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zuletzt aktualisiert 09.02.2012, 20.50 Uhr

Bücherschau der Woche

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Im Kino

Letzte Seufzer

Von Ekkehard Knörer

19.11.2009. Oren Pelis Debütfilm "Paranormal Activity" ist der profitabelste Film aller Zeiten - ob der Haunted-House-Schocker mit minimalem Effekteinsatz aber tatsächlich gruselig ist, muss wohl jede/r an sich selbst austesten. Aus einer ganz anderen Sorte Nichts taucht der sympathische koreanische Independent "House & Guest" auf, der einander zwei sehr Fremde sich nahe kommen lässt.

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Alles andere als normal ist an "Paranormal Activity" vor allem eins: Sein Riesenerfolg. Dessen Geschichte geht so: Völlig unbekannter Regisseur - genauer gesagt: ein Computerspielentwickler ohne jede Regieerfahrung - dreht mit so gut wie gar keinem Geld - 15.000 Dollar - und völlig unbekannten Darstellern in seinem eigenen Haus an sieben Tagen einen kleinen Horrorfilm fast ohne Spezial- oder, in der Tat, sonstige Effekte. Auf ein paar eher unbedeutenden Festivals liebt ihn das Publikum, es entsteht ein kleiner Kult, in einer viralen Marketing-Kampagne sieht man die Reaktionen verängstigter Zuschauer, es wird auch, wie einst bei "Blair Witch", behauptet, alles sei echt. Erste reguläre Kinoeinsätze führen zu Rekordbesuchen. Paramount kauft die Rechte, um ein Remake zu drehen und geht, nicht zuletzt auf Anraten Steven Spielbergs, dann sogar den riskanteren Weg, den obskuren Winzling selbst groß rauszubringen. Dass das klappt, versteht sich mitnichten von selbst, denn zwischen Kult- und Mainstream-Erfolg liegt in der Regel auch noch einmal eine riesige Hürde. "Paranormal Activity" nimmt sie - mit auf Anraten Spielbergs nachgedrehtem Schock-Ende - mit Schwung, liegt inzwischen bei über 100 Millionen Dollar Einspiel und ist, liest man, jetzt der profitabelste Film aller Zeiten.

Aussehen tut der Film nach dem, was er ist: einer billigen Produktion. Seine Cleverness freilich liegt daran, wie er seine arte-povera-Ästhetik narrativ nicht nur plausibel, sondern geradezu zur Notwendigkeit macht. Die Geschichte ist einfach. Ein junges Paar zieht in ein Haus. Sie studiert Englisch und Spanisch und möchte Lehrerin werden. Er ist Daytrader, daher das Geld. Um das neue Lebenskapitel zu dokumentieren, hat er eine Kamera gekauft und nimmt alles immerzu auf. Keine anderen Bilder, als die im Film selbst gemachten, zeigt darum der Film. Sie sind zwar unterschiedlicher Art - mal sieht man, was der Filmende sieht, mal filmt die Kamera auf sich allein gestellt und subjektlos -, aber es gibt keine einzige Einstellung, die aus dem Rahmen des Innerfilmischen ins Übliche einer neutralen Erzählposition fiele, aus der heraus die Kamera immer so tut, als wäre sie gar nicht da.

Schnell stellt das junge Paar fest: Es stimmt was nicht mit dem Haus. Sie hören unerklärliche Geräusche, Wummern, Schritte, dräuendes Brummen. Zu sehen ist aber nichts. Da verfallen sie auf die Idee, die Kamera zum Zeugen zu machen, insbesondere nachts, wenn sie schlafen. Sie wird im Schlafzimmer aufs Stativ montiert und nimmt als Überwachungskamera auf, was passiert. Das schlafende Paar und seine Umgebung. Nacht für Nacht, rund zwanzig Nächte. Und aus jeder einzelnen Nacht zeigt, die Tage herunterzählend, die Uhrzeit als Timecode immer präsent, der Film Bilder. Das Außerordentliche, den Horror, platziert er mithin in die ausgesprochen gründlich entwickelte Alltäglichkeit. Die zeigt sich nicht nur in diesem refrainartigen Wiederholungsritual, sondern auch darin, dass die Geschichte fast vollständig auf ein Zweipersonenstück reduziert ist. Ein Mann, eine Frau und der Spuk, der sie nach und nach in die Krise, wenn nicht den Wahnsinn treibt.

