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Im Kino
Koepp-Country
Von Ekkehard Knörer
27.01.2010. Der Dokumentarfilmer Volker Koepp betrachtet in "Berlin-Stettin" sein eigenes Leben, aber stets so, dass es ihm als Zugang zu anderen Geschichten und zur (ost)deutschen Nachkriegsgeschichte ingesamt dient. Einen krachenden Erfolg hat Ex-Madonna-Gatte Guy Ritchie mit seiner "Sherlock Holmes"-Verfilmung gelandet: Er zeigt den Denker als Action-Star im Körper des Robert Downey Jr.

Seinen ersten Dokumentarfilm drehte Volker Koepp als Strafarbeit. 1968 war er Student an der Filmhochschule in Babelsberg, solidarisierte sich in einer Gruppe von ein paar Freunden dort mit dem Prager Frühling. Sie sollten relegiert werden, Koepp kam mit einem Film über Ziegelbrenner im brandenburgischen Zehdenick davon. Die Ausschnitte, die man in "Berlin-Stettin" aus der Strafarbeit sieht, deuten nicht darauf hin, dass der Ausflug des Filmemachers in die Produktion zur Zufriedenheit der Lehrenden ausfiel. Einen Mann sieht man kurz zwischen Wut und Resignation über die Arbeitsbedingungen, die Hitze, die Maloche. Dokumentarfilm, das gefiel mir, sagt Koepp im Off-Kommentar. Die Arbeiter mochte ich auch. So blieb er dabei: beim dokumentarischen Filmen und auch beim Mögen der Menschen, die er vor der Kamera zeigt.
"Berlin-Stettin" ist Film als Autobiografie, aber nach Volker-Koepp-Art. In den ersten Bildern sieht man die Gundelfinger Straße in Berlin-Karlshorst, da ist Koepp aufgewachsen. Geboren ist er in Stettin, im Jahr 1944, bald darauf schon ist die Familie jedoch auf der Flucht. Wir hören ihn erzählen: Ein Brief erreicht den Filmemacher, von einer Frau, die einen seiner Filme gesehen hat. Sie fragt darin, ob er der Volker Koepp sein könne, der 1945 mit seiner Mutter und den Geschwistern auf einem Bauernhof im Mecklenburgischen untergebracht war. Die Briefschreiberin war damals zehn und erinnert sich gut an die Zeit. Man begreift dann, warum. Sie sitzt im Garten. Das Wetter ist schön. Sie hat einen alten, vergilbten Brief in der Hand. Koepp setzt sie nach Koepp-Manier ins Bild. Nicht zu nah, nicht zu fern, immer unaufdringlich, ein freundlicher Kamerablick. Auch seine Stimme - man sieht ihn aber nie - ist zur Stelle, nachfragend, nachhakend, responsiv, aber nur, wenn der Gesprächspartner auf eine Frage wartet oder den Faden verliert. Den Brief, den die Frau im Garten vorliest, hat sie im Jahr 1945 an ihre Mutter geschrieben, die da in Berlin war. Sie schildert, was vorfiel, als die Russen gegen Ende des Kriegs das Gut erreichten. Die Frauen wurden vergewaltigt, auch Volker Koepps Mutter, mehrfach. Die alte Frau im Garten liest die Worte des Mädchens von einst. Nein, ich habe das nicht verstanden damals, sagt sie. Gewidmet ist "Berlin-Stettin" Thea Koepp, der Mutter des Filmemachers, die im Jahr 2002 starb.
Dies, die Bewegung zum traumatischen Erlebnis seiner Mutter, ist nur eine der vielen Bewegungen des Films. Sie ist, wie es die Regel ist im Werk des Dokumentarfilmers Koepp, einem Zufall verdankt, für den Koepp offen ist, dem er liebend gern folgt, ohne sich ihm ganz zu überlassen. Alles Systematische ist ihm fremd. Er arbeitet keine Strukturen heraus, er komponiert nicht in genauestens abgestimmten Rhythmen. Es soll am Ende aber ein Bild entstehen. In diesem Bild hat der Zufall seinen Ort. Koepp sucht Menschen auf, andere trifft er. Was sich mit denen begeben wird, die er aufsucht, kann er nicht wissen. Die, die er trifft, behandelt er jedoch immer nach Art des Volker Koepp. Freundlich fragt er, nicht zu nah, nicht zu fern stellt er die Kamera auf. Er selbst ist immer mit im Bild. Man sieht ihn zwar nicht, aber man hört ihn und mehr noch spürt man ihn als den, der den menschenfreundlichen Ton dieser Filme vorgibt. Es ist alles andere als erstaunlich, dass er mit vielen der von ihm Porträtierten befreundet bleibt. Dass er, wie exemplarisch im Fall des Städtchens Wittstock, immer wiederkehrt. Eine weitere Bewegung, dieser Rekurs, an diesen Ort im Wandel der Zeit.
