Perlentaucher - Das Kulturmagazin

| Folgen Sie uns auf Twitter | Folgen Sie uns auf Facebook | Anmelden | Mobil | RSS | Newsletter

zuletzt aktualisiert 21.05.2012, 10.57 Uhr

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Im Kino

Scharf gegenkalkuliert

Von Thomas Groh, Ekkehard Knörer

16.03.2009. Die vielfach oscargekrönte Manier, in der sich Danny Boyle indischer Realität zu nähern behauptet, ist in "Slumdog Millionär" nun auch in deutschen Kinos zu bewundern. Und Guy Ritchie versucht sich in "RocknRolla" völlig Oscar-unverdächtig an der Neuauflage von Altbewährtem.

Bild zum Artikel
Vikas Swarup, der Autor der englischsprachigen indischen Romanvorlage zum Film "Slumdog Millionär" (Originaltitel: "Q & A") ist Diplomat. Ich habe den Roman nicht gelesen, aber dem Film, der auf seiner Grundlage entstand, ist die landeskundlich vermittelnde Absicht auf die Stirn geschrieben. Er nimmt sich im Grunde wie die streberhafte Antwort westlicher Filmemacher auf die schon falsch gestellte Frage aus, wie sich einem westlichen Publikum die indische Gegenwart darreichen lässt, ohne dass das Ganze zur Zumutung wird. Und zwar: ästhetisch (kein Bollywood!), sozial (Elend, aber attraktiv) und im Hinblick auf die Gesamtbotschaft (Happy End).

Ausgesprochen clever gehen Buch und Film die selbst gestellte Aufgabe an. Das gilt zuerst und zuletzt für den in seiner Cleverness allerdings schon wieder ärgerlichen zentralen Spannungs-Clou des Films: Dessen Held Jamal Malik, der buchstäblich aus der Scheiße kam, sitzt im Quiz-Stuhl und hat, das ist der Rahmen, aus dem die Erzählung nicht fällt, die entscheidende Millionenfrage vor Augen. Ganz setzt "Slumdog Millionär" auf die Verständlichkeit und Wiedererkennbarkeit der globalen Marke: Das auch in Indien höchst erfolgreiche Produkt "Wer wird Millionär?" funktioniert und jinglet, das setzt die britische Erfinderfirma Celador weltweit so durch, überall auf die identische Weise. Das nur zu bekannte Fernseh-Franchise ist und bleibt bis fast zuletzt die Halt versprechende Kontrastfolie zum Authentizitätsversprechen, das der Film innerhalb dieses Rahmens gibt. (Den eigentlichen Quizmaster, Superstar Shah Rukh Khan, hat Boyle für seinen Film naturgemäß nicht gewinnen können. An seine Stelle tritt Anil Kapoor, der als eifersüchtiger Aufsteiger-Schurke figuriert.)

Die Realismusbehauptung wird beglaubigt, wie sich das als spätes Erbe des Verite-Dokumentarismus gehört, durch die von Hand geführte Kamera, die sich durch nicht gänzlich durchinszenierte Räume bewegt. Hier: die Slums von Mumbai, in die die Geschichte ihrem Aufsteiger-Helden Jamal Malik folgt. Das Elendstouristische daran glaubt Danny Boyle in bewährter Manier durch Drastik in die Flucht schlagen zu können. Das Selbstzitat aus "Trainspotting" kommt ihm im Kulturvergleich dabei allzu recht. Jamal plumpst, um seinem Idol Amitabh Bachchan nahe sein zu können, ins Klo. Stinkend teilt sein Gestank die Massen wie Jahwe für Moses das Rote Meer (und wie die Kamera die Slumbewohnerschaft) und bekommt, wie der Film dann seine Oscars, sein Autogramm.

