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Im Kino
Jasagen auf Koreanisch
Von Ekkehard Knörer
18.02.2009. Jim Carrey lernt zu seinem Glück in "Der Ja-Sager", was ihm der Titel befiehlt: Ja und Amen zu allem - aber so richtig. Und Paul Schrader führt in "Ein Leben für ein Leben" Jeff Goldblum als Mann vor, der als Hund das KZ überlebt.

Carl Allen (Jim Carrey) ist ein Sachbearbeiter bei der Bank, sagt zu den meisten Kreditwünschen "Nein" und ist insgesamt nicht der lebensbejahend-charismatische Typ. Er ist müde an Knochen und Gliedern, meidet die Mitwelt und leidet an Selbstmitleid. Nach drei Jahren ist er immer noch nicht über die Trennung von seiner Frau hinweg. Sein Privatleben besteht im wesentlichen aus dem Abwimmeln von wohlmeinenden Freunden und dem Konsum der Filme, die er in seiner Lieblingsvideothek ersteht. Dass dabei sogar masturbativer Tätigkeit aus psychologischen Gründen enge Grenzen gesetzt sind, erfahren wir später.
Nicht sehr tief in ihm schlummert, wie man sich denken kann, der Rilkesche Imperativ: "Du musst dein Leben ändern." Der Zufall einer Begegnung will es, dass eines zum anderen führt und Carl Allen dann in einer auf den ersten Blick sehr unangenehmen Veranstaltung sitzt. Ein Guru, den Terence Stamp mit Gusto spielt, indoktriniert da zu ihrem eigenen Glück seine Schäfchen. Die Formel, die er zur Verbesserung ihrer Leben gefunden hat, ist von jener Simplizität, die in solchen Dingen den größten Erfolg verspricht. Sie lautet: "Sag ja." ("Ja ist das neue Nein!") Wir erinnern uns an den Jim-Carrey-Film "Liar Liar", in dem der Held als Anwalt einen Tag lang nicht lügen darf. Aber, wie der indische Regisseur Priyadarshan zu sagen pflegt, wenn er ohne Credit-Nennung wieder mal einen Malayalam-Film in wörtlicher Übersetzung in Hindi nachgedreht hat: Ist ohnehin alles Plagiat heute.
Also: "Sag ja!" Und zwar: zu allem. Schluss mit dem "Nein" zu Kreditwunsch und Bettlern. Positiver Blick stattdessen aufs Leben, Ja und Amen zu den Fährnissen, die es, wenn man nur dafür offen ist, so bereit hält. Carl Allen also sagt Ja und Wieder Ja: zum Gitarrespielen und zum Koreanischlernen, es wird, soviel ist sicher, noch für etwas gut sein. Zu einem Obdachlosen, der gerne irgendwohin gefahren werden will und dann auch noch - eher verschämt erst, dann aber, als er den Braten riecht, durchaus unverschämt - Carl Allens Geld. Allen gibt alles und fühlt sich befreit. Und natürlich will ihm das Schicksal, von Drehbuch und Jasager-Guru bezirzt, im Grunde nichts Böses. (Es gibt Zwischenepisoden wie die mit der nicht mehr jungen Nachbarin; da ist der Film dann mal kurz jenseits von Gut und Böse.) Aber im wesentlichen, im großen und ganzen, will das Schicksal seinem Schäfchen Carl Allen sogar etwas ganz ausgesprochen Gutes, nämlich die wunderbare Zooey Deschanel.
Sie hat, als man einander an der Tankstelle begegnet (Fortsetzung der Obdachlosen-Transport-Geschichte), einen Helm für Carl Allen mit freundlichen Kulleraugen darauf. Er kommt auf den Sozius-Sitz und die Geschichte nimmt, über einen Stock hier und einen Stein da, ganz den erwartbaren Verlauf. Man wird einwenden dürfen, dass "Der Ja-Sager" das Rad und auch die Hollywood-Komödie mit romantischem Einschlag keineswegs neu erfindet. Nur kommt man mit diesem Einwand nicht sonderlich weit. Weil die Sympathiewerte für die ganze Veranstaltung beachtliche Pegelstände erreichen - und zwar dank Peyton Reeds eher mit Understatement arbeitender Regie, dank Zooey Deschanels hinreißendem Charme und auch dank Carreys auf die von ihm einst gewohnten Gesichts-Manierismen eher verzichtendem Spiel.
