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zuletzt aktualisiert 21.05.2012, 10.57 Uhr

Bücherschau der Woche

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Im Kino

Astreine Indoktrination

Die Filmkolumne. Von Ekkehard Knörer

31.10.2007. Im Rahmen des durch die Republik tourenden Aktion-Mensch-Festivals "ueber morgen" gibt es unter anderem Werner Herzogs sehr seltsame Science-Fiction-Fantasie "The Wild Blue Yonder" und die US-Evangelikalen-Kinder-Indoktrinations-Doku "Jesus Camp" zu sehen. Der australische Film "Jindabyne" demonstriert, wie man Raymond Carver besser nicht verfilmt.

Bild zum Artikel Ein ungewöhnliches Filmfestival geht diese Woche an den Start. Dreizehn Filme werden erst in Berlin gezeigt, dann bis zum nächsten Sommer durch die ganze Republik verschickt, von Aachen und Alpirsbach bis Zickra und Zwickau. Der Name des Festivals lautet "ueber morgen", Initiator der Unternehmung ist eine Organisation, die sich "die gesellschafter" nennt, von der Aktion Mensch getragen wird und in der Filmreihe ein "vielschichtiges Panorama von vergangenen und gegenwärtigen Utopien und Weltentwürfen" präsentieren will. Weiter im Text: Die Filme "zeigen Bedingungen, unter denen sich Veränderungen vollziehen, und lassen Menschen zu Wort kommen, die über ihre Motive, ihre Ziele, ihre Erfolge und auch ihr Scheitern erzählen. Und sie geben uns eine Idee davon, wie die Welt von Morgen aussehen könnte - wenn wir das wollen." Das klingt staatstragend verschnarcht, aber das kennt man ja, dass das Gutgemeinte solcher Aktionen ihren Selbstbeschreibungen in die Sprache fährt wie ein lähmender Hexenschuss.

Zum Glück steht wenigstens der eine oder andere der gezeigten Filme im Widerspruch zur drögen Staatskneteantragsprosa der Festivalbegleitliteratur. Wenn es einen gibt, der mit so etwas garantiert nichts zu tun hat, dann ist das schließlich Werner Herzog, der in den USA wohl derzeit am aufmerksamsten beobachtete deutsche Regisseur. (In deutsche Kinos kommen seine Filme seltsamerweise gar nicht mehr oder sehr verspätet.) Unverdrossen dreht er Film um Film, zuletzt den aufwendigen "Rescue Dawn" und die Antarktis-Dokumentation mit dem exemplarischen Herzog-Titel "Encounters at the End of the World". Das Ende der Welt, der Tod, der Krieg, das Extreme, der Exzess, die Ränder der Zivilisation: da fühlt Herzog sich immer schon und noch immer zuhause.

Bild zum ArtikelDas gilt auch für das eher seltsame, 2006 entstandene Zwischendurch-Werk "The Wild Blue Yonder", das nun im "ueber morgen"-Programm auftaucht. Basis des Films ist dokumentarisches Unterwasser- und Space-Shuttle-Bildmaterial, das Herzog aber in eine Science-Fiction-Rahmen-Erzählung einpasst. Ein Alien (Brad Dourif - für Serienjunkies: der Doc aus "Deadwood") berichtet von der Ankunft seiner Zivilisation vom fernen Planeten Andromeda auf Erden vor vielen, vielen Jahren. Er erzählt, wie die Andromedaner eine Stadt bauen wollten und mit der Shoppingmall anfingen; es kam aber keiner zum Einkaufen, so scheiterte das ganze Projekt. Weiter berichtet er von einer Reise der Menschen durch von Physikern und Mathematikern entdeckte Raumtunnel, und zwar zum Planeten Andromeda. Wenn man die ernsthaft ihre Gleichungen schreibenden Mathematiker im Bild sieht, ist es fast ein bisschen wie bei Alexander Kluge. In weitere Dimensionen des Mockumentary-Unsinns dringt Herzog freilich nicht vor.

Fast eindrücklicher als die Bilder und die fadendünne Geschichte ist der Soundtrack, für den Herzog einen Avantgarde-Cellisten, südindische Chöre und einen senegalesischen Gesangssolisten zum Improvisieren ins Studio steckte - um auf die Tongrundlage dann den Film zu montieren. Der schroffe Wolof-Gesang, dazu die dröhnenden Chor-Harmonien, das alles gebettet auf ein leicht atonales Cello-Kratzen und -Singen; die Bilder dazu vom Weltraumschweben und von Unterwassergeschöpfen. Mit der gesellschafter-Idee von irgendwie vermittelbaren "Ideen und Weltentwürfen" hat das als eine einzige Herzog-Idiosynkrasie herzlich wenig zu tun. Aber das ist, versteht sich, auch gut so.

