Perlentaucher - Das Kulturmagazin

| Folgen Sie uns auf Twitter | Folgen Sie uns auf Facebook | Anmelden | Mobil | RSS | Newsletter

zuletzt aktualisiert 12.02.2012, 21.04 Uhr

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Im Kino

Nicht-Entheiratungs-Komödie

Von Ekkehard Knörer

12.11.2008. Hochkarätig besetzt - mit Uma Thurman, Colin Firth, Sam Shepard und Isabella Rossellini - ist die Screwball-Komödie "Zufällig verheiratet", in der es um eine Ehe geht, die mehr hält als sie verspricht. Die Musik-Doku "Screaming Masterpiece" entführt nach Island, ins Land von Björk und des hochmusikalischen Hoch-Goden Hilmar Örn Hilmarsson, und alles, was sie zeigt, ist interessant.

Bild zum Artikel
Komödien, das ist trivial, wollen gut ausgehen. Sie enden darum klassischerweise mit dem Glück, das die Ehe verspricht. Auf dem Weg zum Eheversprechen lauern, weil die Komödie nicht von Anfang an - und schon gar gut - ausgehen darf, Hindernisse der Liebe: Missverständnisse, in den Weg gelegte Dritte und Vierte, Verwechslungen hin, Verwechslungen her, Gewinn, Verlust und Wiedergewinn von Gewissheit. Zu Screwball-Zeiten hat Hollywood aus den schlichten Erfordernissen des Wegs der Komödie durchs Rauhe zu den Sternen so witzige wie anspruchsvolle Versuchsanordnungen gebaut. Sie behandeln im Rahmen des Komödiengangs ins keineswegs immer eindeutige Glück die Frage, wie es zwei Menschen, die sich nicht nicht lieben können, miteinander aushalten und auch wieder nicht. Der Philosoph Stanley Cavell hat diese Komödien, die er Wiederverheiratungskomödien nennt, in seiner ins Deutsche skandalöserweise noch immer nicht übersetzten Studie "Pursuits of Happiness" auf unüberbietbar subtile Weise untersucht.

Als Variation der Muster in dieser Tradition versteht sich der von Hauptdarstellerin Uma Thurman mitproduzierte Film "Zufällig verheiratet" unter Regie des Schauspieler-Regisseurs Griffin Dunne (bekannt geworden als Protagonist von Martin Scorseses brillanter Komödie "Die Zeit nach Mitternacht"). Der Film stellt eine Radio-Ehe- und Liebesberaterin (Uma Thurman als Dr. Emma Lloyd) ins Zentrum und eine aus Rache gefälschte Ehe an seinen Beginn. Emma Lloyd nämlich trägt mit ihren Tipps die Schuld am Auseinandergehen der Beziehung des Feuerwehrmanns Patrick Sullivan (Jeffrey Dean Morgan). Sullivan lebt in Astoria, Queens, in einem sonst vor allem von Indern bewohnten Haus. Der Junge eines indischen Nachbarn, mit dem Sullivan wie mit all den anderen Inderinnen und Indern der Nachbarschaft befreundet ist, erweist sich als begabter Computer-Hacker-Inder, der da, wo sonst nur Priester und/oder Standesamt ihren Segen geben, als Komplize Sullivans zur Rache im Virtuellen schreitet und vollendete Ehe-Tatsachen nun ausgerechnet zwischen Sullivan und Emma Lloyd schafft.

Bild zum Artikel
"Zufällig" ist diese Ehe also doch eher nicht. Komplizierend kommt hinzu, dass Emma Lloyd selbst gerade unmittelbar davor steht, mit dem Verleger Richard Bratton (Colin Firth) in den Stand der Ehe zu treten. Beide gehören sie in die allerbeste New Yorker (um genauer zu sein: Manhattaner) Gesellschaft und was sich mit Emmas Weg nach Queens abzeichnet und anbahnt - die Liebe des Radiostars zum Feuerwehrmann -, taugte, wenn sie denn taugte, nicht zuletzt als Komödie über New Yorker Klassenverhältnisse. In Queens stolpert Emma auf der Suche nach dem ihr voll und ganz unbekannten Ehemann in dessen eher proletarische Stammkneipe. Spielt ganz ordentlich Billard. Betrinkt sich. Stößt sich betrunken den Kopf. Wird von Sullivan nach Hause getragen. Kehrt am nächsten Tag verwirrten Herzens in ihr richtiges Leben zurück, das nun irgendwie verkehrt auszusehen beginnt.

