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zuletzt aktualisiert 09.02.2012, 20.50 Uhr

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Post aus Istanbul

Die Almancis kommen!

Von Constanze Letsch

03.07.2009. Im Juni fand in Istanbul das Theater- und Filmfestival "beyond belonging III: Almanci" statt. Organisiert wurde es vom Berliner Theater Ballhaus Naunynstraße. Eine Woche lang zeigten sie, wie es heute bedeutet, ein Almanci, ein Deutschländer, zu sein. (Foto: Cigdem Bagriacik)

"Die Almancis kommen!" titelte die türkische Presse zur Ankündigung des vom bis zum 12. - 20. Juni stattfindenden Festivals "beyond belonging III: Almanci". Kuratiert von Shermin Langhoff, der Intendantin des Berliner Ballhauses Naunynstraße, fielen sie eine Woche lang in Istanbul ein, die Deutschländer, im Gepäck ein dichtes Programm mit Theater, Film und Musik. Die Tageszeitung Radikal warnte: "Diese Almancis sind nicht gekommen, um Ferien zu machen."

Almanci, Deutschländer - der Begriff steht in der Türkei für das Klischee des ausgewanderten Türken, der in Deutschland am Fließband steht oder Wohnungen putzt und in der alten Heimat mit einem dicken Mercedes angibt. Spätestens seit dem internationalen Erfolg Fatih Akins hat sich der Blick auf die Landsleute in der Fremde - die gurbetciler - verändert. Zwischen allen Stühlen zu sitzen, ist zwar vielleicht nicht immer bequem, aber es erlaubt auch, die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Für Langhoff ist es ein entscheidender Pluspunkt.

Hadiye Akin, Mutter des Regisseurs Fatih Akin, die zusammen mit ihrem Mann zur Festivaleröffnung angereist war, meinte in Radikal: "Almanci! Das Wort mag ich gar nicht." Doch als die "Deutschländer-Eltern" nach der Vorführung des Eröffnungsfilms, Fatih Akins Dokumentation "Wir haben vergessen zurückzukehren", vor das zahlreiche Publikum traten, wurden sie mit lautem Jubel und Applaus empfangen. Die alten Klischees bröckeln schon lange.

"Ich glaube, die Veränderung des Almanci-Begriffs entsteht durch die Erfolge der zweiten und dritten Generation, und zwar nicht nur auf künstlerischem Feld", sagt Shermin Langhoff im Gespräch auf der Terrasse des Büyük Londra Oteli. "Man sieht, dass Istanbul im Moment wirklich eine globalisierte Stadt ist, in die aus aller Welt Künstler und Leute aus anderen Branchen strömen. Es ist eine dynamische Stadt, es passiert wirtschaftlich etwas, und es gibt Tausende von Akademikern türkischer Herkunft, die in Deutschland strukturellen Rassismus erleben, nicht weiterkommen in ihren Karrieren und hier mit Kusshand genommen werden." Der in der Türkei lange beklagte brain drain hat die Richtung geändert.

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"Zeybreak", Foto: © Danny Klein

Die nach Istanbul mitgebrachten Stücke waren Theaterproduktionen des Ballhauses Naunynstraße und des HAU, die schon in Deutschland sehr gut aufgenommen worden waren. Gezeigt wurde außerdem die von Tuncay Kulaoglu und Martina Priessner kuratierte Filmreihe "Gegenbilder" - 40 Filme, die veranschaulichen, wie sich in Deutschland und der Türkei Bild und Blick auf die Almancilar in 30 Jahren Filmgeschichte gewandelt haben. Vertreten waren Arbeiten von RegisseurInnen wie Ayse Polat, Thomas Arslan oder Hakan Savas Mican, dessen Theaterstück "Der Besuch / Ziyaret" ebenfalls auf dem Festival zu sehen war.

Der erste Testlauf für ein postmigrantisches Theater war "X Wohnungen", ein aus erzählten Miniaturen bestehender Theaterparcours, der in Zusammenarbeit mit dem Theater Hebbel am Ufer unter Leitung von Matthias Lilienthal entstand, erzählt Langhoff. Im letzten Jahr fand das Projekt "X Wohnungen" im Rahmen des Internationalen Istanbuler Theaterfestivals in Wohnungen und auf den Straßen des Istanbuler Stadtteils Tarlabasi statt (mehr hier).

