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zuletzt aktualisiert 08.02.2012, 16.40 Uhr

Bücherschau der Woche

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Im Kino

Sisyphos, glücklich

Von Lukas Foerster, Ekkehard Knörer

14.01.2009. Laurent Cantet versucht sich in seinem Palmen-Gewinner "Die Klasse" die Schule als Geburtsort einer neuen multi-ethnischen Gesellschaft vorzustellen. Lars von Trier findet in seiner sadistischen Komödie "The Boss of it all" hinreißend hässliche Bilder für so manches, das mit Ökonomie und Gesellschaft im Argen liegt.

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Die erste Einstellung nach der kurzen Titelsequenz zeigt den Lehrer Francois Marin (Francois Begaudeau) in Großaufnahme. Er sitzt - zumindest wahrscheinlich, der Film verweigert den Establishing Shot und die exakte räumliche Orientierung - in einem Straßencafe, leert seinen Becher in einem Schluck, tritt auf die Straße, bewegt sich ein paar Meter durch den Flow der Passanten und betritt dann gemeinsam mit zwei Kollegen die Schule. Diese wenigen Sekunden zu Filmbeginn sind die einzigen, in denen Laurent Cantet die Kamera auf die Welt außerhalb dieser Schule richtet. Flashartig etabliert "Die Klasse" in diesem Miniprolog das außerschulische Leben als chaotischen, jeder Kategorisierung vorgeordneten Strom - und als Negativfolie, vor deren Hintergrund Cantet im Inneren der Schule eine Gesellschaft, die auf der Straße nicht mehr fassbar ist, neu synthetisiert.

Zunächst betritt Francois das Lehrerzimmer. In einer kurzen Ansprache werden - es ist der Beginn des Schuljahrs - die Anwesenden begrüßt und auf ihre Arbeit eingestimmt. Wenn dabei der Satz fällt, die Schüler seien zwar schwierig, aber eigentlich in Ordnung, so ist das nicht programmatisch zu verstehen, sondern als eine Hypothese, die der Film anschließend testet in einem zunächst ergebnisoffenen Experiment.

Dann trifft der Französischlehrer Francois auf seine Klasse, die hauptsächlich aus Jugendlichen mit Migrationshintergrund besteht. Kernstück von "Die Klasse" sind eine Reihe von über ein Schuljahr verteilte Französischstunden, im Verlauf derer ein kohärenter, gemeinschaftsstiftender Diskurs etabliert wird. Der Film beginnt diesen Diskurs, der deutlich, vielleicht manchmal etwas überdeutlich in erster Linie ein Diskurs über die Grundlagen der neuen, multiethnischen französischen Gesellschaft ist, mit den Voraussetzungen jedes Diskurses, mit dem Wortschatz. Das Wort "Österreicherin" ist, so lernt man, nachdem die Schüler ihnen unbekannte Wörter in einem Text markieren, von minderer Bedeutung, da es niemandem auffallen würde, wenn Österreich verschwände. Auf der Sinnhaftigkeit der anderen beanstandeten Worte besteht Francois allerdings.

Nach dem Wortschatz folgt in der nächsten Schulstunde die Grammatik - der Konjunktiv Imperfekt macht den Schülern zu schaffen - und schließlich, in der dritten Stunde, ein zusammenhängender Text, der auf seinen Inhalt befragt werden kann. Auf allen Stufen dieses sich langsam etablierenden Diskurses kommt es zur Kollision zwischen Lehrstoff und Lebenswelt. Nicht nur die Bewohner Österreichs und der Konjunktiv Imperfekt sind von dieser Lebenswelt weit entfernt, sondern auch das "Tagebuch der Anne Frank?, aus dem Francois eine Leseübung entnimmt.

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Nachdem der Diskurs mitsamt seinen internen Spannungen etabliert ist, geht der Film einen Schritt weiter. Jetzt sollen die Schüler in den Französischstunden Selbstporträts verfassen. So entsteht ein soziales Panorama des neuen Frankreichs. Da gibt es den fleißigen, zurückhaltenden Wey, den unkontrollierbaren Souleyman, die vorlaute Esmeralda und die kokette Khouma. Cantet entwickelt auch die Ökonomie dieser neuen Gesellschaft, er zeigt, wer von ihr ausgestoßen wird, wer von ihr profitiert und wer zwar drin bleiben darf, aber dennoch nicht profitert. Erweitert wird diese Ökonomie in Elternsprechstunden, Notenkonferenzen und Disziplinarverfahren, im Mikromanagment der Institution Schule, das auch die Frage entscheiden muss, ob den Lehrern eine Kaffeepreiserhöhung um 10 Cent zuzumuten ist.