Zwischen Queens und Manhattan, zwischen bester und nicht so guter Gesellschaft geht es in der Folge vorhersehbar hin und her. Klischees werden nicht ausgelassen, sondern gesucht. Als Emmas Vater kommt recht überflüssigerweise Sam Shepard ins Spiel. Ebenfalls ins Spiel kommt Isabella Rossellini als Deutsche (!), deren deutscher Ehemann Karl Bollenbecker (Keir Dullea) reich und mächtig ist und den Verlag von Emmas Zukünftigem zu retten verspricht. Es liegen zwischen allen Beteiligten unentwegt komödientypische Verwechslungen vor. Karl Bollenbecker ist glücklich, dass er sich mit Patrick Sullivan, den er eben aus Verwechslungskomödiengründen für Emmas Verlobten hält, über die Bundesliga, Jürgen Klinsmann (!) und Lukas Podolski (!!) unterhalten kann. (Habe ich das richtig verstanden, dass Karl Bollenbecker der Eigentümer von Bayern München ist?)

Neben dem Deutschen-Klischee wird auch das Indien-Klischee ausgespielt. Sullivan packt die ganze Manhattan-Gesellschaft und verfrachtet sie mitten hinein in ein indisches Fest. "Zufällig verheiratet" wechselt dabei unversehens das Register und wird zum Bollywood-Film, Tanz- und Gesangseinlage inklusive. Was auf dem Papier gewiss interessant klang, in der Ausführung aber so unmotiviert daherkommt, dass es einfach nicht funktioniert. Leider gilt das auch für mehr oder wenig alle anderen Aspekte des Films, dessen größtes Problem noch dazu in seiner Hauptdarstellerin liegt. Uma Thurman, die allzu rasch von der toughen Screwball-Heldin zur aufgelösten Wirren mutiert, grimassiert zum Erbarmen und tut in wirklich jeder Szene des Guten zu viel. Dazu passt die musikalische Überinstrumentierung durch Andrea Guerra. Auf verlorenem Posten stehen all die hochkarätigen Stars in den Kulissen und verziehen, anders als Uma Thurman, dazu immerhin keine Miene. Es ist ein Jammer, denn eine vom Zufall zur vollen Absicht sich wendende Komödie der Nicht-Entheiratung hat in der Screwball-Tradition sehr wohl noch gefehlt.

***

Wichtiger, als alles richtig, ist es in eher mittelinteressanten Genres vielleicht, erst einmal nichts falsch zu machen. Dies, kann man wohl sagen, gelingt Ari Alexander Ergis Magnusson bereits 2005 entstandene Dokumentation der isländischen Musikszene, die in unseren Kinos den Titel "Screaming Masterpiece" und im Original den Namen "Gargandi Snilld" trägt. Was nicht fehlen darf, fehlt entsprechend auch nicht: Björk, die in ihrem Wohnzimmer (sieht jedenfalls so aus) Rede und Antwort steht und in Konzertszenen aus New York ebenso zu sehen ist wie, wirklich interessant, in einem Auftritt mit ihrer Band Tappi Tikarrass von 1981 (da ist sie fünfzehn oder sechzehn - andererseits: ihre erste Platte hat sie mit elf veröffentlicht). Dieser Auftritt wiederum ist ein Auszug aus dem bis anhin bekanntesten Dokumentarfilm über die isländische Musik, dem 1981 entstandenen und von Islands berühmtestem Filmemacher Fridrik Thor Fridriksson gedrehten "Rokk I Reykjavik".

Hier ist der Ausschnitt bei YouTube:


Auch nicht fehlen dürfen, versteht sich, die Postrock-Sphäriker Sigur Ros, die Elektro-Experimentalisten Mum oder das Produzenten-Komponisten-Label-Master Mind Johann Johannsson. Der Punk der späten Siebziger, frühen Achtziger wird in Dokumentarmaterial eindrucksvoll eingespielt. Dass es daneben auch einen Rapper gibt, der alle Bewegungen und Gesten westlicher und/oder östlicher Küsten beherrscht, wird deutlich. Der Film mischt Auftritte im Konzert mit Gesprächen vor der Dokumentarkamera. Manche der Musiker philosophieren über den musikalisch exterritorialen Niemandsland-Status Islands, der nicht nur ödes Epigonentum, sondern auch die wildesten Mischungen möglich macht. Aber auch Rückbindungen an Musik-Traditionen der Insel werden gesucht und in der erstaunlichen Figur Hilmar Örn Hilmarssons auch gefunden, der nicht nur sehr erfolgreich Filmmusik macht (Europäischer Filmpreis für Fridrikssons Film "Children of Nature") und mehrfach mit den legendären anglo-amerikanischen Industrial-Rockern von Psychic TV gearbeitet hat, sondern außerdem noch der Hoch-Gode, soll heißen: der oberste Vertreter der als offizielle Glaubensgemeinschaft anerkannten heidnischen Religion Islands ist, die Odin, Thor und Freia verehrt.