Bild zum Artikel
Dies ist eine der Episoden, aus deren in letzter Konsequenz pittoresker Reihung "Slumdog Millionär" besteht. Gereiht werden sie ganz mechanisch entlang des Quiz-Fadens. Jede der Fragen, die Jamal Malik beantworten muss - und kann - verweist auf ein Kapitel aus seinem Leben. Das beginnt mit einer Frage eben nach einem Film mit Amitabh Bachchan; des weiteren geht es zum Beispiel um den Tod seiner Mutter bei Hindu-Muslim-Auseinandersetzungen; alles ist von landeskundlicher Relevanz und eben darum vermittlungstechnischer Penetranz. Dazu kommt, als Handlungsgerüst innerhalb des Rahmens, eine Dreiecks-Liebesgeschichte, die immerzu direkt auf die "Drei Musketiere" anspielt (mit einer unerwarteten Pointe in der letzten Quiz-Frage), aber durchaus auch auf Raj Kapoors Dreiecks-Klassiker "Sangam" (1964) verweist.

Diese Dreiecksgeschichte hat nun ebenso reichlich Action- und Crime-Momente zu bieten wie der Rahmen, der auch um die Quiz-Show noch einmal gespannt wird. Weil die Macher der Show nicht glauben wollen, dass ein Slumdog wie Jamal die ihm gestellten Quiz-Fragen wirklich beantworten kann, versuchen sie, ein Betrugs-Geständnis aus ihm herauszufoltern. (Leider völlig verschenkt als Folterer: der großartige Irrfan Khan.) Vermutlich glaubt der Film, er könne auch die so ins Bild gesetzte Brutalität noch auf sein Authentizitätskonto verbuchen. Das ist ein Irrtum, der aber eine andere Wahrheit doch recht offensichtlich macht: Alles an "Slumdog Millionär" ist Berechnung. Jedes Moment echten Interesses am Gegenstand - den sozialen Verhältnissen des indischen Subkontinents - ist scharf gegenkalkuliert mit Attraktionsmomenten. In Wahrheit entwertet sich der Film moralisch wie ästhetisch immerzu selbst. Immerhin hat nun, wer sich fürs Zustandebringen eines globalen Erfolgsprodukts interessiert, das elendstouristischen Pseudo-Realismus unterhaltsam als weltpolitische Gewissensberuhigung verkauft, ein aufschlussreiches Anschauungsobjekt.

Ekkehard Knörer

***

Bild zum Artikel
Die Zutaten: Der dicke alte Geldhai, der die Immobiliengeschäfte in London lenkt. Skrupellos, versteht sich. Auf eine Weise, dass er am Ende den Reibach macht und seine Kunden einmal, wenn nicht zweimal aufs Kreuz gelegt sind. Dann die beiden Kleinganoven, die auf ihn hereingefallen sind. Und ihm jetzt empfindlich was schulden. Und der russische Investor, der in London Großes bauen will. Der Rat und Tat sucht bei dem Geldhai und dafür immens Geld zu lassen in Aussicht stellt. Und hier dessen Steuerberaterin. Die den Deal unter der Hand in den Büchern frisieren soll. Die den Transfer den Kleinganoven steckt. Die die Kohle abgreifen. Um ihre Schulden zu begleichen mit dem Geld, das der Hai sowieso kriegen soll. Was der nicht weiß. Mit hineingemengt: Ein Gemälde aus den Kunstbeständen des Russen. Ein Glücksbringer, den er leihweise dem Hai überlässt - als Zeichen guten Willens. Wird geklaut, wird MacGuffin. Geklaut vom Sohn des Hais: Ein wirr philosophierender Rock'n'Roll-Junkie. Der Kohle auch nicht wenig nötig hat.