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Klingt alles immer noch nach "Blair Witch" im Kammerformat. Ist es auch, einerseits. Andererseits sind die Handkamerabilder aus dem Hausinnern andere. Nicht einmal so sehr, weil sie technisch anders aussähen. Sondern weil die mediale Realität inzwischen andere Bilder produziert. Die Nacht-Überwachungsbilder erinnern doch verteufelt an nächtliche Aufnahmen aus dem Big-Brother-Container. Schon darin erkennt eine Generation das, was sie für mediale Wirklichkeit hält, wieder. Soll heißen: das ist ein Authentizitätseffekt, der sich unwillkürlicher Medienerziehung verdankt. Und noch eine Ähnlichkeit ist diesen Bildern, die deshalb wirklich alles andere als dieselben sind, zugewachsen inzwischen: die zu den Terabytes ganz vergleichbaren Materials, das man auf YouTube findet. Das Unprofessionelle, Verwackelte, der Spökes mit Geistern, aber sogar noch das mit diesem Bildtypus sogleich assoziierte Memartig-Virale: alles verweist in Richtung YouTube-Amateur-Material und bezieht auch von daher seine Kraft.

Diese Kraft wäre dann freilich eine, die sich keiner künstlerischen Intention, keinem Regie-Können verdankt. Die Bilder von "Paranormal Activity" sprechen, wie die Bilder von YouTube, für sich. Sie sagen dabei aber gar nichts - das ist ihre Pointe -, außer: Ich bin dazu da, dich direkt zu affizieren, ganz egal, wie ich von wem auch immer einmal gedacht war. Kaum jemand wird den Horror, der in "Paranormal Activity" zu hören, (kaum) zu sehen und (vor allem) zu ahnen ist, für echt halten in einem naiven Sinn. Weil aber das optisch-mediale Unbewusste zu YouTube-Bildern das Verhältnis einer von Autorschaften entkoppelten Unmittelbarkeit hat, darum wirken die Horrorbilder des Films, als wären sie echt. Und so überführen sie die ältesten aller Topoi und Effekte des Horrorkinos - so unoriginell wie das meiste bei YouTube - in eine neue mediale Zeit. Wenn man den vielen Zeugenberichten im Internet glauben darf, funktioniert der Horror von "Paranormal Activity" zumindest bei für Geisterquatsch empfänglichen jüngeren Rezipienten bestens. Mich hat das ganze ziemlich tödlich gelangweilt. Aber wahrscheinlich bin ich da einfach von gestern.

***

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Das vorletzte Wort im Leben des nicht mehr ganz jungen Filmdozenten Ho-jun (Kim Jae-rok) lautet um ein Haar standesgemäß "Godard". Es folgt, kurz vor dem Schwinden des Bewusstseins, noch ein letzter Seufzer: "Und ich habe keinen einzigen Film gedreht." In die Lage, beinahe letzte und vorletzte Worte zu sprechen, ist der Mann eher unversehens gekommen. Das Schloss seiner Badezimmertür ist defekt, er ist drin im Raum und kommt nicht mehr raus. Das Bad fensterlos, sein Schreien ungehört, die Tür unüberwindbar, droht Ho-jun im Innern des eigenen Heims zu krepieren. Sein Widerstand gegen dies Verhängnis ist geringer, denkt man, als er sein könnte - in der Tat hat er sein Leben gerade in eine formidable Sackgasse geführt. Scheidung von der Frau, den heiß geliebten Sohn verliert er an sie, selbst sein Unijob ist bedroht. Wir haben ihn vor dem Badezimmerdesaster schon einsam masturbierend vor dem Computer und zweisam, aber auch nicht viel glücklicher, mit einer Prostituierten gesehen.

Und doch geschieht ein Wunder. Tags zuvor waren Zeugen Jehovas an der Tür. Ho-jun, der mit Religion nichts zu tun haben will, wimmelt sie ab. Einer der Zeugen aber, sein Name ist Gye-sang (Kang Ji-hwan) lässt nicht locker und kommt am nächsten Tag wieder. Er merkt, dass etwas nicht stimmt, sprengt die Badezimmertür auf und rettet dem unglücklichen Filmdozentenn wenn nicht die Seele, so doch immerhin das Leben. Weil er wirklich ein arger Stinkstiefel ist, dankt Ho-jun es ihm kaum, zunächst jedenfalls. Ein bisschen ist der Film dann, was zu befürchten ist: die Geschichte der Entwicklung einer sehr unwahrscheinlichen, aber umso wunderbareren Freundschaft.

