Perlentaucher - Das Kulturmagazin

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zuletzt aktualisiert 12.02.2012, 21.04 Uhr

Bücherschau der Woche

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Im Kino

Virtuoser Hermeneut

Von Thomas Groh, Ekkehard Knörer

09.03.2010. Sacha Gervasis Dokumentarfilm über die kanadische Metalband "Anvil" knallt wie Dosenbier, auch wenn das Personal schon über 50 ist. Jacques Audiards "Ein Prophet" will eine Subjektwerdung zeigen und tut das Gegenteil.

Zwei Seelen wohnen, ach, in seiner Brust: Auf der Bühne ist er "Lips", der in bizarrer Ledermontur mit dem Dildo seinen Gitarrenhals malträtiert und zu pumpendem Metal obszöne Texte ins Mikro bellt - eine hysterisch überdrehte Figur wie aus einem Underground-Comicstrip. Dabei lacht er schalkhaft genug, dass man nicht weiß, wie ernst dieser genau abgesteckte Grenzübertritt nun wirklich gemeint ist. Und dann ist er Steve Kudlow, der im schmierig unseriösen Callcenter seine liebe Mühe damit hat, den Menschen am anderen Ende der Leitung mit zweifelhaften Methoden überteuerte Nippesbrillen ("genau wie die von Keanu Reeves in Matrix!") anzudrehen. Während ringsherum zynische Egal-Jobber einen Verkauf nach dem nächsten feiern, schneidet die Kamera in die Großaufnahme seines Gesichts, mitten in unbeholfenes Unbehagen. "Ich wurde erzogen, immer höflich zu sein", kommentiert er mit zitternder Stimme seinen Misserfolg, "und hier verlangen sie das glatte Gegenteil." Der Metaller in der Callcenter-Arena, ratlos.

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Der kurze Ausflug in die dubiose Callcenter-Welt hat einen handfesten Grund: "Anvil", Kudlows Metalband, will es noch einmal wissen. 13.000 Pfund sind nötig, um gemeinsam mit dem britischen Kultproduzenten Chris Tsangarides das 13. Album einzuspielen, das erste nach vielen mageren Jahren, das endlich wieder fett produziert, bei dem von Anfang an alles alles richtig gemacht sein soll. Zuviel Geld für Kudlow, der in seiner kanadischen Heimat als Fahrer für eine wohltätige Organisation gerade über die Runden kommt, und seinen Drummer und Freund seit Kindertagen, Robb Reiner.

Beide sind über 50 und spielen seit über 30 Jahren in ihrer Band, die im Metal-Boom der frühen 80er einen kurzen Moment lang vor dem ganz großen Durchbruch stand. Das große Geld machten dann andere - Weggenossen zum einen, bezeichnenderweise aber auch gerade bekennende "Anvil"-Fans mit allerdings besseren Frisuren, besser sitzenden Klamotten und nicht ganz so frivolem, über die Axt gebrochenen Trash auf der Bühne. Man muss nur Kudlow, eine Art verquollener, langhaariger Fred Feuerstein, und Jon Bon Jovi nebeneinander stellen, um sich ausmalen zu können, woran das mitunter auch gelegen haben mag. Die Musik von "Anvil" (Amboss) tut das übrige: Erfrischend plump draufgehauen, atemlos durchgebrettert, nicht direkt filigran im dramaturgischen Aufbau, aber auf schöne Weise primitivistisch: Knallt wie Dosenbier, die Sau ist raus - nur Märkte erobert man damit nicht. Von "Bon Jovi" und anderen Fossilien des "Hair Metal" der 80er redet indes kein Mensch mehr, "Anvil" hingegen erfreuen sich einer (wenngleich wechselhaft treuen) Kultanhängerschaft.