Bild zum Artikel
Wie alle guten Dokumentarfilme macht "Screaming Masterpiece" klar, dass sein Gegenstand - und sei es: noch einmal - viel interessanter ist als man vorher gedacht hätte. Die exzentrische Lage Islands bringt viel Exzentrisches hervor und erobert damit bei Gelegenheit auch mal die Welt. Jeder, auch das wird hier deutlich, kennt jeden und die Grenzen zwischen den Bands sind, wie in vielen überschaubaren Szenen, eher fließend. Aufgrund beträchtlichen Personalmangels haben viele Bewohner Islands mehrere, auf den ersten Blick nicht sehr nahe beieinanderliegende Berufe und/oder Funktionen. Da ist der berühmte Filmmusiker und Hoch-Gode Hilmarsson keine Ausnahme. Island ist ein Labor, das zeigt "Screaming Masterpiece", in dem reichlich mad scientists zugange sind, und was hier brodelnd aus den Studios und aus dem Untergrund kommt, ist des Hinhörens wert.

Zufällig verheiratet. Großbritannien / USA 2008 - Originaltitel: The Accidental Husband - Regie: Griffin Dunne - Darsteller: Uma Thurman, Colin Firth, Jeffrey Dean Morgan, Sam Shepard, Isabella Rossellini, Lindsay Sloane

Screaming Masterpiece. Island / Dänemark / Niederlande 2005 - Originaltitel: Gargandi Snilld - Regie: Ari Alexander Ergis Magnusson - Darsteller: Björk, Sigur Ros, Damon Albarn, Dagur Kari, Hilmar Örn Hilmarsson, Steindor Andersen

Mailen | Drucken | Merkzettel | Empfehlen auf Facebook | Twittern |

blog comments powered by Disqus

Archiv: Im Kino

Ganz kalter Krieg

01.02.2012. Regie führt Bennett Miller, die Hauptrolle übernimmt Brad Pitt, doch der eigentliche Star des postindividualistischen Sportfilms "Moneyball" ist der Drehbuchautor Aaron Sorkin. In Tomas Alfredson Le-Carre-Verfilmung "Dame, König, As, Spion" durchstreifen Agenten verwunschene alte Häuser mit knarrenden Dielen. Nie sahen die Siebziger mehr nach Fünfzigern aus.
Mehr lesen

Schmutzigster Nahkampf

25.01.2012. Nach vier Jahren Pause kehrt der koreanische Festivalliebling Kim Ki-duk zurück: mit "Arirang", einem Essayfilm voller Spiegelungen und doppelter Böden. Nicolas Winding Refns "Drive" ist bei aller Keuschheit alles andere als asexuell und lässt den Geist Kenneth Angers in zeitgenössischer Retroästhetik wiederaufleben.
Mehr lesen

Filme für zu schnell Gewachsene

18.01.2012. Der türkische Autorenfilmer Nuri Bilge Ceylan rückt sein Kino mit "Once Upon a Time in Anatolia" in die ästhetische Nähe des Italo-Westerns. In James Bobins Relaunch von "The Muppets" stellt Jason Segel, die Frage, die jeden Jungen umtreibt: Am I a Man or Am I a Muppet? Mehr lesen

Sprache zweiter Ordnung

11.01.2012. Das erste Meisterwerk des Jahres: Corneliu Porumboiu untersucht in "Polizeilich, Adjektiv" die linguistischen Grundlagen der modernen rumänischen Gesellschaft. David Finchers "The Girl With the Dragon Tattoo" ist dagegen vor allem die zweite Verfilmung eines besonders zynischen Bestsellers. Hinter der sich möglicherweise ein formradikaler Autorenfilm verbirgt. Mehr lesen

