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Ungeschützter Ideenverkehr
Die Zukunft des Buchs Von Rüdiger Wischenbart
09.10.2008. Der Buchmessen-Hype um die neuen Lesegeräte verdeckt, dass die Zukunft des Buchs schon längst begonnen hat. Aber es sind noch viele faszinierende Fragen offen - und die des Preises ist nur eine davon. Am Ende könnte sich das Buch im Netz auflösen wie eine Träne im Ozean
Es ist eine bemerkenswert widersprüchliche Situation, doch vielleicht geht es auch gar nicht anders. Kaum war die Krise - auf den globalen Finanzmärkten - so unübersehbar ausgebrochen, las ich in allen amerikanischen Branchendiensten, wie viele neue Verlagsverträge über neue Bücher zur Erklärung der Krise abgeschlossen worden seien, jeweils zu beachtlichen Garantiehonoraren. Die Autoren dieser Bücher konnten allerdings nur im Finanzjournalismus wohl etablierte Menschen sein, denn so rasch hätte es kein Außenseiter geschafft, ein Expose und damit die materielle Grundlage für solch einen Vertrag an eine etablierte Agentur zu bringen und damit zu einem Buchvertrag zu kommen. Diese etablierten Journalisten sind aber womöglich nicht die besten Boten, um die wahren Hintergründe der Krise zu erklären.
Ganz ähnlich verhält es sich mit den elektronischen Büchern, auch e-Books genannt, auch wenn dieses Kürzel nun schon ein wenig schal nach drittem Aufguss klingt - und nur bei exquisitem chinesischem Grünen Tee schmeckt der dritte Aufguss bekanntlich besser als die vorangegangenen. Obgleich, vielleicht ähneln Bücher, als Kulturgut, dem Tee.
Wenn kommende Woche zur Frankfurter Buchmesse die neuen elektronischen Bücher groß ins mediale Glitzerlicht gerückt werden - gemeint sind allerdings nur ein paar digitale Lesegeräte wie Amazons "Kindle" oder der "Sony Reader" -, wir die Zukunft des Buches ausgerechnet im Moment einer generellen Katerstimmung ausgerufen, nach dem Crash der Finanzmärkte und damit vieler froher Zukunftserwartungen und durch wohl bekannte Großkaliber des Gewerbes, vom Online-Großbuchhändler bis zu manchen Konzernverlagen.
Richtig Aufbruchsstimmung entsteht beim breiten Lesepublikum so wohl kaum - denn sollen wir einerseits, krisengeschüttelt, den Konsumgürtel enger schnallen, und zugleich zukunftsfroh mehrere hundert Euro hinblättern, um ein weiteres elektronisches Gerät zu erstehen, das vielleicht gar noch nicht ausgereift ist? Wird die digitale Zukunft der Bücher schon wieder abgepfiffen, noch ehe sie begonnen hat? Wohl kaum. Aber die seltsam zwiespältige Stimmung passt ganz gut. Denn es wird alles wohl komplizierter, als es die Trendbarometer und Trendsetter gerne hätten.
Wenn medial in den kommenden Wochen und Monaten ständig von irgendwelchen Bestsellern die Rede sein wird, die man nun auch auf Bildschirmen wird lesen können - als Gratis-Werbeangebot am Laptop oder am teuren Extra-Lesegerät, oder auch am Mini-Telefonbildschirm - ist das wohl teils ein Missverständnis, und teils Marketing, also überwiegend eine Wolke heißer Luft.
Andererseits hat digitaler Text - und auch Lesen am Schirm - längst eine steile Karriere hinter sich, und ist im Bereich lukrativer Fachinformationen als Cash-Cow gut etabliert.
Der weltweit größte Verlagskonzern, Thomson, der zu Jahresbeginn mit dem Nachrichtennetzwerk Reuters fusioniert hat, macht gut 80 Prozent seiner Umsätze mit digitalen Publikationen. Reed Elsevier, der Weltmarktführer bei Wissenschaftsinformation, ist ähnlich aufgestellt. Wolters Kluwer (mit Schwerpunkt juridische wie wirtschaftliche Informationen), aber auch die großen globalen Player im Bereich "Education" (ehedem Bildungsverlage genannt) sind längst auf dem gleichen Weg.
Keiner dieser Verlage hat für sein digitales Engagement auf Lesegeräte wie Amazons "Kindle" gewartet. Sie haben stattdessen ihre Inhalte neu verpackt, zu gut durchsuchbaren, höchst vernetzten Einheiten, und vor allem haben sie in vielen Fällen hoch erfolgreich ihr Geschäftsmodell umgestellt.
Statt mühevoll, wie ein Buchhändler, für jeden einzelnen Titel den Kunden erneut zur Kassa zu bemühen um da fünf oder dort 20 Euro zu kassieren, haben die digitalen Pioniere aufs viel einfachere Abonnement gesetzt. Die - überdies überwiegend institutionellen Kunden - bezahlen eine Gebühr für den Zugang zur Information, gewissermaßen als Abonnement.
Für den Zugang zu bezahlen, und nicht für einzelne Produkte, setzt sich insgesamt bei den digitalen Netzen zusehends durch, auch im privaten Endkundenbereich. Beim Telefonieren lösen zusehends Flat Rates die Abrechnung pro Gespräch ab, wie auch beim Internet kaum noch jemand anders als für einen generellen Zugang bezahlt. Der nächste Schritt ist wohl, dies auch auf den Bezug der Inhalte auszudehnen, wie beim Kabel-TV: Für eine monatliche Gebühr darf ich zuschauen (oder hören, oder mitmachen).