Guy Ritchie wurde mal als britischer Tarantino gehandelt ("Bube, Dame, König, Gras", "Snatch"). Dann kam Madonna als Ehefrau und mit ihr in der Hauptrolle ein bizarr missratener Remake-Flop von Lina Wertmüllers "Swept Away". Sein folgender Film, "Revolver", landete hierzulande kaum beachtet ohne Kinoumweg direkt in den Videotheken. Karriereknick. Ein Hit also ist dringend nötig und Ritchie geht mit "Rocknrolla" kein Risiko ein. Der ist in seiner Manier noch bis ins Detail so ist wie seine ersten beiden Hits: Coole Sprüche, alte Rockmusik, mauschelige Kneipen, schlechte Zähne, derbes Cockney - die Ästhetik des lads, einstmals new British cool, wird verkauft als noch immer new cool oder vielleicht schon wieder new cool. Ist aber vor allem alte Socke. Prätentiös in seiner Zusammensetzung, anmaßend in seiner Originalitätsbehauptung, abgestanden in seinen Zutaten und überhaupt ziemlich von gestern.

Thomas Groh

Slumdog Millionär. Großbritannien / USA 2008 - Originaltitel: Slumdog Millionaire - Regie: Danny Boyle - Darsteller: Dev Patel, Anil Kapoor, Madhur Mittal, Freida Pinto, Irrfan Khan, Saurabh Shukla, Mia Drake, Sanchita Choudhary, Ankur Vikal

RocknRolla. Großbritannien 2008 - Regie: Guy Ritchie - Darsteller: Gerard Butler, Tom Wilkinson, Thandie Newton, Mark Strong, Idris Elba, Tom Hardy, Toby Kebbell, Jeremy Piven, Chris Bridges, Jimi Mistry

Mailen | Drucken | Merkzettel | Empfehlen auf Facebook | Twittern |

blog comments powered by Disqus

Archiv: Im Kino

Ein Medium der Scham

16.05.2012. Emmanuel Mourets Episodenfilm "Die Kunst zu lieben" weiß um die Komplexität der Liebe wie der Ästhetik. Olias Barcos schwarzhumorige Groteske "Kill Me Please" seziert eine Servicemaschinerie des Tötens.
Mehr lesen

Hauptsache weniger Mensch

10.05.2012. In Athina Tsangaris "Attenberg" lernt eine junge Griechin, die eigentlich lieber nicht möchte, die wunderbare Welt der Sexualität kennen. Sir David Attenborough hilft dabei. Tim Burton entdeckt in "Dark Shadows" die siebziger Jahre durch die Augen eines erfrischend rigorosen Vampirs. Mehr lesen

Begehren in Schallwellen

02.05.2012. Céline Sciammas Jugendfilm "Tomboy" lässt das sozial zugewiesene Geschlecht als eigentliche Maske erkennen. Schmetterlingsflatterhaft tanzen Catherine Deneuve, Milos Forman und Paul Schneider in Christophe Honorés Musical-Fantasie "Die Liebenden" von den Sechzigern in die Neunziger. Mehr lesen

Liebe Deutschland

25.04.2012. Morgen beginnen die 58. Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen, jenes Festival, auf dem vor genau 50 Jahren das wichtigste Dokument der deutschen Nachkriegs-Kinogeschichte, das Oberhausener Manifest entstand. Eine Internetserie setzt sich mit dem Erbe dieses Manifests auseinander. Aber schon das Zustandekommen dieser Serie sagt einiges über den Stand filmischer Produktionsbedingungen in Deutschland aus, meint Maximilian Linz, Regisseur und Produzent der Serie.
Mehr lesen

Detailintensitäten

18.04.2012. Bertrand Bonello entwirft in "Haus der Sünde" ein Luxusbordell als samtene Hölle auf Erden. Josh Trank stülpt in "Chronicle" den Superheldenfilm mit wenig Geld auf Indie-Ästhetik um.
Mehr lesen

Frustriertes Versprechen

11.04.2012. Joe Carnahans todesverliebter Männerfilm "The Grey" setzt Liam Neeson in Alaska aus und hetzt eine Horde hungriger Wölfe auf ihn. Sean Durkin setzt seinen Debütfilm "Martha Marcy May Marlene" aus Erinnerungsbruchstücken zusammen und weigert sich, seine Figuren durchzuerklären.
Mehr lesen

