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Im Kino
Der Goldstaub des Kinos
Von Ekkehard Knörer
28.05.2008. Wenn die Wahrheit über Abu Ghraib Freunde wie Errol Morris hat, den Regisseur von "Standard Operating Procedure", dann braucht sie keine Feinde mehr. Dani Kouyates afrikanische Märchenkomödie "Ouaga Saga" führt den magischen Goldstaub des Kinos vor.

Sie sind keine Unmenschen. Was immer die Bilder zeigen, was immer die Fotografien zu sagen scheinen: Die Frauen, die auf den Bildern zu sehen sind mit nach oben gestrecktem Daumen vor einem Haufen nackter Iraker, im Gespräch machen sie, was jenseits des Horizonts unbescholtener Bürger zu liegen scheint, fast begreiflich. Das Böse, das man zu erkennen glaubt, sieht man die groteske Ikone (Mann mit Kapuze, Elektrokabel) von Abu Ghraib, es wird seltsam banal, wenn seine Schöpfer es erklären. Das Recht übrigens, das skalpellscharf den einen Fall vom anderen unterscheidet, sieht in vielen der grausigsten Bilder aus den Gefängnissen von Abu Ghraib nicht, was unsereins sieht: Einen Mann mit einer Kapuze auf einen Schemel zu stellen und an seine Finger Elektrokabel zu klemmen und ihm - im Scherz, wird versichert - zu sagen, er werde am Stromschlag sterben, wenn er vom Schemel kippt - in diesem Szenario erkennt, nur zum Beispiel, das Recht kein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Dinge wie diese erfährt man in Errol Morris Film "Standard Operating Procedure". Man kann das zugestehen, aber im selben Atemzug muss man sagen: Dies ist ein furchtbarer Film, ein einfach nur ärgerliches Machwerk, das sein Publikum für dumm und dümmer verkauft. 
Alles beginnt, wie immer bei Morris, mit der Erfindung, auf die er so stolz ist: dem "Interrotron". Eine Interview-Kamera-Apparatur, bei der beide, der Interviewer und die/der Interviewte in eine Kamera blicken, in dieser Kamera aber nicht einfach nur das dunkle Nichts der Linse sehen, sondern, per Projektion, das Gesicht des jeweils anderen. Dieses Gaukelmaschinchen kürzt also auf technischem Wege die Technik aus dem Gespräch wieder raus und produziert eine vermittelte Form von Intimität, die freilich umso scheinhafter ist, als sie für den Zuschauer unsichtbar bleibt.
Es gibt im Werk des viel gefeierten Regisseurs Errol Morris einen Imperativ, dem nicht nur das Interrotron gehorcht und der in "Standard Operating Procedure" endgültig die schlimmsten Folgen zeitigt: es ist der Imperativ der Verlebendigung und Evidenzproduktion um jeden Preis. Darum hüpfen, um nur das schlichteste der verwendeten Hausmittelchen zu nennen, die Interviewten im Bild immerzu durch die Gegend, von links in die Mitte der Leinwand, nach rechts und wieder zurück. Das hat nicht den mindesten Sinn, es sagt nur eines: Du, liebes Publikum, hast die Aufmerksamkeitsspanne - und, versteht sich, Intelligenz - eines Kleinkinds und drum gibt's hier oben für dich Kasperltheater und Zinnober. 
Morris möchte dem Zuschauer jeden Gedanken, den er hat, jedes Bild, dessen er habhaft werden kann, direkt auf die Retina träufeln und damit, das ist die Implikation, auch direkt ins Hirn. Er misstraut, erklärt er, den Bildern, dementiert dieses Misstrauen aber im selben Moment, indem er selbst kein anderes filmisches Argument als zwanghafte Anschaulichkeit findet. So macht er die Objekte der Fotografien immerzu, immer wieder und immer noch einmal aufs Neue zu Objekten und Opfern, und schlägt mit den Bildern, die wir kennen, unterstützt noch vom Bombast seines Danny-Elfman-Scores, auf uns ein. Errol Morris kennt keine Scham. Er kann, nein, er will den Blick nicht abwenden noch vom Schlimmsten und hält sich, weil er uns diese Anblicke rechthaberisch zumutet, auch noch für einen Aufklärer.
Und weil all das nicht genug ist, hat er auch noch ein paar extra fiese Horrorfilmszenen gedreht, Großaufnahmen von Hundelefzen, in extremer Verlangsamung fallenden Blutstropfen etcetera. Das wäre schon wieder lustig, wenn es nicht einfach nur abgeschmackt wäre. "Standard Operating Procedure" wurde von führenden Kritikern in den USA durchaus empfohlen, weil die Botschaft - die Kleinen hat man gefangen, die Großen ließ man laufen - vermutlich zutreffend ist. Weil er aber selbst manipuliert, wo er kann, weil er Nachdenklichkeit ausstellt, aber das Nachdenken verweigert, ist es ein Film, dessen Form seine Behauptungen dementiert. Wenn die Wahrheit Freunde wie Errol Morris hat, dann braucht sie keine Feinde mehr.