Mitte der siebziger Jahre war er das erste Mal dort. Damals war Wittstock ein Zentrum der DDR-Textilindustrie, heute ist davon nicht das kleinste Fitzelchen übrig. In den Fabrikhallen, die er aufsuchte, begegnete Koepp mehreren Frauen. Er behielt sie im Blick, filmte alle paar Jahre, was sich zutrug im Leben der Frauen von Wittstock. Sieben Film entstanden, kürzere, lange, und dies ist in gewisser Weise der achte. Volker Koepps Filme sind nicht nur Arbeiten des Erinnerns, des Lauschens auf die Geschichte, die sich in Landschaften und in den Erinnerungen der Menschen in diesen Landschaften sedimentiert. Seine Filme sind auch Arbeiten des gezielten Nicht-Vergessens, des Zurückkommens, des Nachfragens, des Wiederkehrens. Sie produzieren selbst Geschichte und obwohl - oder gerade weil - ihnen das explizite Reflektieren beinahe fremd ist, haben sie ein Bewusstsein für die Schleifen, die das Leben als Gelebtes, als Erinnertes und als im tätigen Erinnern Gelebtes zieht. Die Reflexion auf das, was Geschichte heißt und Erinnern, ist Koepps Filmen und insbesondere "Berlin-Stettin" ganz natürlich.
Der Film folgt weiteren Bewegungen, eher zufälligen und eher intendierten. So sucht Koepp die Schauspielerin Fritz Haberlandt auf, die in einem brandenburgischen Dorf ein Haus gekauft hat, in dem sie nun, abwechselnd allerdings mit Kreuzberg, lebt. Sie erinnert sich an das Jahr, in dem die Mauer fiel, sie denkt über ihr Interesse an der DDR nach, ihre eigene Erinnerung wird dann zum Sprungbrett für den Wittstock-Exkurs des Films. Außerdem liest sie die Texte aus dem Off, einen Kindervers und auch etwas von Koepps Lieblingsdichter, dem großen Johannes Bobrowski. Dies und das fügt sich. Einen Mann lernt man noch kennen, der gegen die Windräder im dünn besiedelten Gebiet kämpft. Nein, man muss genau sein, denn der Untugend der Unschärfe oder gar des Pauschalen verfällt Koepp als Lyriker des Dokumentarfilms nie. Der Mann, den man kennenlernt, kämpft mehr noch als gegen die Windräder gegen die Unverschämtheit, dass die Regierung mit einem Federstrich das Land mit seinen 100.000 Wahlberechtigten für unbewohnt erklärt - und damit dem privaten Windradbetreiber mehr oder minder übereignet.

Diesen Mann also lernt man kennen. Ihn wie alle anderen fragt Koepp nach seiner Herkunft. Aus dem Nordhessischen stammt er und ist bald nach Mauerfall in diesen Landstrich gelangt. Und die Leute vertrauen ihm, unterstützen ihn, obwohl er zugereist ist. (Dann kommt sein Schatz und das ist noch einmal eine andere, eine sehr erstaunliche Geschichte.) Von entwurzelten und einwurzelnden und eingewurzelten Menschen erzählt "Berlin-Stettin" immer wieder. Vielleicht ist an der Metapher, obgleich sie aus dem Biologischen und seinen anderen Zeiträumen stammt, so viel gar nicht falsch. Wenigstens scheinen Koepps Filme darauf immer zu insistieren: Man darf trotz der scheinbaren Schnelligkeit des Sozialen die longue duree, die in der Herkunft steckt, nie unterschätzen. Das Beharren ist ein Faktor der Geschichte ebenso wie der Wandel. Und als Metapher des Beharrens (nicht so sehr der Ewigkeit oder gar einer ideologisch aufgeladenen Natur) setzt Koepp und setzt sein für dafür so grandios begabter Kameramann Thomas Plenert die Landschaften als Räume ins Bild. Da ist Koepp schon ein enger Geistesverwandter des Historikers Karl Schlögel, der nicht zufällig in Frankfurt (Oder), durchaus auch Koepp-Country, lehrt: "Im Raume lesen wir die Zeit."
