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Im Kino
Dokumentarisch fabuliert
Von Lukas Foerster, Ekkehard Knörer
02.06.2010. Eine faszinierende Verschränkung von Dokumentarischem und Fiktion gelingt dem portugiesischen Regisseur Miguel Gomes in seinem Film "Our Beloved Month of August". Wie man einen Dokumentarfilm mit spannendem Sujet zugrunderichtet, führt dagegen Rick Minnich mit seiner innerfamiliären Spurensuche "Forgetting Dad" vor.

Ein weinendes Gesicht in Großaufnahme. Ein reines Affektbild, aber ein instabiles, denn das Weinen schlägt, erst unmerklich, dann unübersehbar, in Lachen um, die Tränen rollen weiter, sie bekommen jedoch eine andere Bedeutung. Am Ende der Einstellung lacht das Mädchen, dem das Gesicht gehört, lauthals. Und dann ist das Gesicht nicht mehr das eines verzweifelten Mädchens, das gerade von ihrer ersten großen Liebe getrennt wurde, sondern das eines Mädchens, das diese Enttäuschung nur gespielt hat - beziehungsweise gerade aufhört, sie zu spielen. Der Film kippt in dieser Einstellung - einer der letzten des Films - von der Fiktion ins Dokumentarische. Nicht zum ersten Mal wechselt "Our Beloved Month of August" auf diese Weise das Register.
Die gesamte erste Hälfte des Films gehorcht einem dokumentarischen Idiom. Zumindest auf den ersten Blick: Interviewpassagen, Aufnahmen von Volksfesten und von Menschen bei der Arbeit, beobachtende Bewegungen durch den Raum. Es gibt freilich schon hier eine Fiktionalisierung zweiter Ordnung, in den oft wirren und sonderbaren Geschichten, die die portugiesischen Bauern, Landarbeiter und Handwerker in die Kamera erzählen. Irgendwann schleicht sich dann eine Spielhandlung in den Film. Zuerst sind da nur einige junge Menschen, die sich am Stausee lümmeln und über ihre Ferienpläne sprechen und eine Weile bleibt unklar, was der Film mit ihnen anfangen möchte, ob sie nicht nur die logische Fortführung der rabiaten Abenteuergeschichten aus den Interviews sind. Doch bald hat sich nicht nur der Inhalt der Bilder verändert, sondern auch das Verhältnis von Bild und Sujet. Die Kamera rückt nahe heran an die jungen Gesichter, um die herum sich ein locker gesponnenes Teenie-Melodram entwickelt.
Filme, die zwischen dem Dokumentarischen und dem Fiktionalen pendeln, gibt es viele. Dass dieses Wechselspiel hier auf ganz eigenartige und unverwechselbare Art und Weise gelingt, dass Fiktion und Dokument sich gleichzeitig ineinander falten und doch selbst noch da, wo sie, wie im eingangs erwähnten Gesicht, in einer Einstellung gemeinsam auftauchen, strikt voneinander getrennt bleiben, hat nicht zuletzt mit dem komplizierten Entstehungsprozess des Films zu tun.

"Our Beloved Month of August" wurde in zwei Anläufen fertig gestellt. Bei seinem Versuch, ein "musikalisches Melodrama", sein zweites Feature nach einigen wunderbar durchgeknallten Kurz- und einem nicht ganz so wunderbar durchgeknallten Langfilm (der Märchengroteske "The Face You Deserve", 2004, die aber auch ihre Fürsprecher hat), in der portugiesischen Provinz zu drehen, wurde dem jungen portugiesischen Regisseur noch während der Recherche rabiat der Geldhahn zugedreht. Trotzdem war diese Recherche entscheidend für das, was "Our Beloved Month of August" schließlich geworden ist: Ein ästhetischer Befreiungsschlag für einen Regisseur, der sich in seinen eigenen intertextuellen Verweissystemen zu verfangen drohte. Recherche hieß für Gomes: sich treiben lassen von den Bewegungen der Welt, in die er sich versetzt hat, von Gespräch zu Gespräch, von Ort zu Ort, von Geschichte zu Geschichte. Gelegentlich taucht er selber auf in seinem Film, mal hat er ein dickes Filmscript in der Hand, mit dem niemand mehr etwas anzufangen weiß, mal wird er von zwei Mädchen angesprochen, die sich für zwei Rollen im Film bewerben, aber zu einem ungünstigen Zeitpunkt auftauchen.
