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zuletzt aktualisiert 09.02.2012, 20.50 Uhr

Bücherschau der Woche

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Im Kino

Soifz Fähigmann

Von Ekkehard Knörer

20.01.2010. Die Coens führen in "A Serious Man" einen Mann, der ihnen nichts Böses getan hat, an der Nase herum bzw. mit Fleiß in sein Unglück. Nach "Avatar" und "Gamer" ist Jonathan Mostows "Surrogates" schon wieder ein Film, der über die Logik der Stellvertretung nachzudenken versucht. Betonung in diesem Fall auf: versucht.

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Larry Gopnik hat keinen Grund, sich zu beklagen. Und er beklagt sich nicht. Er hat eine Frau und eine Tochter und einen Sohn. Der ist ein etwas nerdiger, aber nicht ganz und gar unsympathischer Tunichtgut, der im Unterricht Radio hört. Mit einem Close-Up auf den Kopfhörer-Knopf im Ohr beginnt - im exakten Wortsinn - exzentrisch der Hauptteil des neuen Coen-Films "A Serious Man". Larry Gopnik hat keinen Grund, sich zu beklagen: Er hat ein Haus in den Suburbs im Mittleren Westen, er steht kurz vor der Übernahme auf eine Lebenszeitstelle an der Universität. Er ist Professor für Physik. Mit einem Blick auf seine X-Beine (nicht den Restkörper zunächst, nicht den Kopf) vor der Tafel im Hörsaal stellen die Coens uns ihren Mann, unseren Mann, den ernsthaften Mann Larry Gopnik vor. Auch dieser erste Blick ist exzentrisch, eine gezielte Attacke auf die Integrität (des Körpers) des Helden. Die Bösartigkeit der Coens liegt nicht zuletzt in Einstellungen wie diesen. Mehr als nur denkbar wäre, sie stählen dem ernsthaften Larry aus reiner Lust an der Sabotage den Schatten.

Das tun sie nicht, an Demütigungen jedoch lassen sie es im Fortgang keineswegs fehlen. Larrys Frau eröffnet ihm, sie wolle die Scheidung, und zwar nicht nur vor den weltlichen Instanzen, sondern den Get, das Dokument nach orthodox jüdischem Recht. Ein anderer Mann ist in ihr Leben getreten und/oder sie tritt in seines. Sie will und hat keine Affäre, sie will nur einen anderen Mann. Der andere Mann ist dick, er hat einen Bart, er klingt am Telefon wie ein Seelsorger in einer Radioshow. Er legt seine Pranken um Larry Gopnik, give me a hug, und die Coens gaben ihm, nachdem sie die Erde, die Pflanzen, die Tiere und schon verdammt viele Filme geschaffen hatten, den sprechenden Namen Sy Ableman. (Soifz Fähigmann. Oder so. Am Ende aber mehr Soifz.)

Ein koreanischer Student sitzt in Larrys Sprechzimmer an der Uni. Die Tür zum Gang ist offen, das ist sehr genau beobachtet, denn in amerikanischen Universitäten sind die Türen zum Gang immer offen: es soll prinzipiell transparent bleiben, was Dozenten mir ihren Studentinnen und Studenten in Sprechzimmern treiben. Nicht, dass es im Ernstfall, der hier eintritt, viel hilft. In kurzen Sätzen beschwert sich der koreanische Student, weil Gopnik ihm den Schein verweigert. Er, der Student, beharrt darauf, er beherrsche die Physik auch ohne Kenntnis der Mathematik. Gopnik beharrt darauf, das sei unmöglich. Dieser Schlagabtausch ist sehr witzig, der Rassismus der Darstellung des Koreaners ist in den Dialog bereits eingepreist. Die Coens sind nichts, wenn nicht gewitzt. Nichts, wenn nicht clever. Schön wäre freilich, sie wären mehr als immer nur, immer nur das. Als der Koreaner das Zimmer durch die offene Tür verlässt, liegt ein Briefumschlag mit viel Geld auf dem Schreibtisch. Es kommt noch schlimmer. Larry hat Schulden und beim Komitee, das über seine Lebenszeitanstellung entscheidet, tauchen anonyme Briefe auf, in denen er denunziert wird. Verschwitzt freundlich teilt ein Vorgesetzter ihm das mit.

