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Essay
Kein Fortschritt, keine freie Rede
Von Necla Kelek
19.12.2007. Tariq Ramadan sagt: "Eine Vergewaltigung ist eine Vergewaltigung". Aber er sagt nicht: "Eine Steinigung ist eine Steinigung", also ein Verbrechen. Anmerkungen zu der Debatte zwischen Ramadan und Ayaan Hirsi Ali
Umberto Eco analysierte einmal den rhetorischen Trick, mit dem Silvio Berlusconi politischen Gegnern den Wind aus den Segeln zu nehmen suchte. Berlusconi stimmte am Anfang seiner Reden zur Überraschung seiner Gegner meist den Vorwürfen und Anschuldigungen der Gegenseite zu - nach dem Motto, es stimmt ja dass es bei uns Korruption, Verbrechen gibt, um dann mit dem großen "Aber" zu kommen und alles zu relativieren.
Der islamische Prediger Tariq Ramadan hat diese Methode perfektioniert. In seiner Antwort auf einen Artikel Ayaan Hirsi Alis gibt er zu, was nicht zu leugnen ist. Auspeitschungen, Kinderehen, Willkür in Namen des Islam et cetera. Er zitiert einen gewalttätigen Vers aus dem Koran, um dann die rhetorische Frage zu stellen, ob man denn glaube, der Islam "plädiere per se für Gewalt". Da selbst er nicht leugnen kann, dass der Koran zum Beispiel zum Mord an Ungläubigen aufruft, und allerlei andere Bösartigkeiten enthält, muss er versuchen, die Koran-Aussagen zu relativieren. Das macht er, indem er die heiligen Schriften der anderen Weltreligionen anführt, in denen unbestritten auch gewalttätige Passagen zu finden sind. Gemordet wird überall, also wollen wir uns doch nicht mit Zitaten langweilen! Obwohl diese Zitate ja nach islamischer Lesart die Offenbarung Gottes sind, während aufgeklärte Christen zum Beispiel ihre Heilige Schrift als Gleichnis zu lesen verstehen.
Ramadans oft als Kapitalismuskritik getarnte Abrechnung mit den westlichen Werten gefällt vor allem den (Alt-)Linken in Europa, die seit je ein Faible für Kollektivgesellschaften haben, früher für die roten, jetzt für die grünen Diktaturen und Ideologien. Ramadan versucht gleichzeitig, die vom Koran und Sunna bestimmte islamische Lebensweise in den muslimischen Ländern mit den Rechten von Bürgern, einer säkularen Demokratie, die die Freiheit von Religion einschließen, als gleichbedeutend darzustellen. Er relativiert so die universalen Menschenrechte gleich mit.
Ramadan behauptet, die Kritiker wollten die Muslime doch nur "entislamisieren". Er unterstellt, Kritik am Islam würde bedeuten, man wolle den Menschen den Glauben nehmen. Auch das ist ein Ablenkungsmanöver. Im Gegensatz zum Islam hat im Christentum eine kritische historisierend-rationale Betrachtung von Schrift und Ritus stattgefunden. Der Islam hingegen kennt keine Theologie und keine historisch-kritische Wissenschaft, ja die Muslime sind sich noch nicht einmal darüber einig, was "der Islam" denn überhaupt ist. "Anerkannte Interpretationen des Islam" wie Ramadan behauptet, gibt es nicht. Er möchte damit sicher seine eigene Auffassung aufwerten. Ramadan (wie übrigens alle Islamfunktionäre) interpretiert den Islam ganz so wie er es gerade braucht , er anerkennt oder leugnet die soziale Realität, verdrängt oder benutzt die Geschichte nach Belieben oder definiert sie gegebenenfalls als "unislamisch". Das kann man in seinen Büchern und Vorträgen sehr gut nachweisen.
Diese ahistorische und relativistische Sichtweise ist beschämend, oder im Wortsinn unverantwortlich. Die Muslime selbst scheint dies wiederum nicht zu interessieren. Innerhalb des Islam, an den Rechtsschulen oder in den Verbänden gibt es keinen Diskurs, keinen Zweifel, kein Ringen um Erkenntnis, wenigstens keines das irgendeine gesellschaftliche Relevanz erlangt hätte. Die Auseinandersetzung mit und über den Islam ist eine Sache des säkularen Westens. Wir "Westler", darunter auch säkulare Muslime, haben gelernt, die Verantwortung für uns und die Gesellschaft anzunehmen. Europa wurde durch die Aufklärung säkularisiert, die Werte wurden aus ihrem "ewigen" in den "zeitlichen" Kontext gestellt.
