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Im Kino
Exzess der Sichtbarkeit
Von Thomas Groh, Ekkehard Knörer
16.07.2008. In ihrem Filmdebüt "Red Road" erzählt Andrea Arnold von einer Frau, die als professionelle Kontrolleurin die Kontrolle verliert. In die Zeiten des deutschen Musikfilms zurückversetzt fühlen darf man sich dagegen mit dem ABBA-Verbrechen "Mamma Mia!".

Jackie (Kate Dickie) hat alles im Blick. Buchstäblich. Sie arbeitet in der CCTV-Zentrale von Glasgow, beobachtet auf vielen Monitoren, was die Überwachungskameras in der Stadt ununterbrochen aufnehmen. Mit einem Joystick - keine ganz unschuldige Metapher auch in diesem Fall - kann sie die Kameras drehen und, sobald sie etwas entdeckt, das bedrohlich aussieht, an Gesichter und einzelne Szenen heranzoomen und so die Distanz zum Geschehen da draußen, das ihr die Kameras medial vermitteln, verringern.
Dann aber geschieht, was nicht geschehen dürfte. Ein Mann (Tony Curran), den sie kennt, hat vor der Kamera, von der er nichts ahnt, Sex mit einer Prostituierten. Dieses Bild, das sie sieht, von dem Mann, den sie kennt, betrifft und affiziert sie ganz persönlich. Und so wird Jackie von der Beobachterin zur Akteurin. Sie geht hinaus. Jackie verlässt den Beobachtungsposten, der ihre Kontrolle, Distanz und Sicherheit gewährt und sucht die Interaktion. "Red Road" heißt die Straße, in der der Mann, dem sie folgt, in einem Hochhaus lebt. Sie sucht wiederholt Kontakt. Erst aus der Distanz, dann aus der Nähe. Dann aus nächster Nähe: Sie hat, der Film stellt es denkbar explizit dar, Sex mit dem Mann, der ihr auf dem Bildschirm erschien. Versteckt bleibt zunächst die heimliche Absicht dahinter.
Die eigentümliche Glätte der Montage, die den Film prägt, irritiert. Dabei ist alles sehr schnell geschnitten, aber die Figuren erschließen, so wie die Kamera und der Schnitt sie präsentieren, nicht den Raum. Es gibt keine Jump Cuts, also absichtlich verstörende Schnitte in die Bewegung der Figuren hinein. Bild wird stattdessen an Bild gefügt, so schnell, dass diese Fügung beinahe nahtlos erscheint. Unzählige Ellipsen, die aber unmarkiert bleiben. Es entsteht der Eindruck des Gleitenden, so zart sind die vielen Schnitte, dass auch die Differenz zwischen objektiven und subjektiven Beobachtungsbildern beinahe verwischt. 
Was es aber ist, das Jackie, ihren Blick, ihren Körper in einer seltsamen Form von Begehren an diesen Mann fesselt, bleibt im Rücken sozusagen des Exzesses der Sichtbarkeit für den Betrachter vorderhand unklar. Wir werden lange nicht aufgeklärt, wir werden genötigt, unseren Blick und unsere Neugier an Jackie zu heften und zu sehen, wie sie dem Mann, den sie beim Sex in der öffentlichen Kamera zugewandter Privatheit beobachtet hat, in sein Privatleben folgt. So strukturell interessant das eigentlich ist - mit ihrer Heimlichtuerei verdirbt die Drehbuchautorin Arnold den Film. Denn die faszinierende Logik des Begehrens, das auf objektive Blicke obsessive Schritte folgen lässt, wird in erster Linie dramaturgisch missbraucht: zum Spannungsaufbau. Die Spannung aber in dieser recht schnöden Form - was ist die Vorgeschichte der Beziehung zwischen Jackie und dem von ihr beobachteten Mann? - kommt dem Interesse, das den Blicken und Wünschen zu gelten hätte, nicht entgegen, sondern in die Quere. Man möchte gar nicht wissen wollen.
Die Ausgangsszenarien von "Red Road" bestechen in ihrer Dialektik: Die Kontrolle und der Kontrollverlust, der objektive und der traumatisierte Blick, die Distanz und die Nähe. Wie aber das Drehbuch die Verhältnisse zueinander in Beziehung setzt und auf eine letztlich banale Auflösung zulaufen lässt, diskreditiert eine Konstellation, die am Anfang so außerordentlich viel verspricht. Allerdings ist die Chance noch nicht ein für allemal vertan. Interessanterweise ist der Film nämlich Teil eines experimentellen Projekts, hinter dem der dänische Exzentriker Lars von Trier mit seiner Zentropa-Firma steckt. Drei Filme sind geplant mit einem festen Set von im vorhinein - und zwar von Anders Thomas Jensen und Lone Scherfig - entworfenen Charakteren. Was sie verbindet, wie sie sich entwickeln, bleibt den AutorInnen und RegisseurInnen der drei Filme überlassen. Andrea Arnolds "Red Road" ist der erste dieser Film. Die anderen beiden stecken noch in der Produktion: Man darf, um eine Enttäuschung auf hohem Niveau reicher, hoffen, dass sie mehr aus ihren Figuren machen.