Das Reißbrett, an dem das alles entworfen ist, verschwindet hinter den ausnahmslos fantastischen Schauspielleistungen der Jugendlichen und hinter elaborierten, vielschichtigen Dialogen, die authentisch aussehen und wirken, aber gleichzeitig noch jedes Mal auf einen dialektischen Mehrwert hinauslaufen. Doch es bleibt ein Reißbrett und vor allem die grundlegende Motivierung dieses Reißbretts als Gesellschaftsanalysator in einem pädagogisch-hierarchischen Versuchaufbau muss auch kritisch hinterfragt werden. Die Kommunikation zwischen Schüler und Lehrer findet naturgemäß nicht auf gleicher Höhe statt und dass der Film diese Tatsache immer wieder reflektiert, rettet ihn nicht unbedingt. Auf dem Pausenhof werden die Schüler - außer in einer Schlüsselszene gegen Ende - aus der Vogel- beziehungsweise Überwachunsperspektive von schräg oben gefilmt, die Schuss / Gegenschuss-Aufnahmen, in denen die Schulstunden aufgelöst werden, sehen demokratischer aus, als sich die Entscheidungsprozesse faktisch gestalten.

Am Ende bringt Cantet seine überaus ambitionierte Diskurs- und Gesellschaftsanalyse in einer vielleicht etwas überflüssigen selbstreflexiven Geste sogar mit Platons "Politeia" in Verbindung. Zumindest die asymmetrisch dialogische Form, in der "Die Klasse" diese Analyse organisiert, bekommt der Verweis ganz gut zu fassen.

Lukas Foerster


***

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Immer wieder nur staunen kann man über den Karriereweg Lars von Triers. Es wird einem wirklich nie langweilig mit ihm, immer fällt ihm was Neues ein und bei jeder These, die er vertritt, ist die Gegenthese nicht weit. Wenn man genau hinsieht, wird ja etwa von "Dogma" nicht sehr viel mehr bleiben als Lars von Triers großartige "Idioten". Und erst im Rückblick wird klar, was von Trier der von ihm initiierten "Dogma"-Bewegung - und was also wir ihr - verdanken. Seinen entschiedensten Schritt nämlich weg von den schwülstig-überladenen Anfängen ("Element of Crime", "Europa") hin zum Hässlichen, vom überfüllten zum entleerten Bild und, das wird immer klarer, damit auch von einer auktorialen Auteurs-Position zur ständigen Reflexion ebenderselben.

Darum ist es beglückend zu sehen, wie hässlich "The Boss of it all" ist, wie unansehnlich, wie krumm und schief und verwaschen und wirklich gar nicht schön anzusehen! Und wie großartig, wie schlau, wie lustig, wie durchgedreht! Hässlich ist der Film, weil die Wirklichkeit des Wirtschaftsalltags, die er schildert, selbst hässlich ist. Aber wie weit das in der Ausführung von allen Realismuskonzepten entfernt bleibt, wie viele Volten es schlägt, wie wenig es vor der Gemeinheit zurückschreckt und auch vorm Sadismus!

Als Sadist, als der der alle Fäden zu Beginn in der Hand hat, inszeniert Lars von Trier sich am liebsten. Zum Beispiel in "The Five Obstructions", seinem möglicherweise sogar besten Film, in dem er dem Regisseurs-Kollegen Jorgen Leth fünf im Grunde fast unlösbare Regieaufgaben als Variationen auf dessen eigenes Werk stellte. Zum Beispiel auch in "Dogville", wo er sich durch eine gottgleiche Stimme aus dem Off (von John Hurt gesprochen) auf dem Set / jenseits des Sets stellvertreten lässt.

Und nun wieder. Die eine oder andere Meta-Ebene ist immer schon drin auch in diesem, in den deutschen Kinos mehr als zwei Jahre verspäteten Film, "The Boss of it all",der so harmlos und hässlich daherkommt. Von Zeit zu Zeit verlässt die Kamera das Büro-Gebäude, in dem der Film spielt, und zeigt von außen das Haus, die Fenster, in Distanz zum Geschehen. Dazu spricht eine Stimme, die keine andere als die Lars von Triers ist, kommentiert das Gezeigte, inszeniert den Regisseur selbst als sadistischen Autor, der nach Belieben in die Handlung eingreift und seine Figuren knufft, stupst und schlägt. Nach diesen Zwischenrufen geht es dann wieder zurück, weiter im Text, der selbst schon absurd genug ist.

