Perlentaucher - Das Kulturmagazin

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zuletzt aktualisiert 12.02.2012, 21.04 Uhr

Bücherschau der Woche

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Im Kino

Heimische Hippiehöhle

Von Lukas Foerster, Ekkehard Knörer

26.11.2008. Ken Loach hat mit "It's a Free World" wieder einen Ken-Loach-Film gedreht: Seine Heldin Angie kämpft gegen die Mächte des Marktes und des eigenen Karrierrewunschs. Und Julio Medem hat mit "Caotica Ana" wieder einen Julio-Medem-Film gedreht: Seine Heldin Ana gibt den Exzessen des Regisseurs Körper und Gesicht.

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Dies ist die nächste Globalisierungs-Liberalismus-Parabel im realistischen Modus von Ken Loach. Es ist die Sorte Film, von der es heißt, dass nur Ken Loach sie dreht. Es ist auch die Sorte Film, die der deutschen Regisseur Ulrich Köhler, ein sehr politisch denkender Mensch, in seinem Bekenntnis "Warum ich keine 'politischen' Filme mache" als Musterbeispiel anführt. Es ist die Sorte Film, gegen die man wenig sagen kann, weil sie ja das Herz auf dem rechten Fleck haben und weil sie wirklich da hin gehen, wo es weh tut. Nicht mal im oberflächlichen Sinn verlogen sind sie. Und trotzdem: Richtig gut ist auch Ken Loachs "It's a Free World" wieder nicht.

Seine Heldin heißt Angie, gespielt von Kierston Wareing, die das hervorragend macht, wenngleich sie schon ein bisschen zu schön und zu selbstbewusst ist, um ganz wahr zu sein. Sie hat einen Job, der ist nicht toll, aber sie macht ihn gut. Sie wirbt als Beschäftigte einer darauf spezialisierten Agentur in Osteuropa Gastarbeiter an, die in Großbritannien dann die Sorte Jobs kriegen, die keine/r gern macht. Eines Abends wehrt sich Angie gegen die sexuellen Avancen eines Vorgesetzten. Tags drauf ist sie gefeuert, natürlich haben sich andere als die wahren Gründe gefunden.

Am System, dessen Teil sie war, zweifelt Angie nicht. Mit einer Freundin - sie heißt Rose (Juliet Ellis) - macht sie vielmehr ihre eigene Wir-AG auf und die beiden versuchen, sich mit einer Zeitarbeits-Agentur auf einem schwierigen und unregulierten Markt zu behaupten. Hindernisse und Probleme lauern auf allen Seiten. Steuern zu zahlen können die beiden sich erst mal nicht leisten. Anderen, viel größeren Agenturen ähnlicher Art sind sie recht bald im Wege. Angie selbst und auch Rose tragen miteinander - und vor dem Gerichtshof ihres Gewissens auch in sich selbst - Kämpfe aus darum, ob sie noch auf der Seite des Guten stehen.

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Dass er darauf keine ganz eindeutige Antwort gibt, ist erst einmal die Stärke von Ken Loachs Film. Als Hin- und Hergerissene porträtiert er seine Hauptfigur, der man die Sympathie nicht und bei Gelegenheit dann die Verachtung nicht verweigern kann. Und darf. Denn natürlich meint Loach auch das wieder durch und durch exemplarisch. Die kapitalistische Welt, wie sie ist, macht es dem Individuum im Zweifelsfall (fast) ganz unmöglich, den kategorischen Imperativen zu folgen, die die Menschen zusammenhalten könnten, da, wo der Markt und die Macht und der Ehrgeiz sie auseinanderzureißen drohen.

Das ist ganz auf der Linie des Ökonomen und Moraltheoretikers Adam Smith gedacht, der der unsichtbaren Hand der Marktmächte die moralischen Regungen des einzelnen als anderes der vom Markt produzierten a-humanen Effekte gegenüberzustellen versuchte. Ken Loachs These ist so einfach wie klar: Wo das eine - der Markt - herrscht, da zersetzt er - von episodischen Rückfällen abgesehen - im Zweifel auch die moralischen Regungen der Individuen. Angie ist dieses exemplarische Individuum, das vor den Augen des Betrachters in den im Grunde guten und in den von Kräften, die stärker sind als sie selbst, ins Böse gerissenen Menschen zerfällt.

Nicht die These ist das Problem des Loach-Kinos, sondern das Exemplarische. Weil es ein Thesen-Umsetzungs-Kino ist, sind auch die Figuren immer nur zu Individuen belebt - ohne lebendige Individuen zu sein. (Die Dissertation darüber, was genau der Unterschied ist, schreibe ich hier und jetzt nicht.) Natürlich tun die Darstellerinnen und Darsteller ihr Möglichstes. Sie haben aber keine Chance, etwas anderes zu werden, als besonders scheinlebendige Illustrationen dessen, was sie in der unsichtbaren Hand von Drehbuchautor und Regie zu sein und zu werden haben. Oder, um es überspitzt und so pointiert zu sagen, dass es auch schon wieder unfair ist: Die moralische Unfreiheit, die Ken Loach und Paul Laverty zu beklagen nicht müde werden, reproduzieren sie als ästhetische selbst. Sie machen es sich und uns - ästhetisch, darum aber auch intellektuell wie moralisch - viel zu leicht, noch da, wo sie illustrieren wollen, wie schwer es ist, in unserer Gesellschaft zu leben.