Ein Gnadenakt

05.01.2012. Vier Filme der "Unknown Pleasures"-Serie im Berliner Kino Babylon: Monte Hellmans Comeback "Road to Nowhere", Sofia Takals Debüt "Green", Frederic Wisemans Bewegungsstudie "Boxing Gym" und Lee Anne Schmitts historiografischer Dokumentarfilm "The Last Buffalo Hunt". Mehr lesen

Nicht im Kino

28.12.2011. Anstatt eines Jahresrückblicks: Vier Filme, die uns der Kinoverleih dieses Jahr schuldig geblieben ist. Über Manoel de Oliveiras "Der seltsame Fall der Angelica", Sergio Caballeros "Finisterrae", Uruphong Raksasads "Agrarian Utopia" und Rene Frölkes "Führung". Mehr lesen

Branchenüblicher Zynismus

21.12.2011. George Clooney verleiht in "The Ides of March" leeren Sälen und Turnhallen der Obama-Ernüchterung des linksliberalen Hollywoods Ausdruck, manövriert aber mitunter wie ein Filmstudent. Zwischen Oktoberfest und Pornofilm-Set sucht Nikolaus Geyrhalter in "Abendland" dessen Bewohner, kommt dabei aber über Vorurteile kaum hinaus. Mehr lesen

Totale wechselseitige Beobachtung

14.12.2011. Komplett aus altem Archivmaterial montiert Göran Olsson den Dokumentarfilm "Black Power Mixtape 1967 - 1975", der die Geschichte der schwarzen Bürgerrechtsbewegung von außen, nämlich von Schweden aus, nacherzählt. Nikolas Wackerbarths "Unten Mitte Kinn" sperrt Schauspielschüler in ein labyrinthartiges Gefängnis namens "Kunsthochschule Ulm". Mehr lesen

Nach innen gefaltet

07.12.2011. Nanni Moretti findet in seiner absurden Komödie "Habemus Papam" noch da Würde, wo sie niemand vermutet hätte: bei Volleyball spielenden Kardinälen. Chris Millers "Der gestiefelte Kater" ist Patchwork- Kino im Italowesternlook, lässt aber im Kleinen genug Raum für Großartiges. Mehr lesen

Leben eben

30.11.2011. Berückend erzählt Thomas Imbachs Dokumentarfilm "Day is Done" von flüchtigen und ganz unflüchtigen Dingen. Und Cary Fukunaga steckt für seine Romanverfilmung "Jane Eyre" die gründlich falsch verstandene Titelfigur ins Puppenhaus. Mehr lesen

Überzivilisierter Kokon

23.11.2011. Ein genuin filmisches Spektakel macht Roman Polanskis "Der Gott des Gemetzels" aus Yasmina Rezas Bühnenstück über zwei sich bekriegende Ehepaare. Bill Condons "Breaking Dawn" fügt dem "Twilight"-Franchise einen weiteren hochsexualisierten Blockbuster ohne Triebventil hinzu. Mehr lesen

Wie sieht Sterben aus?

16.11.2011. Jenseits aller Metaphysik untersucht Andreas Dresen in seinem Film "Halt auf freier Strecke" die Verbindung von Kino und Tod. Richard Ayoades Regiedebüt "Submarine" weicht den Fallen des nostalgischen Hipsterkinos geschickt aus. Mehr lesen

Erosmonster

09.11.2011. David Cronenbergs "Eine dunkle Begierde" ist ein Ränke- und Agentenspiel um die Begründer der Psychoanalyse, Carl Jung, Sigmund Freund und Sabina Spielrein. Kelly Reichardts hypnotisch spröder "Meet's Cutoff" ist ein feministischer Western durch und durch.
Mehr lesen

Kleiner Streber Max

02.11.2011. Brett Ratner gelingt in "Aushilfsgangster" mit den Mitteln des populären Genrefilms eine Verdichtung der aktuellen Finanzkrise. Shawn Levy bremst dagegen in "Real Steel" seine Kampfroboter mit einem der nervigsten Filmkinder der letzten Jahre aus. Mehr lesen

Doppelte Fluchtbewegung

26.10.2011. In Steven Spielbergs "Die Abenteuer von Tim und Struppi" gibt es Bilder von traumartiger Schönheit, aber keine "ligne claire". In Gary McKendrys "Killer Elite" prügeln sich noch echte Männer mit Bart. Mehr lesen

Gesamtes Archiv: Im Kino