Bücher der Saison
Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.
Literaturbeilagen
All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.
Über uns
Service für Leser
Service für Kunden
Jobs
Historische Tage
Artikel von
Links
Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.
Virtualienmarkt
Lesergenerierte Literatur
Von Rüdiger Wischenbart
16.09.2008. Während man in Deutschland langsam Kindle und Co. zur Kenntnis nimmt, sind die Chinesen schon viel weiter: Literatur auf Papier gilt als uncool, und chinesische Nasdaq-Konzerne investieren in Online-Bücher
Die digitale Welt der Bücher, wie sie sich allmählich abzuzeichnen beginnt, wird wohl viel bunter als es sich Fans wie auch Verächter von Digitalien heute vorstellen möchten. Die schicken Plastikkistchen, die nun in den kommenden Monaten mit viel Marketinggetöse durch die Medien getrieben werden, die Frankfurter Buchmesse und das Weihnachtsgeschäft fest im Blick der Werber, haben dabei vielleicht die wichtige Rolle, den Wandel sichtbar und greifbar zu machen. Viel mehr jedoch nicht.
Hält man zum ersten Mal ein "Kindle" von Amazon oder einen der anderen elektronischen "Reader" in Händen, ist man gewiss verblüfft, wie leicht und selbstverständlich sich die Geräte mittlerweile anfühlen, und wie bequem sich auf den mit "e-Ink" betriebenen Schirmen lesen lässt. Aber ich glaube, es geht um solche Kästchen und Bildschirme erst in zweiter Linie. Viel wichtiger ist, wie wir und wie andere mit dem Schreiben und dem Lesen umgehen.
Vor einer Woche erzählte mir Lu Jinbo, dass in China im Vorjahr wenigstens zehn Autoren mehr als eine Million Renminbi mit "Online-Büchern" verdient hätten, mit Texten also, die ausschließlich am Internet erschienen waren. Das sind jeweils gut 100.000 Euro. Bedenkt man, dass in China selbst ein gedrucktes Buch nur zwischen einem und zwei Euro kostet, ist dies beachtlich. Diese jungen Erfolgsautoren, so Lu, seien auch völlig desinteressiert an einer Ausgabe ihrer Werke auf Papier. Papierbücher seien umständlich, uncool und auch, was das Honorar anlangt, wenig attraktiv.
Nun sind die online verbreiteten Romane keineswegs digitale Nachschöpfungen von Goethes "Wahlverwandtschaften". Nicht einmal der in China lange Zeit so populäre Stefan Zweig steht Modell. Vielmehr gehe es, so Lu, um Fantasy - mit epischen Fortsetzungsromanen, deren schierer Umfang von Millionen von Wörtern nicht so recht in gedruckte Bücher passt, - sowie um Kolportageromane über den Lebensalltag der jungen Leute in den wilden Städten. Viel von diesen Romanen steht gratis im Netz, doch spätestens ab der Hälfte muss man für den Zugang bezahlen.
Interessant an meinem Gesprächspartner Lu Jinbo ist, dass er selbst sich weiterhin auf Papierbücher konzentriert, und dies, obwohl er einer der Pioniere für Literatur am Web in China war. Seine Website "Unter dem Banyan Baum" ist Legende und hat wesentlich dazu beigetragen, die Chinas junge Leser heute prägende Autorengeneration der "Young Adult Fiction" zu formen und populär zu machen. Lu ist auch ein geschickter Unternehmer, der ein frühes Joint Venture mit Bertelsmann einging. Bertelsmann war aber ausgerechnet an den erfolgreichen Online-Experimenten nicht interessiert, sondern wollte unbedingt sein Clubmodell nach China exportieren. "Damit lässt sich kein Geld machen", kommentiert Lu trocken. Bertelsmann hat unlängst sein chinesisches Clubabenteuer - und damit auch das Joint Venture - beendet. Zumindest der Zeitpunkt ist überraschend, denn Chinas Verlagsmarkt brodelt wie nie zuvor.
Lu Jinbos neues Joint Venture hat die Liaoning Publishing Group zum Partner, den ersten - so wie alle anderen auch: staatseigenen - Verlag, der unlängst die besonders dynamischen Teile seines Unternehmens in eine eigene Gesellschaft ausgründete, um damit an die Börse in Shanghai zu gehen. Dabei stehen allerdings immer noch um Bücher, gedruckt auf Papier, im Mittelpunkt.