Aber das ist nur die eine Hälfte des Films. Als Gomes ein Jahr später doch eine Möglichkeit fand, sein Projekt zu realisieren, ließ er eben dieses Recherchematerial in den fiktionalen Filmstoff kollabieren. Und so taucht auf die eine oder andere, immer jedoch auf eine verschobene, verschrobene Weise vieles, wenn nicht im Grunde sogar alles, was Miguel Gomes im ersten Filmabschnitt aufindig gemacht hat, im zweiten fiktional gewendet wieder auf: Geheimnisvolle Schattenspiele auf Bäumen, Nägel, die in einen Holzklotz gehämmert werden, zwei andere Nägel, die in eine Brücke geschlagen wurden, die Brücke selbst (die mindestens einmal ganz wörtlich zur Brücke zwischen Dokument und Fiktion wird), flutendes Licht von Autoscheinwerfern, eine Gruppe von Motorradfahrern auf dem Weg zu einem Musikfestival, die Feuerwehr. Aber auch zum Beispiel die latente, provinzielle Fremdenfeindlichkeit, die im Film immer wieder aufscheint, die aber nie auf einzelne, isolierte Personen projiziert und dadurch beherrscht wird und die als verhalten aggressive Untergrundstimmung hinter den schwebenden, freien Bildern dafür sorgt, dass der Film nie ins reaktionär-folkloristische abgleitet.
Im dokumentarischen Bild wird fabuliert, im fiktionalen bleiben präfiktionale Rückstände. Dann gibt es in dieser Wundertüte von einem Film noch Sachen, die in keinem der beiden aufgehen. Zum Beispiel Musik, die das Mikrophon hört, aber das menschliche Ohr nicht. Oder umgekehrt. Die Klammer, die die beiden Teile des Films mehr als alles andere zusammen hält, ist tatsächlich die Musik. Allgegenwärtig in "Our Beloved Month of August" sind portugiesische Schlager. Auch der Filmtitel ist einem entlehnt. Im Singen, das ja schon immer Performanz ist, kümmert die Unterschiedung zwischen Fiktion und Dokument gleich gar nicht mehr.
Lukas Foerster
***

Rick Minnich ist ein amerikanischer Regisseur (Webseite) und er hat an der Potsdamer Hochschule für Film und Fernsehen studiert. Seinen Dokumentarfilmen merkte man die Distanz, die zwischen dem amerikanischen Westen - er kommt aus Kalifornien - und dem deutschen Osten liegt, bislang oft in erfreulicher Weise an. Für seinen sehr sehenswerten Abschlussfilm "Good Guys and Bad Guys" von 1997 ist er mit der Kamera zum Zehn-Jahres-Jubiläum seiner High School gefahren und hält ohne falsche Freundlichkeit ein Herkunftsmilieu fest, mit dem ihn nicht mehr sehr viel verbindet (und vielleicht auch niemals verband - schließlich zieht einer nicht einfach so ans andre Ende der westlichen Welt). So kritisch wie aufmerksam ist sein Blick auf den bibelkonservativen Entertainmentort Branson, Missouri im 2001 entstandenen "Heaven on Earth". Beide Filme zeugten von genauer Kenntnis des Gegenstands und schreckten zwar nicht vor klaren Haltungen, aber vor simplen Manipulationen zurück. Mit einem Wort: Ich habe mich auf Minnichs jüngsten Film "Forgetting Dad" wirklich gefreut.