Ein bisschen mehr ist der Film das dann aber auch wieder nicht. Unter anderem weil er ein gutes Auge für merkwürdige Abschweifungen, oder eher noch: einen Sinn für leicht absurde Randbemerkungen hat. Einmal steht, ohne Plotfunktion, ein Polizeiauto im Bild und lässt einmal kurz die Sirene aufheulen. Es folgt daraus aber nichts. Das Nichtsdarausfolgenmüssen ist eine weithin unterschätzte Tugend in der Kunst des Erzählens; wenn sie, wie hier, richtig dosiert ist, ist die Begegnung mit funktionslos aus einem Text ragenden Strängen und Zweiglein eine sehr schöne Sache. Auch sonst ist in diesem Film fast alles richtig dosiert. Über seinen griesgrämigen Helden und Möchtegern-Filmregisseur zum Beispiel macht er sich immer wieder auf sympathische Weise lustig. So nämlich, dass er ihm die Unterstützung letztlich doch nicht verweigert. Er stellt ihn uns vor als einen, der, im ungelenken Versuch, ein Gespräch anzufangen, der Verkäuferin im Tante-Emma-Laden an der Ecke völlig ungefragt Fassbinders "Angst essen Seele auf" zur Ansicht empfiehlt. Sie hat allerdings andere Sorgen und das war es dann auch erst einmal mit den beiden.

Seinen neuen Freund, den Zeugen Jehovas, schleppt Ho-jun ins Kino, einen türkischen Klassiker zu sehen. Dabei führt er sich selbst dann aber dermaßen unmöglich auf, dass der Kinobetreiber die Polizei ruft. Das ist alles recht tragikomisch. Es gibt aber auch Szenen, die vor allem lustig sind: Ein sich zur veritablen Autoprügelei aufschaukelnder Streit im Taxi etwa. Daran ist zweierlei sehr bemerkenswert. Erstens die Art, in der der Regisseur Shin Dong-il auf dem Höhepunkt aus dem Auto in die frontale Außenperspektive schneidet: Ohne Ton und mit Blick von draußen wird das Ganze zum urkomischen Puppenspiel. Diesen präzisen Sinn für den oft komisch ausbeutbaren Sinn, den die Wahl der Einstellung macht, beweist "Host & Guest" immer wieder. Und zweitens ist auch die Entstehungsursache des Streits signifkant: Ein älterer Herr preist lautstark die Politik von George W. Bush und Ho-jun hält das verständlicherweise nicht lange aus. Es ist nicht die einzige Gelegenheit, bei der sehr konkret Tagespolitisches überraschend ins Bild kommt. (Schon zuvor einmal landet Sperma im Gesicht von George W.)

Was man daran auch sieht: Der Film ist nicht sonderlich aktuell, sein Entstehungsjahr ist 2005. Macht ja eigentlich nichts. Ist auch begrüßenswert, dass ein so sympathischer wie exzentrischer Sonderling dieser Art aus Korea wenn auch nur winzig klein in deutschen Kinos zu sehen ist. Unverkennbar allerdings ist, dass Regisseur Shin in manchem dem wohl wichtigsten zeitgenössischen koreanischen Auteur Hong Sang-soo nacheifert: vom hoch problematischen filmaffinen Protagonisten, über ein exzessives Trinkgelage und bis hin zur Lust am funktionslosen Detail. Allerdings sind Hongs Filme doch von ungleich größerer formaler Intelligenz und Stringenz. "House & Guest" ist im Grund seines Herzens sehr versöhnlich gestimmt; ein freundlicher Epigone. Aber so läuft das dann manchmal: das sehr viel bedeutendere Original wird weiterhin in deutschen Kinos nicht gesichtet. Eine - wirklich: sehr sympathische - Kopie taucht aus dem Nichts einfach auf. So sei die Devise: Nehmen wir, was wir kriegen.

Paranormal Activity. USA 2007 - Regie und Buch: Oren Peli - Darsteller: Micah Sloat, Katie Featherston, Mark Fredrichs, Randy Mc Dowell, Michael Bayouth, Amber Armstrong, Ashley Palmer, Tim Piper, Crystal Cartwright

House & Guest. Südkorea 2005 - Originaltitel: Bangmunja - Regie: Shin Dong-il - Darsteller: Kim Jae-rok, Kang Ji-hwan

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