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Larry Gopnik hat allen Grund, sich zu beklagen. Und er beklagt sich nicht. Er zieht ins Motel "Jolly Rogers" mit seinem Bruder Arthur, dem eine böse Zyste im Genick sitzt und der an einer Theorie spinnt, die alles auf der Welt, den Zufall vor allem, erklärt. Larry klagt nicht und sucht nicht das Heil in der Flucht, sondern Hilfe bei zuständigen Stellen. Larry Gopnik ist Jude, das ganze Milieu, in dem "A Serious Man" spielt, ist jüdisch. Die zuständige Stelle ist darum Gott (Hashem - "der Name", die Umschreibung des Gottesnamens im alltäglichen Umgang) bzw. der Rabbi. Es gibt aber mehr als nur einen, sie reihen sich, wie bei Kafka, in einer An- bzw. Abwesenheitshierarchie in Richtung fast vollständiger Unerreichbarkeit. Also bekommt es Larry zunächst mit dem Junior-Rabbi zu tun, der ihm erklärt, es gehe darum, die Perspektive zu ändern und die Widrigkeiten positiv zu nehmen. ("'Du musst nur die Laufrichtung ändern', sagte die Katze zur Maus und fraß sie.") Erläutert wird das am Beispiel des Parkplatzes direkt vor dem Fenster. Den aber kann man beim besten Willen nicht mit anderen Augen sehen, öd und verlassen, wie er nach Parkplatzart daliegt. So führen die Coens diesen wie jeden anderen Rettungsvorschlag ad absurdum.

Larry Gopnik erinnert, versteht sich, an Hiob. Die Figur, deren Glauben von seinem Gott mit dem ihm im Alten Testament eigenen Sadismus geprüft wird. Mit diesem Gott identifizieren sich, ohne an ihn aber zu glauben, die Coens. (Es ist aber eben ganz eindeutig der jüdisch-alttestamentarisch-sadistische Gott, an den sie nicht glauben - nicht der neutestamentarisch-christlich-erlöserische.) Und sie imitieren dabei, ihn aber auf den Kopf stellend, Kafka, der nämlich, statt seine Allmacht als Geschichtenerzähler, wie die Coens es tun, zu genießen, sich stets mit seinen so komisch wie hoffnungslos in Sprach- und anderen Paradoxien gefangenen Figuren identifiziert; K.(afka) stand auf der Seite der Maus, die verzweifelt die Laufrichtung ändert. Die Coens aber stehen auf der Seite eines nicht existierenden Gottes. Sie sind die Katze, die die Maus noch verhöhnt, bevor sie sie frisst. Ihrer Allmacht verleihen die Coens in (von Kameramann Roger Deakins) fabelhaft eingerichteten Einstellungen Ausdruck. Da ist keine Lücke, keine Unsicherheit, alles sitzt perfekt und nichts hat Luft oder Leben. Bild für Bild in Farbe und Licht zementiert. Der blinde, wenn nicht bösartige Zufall, den sie als Grundgesetz der Welteinrichtung behaupten, hat in den Labyrinthen, die sie bauen, de facto gar keinen Platz. Und was viel schlimmer ist: Sie haben, wie Michael Haneke, nicht einmal die Größe, nach Gottesart Gnade zu zeigen.

***

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Die Surrogate in Jonathan Mostows Film (nach dem gleichnamigen Comic von Robert Vendetti und Brett Weldele) sind Avatare und das Thema ist offenkundig brennend aktuell. Darüber, was es heißt, sich im Videospiel mit einer Figur, die man kontrolliert, zu identifizieren, die sterben kann, während man selbst weiterlebt, denken mehr oder weniger schlau Filme wie "Gamer" (sauschlau), "Avatar" (wirr) und nun "Surrogates" (strunzdumm) nach. Hier ist das Szenario dies: Die Menschheit hat sich sehr buchstäblich zur Ruhe gesetzt bzw. gelegt und lässt täuschend menschenähnliche Roboter an jedes einzelnen Echtmenschen Stelle tun, was bislang der Echtmensch eigenhändig im Alltag so tat: Hubschrauber fliegen, in der Disco von weit oben auf die Tanzfläche diven, die Welt vor den Maschinenstürmern retten.