Zumal die Prämisse nicht weniger interessant ist als der Titel. Der Vater, dessen Vergessen darin suggeriert wird, ist zunächst eher das Subjekt als das Objekt eines Vergessens. Nach einem eigentlich harmlosen Autonfall nämlich erleidet Richard Minnich, der von der Mutter des Regisseurs getrennt und mit einer neuen Frau zusammenlebende Vater, eine fast totale Amnesie. Er weiß nicht mehr, wer er ist, wer die Menschen, auch seine Nächsten, um ihn herum sind. Auch sein Charakter ist nicht mehr derselbe: Aus dem erwachsenen Mann wird ein Kind. Anders als die Ärzte zunächst glauben, kehren weder sein Gedächtnis noch seine Identität im Lauf der Zeit wieder zurück. Der Vater, zu dem der Kontakt des Sohns allerdings stets eher lose war, wird für die, die ihn kannten, zum Fremden.
Der Film forscht diesem einschneidenden Ereignis nach. Er befragt die engere und die erweiterte Familie: die Mutter; die neue Frau, die sich vom Vater dann auch wieder trennt; Stiefgeschwister und Anverwandte; den offen feindseligen Stiefsohn. Er geht dem Unfall selbst nach und stößt dann auch auf die ärztliche Diagnose, die nicht auf ein körperliches, sondern eine psychisches Trauma erkennt. Man sieht alte Super-8-Filmaufnahmen, man sieht den Vater vor und nach dem Vorfall, der aus ihm einen anderen machte. Am Ende von "Forgetting Dad" steht ein Besuch des Regisseurs und seines Stiefbruders beim Vater, der mit einer neuen Frau in ein Kaff am Ende der Welt gezogen und schrecklich gealtert ist. Erzählt jedenfalls Minnich, denn eine Aufnahme hat der Vater nicht genehmigt. Allerdings sind längst Zweifel im Spiel. Vielleicht hat der Vater den Gedächtnisverlust nur vorgespielt, um sich so der Verantwortung für ein berufliches und privates Desaster zu entziehen? Nicht wenige in seinem Umfeld halten das für wahrscheinlich, jedenfalls möglich. 
Kurzum: eine spannende Geschichte. Aber leider ein völlig unerträglicher Film. Nicht zuletzt deshalb, weil Minnich (mit Koregisseur Matt Sweetwood) bei jeder sich bietenden und auch jeder sich eigentlich nicht bietenden Gelegenheit sensationalistisch auf die Tube drückt: kriminalistisch in der beruflichen Geschichte des Vaters rumraunt; unnötig minutenlang auf die Folter spannt, statt zu sagen, was er längst weiß; Blödsinn daherschwafelt vom möglichen posttraumatischen Direktkanal des Vaterhirns zu metaphysischen Tiefenebenen. Wirklich allerschlimmste boulevardjournalistische Anwandlungen.
Das Ärgste jedoch: die Musik. Das bedeutelt und atmosphärt und drönt und dräut so massiv, dass man sich zwischendurch ernsthaft fragt, ob da aus Versehen ein völlig unpassender Schwerstsoundtrack zu den Bildern gemixt wurde. Je dämlicher aber sich der selbst immer wieder als Investigator ins Bild gerückte Rick Minnich falsche Spannungen daherinsinuiert, desto klarer wird: hier steckt eine Intention. Wäre es nicht eine etwas blöde Pointe, würde ich sagen, ich erkennte den Regisseur der zwei mir bekannten Vorgängerfilme hier schlicht nicht wieder. "Forgetting Dad" bringt das Kunststück fertig, seinem faszinierenden Sujet zum Trotz eine Qual zu werden für jeden halbwegs intelligenten Betrachter.
Ekkehard Knörer
Our Beloved Month of August. Portugal 2008 - Regie und Buch: Miguel Gomes - Originaltitel: Aquele querido mes de Agosto. Darsteller: Sonia Bandeira, Fabio Oliveira, Joaquim Carvalho, Andreia Santos, Armando Nunes, Manuel Soares, Emmanuelle Fevre, Diogo Encarnacao
Forgetting Dad. Deutschland 2008 - Regie und Buch: Rick Minnich, Matt Sweetwood - Darsteller: (Mitwirkende) Rick Minnich, Loretta Minnich, Lora Young, Justin Minnich, Pam Shields, Jan Emamian, Payman Emamian, Anne Minnich
Archiv: Im Kino
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