist der Film zu ziemlich gleichen Teilen die Geschichte des von ihm gespielten Dicky wie die von Mark Wahlbergs Micky. Dick nämlich war einst auch, in den Siebzigern (die Gegenwart des Films sind die neunziger Jahre) ein mittelprächtig erfolgreicher Boxer. Größter claim to fame: sein Kampf gegen Sugar Ray Leonard, den er verlor. Daran, ob Leonard, als er dabei zu Boden ging, nur stolperte oder doch von einem Englund-Schlag niedergestreckt wurde, hängt für Dickys Selbsteinschätzung viel.

Nicht nur um den einen Boxer und den anderen geht es jedoch, vor allem am Anfang. Dick Eklund nämlich war in den Achtzigern auch eine - über den Zweck der Angelegenheit im Unklaren seines Drogennebels gelassene - Hauptfigur in einer Doku des Senders HBO über Crack-Abhängige. Diese Doku hat David O. Russell teilweise reinszeniert, ebenso wie er auch bei den Boxkämpfen großen Wert auf die Anmutung einer authentischen Fernsehübertragung legt. Dick auf Crack, Micks Comeback (plus Liebesgeschichte mit der toughen Collegeabbrecherin Charlene), die schreckliche große Familie, die Doku, erst Brüder-Solidarität, dann Brüder-Zwist, dann Brüder-Versöhnung, der Knast, die Kämpfe, das Arbeitermilieu der Stadt Lowell in Massachusetts: verdammt viel packt Russell in diesen Film, verwendet auf jeden dieser Stränge und Züge viel Mühe, fügt sie druckvoll an- und gegeneinander; genauer sollte man vielleicht sagen: am überzeugendsten ist er gerade darin, wie dieses Nebeneinander überhaupt nicht eindeutig zueinander ins Verhältnis zu setzen scheint. Weder klar über noch unter, noch vor noch hinter: Mit Tempo und kurzentschlossenen Schnitten setzt es Magenschläge fürs allzu Kausale, verschwindet die straighte Erfolgsgeschichte zeitweise fast hinter Wendungen anderer Art, gehen Übertreibungen in allen Registern einfach durch.

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Bleibt die Frage: Ist ein Klischee dann weniger Klischee, wenn es rasant mit anderen Klischees konfrontiert wird? Vermutlich eher nicht. Aber es ist wohl doch immerhin so, dass ein Klischee, das mit kräftigem Strich ins Bild gesetzt wird, als solches weniger ins Gewicht fällt, wenn ein Film nicht darauf beharrt, auch noch Emotionen und Weisheiten und Realismusansprüche aus einem solchen Szenario zu melken. Da liegt viel Verdienst bei David O. Russell, dem das Löcken wider den Stachel zweite Natur scheint. Er ist kein Routinier und wenn er in der Mehr-oder-weniger-Auftragsarbeit "The Fighter" weit weniger ausdrücklich aus dem Rahmen fällt (oder springt) wie zuletzt - aber lange ist das schon wieder her - in "I Heart Huckabees", dann gelingt es ihm doch, einen ganz eigenen Wahnsinn in jedem Bild spüren zu lassen. Christian Bale agiert das in seinem geradezu unkontrollierbaren, durch die Erklärung seiner Drogensucht eher nur dem Schein nach zu bändigenden Gesichts- und Körpergefuchtel eindrücklich aus.

Noch die Boxkämpfe choreografiert, nein: dramaturgisiert Russell mit einer Ungeduld, die übertriebene identifikatorische Anteilnahme an Figur, Kampf, Geschichte wie absichtlich hintertreibt. "The Fighter" scheint ein Film, der jederzeit doppelt lesbar ist: als mit viel Milieu und Atmosphäre und Nebenaktionen angereicherter Genrefilm - oder als ständige unausdrückliche Parodie (im klassischen Sinn des "Nebengesangs") dessen, was er zugleich auch ist. Weil er sein eigenes irritierendes Anderssein nie ausstellt, ja, geradezu im Gegenteil immer nur weiter sich durch Imitationen - der Wirklichkeit, der HBO-Doku, der Box-TV-Übertragung - zu authentifizieren scheint, gelingt ihm das "Passing" als Genrefilm. Er ist das und ist es nicht. Auf diese verquere und fehlgeschriebene Weise steht das O. im Namen von David O. Russell dann eben tatsächlich auch und gerade in einem solchen Film für: Oteur.

Ekkehard Knörer

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Viele Filme dieser Art gibt es nicht mehr: Mittelbudgetierte, geradlinige Genrestreifen, Bewegungskino ohne Franchise-Überbau, getragen von einem vom Aussterben bedrohten Schauspielertyp: dem Actionstar. Die großen Actionstars der Achtziger und Neunziger haben sich in die Direct-to-DVD-Hölle verabschiedet (Steven Seagal, Dolph Lundgren, Wesley Snipes, Jean-Claude Van Damme); oder sie verfolgen politische respektive autorenfilmerische Ambitionen (Arnold Schwarzenegger, Sylvester Stallone). Übrig geblieben sind eine Handvoll Spätberufene: Nicholas Cage, Liam Neeson und Spätgeborene: Jason Statham, Dwayne Johnson, Vin Diesel.