Bild zum ArtikelDas Prädikat "gesellschaftlich relevant" hat dagegen ganz eindeutig der Dokumentarfilm "Jesus Camp" von Heidi Ewing und Rachel Grady verdient. Geboten werden, wie der Titel verspricht, Einblicke in die alles andere als kleine Welt der amerikanischen Evangelikalen, jener Sorte fundamentalistischer Christen also, die an die buchstäbliche Wahrheit der Bibel glauben, an Schulen den Kreationismus lehren und Harry Potter verbieten wollen, weil heidnische Magie darin so wichtig ist. Becky Fisher, die Protagonistin des Films, leitet ein in North Dakota gelegenes Sommer-Camp für evangelikale Kinder (also solche, die auf Wunsch und Betreiben ihrer Eltern zu monströsen kleinen selbstgerechten Christen geworden sind und zu noch monströseren kleinen selbstgerechten Christen werden sollen). Fishers Predigten sind eindrucksvolle Gehirnwäsche-Veranstaltungen irgendwo zwischen Scientology und Tupperware-Party, anschauliche Paradiesnachspielszenen mit (bekleideten!) Barbiepuppen und gar Trance-Einlagen inklusive. Einen imposant ekligen Auftritt hat auch der bei Entstehung des Films noch überaus einflussreiche Prediger und Bush-Berater Ted Haggard, dem aber Ende letzten Jahres die Einlassungen eines Strichers, mit dem er es seit drei Jahren trieb, das Genick brachen.

Der Film selbst ist ein Dokumentar-Wischi-Waschi mit suggestivem Soundtrack und halbsubtiler Pseudo-Neutralität. Daran, dass die Einblicke, die einem "Jesu Camp" gewährt, interessant sind, ändert das nichts. Was man zu sehen bekommt, ist astreine Indoktrination, bedingungsloses Einschwören der Kinder auf die Wahrheit, die die Erwachsenen mit Löffeln gefressen haben. Ungeschminkt sind die Kommentare, in denen die Beteiligten von der Zucht kleiner Gotteskrieger sprechen, die immer wieder mit dem Verweis auf die Methoden der Islamisten gerechtfertigt wird. Wie eine Götzenstatue angebetet wird der oberste Evangelikale George W. Bush und interessant zu beobachten ist, wie viele Phänomene heutiger Popkultur ihre christliche Variante ausprägen, von HipHop bis Heavy Metal. Es ist eine Welt, in der die leiseste Spur kritischen Denkens methodisch ausgelöscht wird. Und zwar, da von Kindesbeinen an, an der Wurzel. Mithin: ein Horrorfilm, eine Körperfresser-Variation.

***

Bild zum ArtikelEine Stadt, die wegen eines Staudammprojekts geflutet und am höher gelegenen Ort wieder errichtet wird: das ist Jindabyne, und es liegt, wie der deutsche Untertitel des Films so schön präzise erläutert, "irgendwo in Australien". Wer jetzt an Jia Zhangkes vor ein paar Wochen angelaufenes Meisterwerk "Still Life" denkt (hier unsere Kritik), kann es gleich wieder vergessen. Wo Jhangke nämlich eine Form gefunden hat, die Dokumentarisches mit Surrealem zu einem ganz ungekünstelt rätselhaften Aggregatzustand von Wirklichkeitsdarstellung verbinden, da ist in Ray Lawrences "Jindabyne" alles nur ein symbolisch hochgetunter, ominös von Musik durchraunter, geschlechter- und völkerverständigungsdurchdrungener Schmarrn.

Ein böser weißer Mann, damit fängt alles an, tötet eine junge Aborigine-Frau, die auf dem Weg ist zu einem Festival der Country-Musik. Vier nicht richtig böse, aber doch eher tumbe weiße Männer machen einen Ausflug ohne ihre Frauen in die vermeintlich unberührte Natur. Es ist zunächst wie in John Boormans ungleich abgründigerem Klassiker "Deliverance" - und tatsächlich stoßen die Männer bei ihrem Trip in die Natur auch auf eine Ureinwohnerin. Es ist die im Wasser treibende ermordete junge Aborigine-Frau und daraus, dass die Männer nach dem Leichenfund eine ganze Weile ziemlich ungerührt weiterangeln, ehe sie sich auf dem Rückweg bei der Polizei melden, wird ein regelrechter Skandal.

Im Zentrum der Geschichte stehen Stewart (Gabriel Byrne), der einer der Ausflügler ist, und seine Frau Claire (Laura Linney), die der Film beide eifrig mit weiteren Problemen umzingelt: Eine Ehekrise von früher, eine giftige Schwiegermutter, ein Kleintiere mordender Sohn. Es ist, als könnte das Drehbuch nicht genug bekommen an psychischen Verkorkstheiten, was umso seltsamer ist, als es auf einer Kurzgeschichte des ja nun gerade für seine konzentrierte Geradheit und Lakonie bekannten Raymond Carver beruht. "Jindabyne" aber krampft sich von einem Konflikt zum nächsten und versöhnt zum hochnotpeinlichen Ende zu Aborigine-Gesangsbegleitung Mann und Frau sowie weiß und schwarz. Bleibt nur der Tipp, lieber noch mal Robert Altmans "Short Cuts" aus der Videothek zu holen, wo dieselbe Carver-Geschichte unter anderen schon mal verfilmt wurde. Nur ohne den ganzen Problem-Klimbim und Krampf-Ballast.

The Wild Blue Yonder. USA 2006 - Regie: Werner Herzog - Darsteller: Brad Dourif

Jesus Camp. USA 2006 - Regie: Heidi Ewing und Rachel Grady

Jindabyne - Irgendwo in Australien. Australien 2006 - Originaltitel: Jindabyne - Regie: Ray Lawrence - Darsteller: Laura Linney, Gabriel Byrne, Chris Haywood, Tatea Reilly, Sean Rees-Wemyss, Deborra-Lee Furness, John Howard, Eva Lazzaro, Maya Daniels

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