Viel extremer und wohl auch überraschender ist eine andere Neugründung. Chen Tianqiao, 32 Jahre jung und immerhin von Forbes schon vor ein paar Jahren als Nummer 10 in einer Liste der reichsten Chinesen gereiht, hat erst im Juli 2008 kräftig in Literatur investiert. Chen hat freilich keinen Buchverlag gekauft, sondern seine "Shanda Interactive Entertainment" gewissermaßen um eine Literaturabteilung erweitert.
Shanda, gegründet 1999 und an der NewYorker Technologiebörse Nasdaq notiert, ist Chinas Marktführer bei Online-Spielen. Das amerikanische Magazin Businessweek notierte schon 2005: "One of Shanda's top games, a fantasy adventure called The World of Legend, boasts as many as half a million users playing simultaneously. Shanda earned $74 million last year on sales of $157 million, and analysts expect profits to top $100 million this year. At $2.6 billion, Shanda's market capitalization is the biggest of any Chinese Internet company." (Hier ein neuerer Artikel aus Businessweek über Shanda.)
"Shanda Literature" soll nun das Spielfeld des Konzerns um "original reader-generated literary works" erweitern. Die entsprechende Presseaussendung spricht übrigens zuversichtlich von Chinas "robustem Online-Literaturmarkt" und verweist auf Shandas bislang drei einschlägige Portale: Qidian.com, die größte chinesische Plattform für Online-Literatur mit 20 Millionen registrierten Usern, Hongxiu.com, die wichtigste "pure literature platform" mit immerhin 1,8 Millionen eingeschriebenen Nutzern, und Jjwxc.com, das führende Forum für gezielt weibliches Lesepublikum mit 700.000 Mitgliedern.
Ich weiß schon, diese Kombination provoziert hierzulande arges Nasenrümpfen: Spiele ("Games"), "user generated content" und Literatur gehen in Europa eigentlich nicht zusammen. Es sei denn, man spricht darüber mit jemandem wie Peter Glaser, der als Schriftsteller immerhin beim Bachmann Preis ausgezeichnet wurde und dem man zugleich als Vordenker von Digitalien und Mitbegründer des legendären Chaos Computer Clubs kein Pixel für einen guten Buchstaben vormachen mag (hier sein Blog).
Glaser holt sich seit längerem und unverdrossen Nasenrümpfen und Kopfschütteln ab mit der These, dass Romanliteratur und die Plots von raffinierten Games der nächsten Generation mehr und mehr gemeinsam haben würden, und dies fern aller Trivialität. Dass aber ausgerechnet ein chinesischer, in New York börsenotierter Games Konzern zum Vorreiter dafür zu werden verspricht, ist doch bemerkenswert.
Wenn also in den kommenden Wochen und Monaten wieder einmal wechselweise die Revolution oder der abendländische Untergang wegen digitaler Bücher beschworen wird, lohnt es, nicht allzu sehr an Kästchen zu denken, und stattdessen einen Blick über die eigene Schulter zu werfen - oder in andere Weltecken zu blicken - und neugierig aufzusammeln, wie sich die Welt verändert, weil wir uns verändern. Das ist spannend, aber fern aller Katastrophen.
Rüdiger Wischenbart
Archiv: Virtualienmarkt
Die stärksten Triebkräfte bei Büchern
16.03.2010. Vor der Leizpziger Buchmesse: Ein Blick auf europäische Bestsellerlisten zeigt, dass keineswegs nur die angloamerikanischen Dampfmaschinen ziehen. Übersetzt wird trotzdem zu wenig, und es fehlen Übermittlungskanäle. Mehr lesen
Achtzig Prozent Gut: Moses, der iPad und ich.