Die Komik ist mal fein absurd (Jogging-Fotografie!), mal grotesk (Obdachloser kopfüber in den Busch), mal grob (Carrey stürzt im Lokal), aber sie ist in jedem der Modi oft wirklich komisch. Die Harmlosigkeit, die man dem Film vorwerfen kann, ist - sag ja! - halt sein Programm. Und dass er einem den Jasage-Optimismus-Zinnober allzu aufdringlich selbst nahezubringen versucht, stimmt eher nicht. Von der etwas differenzierteren Moral, auf die alles hinausläuft, sogar abgesehen: War einfach eine hübsche Plot-Idee, und Profis wie Reed, Carrey, Deschanel und Nicholas Stoller, Jarrad Paul sowie Andrew Mogel (Drehbuch) wissen, wie man aus der Romanvorlage von Danny Wallace eine überdurchschnittlich nette Hollywoodkomödie macht.
***
Paul Schraders "Adam Resurrected" nach der als Kult gehandelten Romanvorlage von Yoram Kaniuk ist ein Film, der mich ratlos macht. Seine aberwitzige Geschichte nämlich tischt er einem auf, als sei sie nichts anderes als eine groteske Tragikomödie der handelsüblichen Art. Das ist sie aber nicht.
Ihren Anfang nimmt die Erzählung mit der Einweisung eines Manns namens Adam Stein (unter übergroßem Darstellungs-Einsatz gespielt von Jeff Goldblum) in eine auch für psychiatrisch-psychologische Experimente genutzten Irrenanstalt in der israelischen Wüste. Stein macht auf den ersten Blick einen keineswegs an diesen Ort gehörigen Eindruck. Selbstbewusst, zu Scherzen mit seinen Mit-Insassen stets aufgelegt. Auf den zweiten Blick, der auch einer in seine Vergangenheit ist, legt sich dieser erste Eindruck jedoch schnell. Stein war, bevor die Nazis die Macht übernahmen, ein erfolgreicher Variete-Entertainer, Clown, Zauberer, jovialer Betatscher von Brüsten der auf der Bühne mit ihm auftretenden Tänzerinnen. Wir sehen das in den Bildern des Films, konventionellerweise in diesen Rückblenden in gestochen scharfem Schwarz-Weiß.
Zu sehen ist eine Konfrontation mit einem Mann (Willem Dafoe), der später als Nazi-Kommandant Klein in jenem KZ wieder auftaucht, in dem Adam Stein mit Frau und Kindern landet. Klein befiehlt Stein: Mach mir den Hund! Und in der Tat, Stein macht, gedemütigt für sein Leben, auf allen Vieren den Hund. Jahrelang, auf Kommando von Klein und so überlebt er, gelegentlich auch, auf anders gelagerte Entertainment-Qualitäten zurückgreifend, fiedelnd, das KZ und das Nazi-Regime. Seine Familie kommt ums Leben, der Film blendet meist recht schnell wieder zurück in die Farbe der Sechziger-Jahre, die ihm Erzählgegenwart ist.
Entscheidendes tut sich, als Adam Stein einen Neuzugang in der Anstalt hört und erschnüffelt (irgendwie ist er immer noch Hund). Ein zwölfjähriger Junge, der sich selbst für einen Hund hält. Erst bricht Stein zusammen, dann aber wird daraus eine Freundschaft mit Heilungs- und Erlösungspotenzial. Auch in anderen Teilen des Films treibt der Hund als Metapher, als Dingsymbol einer vielfach und ambivalent besetzten Traumatisierung, sein Unwesen. Im Bereich des Sexuellen etwa, für den die lüsterne Schwester Gina Grey (Ayelet Zurer) zuständig ist. Auf allen Vieren kriecht sie und bellt, zum Beischlaf bereit; darauf nimmt Adam Stein sie hündisch von hinten.