Man kommt nicht schnell an ein Ende mit Volker Koepps Filmen. Sie bleiben offen, auch wenn sie Bilder entwerfen, denen nichts fehlt. Bilder, in denen ganz materiale Objekte - der alte Brief aus dem Krieg, der Hut der Schweißerin Karin - ihren Platz haben und ganz immaterielle Dinge wie eben: das Erinnern und sein Gegenbild: das Vergessen. Koepp lässt in seinen Filmen nämlich stets genug Luft auch dafür - dass man nicht vergisst, dass das Vergessen dazugehört, als Kraft einer Vernichtung, der man so viel auch wieder nicht entgegenzusetzen hat. Nicht mehr jedenfalls als eine Erzählung, eine Erinnerung, einen freundlich ins Bild gesetzen Menschen hier, einen da. Die Landschaft und den Raum ohne Menschen so insistent neben den Menschen und sein Maß zu stellen, hat darum einen tiefen Grund: Im Guten wie im Bösen erscheint bei Koepp die Landschaft, obwohl ein Dichter wie Bobrowski sie sprechen gemacht hat, als die Hüterin eines Schweigens, gegen das seine Filme nicht den Widerspruch, sondern mit dem sie die Zwiesprache suchen.
***

Kein Weg führt von Volker Koepp zu Guy Ritchie und seinem sehr lauten und sehr nichtigen Versuch, ausgerechnet den Lehnstuhldenker Sherlock Holmes in einen Actionhelden zu transformieren. Das nämlich ist die Grundidee dieser xten Verfilmung, die in den USA ein so rasender Erfolg war, dass Ex-Madonna-Ehemann Ritchie gerade alle anderen Projekte stehen und liegen lässt für die Fortsetzung, die naturgemäß folgt.
Sein muss sie nicht. "Sherlock Holmes" ist mehr nicht als ein Verschnitt. Ein bisschen freimaurerisches Brimborium a la Dan Brown hier, ein bisschen anhomosexualisiertes Buddy-Movie da. Aber auch Holmes' geliebte Feindin Irene Adler (Rachel McAdams) darf nicht fehlen, am Ende steht dann für die Fortsetzung auch eine größere Rolle für Professor Moriarty in Aussicht. Einer der Erzählungen oder einem der Conan-Doyle-Romane folgt dieser Film nicht. Es werden Motive zusammengewürfelt, der Detektiv kombiniert szientifisch-genialisch, Holmes allerdings lässt sich als Arzt vom ausbleibenden Pulsschlag des Oberschurken Lord Blackwood übertölpeln.
Robert Downey Jr. macht dabei durchaus gute Figur, wenngleich er, nicht erst, wenn er sich über Leichen beugt, irgendwie an Jan Josef Liefers erinnert in seiner Rolle als Teil des Tatortgespanns aus Münster: eindeutig schrullig, meist unrasiert, arrogant, aber brillant eben auch. Jude Law als Watson ist eher nicht Axel Prahl. Stets elegant, frisch verlobt, wenngleich ihm Holmes da sofort in die Suppe spuckt. Gemeinsam schießen und kombinieren und prügeln und lieben sie sich durch ein von emsigen Computern nach historischen Vorbildern zusammengerechnetes London. Unfertig steht die Tower Bridge gerne mitten im Bild und wartet auf ihren Einsatz im Showdown. Schön ist der Schmutz, in den Eingeweiden der Stadt obsiegt Holmes als kleiner Mann im Box-Wettkampf. In diese Szene ist Ritchie derart verliebt, dass er sie doppelt und dreifach vorführt. Da liegt wohl der Kern dieser Holmes-Fantasie: Der Actionheld-Körper als ausführendes Organ überlegenen Denkens und Wissens. Aber als Normalmensch vor den Kopf gestoßen fühlen muss man sich auch wieder nicht: Zur Unfehlbarkeit fehlt, im Schlagen und Denken, doch viel. 
Konstatieren kann man, dass der Film für die Verhältnisse des Haudraufs Guy Ritchie halbwegs diszipliniert daherkommt. Die Effektmomente und Kampfsequenzen sind so dosiert, dass fast etwas wie Thrill gelegentlich aufkommt. Am Buch hat ein ganzer Stall von Autoren geschrieben, kein Wunder, dass die Handlung voll ist mit Kraut, Rüben und anderem, recht unverdaulichem Zeug. Ausdrückliches Lob diesmal an Hans Zimmer, dessen Musik so wandlungs- wie einfallsreich nicht mickey-moust, sondern erfreulich gutgelaunt eigene Weg sucht. "Sherlock Holmes" vertreibt, mit einem Wort, die Zeit leidlich. Wer anderes sucht, geht lieber zu Koepp.
Berlin-Stettin. Deutschland 2009 - Regie: Volker Koepp - Darsteller: (Mitwirkende) Doris Krause, Ursula Panneke, Anetta Kahane, Bruno Olschewski, Hans-Joachim Mengel, Charles Elworthy, Fritzi Haberland
Sherlock Holmes. Großbritannien / Australien / USA 2009 - Regie: Guy Ritchie - Darsteller: Robert Downey Jr., Jude Law, Rachel McAdams, Mark Strong, Kelly Reilly, Eddie Marsan, James Fox, Hans Matheson, William Hope, Bronagh Gallagher
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