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zuletzt aktualisiert 09.03.2010, 15.01 Uhr

Im Kino

Freiheitsstatue: kopflos

Im Kino Von Lukas Foerster, Ekkehard Knörer

30.01.2008. Rein funktional, aber wirkungsvoll: "Cloverfield", der New-York-Monsterfilm aus Handkameraperspektive. Will mehr als ein fernsehkompatibles Sozialmelodram: Sylke Enders' "Mondkalb", ein Film, bei dem nicht nur die Musik Gefühle anschaffen geht.

Bild zum ArtikelLetzten Sommer sorgte in den USA ein Trailer für Aufsehen, der vor dem Blockbuster "Transformers" gezeigt wurde. Darin war außer einigen verängstigten jungen Menschen nicht viel zu sehen, nicht einmal den Titel des Films erfuhr man. Ein gutes halbes Jahr und eine clevere Marketingkampagne später entpuppt sich der zugehörige Streifen als geradliniger Monsterfilm und heißt "Cloverfield".

Der besondere Clou des Films ist die Erzählperspektive: Alle Bilder in "Cloverfield" behaupten, aus der Digitalkamera einer der beteiligten Figuren zu stammen. Die Motivation für diesen unter anderem aus "Blair Witch Project" bekannten erzählerischen Trick liefert der Filmbeginn: Kurz bevor Rob Hawkins (Michael Stahl-David) nach Japan versetzt wird, überraschen ihn seine Freunde mit einer Abschiedsparty. Hud (T.J. Miller) möchte das Ganze auf Video festhalten. Auf der Feier geht er den anwesenden jungkreativen Besserverdienern mit aufdringlichen Fragen und insistierendem Kamerablick auf die Nerven. Bald rumpelt es jedoch in der durchgestylten Appartmentwohnung und Schuld daran ist nicht, wie anfangs vermutet, ein Erdbeben: Robs Japanreise wird überflüssig, Godzilla scheint, wie bereits 1998, den Weg nach New York gefunden zu haben.

Oder wenn nicht Godzilla, dann zumindest ein artverwandtes Monster, das noch ein wenig unförmiger daherkommt und außerdem zahllose kleinformatige Begleiter mitbringt, die an die Spinnenaliens aus Starship Troopers erinnern. Cloverfield merkt man von der ersten bis zur letzten Minute an, dass sich die Macher in den diversen monsteraffinen Filmgenres auskennen. Trotz der Pseudo-Unmittelbarkeit der Youtube-Optik schieben sich vor allem zu Filmbeginn zahlreiche Vermittlungsebenen zwischen das Publikum, die Charaktere und das Ungeheuer. Konsequenterweise hat der Angriff des letzteren zunächst keine Unterbrechung, sondern eine Vervielfachung der Bilderproduktion zur Folge, da halb New York darauf aus ist, das Geschehen medial zu verdoppeln. Auch die erste visuelle Manifestation des Monsters ist das Ergebnis einer Verdopplung: Fernsehbildschirm zeigt Monster, Hud filmt Fernsehbildschirm.

Der Monsterangriff verwandelt den Bildstatus grundlegend. War die Videoaufzeichnung anfangs ein Partyspaß, so verliert sie diese Legimitation im Chaos auf den Straßen New Yorks zwischen einstürzenden Hochhäusern völlig. Statt dessen entwickelt Hud ein Bild zum Artikelperverses Kameraethos: Ich muss filmen, auch wenn mein love interest von Spinnenmonstern angegriffen wird oder wenn ich vor dem zu Boden stürzenden Kopf der Freiheitsstatue flüchte. Gleichzeitig entwickelt sich Hud in Windeseile zum routinierten hollywoodtauglichen Kameramann. Das Framing wird von Minute zu Minute klassischer und passt sich damit dem handelsüblichen Liebesmelodram an, das zwischen den Trümmern New Yorks seinen Lauf nimmt. Tendenziell wird der scheinsubjektive Blick genauso unsichtbar wie der scheinobjektive im konventionellen Actionfilm.

Cloverfield wurde vom derzeit allgegenwärtigen J.J. Abrams produziert. Der machte durch die innovativen Fernsehserien "Lost" und "Alias" auf sich aufmerksam. Auch Regisseur und Drehbuchautor von "Cloverfield" entstammen dem TV-Bereich. Die Lust am kreativen Experimentieren mit narrativen Formeln und Genremustern, die zahlreiche aktuelle amerikanische Fernsehserien auszeichnet, ist auch in "Cloverfield" spürbar. Hinzu kommt die Wucht des modernen Actionkinos: In seinen besten Momenten in den Straßenschluchten Manhattans ist der Film trotz bescheidenem Budget nicht weit entfernt von Michael Bays monumentalem "Transformers"-Finale.