***
Es geht erst einmal überhaupt keine Geschichte los. Erst einmal sitzen die Jungs nur herum. Schwadronieren, frotzeln, manteln sich auf, suchen die große Geste und schweigen auch mal. Es ist Ouagadougou, es ist die Gegenwart, auf der Hauptstraße schieben ein paar Männer immer wieder das Führerhaus eines offenbar auseinandergenommenen Lasters durch die Gegend. Es herrscht Verkehr, es spielt auf der Tonspur Musik, eine Geschichte geht nicht los, aber Sozialrealismus ist etwas anderes.
Sozialrealismus kennt, nur zum Beispiel, nicht den digitalen Goldstaub, der ins Bild fährt und im Bild herumfuhrwerkt. Der digitale Goldstaub, der aussieht, wie aus einem Disney-Film, ist eine klare Markierung: Der Realismus, um den es hier geht, ist fabelhaft, er nimmt auf das Wahrscheinliche keine Rücksicht, er lädt, wenn ihm danach ist, die Dinge des Alltags in Ouagadougou magisch auf.
Der Goldstaub von Dani Kouyates "Ouaga Saga" ist, mit anderen Worten, der Goldstaub des Kinos selbst. Bevor hier eine Geschichte losgeht - und, doch, irgendwann, eher unvermittelt, passiert's - geht es ins Kinos. Genauer gesagt: Einer der Jungs, der größte, geht ins Kino, spricht die Dialoge von Howard Hawks' "Rio Bravo" mit, zügelt das Pferd, das er sich unter die Hände imaginiert und auf seinem Gesicht sieht man das Flackern, die Bewegung, die Faszinationskraft des Films. Seine Freunde sind nicht mit im Kino, aber sie sehen dennoch den Film. Die Augen am Ritz eine Seiteneingangs, sich abwechselnd darin, am besten zu sehen, den Film umsonst und draußen mitzuverfolgen. Später dann, wenn sie wieder nur herumsitzen, schwadronierend, frotzelnd, wird der Große, der ein echter Kino-Buff scheint, anfangen, den Plot eines anderen Western zu erzählen, aber da sind die anderen schnell gelangweilt.
Die anderen: Das sind Pele, der Super-Fußballer, der ein internationaler Star werden möchte. Und Bouremiah, der Blondgefärbte und ein anderer, der Gitarre spielt und alle zusammen träumen sie von einer Zukunft, in der sie nicht nur einfach Jobs haben, eine Familie und ein richtiges Leben. Ihre Träume sind groß und maßlos und werden geträumt in Cinemascope.
So kommt der Goldstaub ins Spiel und es geht eine Geschichte los, die ihnen diese Träume erfüllt, auch wenn sie beinahe unscheinbar beginnt. Eine junge Frau, verwöhntes Kind offenbar reicher Eltern, lässt ein Motorrad auf offener Straße stehen. Die Jungs klauen es, was nicht ganz einfach ist, aber im Team kriegen sie's hin. Sie verkaufen es, sie zählen das Geld, werden dabei beobachtet und denunziert, aber einer von ihnen macht sich davon mit dem Geld, verspielt es und wäre "Ouaga Saga" ein realistischer Film, es wäre dahin. Er will aber das Glück seiner Helden, im Fußball, im Leben und darum kehrt der, der das Geld verspielt, zurück zu den anderen als gemachter Mann.
Gewiss, diese "Ouaga Saga" schreckt vor gröberen Komödienmitteln - auf der quiekenden, pfeifenden, alles Geschehen untermalenden Tonspur etwa - nicht zurück. Der Charme der Protagonisten aber ist so bezwingend, dass man das gerne verzeiht. Selten genug sieht man afrikanische Filme in deutschen Kinos - auch dieser hier hat drei Jahre Verspätung. Er lohnt den Besuch - und für die Bewohner von Städten, die keine Kinos haben, in denen er läuft, gibt es den "Ouaga Saga" auch auf DVD.
Standard Operating Procedure. USA 2008 - Regie: Errol Morris - Darsteller: (Mitwirkende) Joshua Feinman, Zhubin Rahbar, Merry Grissom, Cyrus King, Sarah Denning
Ouaga Saga. Burkina Faso 2005 - Regie: Dani Kouyate - Darsteller: Amidou Bonsa, Sebastien Belem, Aguibou Sanou, Jose Sorgho, Tom Ouedraogo, Yacouba Dembele, Gerome Kabore, Delphine Ouattara, Yasminh Sidibe - Fassung: O.m.d.U. - Länge: 85 min.
Archiv: Im Kino
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