09.02.2010. Plötzlich ist die universale digitale Weltbühne nur noch von diversen Kaisern mit ihren Allmachtsansprüchen besetzt, und Steve Jobs führt die Truppen der Gegenreformation. Für alle anderen bleibt nur noch Platz in den Ritzen. Mehr lesen
Der Staat, das Internet und Europa
16.12.2009. Wenn es um die Kultur im Internet geht, dann soll es meist der Staat als Großer Regulator richten. Genauer gesagt der Nationalstaat. Vor allem Europa scheint sich von den einstigen universalistischen Vorstellungen des WorldWideWebs zu verabschieden. Mehr lesen
Angst ist eine schlechte Lehrerin
14.10.2009. Wir haben eine hoch politisierte Debatte um digitale Buchformate und ihre mögliche illegale Nutzung. Aber wir haben keine Ahnung, welche Titel wann, wie und warum kopiert werden. Wir brauchen die Zahlen. Und deswegen brauchen wir endlich eine europäische "Tools of Change"-Konferenz. Mehr lesen
Vier politische Variationen auf Jorge Luis Borges
25.09.2009. Fast alle der großen alten Bibliotheken wurden zerstört - aber nicht durch neue Formen und Technologien des Wissens, sondern durch politische Macht Mehr lesen
Von Texten und Snippets
01.09.2009. Ein kleiner Streifzug durch die Europeana zeigt, dass auch dort geschützte Werke frei zum Download angeboten werden - zumindest auf Slowenisch oder Ungarisch. Einige Tage vor dem nächsten Gerichtstermin zum Google Book Settlement stellt sich die Frage: Wann gibt es eine "fair use"-Regelung auch in Europa? Mehr lesen
Jenseits von Heidelberg
22.06.2009. Die Lobbies um den "Heidelberger Appell" verstärken im Wahlkampf ihren Druck auf die Politik. Aber nicht die Publikationsfreiheit ist bedroht, sondern das bisherige Gefüge aus Verlagen und Händlern, und zwar nicht durch illegale Praktiken, sondern durch neue Techniken und neue Vorlieben der Leser. Statt Heidelberger Zementierung des status quo ist Innovationsförderung gefragt. Mehr lesen
Heidelberger Zement
27.05.2009. So fremd wie Kardinal Lehmann die Koexistenz mit anderen Gottesauffassungen ist dem Heidelberger Appell die Idee von Informationsbehältern ohne Deckel - dabei haben die digitalen Inhalte den Buchmarkt längst revolutioniert. Mehr lesen
Schon Reis gegessen?
21.04.2009. Am Donnerstag ist Welttag des Buchs - und eine europäische Untersuchung zeigt, dass der Buchmarkt vielfältiger ist als angenommen.
Mehr lesen
Die Strukturbrüche sind hausgemacht
25.03.2009. Der "Heidelberger Appell" lenkt nur von einem Versäumnis der Verlage ab: Sie haben sich nicht rechtzeitig um die Digitalisierung von Büchern und daran zu knüpfende Fragen gekümmert.
Mehr lesen
Das E-Book und die Folgen: größer als Gutenberg
02.03.2009. Das E-Book wird nicht nur kommen, es wird auch den Buchpreis und das Urheberrecht verändern - so sehen es heute auch der Verleger Jason Epstein und andere Akteure im internationalen Buchmarkt
Mehr lesen
Das E-Book kommt, aber wer braucht einen Kindle?
10.02.2009. Amazon hat den neuen Kindle vorgestellt - aber braucht man überhaupt ein eigenes Lesegreät oder reicht nicht das Mobiltelefon? Und was wird ein elektronisches Buch kosten? Mehr lesen
Ein Verlag als Blog
28.01.2009. Ausgerechnet ein Imprint des Verlagsriesen Harper Collins entwickelt in Zeiten der Krise innovative Strategien der Buchentwicklung und -darstellung im Internet. Mehr lesen
Ungeschützter Ideenverkehr
09.10.2008. Der Buchmessen-Hype um die neuen Lesegeräte verdeckt, dass die Zukunft des Buchs schon längst begonnen hat. Aber es sind noch viele faszinierende Fragen offen - und die des Preises ist nur eine davon. Am Ende könnte sich das Buch im Netz auflösen wie eine Träne im Ozean Mehr lesen
Das Paradox des Online-Journalismus
10.09.2008. Nachrichtensites feiern sich für hohe Leserzahlen - doch tatsächlich haben sie nicht ein Nutzungsproblem, sondern auch eines mit der geringen Loyalität ihrer Leser. Welt Online löst dies auf wenig erquickliche Weise. Mehr lesen