Heldinnen in Primärfarben

04.04.2012. In Tarsem Singhs "Spieglein, Spieglein" fehlt der Apfel, dafür gibt es aber einen fantastischen Color Designer. In Klaus Lemkes ambivalenter Jungsfantasien "Berlin für Helden" muss man die widerständigen Details gegen das falsche Ganze verteidigen. Mehr lesen

Fleckige Körper

28.03.2012. Wir wagen einen Blick ins Fernsehprogramm: Dominik Grafs "Das unsichtbare Mädchen" verlegt die Dynamik italienischer Polizei-Reißer in ein oberfränkisches Kaff namens Eisenstein. Im Kino läuft dagegen James Watkins' "Die Frau in Schwarz: Harry-Potter-Darsteller Daniel Radcliffe versucht, in die Fußstapfen Peter Cushings und Christopher Lees zu treten. Mehr lesen

Bewegungskino

20.03.2012. In Jeff Nichols zweitem Spielfilm "Take Shelter" geraten psychotische Halluzinationen und objektive Erzählwelt auf interessante Weise durcheinander. Heitor Dhalias Thriller "Gone" begnügt sich damit, Amanda Seyfried in Portland, Oregon in Bewegung zu setzen - gut so! Mehr lesen

Pistolenhochzeit

14.03.2012. Djo Mungas "Viva Riva" schöpft aus dem Fundus des Gangster- und Mafiafilms viele kleine Kinomomente und ist in den gesellschaftlichen Krisen seines Herkunftslands - des Kongo - getränkt. Bereits seit letzter Woche läuft Cheryl Dunyes "Mommy is Coming" in den deutschen Kinos; zumindest in denen, die sich trauen, einen lesbischen Hardcoreporno mit Inzestpointe in ihr Programm aufzunehmen. Mehr lesen

Melodramen im Kopf

07.03.2012. In Ozan Açıktans Komödie "Sen Kimsin?" verbeißt sich ein Detektiv in seine eigenen Hirngespinste und ist am Ende trotzdem erfolgreich. Andrew Stantons bierernster Fantasy-Blockbuster "John Carter" zelebriert den mithilfe der 3D-Technik zugerichteten Blick. Mehr lesen

Punktuelle Intensitäten

29.02.2012. In Steve McQueens "Shame" driftet Michael Fassbender zombiegleich durch die Betten New Yorks. William Brent Bells Low-Budget-Exorzistenfilm "The Devil Inside" legt wert darauf, dass er ohne den Segen des Vatikan entstanden ist. Mehr lesen

Die Wahl wählen

22.02.2012. Schon seit zwei Wochen läuft "Der Junge mit dem Fahrrad", die neue Regiearbeit der Brüder Dardenne, in den deutschen Kinos: Ein Film, der sich bedingungslos solidarisch erklärt mit einem sturen, rothaarigen Kind. Neu in den Multiplexen angekommen ist dagegen "Ghost Rider: Spirit of Vengeance" vom Regiegespann Neveldine / Taylor: Eine weitere Station der nicht enden wollenden Reise des Nicolas Cage in Richtung unterstes Videothekenregal.
Mehr lesen

Ganz kalter Krieg

01.02.2012. Regie führt Bennett Miller, die Hauptrolle übernimmt Brad Pitt, doch der eigentliche Star des postindividualistischen Sportfilms "Moneyball" ist der Drehbuchautor Aaron Sorkin. In Tomas Alfredson Le-Carre-Verfilmung "Dame, König, As, Spion" durchstreifen Agenten verwunschene alte Häuser mit knarrenden Dielen. Nie sahen die Siebziger mehr nach Fünfzigern aus.
Mehr lesen

Schmutzigster Nahkampf

25.01.2012. Nach vier Jahren Pause kehrt der koreanische Festivalliebling Kim Ki-duk zurück: mit "Arirang", einem Essayfilm voller Spiegelungen und doppelter Böden. Nicolas Winding Refns "Drive" ist bei aller Keuschheit alles andere als asexuell und lässt den Geist Kenneth Angers in zeitgenössischer Retroästhetik wiederaufleben.
Mehr lesen

Gesamtes Archiv: Im Kino