Ekkehard Knörer
***
Eine junge Frau (Amanda Seyfried) steigt aus dem Meer an griechisches Inselland und wie die Aphrodites gibt auch ihre Zeugung Rätsel auf. Nicht die Liebe trägt sie aber in die Welt, sondern drei Briefe an drei Männer, ein jeder, wie das mütterliche Tagebuch mit viel "Punkt-Punkt-Punkt" verrät, als möglicher Vater im Verdacht. Da sie bald Hochzeit auf der griechischen Insel feiert, wo die Mutter (Meryl Streep) ein heruntergekommenes Hotel führt, lädt sie hierzu die drei Kandidaten ein, um kurz vor Schluss auch noch den väterlichen Segen zur Eheschließung zu ergattern. Da Mutter von der Rückkunft der einstigen Strandliebhaber nichts erfahren darf, Trubel in der Suche nach der verantwortlichen Hüftpartie also vorprogrammiert ist, verspricht die Filmreklame ein "rauschendes Fest", wenn nicht gleich den amüsantesten Film der Sommersaison und legt als Garant noch den Eskapismus-Pop von ABBA obenauf, um deren ekstatisch-hedonistische Dancefloor-Epiphanien dies Musical herum geschrieben ist.
So wird denn auch, wer sich auf drei nicht amüsiert, vom Film zur Statistikwahrung einfach totgeschlagen. Zumindest fühlt man sich so danach. Der Zwang zur guten Laune, zum offensiv offensichtlichen Amüsement, der "Mamma Mia!" auszeichnet, erscheint, mit solchem Nachdruck, schwer verdächtig. Alles Grimassieren und Gejohle, für das zwei weibliche Sidekicks sorgen, Freundinnen der Mutter aus früheren Zeiten im lautstark eingeforderten zweiten Frühling, überdeckt kaum den strengen Geruch nach Spießermuff. Man fühlt sich in gruseligste Gefilde der Filmgeschichte versetzt, in die scheußliche Epoche des deutschen Musikfilms, als sämtliche Wirtschaftswunderprominenz von Sinnen in Badehosen das Mittelmeer stürmte, um dort unter viel Schubidu verklemmten Liebeleien nachzugehen. So ist auch alles Griechische bei "Mamma Mia!" zu exotischer Kulisse und Kolorit verdammt, zu ein bisschen Lebensart-Suggestion für Pauschalreisenprospekte-Leser mit entsprechenden Kleinbürger-Fantasien. Fehlt nur noch Udo Jürgens und sein "Griechischer Wein". Im Vordergrund ist man indes schwer beschäftigt, Körpersäfte und Indezentes in Auslassungspunkte abzudrängen und an der Wiederinstandsetzung der heilen Familie zu basteln.
Wäre dann wenigstens noch was vom Irrwitz geblieben, der sonst so regelmäßig aus dem Genre Filmmusical blitzt, das wie kaum ein zweites Filmkonventionen mit Leichtigkeit zum Einsturz bringt und jeden Rahmen sprengt. Statt Mut zur spielerischen Subversion herrscht in "Mammia Mia!" jedoch pure Einfallslosigkeit und Biedersinn: Choreografien, die stur realistisch den gegebenen Räumen verhaftet bleiben, so dass sich der Tanz kaum einmal in den künstlichen Musicalraum erheben kann, bestimmen das bei allem Amüsementdiktat doch nur sedierende Geschehen.
Thomas Groh
Red Road. Großbritannien / Dänemark 2006 - Regie: Andrea Arnold - Darsteller: Kate Dickie, Tony Curran, Martin Compston, Natalie Press, Paul Higgins, Andy Armour, Carolyn Calder, Fassung: O.m.d.U. - Länge: 113 min.
Mamma Mia! Großbritannien / USA 2008 - Regie: Phyllida Lloyd - Darsteller: Meryl Streep, Pierce Brosnan, Amanda Seyfried, Colin Firth, Christine Baranski, Julie Walters, Stellan Skarsgard - Länge: 109 min.
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