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Eine solch herzige Geschichte vom ewigen, zwischen Shitjob und Hypothekzahlungen im Leben gestrandeten Underdog, der gegen alle Wetten seinen Rock'n'Roll-Traum lebt, schreit nach einer Doku - und Sacha Gervasi, Fan seit den frühen 80ern, beliefert prompt die Erwartungen: Harte Kontraste zwischen den euphorischen historischen Aufnahmen (eine Tour durch ausverkaufte japanische Stadien), begeisterten Blurbs von großen und größeren Namen der Metalzunft und Alltagsimpressionen aus dem heutigen Toronto (auch Metal-Familienväter schippen Schnee), teils schmerzhaft anzusehende Versuche, an das alte Format anzuschließen (eine desaströse Tour durch Europa 2006) und schließlich, nach mehreren Streits und begleitet von mehr als skeptischen Kommentaren der nächsten Verwandten, der Traum von der einen großen LP, die es am Ende nochmal richtig reißen wird. Dass die Granden des Musikbiz die Scheibe höflich, aber bestimmt ablehnen, gehört dabei fast schon zu den Versatzstücken einer solchen Geschichte und bildet den nötigen Kontrast fürs große Finale: "Anvil", neuerlich in Japan, in zum Bersten gefüllter Halle, Stimmung am Siedepunkt, glücklich gelöste Gesichter auf und vor der Bühne.

Gervasi erzählt ein Rockmärchen mit gutem Ausgang, ein auf dem Weg dahin allerdings nicht nur geschöntes. Leicht hätte man den Stoff im Underdog-Kitsch ersäufen können - und natürlich geschieht das zuweilen auch -, doch gibt es Kontraste: Dass die Band ihrem Kultstatus zum Trotz nie richtig durchstarten konnte, wird nach dem Film, bei aller Ehrerweisung, auch abseits üblicher Erklärungsmuster ein wenig verständlicher. Auch bei Streitigkeiten - untereinander, aber auch sehr handgreiflich mit Promotern, die die Gage nicht rausrücken wollen - blendet die Kamera nicht ab. Einfach nur ein Film über zwei Jungs, die mit Gitarren die Welt erobern, ist "The Story of Anvil" deshalb nicht: Eher passt er von seiner Mentalität her gut in unsere heutige Zeit zwischen Wirtschaftskrise und Internetboheme: Auf der Bühne spielen "Anvil" um und für ihr Leben - prekarisiert bis an den Rand und für oft kein Geld, aber wenigstens nicht entfremdet.

Thomas Groh

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Malik ist, wenn er den Film und am Anfang des Films das Gefängnis betritt, ein unbeschriebenes Blatt. Unbeschrieben und Analphabet und doch auf dem Weg zu werden, was ihm und uns der Titel verspricht: "ein Prophet". Er ist der Held dieses Films, als Blatt, das beschrieben wird, als Assistenzfigur für uns, die Betrachter, die wir von dem Ort, an den er gerät, allermeist nichts wissen außer das, was wir gesehen haben in den Gefängnis- und Mafiafilmen, die wir so kennen. Mit seinen Augen sehen, mit seinen Sinnen erfahren wir für die Dauer des Films (und er ist lang) den sozialen Raum, der Gefängnis heißt. Das geht so weit, dass wir nicht nur die Realität mit ihm teilen, sondern auch die Fantasie. Er tötet einen Mann und wird von diesem verfolgt. Wieder und wieder ist der tote Mann auch für uns leibhaftig im Bild.

Damit, dass er uns zeigt, was nicht wirklich ist, verlässt der Film das sozialrealistische Register. Er führt ein Inneres außen vor, als eingebildete Realität. Diese Grenzüberschreitung ist charakteristisch für "Ein Prophet" im ganzen. Sie ist ein großes Problem dieses Films, der sich wieder und wieder den Anschein einer Geschichte aus dem wirklichen Leben zu geben sucht und versteht. Er sieht aufs Detail; mehr noch: er betont, dass er aufs Detail sieht. Die geflüsterten Worte, die Gesten, die konspirativen Blicke, der Hof, die Zellen, die Gänge, das Gefängnis als hoch kodierter Raum. Durchzogen von Grenzen und Machtzonen, die ein unbeschriebenes Blatt erst am eigenen Leib und an der eigenen Seele zu erkennen lernt. Die Verhältnisse, in die er geraten ist, schreiben mit Blut, bevor er selbst gegen sie mit Tinte anzuschreiben lernt. Insofern erzählt der Film einen Bildungsroman. Malik, der ein Nobody ist, wird lernend und lernend ein Jemand. (Er lernt lesen, er lernt die Zeichen zu deuten, er lernt die Korsen zu verstehen, er lernt, Leute zu manipulieren.) Er wird von der Assistenzfigur für unseren Blick zum Helden, der mit großem Geschick zwischen den Fronten zu manövrieren versteht. Mit Wohlgefallen sehen wir auf ihn, der von der mordenden Unschuld zum mächtigen Monster wird.