Seinen eigenen Ambitionen wird Cloverfield in vollem Umfang gerecht. Freilich sind diese Ambitionen ausschließlich technischer Natur. Im Vergleich zu Bong Joon-hos neorealistischem Monsterfilm "The Host" ist Abrams' Projekt eine reine Fingerübung. Figurenzeichnung, Plot und Erzählstil sind genauso effektiv wie die vorausgegangene Werbekampange. Aber eben auch genauso und ausschließlich funktional.

Lukas Förster

***

Bild zum ArtikelAlex (Juliane Köhler), eine Frau um die vierzig, betritt ein Haus in der Fremde und in diesem Haus ist ein Fremder. Es ist das Haus ihrer verstorbenen Großmutter, sie hat es geerbt. Die Fremde ist eine ostdeutsche Kleinstadt, in der das Leben, freundlich gesagt, nicht tobt. Der Fremde ist ein verwahrlost wirkender, trotzig schweigender Junge (Leonhard Carow), und sie selbst kommt aus dem Knast, in den man sie steckte, weil sie ihren Mann beinahe totgeschlagen hatte. Jetzt ist sie im Osten angekommen, ohne anzukommen, als Fremde in der Fremde. Sie hat einen neuen Job in einem Labor, dessen von keinem Modebewusstsein berührter Leiter um ihre Vorgeschichte weiß. Sie lernt Piet (Axel Prahl) kennen, den Vater des Jungen. Dessen Frau hat sich vor vier Jahren aufgehängt, was manche bizarre Verhaltensweise des Sohnes erklärt.

Die Geschichte ist also die: Angeschlagene trifft Angeschlagenen durch Bekanntschaft mit dessen angeschlagenem Kind. Es kommt zur Annäherung zwischen den Angeschlagenen, aber die Fremde zwischen ihnen bleibt. Piet will mehr als nur Freundschaft von Alex und sie will das eher nicht. Sylke Enders, die diese Geschichte geschrieben und verfilmt hat, sucht die Konzentration. Sie macht aus der Konstellation kein fernsehkompatibles Sozialmelodram, scheitert aber umso gründlicher genau daran, dass sie mehr will. Die Subtilität, die sie sucht, sorgt nämlich nur dafür, dass die Klischees, von denen sie kaum eines auslässt, in sauren Edelkitsch umkippen. Der Film findet den Ton nicht, der glaubhaft machen könnte, was er behauptet. Er ist spätestens in dem Moment verloren, in dem er Alex' Kolleginnen im Labor vorführt als feiste Karikaturen und ostdeutsche Witzfiguren.

Im Grunde aber sind alle Figuren in "Mondkalb" Karikaturen ihrer selbst. Nur halten sie sich und hält der Film sie in einem enervierenden Selbstmissverständnis für Charaktere in einem tiefgründigen Drama. Juliane Köhler gerät ihr Spiel im Versuch, eine in sich verkrampfte Person darzustellen, zum Darstellungskrampf. Die Mühe und Anstrengung, die alle Beteiligten in diese Geschichte investieren, ist nicht zu übersehen - und gerade darin liegt ein großer Teil des Problems. Das Buch lädt seinen Figuren zwar schwere Schicksale auf, macht aber in keinem Moment auch nur eine ihrer Handlungen plausibel. Diese Plausibilisierung, derer es bedürfte, hat nichts mit psychologischer Durcherklärung zu tun, nur mit einem Gespür fürs Detail, einer Einbettung in ein Situations-Milieu, das die schweren Schicksale trägt. All das aber bleibt aus, so sinken die Figuren wie Blei ins Kontextlose.

Bezeichnend ist etwa, dass Sylke Enders ihren Film nicht genau verortet, sondern sich ihr trostloses Ostdeutschland aus verschiedenen Städtchen zusammengecastet hat. Sie sieht nicht genau hin, fügt und passt nicht Raum und Figur aneinander - alles wird stattdessen einer Gesamtidee von schicksalsschwerer Trostlosigkeit passend gemacht. Geradezu empörend der Musikeinsatz. Der Regisseur Christian Petzold spricht oft von Filmmusik, die da Gefühle anschaffen geht, wo keine sind. Selten traf die Formulierung so gut wie im "Mondkalb"-Fall. Mit hoher Verlässlichkeit will die Musik dem Zuschauer bedeuten, dass man jetzt etwas fühlen soll. In Wahrheit signalisiert dieser Umgang mit der Musik aber nur das eine: dass bei diesem Film von Anfang bis Ende nichts stimmt.

Ekkehard Knörer

Cloverfield. USA 2008 - Regie: Matt Reeves - Darsteller: Michael Stahl-David, Mike Vogel, Odette Yustman, Lizzy Caplan, Jessica Lucas, T. J. Miller


Mondkalb. Deutschland 2007 - Regie: Sylke Enders - Darsteller: Juliane Köhler, Axel Prahl, Leonard Carow, Ronald Kukulies, Niels Bormann, Udo Schenk, Gabrielle Ertmann, Isabelle Etmann

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