Jason Statham ist die kompakte, ökonomische Präzisionsmaschine unter den Actionstars der Gegenwart. Bis hin zur schütteren Kurzhaarfrisur ist er das exakte Gegenstück zur exzessiven Körperlichkeit Schwarzeneggers oder Lundgrens, jede Bewegung, jedes Wort scheint einem naheliegenden Zweck direkt untergeordnet. Selbst die völlig durchgeknallten "Crank"-Filme des Regiegespanns Neveldine-Taylor nehmen ihren Ausgangspunkt bei der vorgängigen sachlichen Neutralität, fast schon: Eigenschaftslosigkeit Stathams: Wahnwitz und Irrationalität müssen von außen, als Droge, in diesen Körper injiziert werden und strahlen dann über 90 delirierende Minuten von ihm ab. "The Mechanic" besetzt Statham dagegen straight und naheliegend: als den perfektionistischen Auftragskiller Arthur Bishop, auf dessen Waffe "victory loves preparation" eingraviert ist.

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Eigentlich ist Arthur ein Einzelkämpfer, seine zwischenmenschlichen Kontakte beschränken sich aufs Geldverdienen und gekauften Sex, aber nachdem er einen alten Mitstreiter abservieren muss, nimmt er ausgerechnet dessen Sohn Steve McKenna (Ben Foster) als Lehrling bei sich auf. Foster erscheint schon rein körperlich als eine unfertige, unbehauene Version von Statham. Noch etwas schlaksig und ungelenk ist sein Steve, das Grinsen zu schief, die Frisur ungeordnet, die White-Trash-Herkunft unleugbar. Die Frage ist dann, ob Arthur diesen Steve sich selbst soweit gleichmachen kann, dass der erkennt, dass Rache ein schlechtes Geschäftsmodell ist.

Der Film ist das Remake eines gleichnamigen Charles-Bronson-Vehikels aus den siebziger Jahren (deutscher Titel damals: "Kalter Hauch", Regie: Michael Winner). Narrativ betrachtet hebt sich die neue Version von dem älteren Film nur in einer etwas überflüssigen Schlusspointe ab. Ansonsten beschränkt sich Regisseur Simon West darauf, die Vorlage eins zu eins in den Zeitgeist der Gegenwart zu übersetzen - was schon damit beginnt, dass sein erster Auftrag den Helden nicht mehr in ein heruntergekommenes Downtown-Appartment, sondern in eine schicke Villa mit Swimming Pool führt. Auf der Strecke geblieben ist auch die etwas fadenscheinige existentialistische Note des Originals, in dem Bronson rotweintrinkend und klassikhörend ausführlich über den Sinn und Zweck seines Daseins reflektieren durfte. Übrig geblieben ist davon lediglich, als stets nur kurz durchscheinende Rückseite der Nüchternheit Stathams, ein leise melancholisches Pathos, das an einer Stelle auf die absurde Formel "you're homesick for a place you've never been" gebracht wird. Deutlich konzentrierter als Winner entwickelt West den Plot entlang ausgedehnter, abwechslungsreich gestalteter und zunehmend intensiverer Actionsetpieces, in denen Arthur und Steve für einen immer weniger anonymen Auftraggeber eine Reihe von Männern erledigen, die ihre Beseitigung praktischerweise auch stets durch moralische Verkommenheit rechtfertigen.

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Originell ist an "The Mechanic" überhaupt nichts, aber seiner gut ausgearbeiteten Eskalationslogik ihre Konventionalität vorzuwerfen, führt nicht weit. "The Mechanic" ist ein kleiner, völlig unprätentiöser Film, in dem man sich äußerst wohlfühlen kann, wenn man seine Voraussetzungen akzeptiert. West, Ende der Neunziger mit Filmen wie "Con Air" und "Lara Croft: Tomb Raider" eine große Nummer im Mainstreamkino, zuletzt allerdings vorwiegend im Fernsehen aktiv, ist weit davon entfernt, ein auteur, oder auch nur irgendwie ästhetisch eigensinnig zu sein. "The Mechanic" ist in technischer Hinsicht ganz und gar ein Kind seiner Zeit, schnell geschnitten, hektisch-popmusikalisch instrumentiert und außerdem ein Musterbeispiel für das blaugrün-orangelastige color-grading, das die Hollywood-Bildproduktion spätestens seit "Transformers" fest im Griff hat. Freilich ist blaugrün-orange so hässlich nun auch wieder nicht und im Grunde nicht viel aufdringlicher als die schummrig-warmen Farbschemata der Siebziger, in denen das Original schwelgt - oder, nur zum Beispiel, als das Chiaroscuro des film noir. Die Thrills des B-Films haben derartige Dekorwechsel schon mehrere Male überlebt und sie werden aller Wahrscheinlichkeit nach auch noch zukünftige überleben.

Lukas Foerster

The Fighter. USA 2010 - Regie: David O. Russell - Darsteller: Mark Wahlberg, Christian Bale, Amy Adams, Melissa Leo, Jack McGee, Dendrie Taylor, Melissa McMeekin, Bianca Hunter, Erica McDermott, Jill Quigg, Kate B. O'Brien, Jenna Lamia

The Mechanic. A 2011 - Regie: Simon West - Darsteller: Jason Statham, Ben Foster, Donald Sutherland, Tony Goldwyn, Mini Anden, Christa Campbell, Nick Jones, Katarzyna Wolejnio, Jeff Chase, Beau Brasso



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