Paul Schrader findet für seine seltsam durch die Zeiten und Räume taumelnde Geschichte keinen einheitlichen Ton. Mal "Einer flog übers Kuckucksnest", dann wieder "Schindlers Liste" - dabei aber weder je wirklich komisch oder auch tragisch. Das Argument, dass eine solch groteske Geschichte vielleicht nur auf so uneinheitliche Art zu erzählen ist, klingt gut auf dem Papier, trifft den Film, der einen ganz und gar kalt lässt, aber nicht. Man blickt auf ihn, seine Hauptfigur und ihr Lebens- und Triebschicksal, wie auf das Leben einer unbegreiflichen Spezies im Zoo. Des Films Irresein ist von klinischer Sterilität und bleibt handwerklich bis zum Ende von großer Konventionalität (da kann Sebastian Edschmids Kamera noch so beweglich durch die Gänge und Säle und Räume schweifen.) Es ist ein kalter, ein unbeteiligter Blick, den einem Schrader, gewiss nicht mit Absicht, aufdrängt. Es ist kaum vorstellbar, dass, was hier so rastlos ins Leere geht, im Roman, den ich nicht kenne, funktioniert haben soll. Das ist natürlich kein Urteil über den Roman, aber ein einigermaßen verheerendes Urteil über Schraders "Adam Resurrected", der ihm die passende filmische Gestalt zu geben versucht.
Der Ja-Sager. USA 2008 - Originaltitel: Yes Man - Regie: Peyton Reed - Darsteller: Jim Carrey, Zooey Deschanel, Bradley Cooper, Rhys Darby, John Michael Higgins, Terence Stamp, Danny Masterson, Sasha Alexander
Ein Leben für ein Leben - Adam Resurrected. Deutschland / USA / Israel 2008 - Originaltitel: Adam resurrected - Regie: Paul Schrader - Darsteller: Jeff Goldblum, Willem Dafoe, Ayelet Zurer, Sir Derek Jacobi, Hana Laslo, Joachim Krol, Moritz Bleibtreu, Veronica Ferres
Archiv: Im Kino
Ganz kalter Krieg
01.02.2012. Regie führt Bennett Miller, die Hauptrolle übernimmt Brad Pitt, doch der eigentliche Star des postindividualistischen Sportfilms "Moneyball" ist der Drehbuchautor Aaron Sorkin. In Tomas Alfredson Le-Carre-Verfilmung "Dame, König, As, Spion" durchstreifen Agenten verwunschene alte Häuser mit knarrenden Dielen. Nie sahen die Siebziger mehr nach Fünfzigern aus.
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Schmutzigster Nahkampf
25.01.2012. Nach vier Jahren Pause kehrt der koreanische Festivalliebling Kim Ki-duk zurück: mit "Arirang", einem Essayfilm voller Spiegelungen und doppelter Böden. Nicolas Winding Refns "Drive" ist bei aller Keuschheit alles andere als asexuell und lässt den Geist Kenneth Angers in zeitgenössischer Retroästhetik wiederaufleben.
