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zuletzt aktualisiert 11.02.2012, 21.01 Uhr

Bücherschau der Woche

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Virtualienmarkt

Lesergenerierte Literatur

Von Rüdiger Wischenbart

16.09.2008. Während man in Deutschland langsam Kindle und Co. zur Kenntnis nimmt, sind die Chinesen schon viel weiter: Literatur auf Papier gilt als uncool, und chinesische Nasdaq-Konzerne investieren in Online-Bücher

Die digitale Welt der Bücher, wie sie sich allmählich abzuzeichnen beginnt, wird wohl viel bunter als es sich Fans wie auch Verächter von Digitalien heute vorstellen möchten. Die schicken Plastikkistchen, die nun in den kommenden Monaten mit viel Marketinggetöse durch die Medien getrieben werden, die Frankfurter Buchmesse und das Weihnachtsgeschäft fest im Blick der Werber, haben dabei vielleicht die wichtige Rolle, den Wandel sichtbar und greifbar zu machen. Viel mehr jedoch nicht.

Hält man zum ersten Mal ein "Kindle" von Amazon oder einen der anderen elektronischen "Reader" in Händen, ist man gewiss verblüfft, wie leicht und selbstverständlich sich die Geräte mittlerweile anfühlen, und wie bequem sich auf den mit "e-Ink" betriebenen Schirmen lesen lässt. Aber ich glaube, es geht um solche Kästchen und Bildschirme erst in zweiter Linie. Viel wichtiger ist, wie wir und wie andere mit dem Schreiben und dem Lesen umgehen.

Vor einer Woche erzählte mir Lu Jinbo, dass in China im Vorjahr wenigstens zehn Autoren mehr als eine Million Renminbi mit "Online-Büchern" verdient hätten, mit Texten also, die ausschließlich am Internet erschienen waren. Das sind jeweils gut 100.000 Euro. Bedenkt man, dass in China selbst ein gedrucktes Buch nur zwischen einem und zwei Euro kostet, ist dies beachtlich. Diese jungen Erfolgsautoren, so Lu, seien auch völlig desinteressiert an einer Ausgabe ihrer Werke auf Papier. Papierbücher seien umständlich, uncool und auch, was das Honorar anlangt, wenig attraktiv.

Nun sind die online verbreiteten Romane keineswegs digitale Nachschöpfungen von Goethes "Wahlverwandtschaften". Nicht einmal der in China lange Zeit so populäre Stefan Zweig steht Modell. Vielmehr gehe es, so Lu, um Fantasy - mit epischen Fortsetzungsromanen, deren schierer Umfang von Millionen von Wörtern nicht so recht in gedruckte Bücher passt, - sowie um Kolportageromane über den Lebensalltag der jungen Leute in den wilden Städten. Viel von diesen Romanen steht gratis im Netz, doch spätestens ab der Hälfte muss man für den Zugang bezahlen.

Interessant an meinem Gesprächspartner Lu Jinbo ist, dass er selbst sich weiterhin auf Papierbücher konzentriert, und dies, obwohl er einer der Pioniere für Literatur am Web in China war. Seine Website "Unter dem Banyan Baum" ist Legende und hat wesentlich dazu beigetragen, die Chinas junge Leser heute prägende Autorengeneration der "Young Adult Fiction" zu formen und populär zu machen. Lu ist auch ein geschickter Unternehmer, der ein frühes Joint Venture mit Bertelsmann einging. Bertelsmann war aber ausgerechnet an den erfolgreichen Online-Experimenten nicht interessiert, sondern wollte unbedingt sein Clubmodell nach China exportieren. "Damit lässt sich kein Geld machen", kommentiert Lu trocken. Bertelsmann hat unlängst sein chinesisches Clubabenteuer - und damit auch das Joint Venture - beendet. Zumindest der Zeitpunkt ist überraschend, denn Chinas Verlagsmarkt brodelt wie nie zuvor.

Lu Jinbos neues Joint Venture hat die Liaoning Publishing Group zum Partner, den ersten - so wie alle anderen auch: staatseigenen - Verlag, der unlängst die besonders dynamischen Teile seines Unternehmens in eine eigene Gesellschaft ausgründete, um damit an die Börse in Shanghai zu gehen. Dabei stehen allerdings immer noch um Bücher, gedruckt auf Papier, im Mittelpunkt.

Viel extremer und wohl auch überraschender ist eine andere Neugründung. Chen Tianqiao, 32 Jahre jung und immerhin von Forbes schon vor ein paar Jahren als Nummer 10 in einer Liste der reichsten Chinesen gereiht, hat erst im Juli 2008 kräftig in Literatur investiert. Chen hat freilich keinen Buchverlag gekauft, sondern seine "Shanda Interactive Entertainment" gewissermaßen um eine Literaturabteilung erweitert.

Shanda, gegründet 1999 und an der NewYorker Technologiebörse Nasdaq notiert, ist Chinas Marktführer bei Online-Spielen. Das amerikanische Magazin Businessweek notierte schon 2005: "One of Shanda's top games, a fantasy adventure called The World of Legend, boasts as many as half a million users playing simultaneously. Shanda earned $74 million last year on sales of $157 million, and analysts expect profits to top $100 million this year. At $2.6 billion, Shanda's market capitalization is the biggest of any Chinese Internet company." (Hier ein neuerer Artikel aus Businessweek über Shanda.)

"Shanda Literature" soll nun das Spielfeld des Konzerns um "original reader-generated literary works" erweitern. Die entsprechende Presseaussendung spricht übrigens zuversichtlich von Chinas "robustem Online-Literaturmarkt" und verweist auf Shandas bislang drei einschlägige Portale: Qidian.com, die größte chinesische Plattform für Online-Literatur mit 20 Millionen registrierten Usern, Hongxiu.com, die wichtigste "pure literature platform" mit immerhin 1,8 Millionen eingeschriebenen Nutzern, und Jjwxc.com, das führende Forum für gezielt weibliches Lesepublikum mit 700.000 Mitgliedern.

Ich weiß schon, diese Kombination provoziert hierzulande arges Nasenrümpfen: Spiele ("Games"), "user generated content" und Literatur gehen in Europa eigentlich nicht zusammen. Es sei denn, man spricht darüber mit jemandem wie Peter Glaser, der als Schriftsteller immerhin beim Bachmann Preis ausgezeichnet wurde und dem man zugleich als Vordenker von Digitalien und Mitbegründer des legendären Chaos Computer Clubs kein Pixel für einen guten Buchstaben vormachen mag (hier sein Blog).

Glaser holt sich seit längerem und unverdrossen Nasenrümpfen und Kopfschütteln ab mit der These, dass Romanliteratur und die Plots von raffinierten Games der nächsten Generation mehr und mehr gemeinsam haben würden, und dies fern aller Trivialität. Dass aber ausgerechnet ein chinesischer, in New York börsenotierter Games Konzern zum Vorreiter dafür zu werden verspricht, ist doch bemerkenswert.

Wenn also in den kommenden Wochen und Monaten wieder einmal wechselweise die Revolution oder der abendländische Untergang wegen digitaler Bücher beschworen wird, lohnt es, nicht allzu sehr an Kästchen zu denken, und stattdessen einen Blick über die eigene Schulter zu werfen - oder in andere Weltecken zu blicken - und neugierig aufzusammeln, wie sich die Welt verändert, weil wir uns verändern. Das ist spannend, aber fern aller Katastrophen.

Rüdiger Wischenbart

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