Warum sollte dies, mittelfristig wenigstens, bei digitalen Büchern am Netz anders sein?
Gewiss, in der noch umständlichen neuesten Auflage der elektronischen Bücher soll ich, ganz wie im Buchladen, für jeden Titel extra bezahlen. Aber schon hier beginnt das Problem. Warum soll ich eigentlich ein ganzes Kochbuch oder, als Studierender, alle Titel zur Leseliste der Einführungsvorlesung kaufen, wenn mich nur Suppen oder maximal ein Drittel der Aufsätze eines Studien-Bandes interessieren? Warum soll ich für ein e-Book den gleichen Preis bezahlen wie für das gedruckte Buch, obwohl für den Verlag maximal die Hälfte der Kosten für Druck und Vertrieb anfallen? Warum sollte dann auch der Autor nur 10 Prozent vom Endkundenpreis abbekommen, wo doch dem Verlag wesentlich geringere Kosten entstehen?
Das waren aber erst die einfachen Fragen. Die komplizierten erahnen wir erst. Warum sollte ich mein e-Book nicht an meine Freunde ausleihen dürfen? Warum sollten mir meine Freunde dann nur mein e-Book zurückgeben, und nicht auch ihre Notizen, Anmerkungen, oder Verweise auf andere Bücher? So entstehen in der Wissensgesellschaft, in die wir eingetreten sind, Mehrwert und User-Communities. Wie viel von den anderen Büchern und deren Notizen darf ich dann einsehen? Wo endet eigentlich das Buch, das ich digital gekauft habe, und wo beginnt das nächste Buch, auf das mich meine Freunde verwiesen haben? Übrigens, wer darf diese Notizen öffentlich machen, und weshalb sollte(n) nicht auch der Autor/ die Autoren eine redigierte Auswahl dieser Erweiterungen in eine Neuauflage einbringen? Ab wie viel zusätzlichem, aufgewertetem Content muss ich das Buch neu erwerben - und zu welchem Preis?
Die neuen digitalen Lesegeräte, die auf der Frankfurter Buchmesse wie auch mit Blick aufs anstehende Weihnachtsgeschäft heftig beworben werden, imitieren brav das konventionelle Buch, nicht zuletzt um die Verlage an Bord zu bringen, die eine digitale Öffnung der Buchdeckel fürchten wie die Teufel den Engelschor der unkontrollierbaren Gläubigen.
Der Börsenverein des deutschen Buchhandels hat auch schon vehement eine Buchpreisbindung für e-Books eingefordert. Aber jedes der neuen Geräte, und noch viel wichtiger: alle LeserInnen, die schon das World Wide Web und seine Verführungen des ungeschützten Ideenverkehrs zu lieben und nutzen gelernt haben, ahnen die Verlockungen, die hinter den bislang noch geschützten Nutzungsbegrenzungen zu neuen Begierden verführen.
Als nach 1945 in Deutschland, neben so vielem anderem, auch ein neues Leseerleben beginnen durfte, gab es zumindest zwei große Erfolgsmodelle. Das eine waren ganz billige, anfangs sogar auf Zeitungspapier gedruckte Romane, die den Leseheißhunger stillten (und auch gleich entsprechend kulturkritisch herabgewürdigt wurden). Das Taschenbuchkürzel RoRoRo (für Rowohlts Rotations Romane) steht bis heute dafür. Das andere war der Bertelsmann Club, im Kern ein Abo System für ausgewählte Bücher.
Nun wiederholen sich Innovationen nicht einfach. Aber das Muster könnte einen kleinen Hinweis für ein Verständnis der anstehenden Umbrüche geben.
Bei den großen Bestsellern, die den Leseheißhunger stillen, sind das Format (auf Papier!), wie ich mir den Krimi reinziehen will, wie auch die kostengünstige Produktion und Distribution so gut eingespielt, dass wohl noch viele Bäume geknickt werden, bevor das anders laufen wird.
Bei den vielen Nischenbüchern - die insgesamt etwa die andere Hälfte des Marktes ausmachen - ist dies eine ganz andere Chose. Wir alle wissen wie hier, bei übersetzten Romanen, Lyrikbändchen, illustrierten wie vielfältig annotierten Werken für Regionalgeschichte, bei Büchern von und für Modelleisenbahnliebhaber oder für die MySpace Community, die Verhältnisse ganz anders sind - wobei verschiedenste Print-on-Demand-Angebote auch noch offen lassen, ob das in allen Vorbereitungsschritten "digitale" Buch am Ende tatsächlich auch auf einem Bildschirm gelesen werden muss, oder nicht ebenso alternativ auf Papier ausgedruckt, gebunden und per Post an die Leser geschickt werden kann.
Gewiss ist allerdings auch, dass eine einfache Übertragung des gedruckten Buchs aufs digitale online oder auf POD, auch noch zum gleich Preis, längerfristig nicht funktioniert.
Das wird spannend: Wann wird es im immer noch zweitgrößten und differenziertesten Buchmarkt der Welt, in Deutschland, die ersten Versuche geben, den möglichen Content-Verkehr im größeren Maßstab systematisch neu zu denken und neu zu berechnen?
Wenn also in den kommenden Wochen die Medienwellen hochschlagen, sollten wir ruhig und neugierig sein: Geht es nur darum, einen neuen Wein in alte Schläuche abzufüllen, dann wird auch diese e-Book Welle den Weg der Finanz- und aller anderen Blasen gehen. Beginnt hingegen eine Innovation der Schläuche, dann sollten wir hellhörig werden.
Rüdiger Wischenbart
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