Ekkehard Knörer

***

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Anas erster Sex mit Said: Die Bewegungen sind hart und schnell, Schweiß liegt in der Luft. Die Kamera stößt mehrmals kraftvoll über ihren Oberkörper hinweg. Der Film übernimmt ganz und gar die Perspektive des Mannes, obwohl Ana nicht nur Hauptfigur, sondern in jeder Hinsicht Dreh- und Angelpunkt des Films ist. Dieser Kamerablick fordert nicht zur voyeuristischen Identifikation mit Said auf, Anas vermeintlich großer Liebe. Der bleibt im Film vorher wie nachher Gespenst, ist Projektionsfigur und nie handelndes Subjekt. Nein, es ist ein durch und durch exzessiver Kamerablick, ein Blick des Exzesses, ein Blick auf den Exzess.

Emotionale Exzesse und intensive Körperlichkeit sind seit seinem ersten Film "Vacas - Kühe" (1992) das Rohmaterial der Filme Julio Medems, seit der ersten Szene dieses ersten Films sogar: Da befreit sich ein tot geglaubter, nackter Soldat während den Carlistenkriegen des 19. Jahrhunderts aus einem Leichenkarren, schiebt die dreckigen und blutigen Körper der Gefallenen Kameraden beiseite und wirft sich in den Schlamm. Solche Sequenzen etablieren einen emotionalen wie körperlichen Ausnahmezustand, ein Zu-viel, das klassische Figurenpsychologie und mit ihr die klassische Filmform außer Kraft setzt. Die radikal freigestellte Emotionalität ist mit den Begrifflichkeiten von Psychologie oder Psychoanalyse selbst dort nicht einzufangen, wo sich Medem, wie in "Tierra" (1996), auf der manifesten Ebene in Vulgärfreudianismus nur so suhlt. Stets bleibt ein Überschuss an Vitalität, der sich Katalogisierungsversuchen entzieht. Im Erstling ist das ein Exzess des Hasses, in den Folgefilmen einer der Liebe oder des Begehrens.

Die Filme durchzieht eine (meist) produktive Spannung zwischen diesen Exzessen und den elaborierten Plotkonstruktionen, welche sie kanalisieren und mit Lebenswelt verknüpfen. Linear und kausallogisch funktioniert das nicht, die Filme erzählen multiperspektivisch, strukturieren sich assoziativ und motivisch. Freilich tun sie das so kunstvoll und streng, dass manchmal, gerade in Medems Durchbruchsfilm Die "Liebenden des Polarkreises" (1998) der Eindruck einer seltsamen Hermetik entsteht, eines selbstgenügsamen Zeichenuniversums, das die emotionale Dynamik auf Leerlauf zu schalten droht.

Seit "Lucia und der Sex" aus dem Jahr 2001 zeichnet sich eine Wende im Werk Medems ab, nicht zufällig vielleicht mit dem Umstieg auf digitales Filmmaterial. Die Bilder werden mit der neuen Technik freier und die engmaschigen Plotkonstruktionen lösen sich, der Exzess wird im Ansatz einer des Films selbst. In "Caotica Ana" ist nicht Exzess, wohl aber die verwandte Kategorie Chaos schon per Titel Programm.

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Und Chaos it is. Sobald die junge Ana zu Filmbeginn die heimische Hippiehöhle verlässt und sich in die weite Welt wagt, ist nichts vor ihr und diesem Film sicher. Zunächst nistet sie sich in einer Künstler-WG in Madrid ein, wo sie Said trifft und wieder verliert, später geht die Reise in Richtung USA und eigenes Unterbewusstsein. Ganz oberflächlich geht es geradliniger zu als in früheren Medem-Filmen, schon alleine weil hier eine einzige Figur im Mittelpunkt steht. Schicksalhafte Verwicklungen und psychosexuelle Motivketten, Markenzeichen der medemschen Filme, sind ganz in deren Inneres gewendet, manifestieren sich als Traumbilder, Visionen und Erinnerungen von fragwürdiger Authentizität. Ganz oberflächlich könnte man Chaotic Ana als Coming-of-age-Film beschreiben, als die Geschichte der schrittweisen Zivilisierung eines Höhlenbewohners.

Freilich würde das eine Entwicklung Anas implizieren. Und entwickeln tut sie sich gerade nicht. Statt dessen verwandelt sie sich, spontan, energetisch und unberechenbar und mit jeder Verwandlung verwandelt sich auch der Film, der einen spätestens nach der Verwandlung, die Ana mit einem Schnitt auf ein Segelboot mitten im Atlantik transportiert, nicht mehr loslässt.

Man muss, zugegeben, zwischendrin einiges ertragen: Medem füllt seinen Film randvoll mit Arthauskitsch und Esoterikquatsch, mit blonden Rastalocken und Jungkünsterklischees der übelsten Sorte, mit Seelenwanderungen, Hypnose und regressiver Mystik. Außerdem: ein fragwürdiges Amerikabild, aufdringliche Sexualsymbolik und eine unerträgliche Charlotte Rampling als Kunstmäzenin. Die neue Freiheit des Medemkinos hat ihren Preis. Wer nicht gerade unter einer ganz akuten Arthausallergie leidet, sollte nicht zögern, ihn zu bezahlen.

Lukas Foerster

Caotica Ana. Spanien 2007 - Regie: Julio Medem - Darsteller: Manuela Velles, Charlotte Rampling, Bebe, Matthias Habich, Nicolas Cazale, Asier Newman, Raul Peña, Gerrit Graham, Matthias Habich, Lluis Homar, Antonio Bellido

It's a free world. Großbritannien / Italien / Deutschland / Spanien / Polen 2007 - Regie: Ken Loach - Darsteller: Kierston Wareing, Juliet Ellis, Leslaw Zurek, Joe Siffleet, Colin Coughlin, Maggie Hussey, Raymond Mearns, Davoud Rastgou

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