So fängt es an: Ein Mann, der Kristoffer heißt (gespielt von Jens Albinus), wird von einem, der sich offenbar auskennt, eingewiesen in eine Rolle, die er zu spielen hat. Ist das Theater? Irgendwie nicht, obwohl Kristoffer Schauspieler ist und auch eine Schauspieltheorie hat. Aber was ist es dann? Der Schauplatz sind die Büroräume einer Firma, stellt sich heraus, deren (angeblicher) Chef nie zu sehen ist, sondern nur per E-Mail mit den Angestellten kommuniziert. Kristoffers Rolle ist es, diesen "Boss of it all" zu spielen, den es nicht gibt, weil in Wahrheit Ravn (Peter Gantzler), der sich als bloßer höherer Angestellter ausgab, der Boss ist, es aber nie zugab. Ein fluider, abwesender, manipulativer, nicht festzunagelnder Boss war ihm bisher lieber. Nun aber soll die Firma verkauft werden, Verhandlungen finden statt mit einem isländischen Investor - als grollende, dänenhassende nordische Rachegottheit gespielt vom isländischen Regisseurskollegen Fridrik Thor Fridriksson - und da muss nun doch einer unterschreiben und mit der Unterschrift die Verantwortung unternehmen. Dass das per Alibi- und Lügen-Prokura nicht gutgehen kann, versteht sich beinahe von selbst.

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Aber auch Kristoffer spielt nicht einfach so mit. Er leistet Widerstand, so wie es bei Lars von Trier immer vor allem auf den Widerstand ankommt. Den Widerstand, den er von außen ins Spiel bringt, als Hand oder Wort Gottes. Den Widerstand aber auch, den er ganz offensichtlich selbst braucht, um seine Geschichten und seine Ästhetik voranzubringen. Er ist der sehr komplizierte Fall eines Sadisten, der noch die Umstände, die sich seinem Kontrollzwang entziehen, selbst schaffen will. Oder anders: Er sucht immer nach einem Ausweg aus dem Auktorialen, sieht sich aber mit dem Paradox konfrontiert, dass auch diesen Ausweg er selbst für und gegen sich ebnen muss. Darum die Vervielfachung der Stimmen in vielen seiner neueren Filme, darum das Experimentieren mit dem Metafiktionalen, das Sprechen von der Seite, von oben, von draußen. Wir haben uns Lars von Trier als glücklichen Sisyphos vorzustellen, der sich mit aller Kraft und allem Einfallsreichtum, den er hat, immer wieder Steine selbst in den Weg legt.

Diesmal ist er auf die geniale Idee verfallen, die Kontrolle über die Auswahl der Bildausschnitte an einen Computer zu delegieren. Nicht er selbst und/oder ein Kameramann legt das hier - als "boss of it all" - fest, sondern ein Rechner, ganz nach Zufallsprinzip und Gutdünken. (Das jedenfalls behauptet von Trier. Man sollte ihm nie ganz trauen und die anzubringenden Zweifel sind hiermit angebracht.) Sonderlich auffällig oder störend ist das, stellt man staunend fest, gar nicht. Eine Irritation für den Betrachter, ein Springen der Perspektiven und Winkel, auch der Tonqualität, aber beinahe gewöhnt man sich dran. Die Hauptleidtragenden sind in die Wahrheit die Darsteller, die sich nie darauf verlassen können, auf die eine oder andere Weise im Bild zu sein. Am wenigsten schert es einen Elefanten, der bei einer der wenigen Draußenszenen des Films störrisch tut, was er sowieso will.

Bild zum ArtikelWiederum gelingt es Lars von Trier, der als Regisseur wirklich nie ein guter Mensch ist, in die Rolle des Sadisten zu schlüpfen, der seine Autorität nicht nur durchs Überwinden selbst gesetzter Widerstände steigert, sondern diesen Triumph auch noch in Szene setzt. Sehr wohl weiß er das und reflektiert es mit. Und kostet es aus. Sich selbst sieht er darum ganz gewiss im Donnergott Fridrik Thor Fridriksson gespiegelt, nicht im feigen, harmoniesüchtigen und gerade deshalb endlos manipulativen Boss Ravn. Die böse und teils wirklich rasend lustige Komödie, die von Trier da in den Büros unserer Gegenwart spielen lässt, läuft am Ende aus dem Ruder. Nur einer gibt den Blick von draußen nicht auf und die Fäden dann eben doch nicht aus der Hand: Lars von Trier, the boss of it all.

Ekkehard Knörer


Die Klasse. Frankreich 2008 - Originaltitel: Entre les murs - Regie: Laurent Cantet - Darsteller: (Mitwirkende) Francois Begaudeau, Vincent Caire, Rachel Regulier, Anne Langlois

The Boss of it all. Dänemark / Schweden / Island / Italien / Frankreich / Norwegen / Finnland / Deutschland 2006 - Originaltitel: Direktøren for det hele - Regie: Lars von Trier - Darsteller: Jens Albinus, Peter Gantzler, Iben Hjejle, Jean-Marc Barr

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