Die westlichen Gesellschaften sind deshalb nicht "entchristlicht" worden, sowenig wie die Muslime "entislamisiert" werden sollen, wenn sie sich der Aufklärung stellen. Das scheint aber nicht in Ramadans Weltbild zu passen, denn dann müsste er das Absolute selbst in Frage stellen und zum Beispiel für die Trennung von Staat und Religion auch in den muslimischen Ländern eintreten. Er versucht etwas anderes, er setzt "westlich" mit "christlich" und "imperialistisch" in eins und versucht als Kritiker des Kapitalismus zu punkten, um den europäischen Wertekonsens zu diskreditieren. Westliche Werte sind von der Aufklärung, der Säkularisation und von den universellen Menschenrechten geprägt und die werden von den muslimischen Organisationen, zum Beispiel der Organisation der muslimischen Staaten nicht anerkannt. Für sie gelten Koran, Sunna und Scharia als aus der Offenbarung kommend und stehen damit nicht zur Disposition, sondern über den von "Menschen gemachten" Gesetzen. Das sagt Ramadan hier nicht, er sagt hier auch nicht, dass er den Zweifel für westliche Dekadenz hält und Individualismus für Egoismus. Das sagt er dann in seinen an die Glaubensbrüder gerichteten Predigten.
Ramadans Behauptung, Ayaan Hirsi Ali hätte in der muslimischen Welt keinen Einfluss, weil sie so unversöhnlich auftritt, ist demagogisch. Es gibt in islamischen Ländern nicht einen lebenden Kritiker, nicht eine Reformbewegung, auf die gehört wird. Es gibt keinen Fortschritt, keine freie Rede, keine Religionsfreiheit. Selbst die vorsichtige Kritik Taslima Nasreens führte zu Morddrohungen gegen sie. Diejenigen, die den Islam kritisieren, oder auch nur in Frage stellen, können sich in islamischen Ländern weder äußern, noch sich organisieren. Es sind eine Handvoll Dissidenten wie Ayaan Hirsi Ali, Salman Rushdie oder Ibn Warraq, die offenbar in der Lage sind, die Weltmacht Islam zu reizen.
Wie tief muss die muslimische Welt in ihrem Glauben verunsichert sein, dass sie panisch auf ein paar Dissidenten, Mohammed-Teddybären oder Karikaturen reagiert? Das ist meines Erachtens eine Folge der jahrhundertelang "versiegelten Zeit" und der Abschaffung von Philosophie und Theologie im Islam. Diese Religion scheint in der selbstgewählten Beschränktheit intellektuell zu verkümmern und gleichzeitig, von Petrodollars unterstützt, massiv zu missionieren.Der Islam zum Beispiel in Deutschland ist, das zeigen quantative und qualitative Recherchen (ganz besonders die von Ralph Ghadban) unaufgeklärt, antiwestlich und separatistisch. Auch im übrigen Europa gibt es keinen Reform-Islam, auch wenn der Enkel des Gründers der Muslimbruderschaft Tariq Ramadan meint, sein Sprecher zu sein. Ramadan spricht nur für sich selbst. Soll er doch versuchen, seine Position bei den Islamvereinen mehrheitsfähig zu machen, soll er doch versuchen für einen aufgeklärten Islam die organisatorischen und theoretischen Voraussetzungen zu schaffen, anstatt nur sich selbst zu feiern. Er wird es aus zwei Gründen nicht tun. Zum einen weil er an den islamischen Richtungen, Verbänden und Sekten scheitern wird und zum anderen, weil ein aufgeklärter Islam nicht seinem konservativen Glaubensideal entspricht.
Weil die Muslime sie angeblich ignorieren, ist das, was Ayaan Hirsi Ali sagt, noch lange nicht falsch, und das, was Ramadan behauptet, richtig. Ramadan beklagt in seinem Artikel wortreich die unter dem "falschen" Islam leidenden bemitleidenswerten Frauen. Aber die Steinigung von Frauen als unislamisch zu verurteilen, soweit geht sein Reformeifer dann doch nicht, er will es sich nicht mit den Ultrakonservativen oder den saudiarabischen Finanziers der Muslimbrüder verderben. Er schreibt in seiner Erwiderung auf Ali "eine Vergewaltigung ist eine Vergewaltigung".
Er schreibt nicht: "Eine Steinigung ist eine Steinigung", auch wenn sie im Namen des Islam geschieht, ein Verbrechen. Das wäre wohl zuviel des Reformeifers. Tariq Ramadan ist nicht gemäßigt, auch wenn er westlich weichgespülte Rhetorik beherrscht, sein Weltbild ist "ohne Zweifel" das eines Konservativen. Er mobilisiert, wie Ralph Ghadban analysiert, "das gesamte Repertoire von Argumenten, die auf das schlechte Gewissen des Westens zielen". Er ist, wie seine Schriften belegen, gegen die Aufklärung und die Trennung von Staat und Religion. Er redet von Reform, will aber nur, dass der Westen sich dem Islam anpasst. Er will Integration, meint damit aber, dass der Westen sich in das ewige Universum der Muslime integriert. Er redet von Freiheit, meint damit aber nur die Freiheit den Islam zu leben. Er ist gegen eine Neuerung des Islam, denn seine "Religion ist ohne Fehler" wie der türkische Ministerpräsident Erdogan es formuliert. Da sind beide noch heute ganz bei Mohammed, der vor über 1400 Jahren laut einer Überlieferung gesagt haben soll: "Die übelsten Dinge sind die Neuheiten. Jede Neuheit ist eine Neuerung, jede Neuerung ist ein Irrtum, und jeder Irrtum führt ins Höllenfeuer."
Necla Kelek
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