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Filme für zu schnell Gewachsene
18.01.2012. Der türkische Autorenfilmer Nuri Bilge Ceylan rückt sein Kino mit "Once Upon a Time in Anatolia" in die ästhetische Nähe des Italo-Westerns. In James Bobins Relaunch von "The Muppets" stellt Jason Segel, die Frage, die jeden Jungen umtreibt: Am I a Man or Am I a Muppet? Mehr lesen
Sprache zweiter Ordnung
11.01.2012. Das erste Meisterwerk des Jahres: Corneliu Porumboiu untersucht in "Polizeilich, Adjektiv" die linguistischen Grundlagen der modernen rumänischen Gesellschaft. David Finchers "The Girl With the Dragon Tattoo" ist dagegen vor allem die zweite Verfilmung eines besonders zynischen Bestsellers. Hinter der sich möglicherweise ein formradikaler Autorenfilm verbirgt. Mehr lesen
Ein Gnadenakt
05.01.2012. Vier Filme der "Unknown Pleasures"-Serie im Berliner Kino Babylon: Monte Hellmans Comeback "Road to Nowhere", Sofia Takals Debüt "Green", Frederic Wisemans Bewegungsstudie "Boxing Gym" und Lee Anne Schmitts historiografischer Dokumentarfilm "The Last Buffalo Hunt". Mehr lesen
Nicht im Kino
28.12.2011. Anstatt eines Jahresrückblicks: Vier Filme, die uns der Kinoverleih dieses Jahr schuldig geblieben ist. Über Manoel de Oliveiras "Der seltsame Fall der Angelica", Sergio Caballeros "Finisterrae", Uruphong Raksasads "Agrarian Utopia" und Rene Frölkes "Führung". Mehr lesen
Branchenüblicher Zynismus
21.12.2011. George Clooney verleiht in "The Ides of March" leeren Sälen und Turnhallen der Obama-Ernüchterung des linksliberalen Hollywoods Ausdruck, manövriert aber mitunter wie ein Filmstudent. Zwischen Oktoberfest und Pornofilm-Set sucht Nikolaus Geyrhalter in "Abendland" dessen Bewohner, kommt dabei aber über Vorurteile kaum hinaus. Mehr lesen
Totale wechselseitige Beobachtung
14.12.2011. Komplett aus altem Archivmaterial montiert Göran Olsson den Dokumentarfilm "Black Power Mixtape 1967 - 1975", der die Geschichte der schwarzen Bürgerrechtsbewegung von außen, nämlich von Schweden aus, nacherzählt. Nikolas Wackerbarths "Unten Mitte Kinn" sperrt Schauspielschüler in ein labyrinthartiges Gefängnis namens "Kunsthochschule Ulm". Mehr lesen
Nach innen gefaltet
07.12.2011. Nanni Moretti findet in seiner absurden Komödie "Habemus Papam" noch da Würde, wo sie niemand vermutet hätte: bei Volleyball spielenden Kardinälen. Chris Millers "Der gestiefelte Kater" ist Patchwork- Kino im Italowesternlook, lässt aber im Kleinen genug Raum für Großartiges. Mehr lesen
Leben eben
30.11.2011. Berückend erzählt Thomas Imbachs Dokumentarfilm "Day is Done" von flüchtigen und ganz unflüchtigen Dingen. Und Cary Fukunaga steckt für seine Romanverfilmung "Jane Eyre" die gründlich falsch verstandene Titelfigur ins Puppenhaus. Mehr lesen
Überzivilisierter Kokon
23.11.2011. Ein genuin filmisches Spektakel macht Roman Polanskis "Der Gott des Gemetzels" aus Yasmina Rezas Bühnenstück über zwei sich bekriegende Ehepaare. Bill Condons "Breaking Dawn" fügt dem "Twilight"-Franchise einen weiteren hochsexualisierten Blockbuster ohne Triebventil hinzu. Mehr lesen
Wie sieht Sterben aus?
16.11.2011. Jenseits aller Metaphysik untersucht Andreas Dresen in seinem Film "Halt auf freier Strecke" die Verbindung von Kino und Tod. Richard Ayoades Regiedebüt "Submarine" weicht den Fallen des nostalgischen Hipsterkinos geschickt aus. Mehr lesen
Erosmonster
09.11.2011. David Cronenbergs "Eine dunkle Begierde" ist ein Ränke- und Agentenspiel um die Begründer der Psychoanalyse, Carl Jung, Sigmund Freund und Sabina Spielrein. Kelly Reichardts hypnotisch spröder "Meet's Cutoff" ist ein feministischer Western durch und durch.
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Kleiner Streber Max
02.11.2011. Brett Ratner gelingt in "Aushilfsgangster" mit den Mitteln des populären Genrefilms eine Verdichtung der aktuellen Finanzkrise. Shawn Levy bremst dagegen in "Real Steel" seine Kampfroboter mit einem der nervigsten Filmkinder der letzten Jahre aus. Mehr lesen
Doppelte Fluchtbewegung
26.10.2011. In Steven Spielbergs "Die Abenteuer von Tim und Struppi" gibt es Bilder von traumartiger Schönheit, aber keine "ligne claire". In Gary McKendrys "Killer Elite" prügeln sich noch echte Männer mit Bart. Mehr lesen