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Aber wird er auch zum Subjekt? Der Struktur nach ist er eher ein Virus. Ein Virus mit Intelligenz und Einbildungskraft. Eingeschleust in eine fremde Welt, der er sich anzupassen, in der er sich zu behaupten, die er zu manipulieren lernt. Die Umwelt, in die er gerät, das Habitat für das unbeschriebene, beschreibende, sich selbst beschreibende Blatt, ist klar strukturiert, für den, der zu sehen gelernt hat: Malik ist Araber und er entarabisiert sich, zum Schein. Die Macht haben die Korsen. Der Oberkorse heißt Cesar Luciani. Er ist der Mafiaboss aus dem Bilderbuch, brutaler Übervater, der Vergünstigungen gewährt und entzieht. Sein Vertrauen gewinnt unser Araber, unser Virus, unser Prophet Malik. Er nistet sich ein, er wird unverzichtbar und es gibt den Punkt, an dem diese Unverzichtbarkeit in schiere Macht umschlägt. Malik nutzt mit Geschick die Gunst einer Situation, in die er durch Glück und Verdienst geraten ist.

"Ein Prophet" ist der Bildungsroman eines Virus', ein Märchen aus der Welt erfolgreicher Überanpassung. Jacques Audiard zeigt uns, wie dieser Held tickt, nämlich nach Bombenart. Er zeigt uns, wie sein Inneres aussieht: sein Opfer verfolgt ihn im Bild. Er zeigt uns, wie klug und clever er ist, wie er von den Tätern lernt, ein Täter zu sein. Zum Subjekt aber, einer Figur also, bei der für uns außen ein klarer und nachvollziehbarer Zusammenhang auszumachen ist zwischen dem, was sie will, denkt und tut, wird Malik doppelt nicht. Erstens nicht, weil sein Verhalten von Anfang bis Ende unter Anpassungsgesichtspunkten steht. Eine Figur, die nicht weiß, warum sie will, sondern eine, die einzig von ihrem Willen zur Anpassung zu einem Wollen gedrängt scheint, das nie als autonomes ersichtlich wird. Am Ende erstrahlt dieser Held in vollendeter Heteronomie. Der Film aber stellt das, vom Genre gezwungen, gegen das er niemals aufzubegehren versucht, als gelungene Subjektwerdung hin.

Zweitens nämlich wird Malik nicht zum Subjekt, weil Audiard es nicht lassen kann, seine Erzählung in einen Mythos zu transformieren. Bei aller vorgeblichen soziologischen Genauigkeit ist alles an dieser Geschichte immer zugleich unterbestimmt und überlebensgroß - eben Mythos. "Ein Prophet" ist ein Genrefilm, der nicht die Abweichung von den Regeln des Genres sucht, sondern ihre Überhöhung. Der korsische Mafiaboss, der todkranke Gefährte, der Mord, das Schuldgefühl, das Gefängnis als Raum, der Aufstieg des Helden, seine Transformationen vom Analphabeten zum virtuosen Hermeneuten einer komplizierten Situation, vom Niemand und Nichts zum Propheten - in diesem Wort, dem Titel des Films kulminiert es: des Guten mit Absicht zu viel, alles andere als ein Witz. Indem er ins Mythische wendet, affirmiert der Film, was er zeigt, ob er will oder nicht. Auf den Triumph, der im letzten Bild liegt, will "Ein Prophet" hinaus vom ersten Bild an. Er macht ein Monster zum Mythos nach allen Regeln der Kunst.

Ekkehard Knörer

Anvil! Die Geschichte einer Freundschaft. Regie: Sacha Gervasi - Darsteller: (Mitwirkende) Steve "Lips" Kudlow, Robb Reiner, G5, Ivan Herd, Chris Tsangarides, Tiziana Arrigoni, Cut Loose, Mad Dog - USA 2008 - Länge: 80 Minuten

Ein Prophet. Regie: Jacques Audiard - Darsteller: Tahar Rahim, Niels Arestrup, Hichem Yacoubi, Gilles Cohen, Antoine Basler, Leila Bekhti, Adel Bencherif, Reda Kateb - Frankreich / Italien 2009 - Länge: 155 Minuten


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