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Im Kino
Mehr Vergeltung als Erlösung
Von Lukas Foerster, Ekkehard Knörer
31.03.2010. In Jessica Hausners Film "Lourdes" produziert eine Wunderheilung nichts als Unsicherheit. In Antoine Fuquas "Gesetz der Straße - Brooklyn's Finest" porträtieren Ethan Hawke, Richard Gere und Don Cheadle drei ziemlich derangierte Gesetzeshüter.

Der neue Film der österreichischen Regisseurin Jessica Hausner eröffnet mit den ersten Bildern - ein Speisesaal, Pilger darin - einen Ambivalenzraum: "Lourdes". Weil der Film diesen Ambivalenzraum Wallfahrtsort von Anfang bis Ende nicht verlassen wird, ist dies die Eröffnung einer in sich geschlossenen Welt. Weil er diesen Ambivalenzraum aber auch nicht vereindeutigen wird, wird "Lourdes" zum Porträt einer Hoffnungsgemeinschaft, die man mit sehr gemischten Gefühlen betrachtet. Eher am Rand als mitten in dieser Welt sitzt Christine (Sylvie Testud). Sie sitzt, sie liegt, sie rollt. Gehen nämlich kann sie nicht. Schwer ist sie an Multipler Sklerose erkrankt, malader fast als alle in der Malteserkreuz-Pilgergruppe, mit der sie die Pilgerreise unternimmt. Christine ist nicht gläubig, sie sucht nicht Heilung in "Lourdes", sondern die Möglichkeit, auf dieser streng durchorganisierten Reise der Immobilität ihres Alltags zu entkommen. Sie wallfahrtet nicht, sondern macht an diesem dafür nur bedingt geeigneten Ort Urlaub. Über ihren Alltag wie überhaupt über das Leben außerhalb der Lourdes-Situation erfährt man mit voller Absicht sehr wenig in diesem Film.
Christine sieht nicht glücklich aus. Sie spricht nicht viel, mit ihren Mitreisenden, die sich gern das Maul über dies und das und dann auch über Christine zerreißen, verbindet sie eher wenig. Nicht der Glaube, nicht die Liebe, nicht die Hoffnung. Regisseurin Jessica Hausner beobachtet: Christine und die anderen, darunter auch eine einsame alte Frau, mit der Christine das Zimmer teilt; einen Begleiter, der ein Auge auf Christine wirft; und Cecile (Elina Löwensohn), die Leiterin der Pilgergruppe, mit streng gescheiteltem Haar, in der Malteserkreuzuniform: ein bleiches, zur Lösung aufgegebenes Rätsel. Dieses Rätsel Cecile wird, in einem gewissen Sinn, in einem schockartigen Moment, sozusagen gelöst. Eine Antwort auf die großen Fragen gibt der Film damit aber nicht. So wenig wie er sich in Gesprächen zwischen Gläubigen und Skeptikern auf die eine oder die andere Seite schlägt. Genau werden die Rituale von Lourdes ins Bild gesetzt, detailliert werden Fragen zur Gültigkeit von Wundern, zur Möglichkeit, ein solches Wunder verdienen oder es annehmen zu können, verfolgt. Nur spricht der Film niemals ein Machtwort, selbst am Ende nicht, das auf Ironie mit Gesang und völlige Unklarheit darüber, was Gott (oder das Schicksal oder der Zufall) da mit Christine treibt, hinausläuft. 
Kein Machtwort, keine Auflösung der Ambivalenz, kein Verlassen des Rahmens, innerhalb dessen Bild für Bild (bei allem Spott, aller Skepsis) rein immanent immer nur auf sich selbst, auf den Trubel von Lourdes, auf das Waschen mit Wassern scheinbarer Unschuld verweisen. In Tableaus hält und stellt Kameramann Martin Gschlacht diese kleine Welt still. Arrangiert werden diese Tableaus als Andachtsbilder, aber ohne verlässlichen Verweis auf Transzendenz. Ja, vielleicht ist der Film in erster Linie dies: die Antwort auf die Frage, wie das eigentlich aussehen kann, ein Andachtsbild ohne Transzendenz. So! So wie "Lourdes". Eine Jungfrauenstatue im Bildhintergrund, davor Gewusel, Geschiebe, Gerede. Wenn die Kamera sich bewegt, d.h. meist nur: zoomt, dann wird sie nicht narrativ, sondern verschiebt nur den Rahmen für ein neues Tableau, also ein etwas verändertes Arrangement von Raum, Figur, Vorder- und Hintergrund. Oft sehen die Bilder, mit der digitalen RED-Kamera aufgenommen, wunderbar aus, und umso wunderbarer (und wunderferner), als der Rahmen, der das Bild stillstellt, sozusagen immer mit ins Bild hineingefasst ist.
