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zuletzt aktualisiert 11.02.2012, 21.01 Uhr

Bücherschau der Woche

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Virtualienmarkt

Ein Verlag als Blog

Von Rüdiger Wischenbart

28.01.2009. Ausgerechnet ein Imprint des Verlagsriesen Harper Collins entwickelt in Zeiten der Krise innovative Strategien der Buchentwicklung und -darstellung im Internet.

Krise überall, weltweit, und natürlich auch beim Buch. Überall? Nicht ganz. Jedoch nicht irgendein kleines Dorf, kein netter "Independent"-Verlag übt den Widerstand mit Witz und smarten Ideen, sondern ausgerechnet Harper Collins, der Buchverlag des umstritten Medien-Tycoons und MySpace Besitzers Rupert Murdoch, präsentiert sich als innovative Avantgarde im Buchgeschäft. In diesen Tagen erscheinen die ersten Titel in den USA.

Wer in den letzten Monaten international die Reaktionen von Verlagen und Buchhandel auf die Schockwellen der Finanz- und Wirtschaftskrise verfolgte, meinte die Entstehung eines Zugs von Lemmingen live mitzuverfolgen. Vor allem im angelsächsischen Bereich, aber beileibe nicht nur da, wurde auf jede einzelne Schadensmeldung augenblicklich reagiert, allerdings fast ausschließlich mit dem Ziehen der Notbremse: Zumeist wurden einfach Entlassungen verkündet und augenblicklich umgesetzt (bei Simon & Schuster etwa, oder bei La Martiniere), Umstrukturierungen im großen Stil zur Kostensenkung verordnet (Random House) oder gleich der Einkauf neuer Titel gestoppt (bei Houghton Mifflin, dessen Eigentümer aus der Finanzindustrie zuvor in atemberaubendem Tempo ein Himalaja an Schulden angehäuft hatten).

Als Begleitmusik gab es noch das bekannte Pfeifen im Walde, also etwa den Stehsatz, wonach Bücher, weil sie so niedrige Preise hätten, vor den Auswirkungen der Rezession ohnedies gefeit seien.

Was man indessen vermisste, waren kritische - oder gar innovative - Kommentare zu den allseits bekannten Strukturproblemen der Branche, also der Überproduktion an Neuerscheinungen in allen großen Buchmärkten, den immer noch in die Höhe schießenden Vorauszahlungen oder einem Konsumentenverhalten, das immer launischer zwischen Medienformaten, Themen und Vertriebskanälen switcht, während der Buchhandel das Thema Internet und Digitalisierung traditionell eher als Drohszenario denn als Chance aufgriff.

Nicht so bei Harper Collins, berichtet der amerikanische Branchendienst Shelf Awareness. Bei Harper hat man bereits vor fast einem Jahr, als in der Buchbranche noch kein Krisenszenario an die Wand gemalt wurde, eine kleine, feine Innovationsoffensive als Stimulans im eigenen Haus ins Leben gerufen: Der Konzern - mit 1,3 Milliarden Dollar Umsatz bei Büchern auf Platz 16 des globalen Verlagsranking - gründete den Imprint Harper Studio.

Die neue flinke Truppe zählt ganze fünf MitarbeiterInnen, von Verleger Bob Miller bis zur Administrationskraft Katie Salisbury. Das offensive Credo lautet, alle goldenen Regeln der Branche zu hinterfragen, und nichts Neues einfach weg zu schieben, nur weil es neu ist.

Bestes Anschauungsbeispiel ist dabei der Internetauftritt des neuen Imprints: In wunderbarer, wenn auch unüblicher Offenheit lässt man sich in die Karten schauen. Es gab, wird am Harper-Studio-Blog mit Selbstironie berichtet, natürlich gleich zu Beginn eine hitzige Diskussion um den Webauftritt des Neulings. Man ließ sich Konzepte voll neuestem Schnickschnack präsentieren, fand all die Funktionen wunderbar - nur machte das alles mit Blick auf den "return of investment" wenig Sinn. Die Entscheidung fiel dann radikal aus: Gegen einen eigenen Webauftritt, und für ein Blog, für das man auch noch die Gratis Plattform WordPress auswählte. Inklusive Anpassung kam das Ganze auf weniger als 10.000 Dollar.

Viel wichtiger war indessen, was damit angestellt werden kann: "It's easily maintainable by all of us and our authors. We hope it?s a fun place to hang out. It's a work in progress."

Nicht nur das Verlagsteam, auch die Autoren sollen mit dem neuen Spielzeug spielen, und dies nicht erst nach Erscheinen eines Buchs, sondern sobald die Unterschrift unter dem Verlagsvertrag trocken ist.

Das Bündel der weiteren Glaubenssätze von Harper Studio lässt keinen Stein auf dem anderen im traditionellen Mauerwerk des Verlagsgeschäfts:

1. So weit irgendwie möglich, werden die Titel "nonreturnable" - also ohne das Recht auf Remissionen - angeboten;

2. Harper Studio beteiligt sich nicht mehr an den großen Auktionen um neue Titel, sondern sucht gezielt nach Titeln, die ins innovative Gesamtkonzept passen;

3. Den Autoren werden zwar erheblich geringere Vorschüsse als branchenüblich angeboten, jedoch auch erheblich höhere Anteile an den Erlösen;

4. Ausgewählt werden überwiegend Titel und Autoren, die das Potenzial haben, Leser-Communities um sch zu scharen, und die auch willens sind, kräftig beim Aufbau derselben anzupacken, und zwar mit allen Werkzeugen des Internet;

5. PR und Marketing setzen insgesamt nahezu ausschließlich auf Modelle und Strategien am World Wide Web;

6. Zu den Druckausgaben der Titel werden Audio- und eBook-Ausgaben um nur wenige Dollar Aufpreis angeboten.

Was die Online-Arbeit anlangt erläutert Studio Chef Bob Miller: "We try to find books that will benefit from online tools and books that have media or online or online community ties." So drückt man neuen Autoren gleich nach dem Signieren des Publikationsvertrags eine kleine Videokamera in die Hand mit der Bitte um Erstellung eines kleinen Beitrags, und natürlich werden Autoren ermutigt, sofort über Blogs und Facebook von ihrer Arbeit und ihren Themen zu berichten.

Ach ja, und der erste Titel, der im April bei Harper Studio erscheint, präsentiert keinen billigen neuen Serien-Star, sondern einen alten Bekannten: Die US amerikanische Literaturikone Mark Twain mit 24 bislang unveröffentlichten Texten. Insgesamt aber setzt man natürlich erst einmal auf bekannte Namen, denn für die Entdeckung neuester Belletristik sei das System noch nicht ausgereift genug, räumt Miller ein: "There's no magic bullet", fügt er hinzu, man sei erst ganz am Anfang, "but already we're starting to see an effect."

Rüdiger Wischenbart

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