Die nämlich, mit ihrer Sehnsucht nach echt, gibt es auch. Es gehört, ohne dass er es recht auf den Begriff bringen kann, der von Bruce Willis gespielte Tom Greer sogar zu ihnen - was "Surrogates" zu einer Geschichte macht, die ihrem Protagonisten zum Wissen darüber verhilft, was er eigentlich will. Tom Greer, dieser Held, ist zunächst nämlich Polizist und verbringt den ersten Teil des Films, als Avatar seiner selbst, damit, einen Mann zu jagen, der eine diabolische Waffe im Gepäck führt und auch benutzt. Mit dieser Waffe lassen sich nicht nur die Surrogate selbst, sondern - das ist das Gemeine - die stillgestellten Echtkörper dahinter blutig eliminieren. Ein Virus sozusagen, der aus dem Spiel heraus auf die Spieler selbst übergreift.

Der erste Anblick des Helden Tom Greer ist erschreckend: Der Typ sieht schon irgendwie aus wie Bruce Willis. Nur jung und mit glatter Haut und mit Blondschopf. Der Schreck, der einem bei diesem Anblick in die Glieder fährt, ist einer der wenigen wirklich guten Momente des Films. Was einen verstört, ist nämlich die klassische Unheimlichkeit des als Fremdes wiederkehrenden Vertrauten. Der Effekt verfliegt, sobald unter dem perfekten Überzug das technische Innere der Cyberkörper sichtbar wird. Weil der Film, wie gesagt, dumm ist, insistiert er auf dieser Differenz, in deren (un)möglicher Aufhebung schon seit Philip K. Dick das eigentlich Interessante des Themenkomplexes "Authentizität in den Träumen elektrischer Schafe" lag.

Den Film aber und seinen Helden drängt es zur Eindeutigkeit und zum Echten. Er will kaputtmachen, was unheimlich ist. Und prompt bietet ganz schnell Bruce Willis wieder den vertrautesten Anblick: kahl, voller Schrammen, der Held als lädierte, aber unkaputtbare Knautschfigur. Regisseur Jonathan Mostow, der unter den aktuell in Hollywood tätigen Blockbuster-Knechten entschieden zu den unbegabteren gehört, legt - wie ein dümmlicher Schauspieler, der sich nachdenkend stellt, den Kopf - immerzu die Kamera schief. Die Pointen und Twists, die die Geschichte (bestimmt schon im Comic) in Petto hat, sind mindestens so alt wie die Plotkonstruktion von Fritz Langs "Metropolis". Und die hatte schon damals Thea-von-Harbou-haft einen schlimmen Rückwärts- und Rechtsdrall. (Nicht dass man in irgend einer anderen Hinsicht die beiden Filme im selben Atemzug nennen dürfte.) So betrachtet, ist es fast schon wieder beruhigend, dass man "Surrogates" schneller vergisst, als ihn zu sehen - gnädige 89 Minuten - dauert.

A Serious Man. USA 2009 - Regie und Buch: Ethan Coen, Joel Coen - Darsteller: Michael Stuhlbarg, Richard Kind, Fred Melamed, Sari Lennick, Aaron Wolff, Jessica McManus, Michael Tezla, Alan Mandell, George Wyner, Peter Breitmayer, Brent Braunschweig.

Surrogates - Mein zweites Ich. USA 2009 - Originaltitel: Surrogates - Regie: Jonathan Mostow -  Buch: Michael Ferris, John D. Brancato - Darsteller: Bruce Willis, Radha Mitchell, Rosamund Pike, Boris Kodjoe, James Francis Ginty, James Cromwell, Ving Rhames, Michael Cudlitz, Jack Noseworthy

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