Man kann die Frage natürlich stellen, wozu das gut sein soll: ein Andachtsbild ohne Transzendenz. Ein Film, der Gläubigen wie Ungläubigen keinen festen Boden bietet, sondern stattdessen nur: eine Wunderheilung, die nichts als Unsicherheit produziert, bösartige Kleinbürgerinnen in Wiener Tradition, eine Heldin ohne und wider Willen, ein Arrangement, das große Fragen banalisiert, stillstellt, rahmt und selbst eher maulfaul ambivalent lässt. "Lourdes" praktiziert eine wenig grandiose Form von Antwortverzicht. Tut das aber auf immer wieder sehr komische Weise. Ist wild entschlossen zu dem, was er tut. Vielleicht liegt darin die Verwechslung für all jene, die den Filme eher fad finden: Er will seine Fadheit. (Aber grad weil er fad ist, wahrt er seine aufregende Ambivalenz.) Er will keine großen Gesten, keine großen Thesen. (Er macht es dem Zuschauer viel weniger leicht als die oft nur pseudoambivalenten Filme von Michael Haneke, als dessen Epigonin Jessica Hausner gern abgetan wird.) Er verwischt seine Spuren. Gerade darum stellen sich seine Bilder so überzeugend vor Augen.
Ekkehard Knörer
***
Spätestens seitdem Detective Vic Mackey, der in moralischer Hinsicht äußerst ambivalent ausgestaltete Held der Fernsehserie "The Shield", gleich in der ersten Folge einen Kollegen abknallte, darf man amerikanischen Film- und Fernsehpolizisten schlichtweg alles zutrauen. Wenn in Antoine Fuquas "Brooklyn's Finest" ein Gesetzeshüter gleich in der ersten Szene eine ähnliche Hinrichtung vornimmt, dann werden da keine Tabus mehr gebrochen. Eher fühlt es sich an wie eine Pflichtübung, die man möglichst schnell hinter sich bringen will.
Antoine Fuqua, einer der immer noch sehr wenigen schwarzen Regisseure, die in Hollywood kontinuierlich Beschäftigung finden, kehrt, nach einigen, teilweise äußerst sehenswerten Großproduktionen (hervorheben darf man insbesondere den tollen Vorgänger "Shooter", in dem Mark Wahlberg eine Weltverschwörung aushebelt, indem er die nichtsahnenden Verschwörer in deren Wohnzimmer vor dem Kamin abknallt) mit etwas niedrigerem Budget zum Sujet seines Durchbruchsfilms "Training Day" zurück. Harte Typen, harte Sprüche, Polizisten und ihre Berufsethik, multiethnische Großstadtrealitäten.
Fuquas neuer Film lässt drei Episoden bis kurz vor Schluss parallel nebeneinander her laufen und führt sie an neuralgischen Punkten in langen Parallelmontagen eng. Schon in "Training Day" mit von der Partie war Ethan Hawke. Im neuen Film gibt er einen von drei ziemlich derangierten Gesetzeshütern. Vielleicht den derangiertesten von allen, zumindest hat man schon länger keinen Polizisten mehr derart ungewaschen und frei von jeder Selbstbeherrschung durch New York torkeln sehen wie seinen Sal, der ein neues Haus für seine Frau und seine (zu vielen) Kinder mit unterschlagenem Drogengeld zu finanzieren sucht. Richard Geres Eddie, der eine Woche vor seiner Pensionierung steht, geht es zwar nicht besser (Alkoholismus, suizidal, einziger sozialer Kontakt eine Prostituierte), aber Gere bleibt halt Gere: den American Gigolo wird dieses ewig weich-melancholische Gesicht auch im fortgeschrittenen Alter nicht los. 
Der dritte Cop (Don Cheadle) nennt sich Tango, arbeitet seit Jahren undercover und soll jetzt, da er endlich wieder Aussicht auf einen ruhigen Schreibtischjob hat, seinen Kumpel Caz (Wesley Snipes, nach Jahren endlich wieder im Kino) ans Messer liefern. Diese dritte Episode ist aufwändiger ausgearbeitet als die beiden doch etwas allzu routinierten anderen beiden, bleibt aber dennoch in vieler Hinsicht unterbestimmt, in ihr steckt das Potential für einen noch einmal deutlich interessanteren Film als den, der "Brooklyn's Finest" schließlich geworden ist.
Dabei ist das hier durchaus solides Handwerk. Fuqua schreckt im Laufe der gut zwei Stunden zwar weder vor großen Gesten zurück, die die Figuren nicht immer verdient haben, noch vor den im Genre natürlich an allen Ecken und Enden lauernden Klischees. Aber es gelingt ihm doch, in den Klischees, mit den Klischees und durch die Klischees hindurch einen atmosphärisch dichten Film zu konstruieren, der um Längen überzeugender ist als vergleichbare jüngere Polizeifilme wie "Street Kings" oder "Das Gesetz der Ehre". "Brooklyn's Finest" ist schnell, aber nicht hektisch, hart, aber nicht zynisch, düster, aber frei von Ghettoromantik. Und der Film hat durchaus einen Begriff davon, wer normalerweise am falschen und wer am richtigen Ende der Waffe landet. Paranoid sind nur die Figuren, nicht der Film selbst. Am Ende, wenn sich die Handlungsstränge ein wenig gegenseitig in die Quere kommen, fließt jede Menge Blut und es setzt deutlich mehr Vergeltung als Erlösung.
Lukas Foerster
Lourdes. Regie: Jessica Hausner - Darsteller: Sylvie Testud, Lea Seydoux, Gilette Barbier, Gerhard Liebmann, Bruno Todeschini - Österreich / Frankreich / Deutschland 2009 - Länge: 99 Minuten
Gesetz der Straße - Brooklyn's Finest. Regie: Antoine Fuqua - Darsteller: Richard Gere, Ethan Hawke, Don Cheadle, Wesley Snipes, Lili Taylor, Ellen Barkin u.a. - USA 2009 - Länge: 132 Minuten
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