Mit dem Erfolg von "X Wohnungen" entstand auch der Wunsch, längere, abendfüllende Geschichten zu erzählen. Anfangs habe sie gezögert, "schon wieder so ein Türken-Festival zu machen", sagt Langhoff. Den Auschlag gab dann die aufgeheizte Atmosphäre nach dem 11. September 2001: "Ich als alte Agnostikerin musste ständig etwas zum Islam sagen, von dem ich keine Ahnung hatte, und diese Zuschreibungen von außen, das hat mit der Zeit immer mehr zugenommen. Vor allem das die islamische Frau immer nur als Opfer und der Mann immer nur als Macho geehen wurde. Natürlich will ich die Probleme nicht leugnen. Aber ich hatte das Gefühl, dass Gegenbilder, Phantasie und Einmischung nötig waren, um Bilder zu produzieren, wie sie anscheinend von der Mehrheitsgesellschaft nicht produziert werden konnten." So organisierte sie im Jahr 2006 das Festival "beyond belonging - migration", 2007 folgte "beyond belonging - Autoput Avrupa von Istanbul bis Berlin", in Zusammenarbeit unter anderem mit Theatermacherinnen aus Zagreb.

Nach dem zweiten Festival und mittlerweile zwölf eigens produzierten Stücken stellte sich die dringende Frage, wie man das derzeitige Modethema Migration und Migranten fest im deutschen Theaterkanon verankern könnte, sagt Langhoff. "Ich dachte, wenn wir das ernst meinen mit dem Zugang für die zweite und dritte Generation, dann brauchen wir eigentlich wirklich einen Ort, ein Labor, wo wir zum einen selbst entscheiden können und eine eigene künstlerische Leitung haben, und wo zum anderen eine Verstetigung stattfinden kann." Sie entschied sich für das Ballhaus Naunynstraße. Seit der Eröffnung im November 2008 wurden neun Produktionen herausgebracht, davon sieben Eigenproduktionen. "Und wir sind eigentlich immer ausverkauft", fügt Shermin hinzu. "In einer Stadt mit 300 Theatern ist das schon eine Leistung."

Zum Titel des dritten Festivals, "Beyond belonging III: Almanci", sagt Langhoff: "Es ist natürlich immer ein Kreuz mit den Definitionen - wir bewegen uns immer auf einem Pfad der Selbstkonstruktion, um diese dann wieder zu dekonstruieren. Gleichzeitig 'beyond belonging', aber auch Almanci - wir arbeiten sozusagen mit diesen überwindbaren Widersprüchen und mit dieser Komplexität."

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"Der Besuch", Foto: © Fernando Miceli

Das im Istanbuler Off-Theater Garajistanbul aufgeführte erste Stück des Festivals war "Der Besuch / Ziyaret" von Hakan Savas Mican, in dem vier ganz unterschiedliche Menschen wegen eines Tomatengartens an der ehemaligen Berliner Mauer zusammenkommen. Der Garten des pensionierten türkischen Gastarbeiters Ihsan (Adolfo Assor) soll einer geplanten Moschee weichen und muss kurzfristig wegen einer noch aus dem Zweiten Weltkrieg stammenden Bombe evakuiert werden. Es gab amüsierten Szenenapplaus, als die eigentliche Besitzerin des Gartens, die nach Israel ausgewanderte Jüdin Ada (Heide Simon), sich über die endlosen Planungstreffen mit der türkischen Moscheegemeinde und die ihr obendrein überreichte detailgenaue Moscheenachbildung aus Marzipan beschwert. Doch als Ihsan, seines Stückchens Heimat in Form des Tomatengartens beraubt, seine Enkelin Melike (Sanam Afrashteh) dafür begeistern will, in den in der Türkei zurückgelassenen Olivenhain zurückzukehren, nur um zu erfahren, das an dessen Stelle jetzt eine Fabrik für Tomatenmark steht, ist es still im Theater.

In der auf die Vorstellung folgenden Diskussion meldete sich eine Zuschauerin zu Wort, die sagte, wie überrascht und betroffen sie sei, dass ein junger Regisseur wie Mican offenbar schon derartig schmerzhafte Erfahrungen gemacht hatte. "Ich hatte keine Ahnung, dass sich Ihre Generation in Deutschland so fühlt", sagte sie. "Mir kamen die Tränen."

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"Jenseits", Foto: © MAI. Ute Langkafel

Das dokumentarische Theaterstück "Jenseits / Öte Taraf" beruht auf Interviews, die die Autoren Nurkan Er und Tuncay Kulaoglu mit homosexuellen Männern türkischer Herkunft geführt haben - fünf dieser Interviews haben sie ausgewählt und für die Bühne bearbeitet. Nach der Generalprobe des Stückes warnten Istanbuler Freunde die Berliner Theatermacher vor möglichen wütenden Reaktionen. Das Geständnis eines Protagonisten, auf der Kanzel einer Moschee von seiner ersten großen Liebe, einem späteren türkischen Armeegeneral, entjungfert worden zu sein, Drogen, Nacktheit auf einer Theaterbühne und Fragen zum Nationalstolz - "Jenseits / Öte Taraf" bricht viele Tabus der türkischen Gesellschaft, und dennoch war das Publikum begeistert.

Erst als ein tuntig geschminkter schwuler Deutschtürke (Cem Sultan Ungan) einen roten Friseurmantel wie ein Totentuch über einen am Boden liegenden Friseur breitet und mithilfe von Rasierschaum in eine türkische Flagge umgestaltet, wurde es einigen der anwesenden Zuschauer zu viel. Dabei hatten sich die Schauspieler schon darauf geeinigt, den Stern wegzulassen und sich auf den Halbmond zu beschränken. "War das denn wirklich nötig?", kritisierte eine Zuschauerin. Die Verlagerung der Stücke von Berlin nach Istanbul hat auch die Diskussionansätze verschoben. "Schwul zu sein ist einfach - es ist viel schwieriger, Türke zu sein und gleichzeitig nicht nationalitisch und chauvinistisch", stellt einer der Protagonisten im Stück fest. Dieser Satz spricht in Istanbul andere Sensibilitäten an als in Berlin.

Für Shermin Langhoff gab es schon lange eine künstlerische Verbindung zu Istanbul: Für Fatih Akin arbeitete sie als Regieassistentin an den Filmen "Gegen die Wand" und "Crossing the Bridge". Es war nur eine Frage der Zeit, wann sie mit einem größeren Theaterprojekt nach Istanbul kommen würde: "Istanbul spielt auch in allen diesen Geschichten eine große Rolle, Istanbul eins zu eins, aber auch als Metapher, in Visionen, in Träumen, in Alpträumen, in Traumata." Und sie fährt fort: "Es gibt ähnliche Herausforderungen in beiden Städten. Zum Beispiel die Zuwanderung aus Anatolien und die Vielfalt der Stadtgesellschaft. Wenn wir ein paar Ideen aus Berlin hierher transportieren und einige Ideen von hier nach Berlin mit zurücknehmen können, dann sind wir schon glücklich. Ich glaube, es war auch an der Zeit."

"Beyond belonging III: Almanci" ist gleichzeitig Ergebnis und Ausgangspunkt eines sehr lebendigen künstlerischen Austausches zwischen Istanbul und Berlin. "Wir sind sehr gut vernetzt mit Künstlern hier", sagt Langhoff, "wir lernen auch die Strukturen verstehen. Es gibt einen regen Austausch über Finanzierungsmöglichkeiten mit den hiesigen Künstlern. Wir machen auch Workshops - es findet nicht nur eine Präsentation von Arbeiten statt, sondern ein echter Austausch, vor allem mit den Kollegen und den Kolleginnen aus dem Off-Theater und dem Tanz." Sie drückt gleichzeitig ihre Bewunderung für das türkische unabhängige Theater aus. "Wir haben höchsten Respekt vor Projekten wie dem neu eröffneten Talimhane Theater, Garajistanbul, der Ciplak Ayaklar Kumpanyasi, denn unter den finanziellen, politischen und strukturellen Bedingungen in der Türkei Theater zu machen - also, da kann man nur sagen Chapeau!"

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