Perlentaucher - Das Kulturmagazin

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zuletzt aktualisiert 20.03.2010, 13.13 Uhr

Im Kino

Mit offenen Karten

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster, Ekkehard Knörer

10.10.2007. Michael Moore bleibt ein Populist, liegt deswegen aber noch lange nicht falsch mit "Sicko", seiner Anklage gegen das US-Gesundheitssystem. Und Jan Bonny macht in seinem Spielfilmdebüt "Gegenüber" verständlich, wie es kommen kann, dass eine Frau ihren Mann verprügelt.

Bild zum Artikel Die USA sind das einzige Industrieland der Welt ohne ein umfassendes staatliches Krankenversicherungssystem. Über 50 Millionen Amerikaner verfügen über gar keinen Versicherungsschutz. Doch auch, wer einen Vertrag bei einer der privaten Kassen abgeschlossen hat, befindet sich noch lange nicht auf der sicheren Seite. Da wäre zum Beispiel der krebskranke Mann, dessen von seinem Arzt empfohlene Therapie mit der Begründung abgelehnt wird, diese befinde sich noch in der Testphase. Oder die Frau, die nach einer Krebsdiagnose von ihrer Versicherung wegen einer bei Vertragsabschluss nicht gemeldeten harmlosen Vorerkrankung fallen gelassen wird. Diese und einige weitere Schicksale präsentieren die ersten 40 Minuten von "Sicko" in einem cinema-verite-inspirierten Stil. Danach begibt sich Michael Moore in bewährter Manier auf Ursachenforschung.

Moores Filme machen es dem europäischen Publikum in gewisser Weise leicht: Man kann sich mit Moore über die amerikanischen Waffengesetze ("Bowling for Columbine"), die Außenpolitik der USA ("Fahrenheit 9/11") oder nun eben das Gesundheitssystem auf der anderen Seite des Atlantiks echauffieren und dabei seinem Antiamerikanismus freien Lauf lassen. Oder aber man echauffiert sich stattdessen über Moore selbst und dessen unseriöse, populistische Rhetorik. Oft ist eine solche Reaktion jedoch mindestens genauso fragwürdig.

Michael Moore ist zweifellos ein Populist. "Sicko" setzt direkt mit einem der berühmten Versprecher George W. Bushs ein und greift im weiteren Verlauf auf allerlei Kabinettsstückchen der suggestiven Montage zurück. So folgt auf eine Aufnahme einer Rede des New Yorker Bürgermeisters Bloomberg, der den 9/11-Helfern großzügige Hilfen zusagt, ein harter Schnitt auf das lungenkranke Husten eben eines solchen Helfers, das die Politikerworte Lügen straft.

Doch ist Moores Populismus wirklich so unseriös? Oder anders gefragt: Ist es nicht gerade der deutlich fühlbare Mangel an Seriosität, der einen Film wie "Sicko" vorteilhaft von den meisten populär-dokumentarischen Formaten, gerade auch in Deutschland, abhebt? Denn Moores Populismus gibt sich im Gegensatz zu dem eines Guido Knopp immer als solcher zu erkennen. Dies beginnt bei dem Modus der Präsentation. Im Gegensatz zu einem nur scheinbar neutralen, insgeheim hochmanipulativen Off-Kommentar thematisiert Moores Erzählerstimme das Verhältnis zwischen dem Regisseur und seinem Thema direkt.

Am deutlichsten wird der Unterschied zwischen "Sicko" und Moores hiesigen Kollegen vielleicht bei der Verwendung von Archivmaterial. "Hitlers Helfer" und Konsorten behandeln historische Aufnahmen wie religiöse Reliquien und präsentieren sie als nicht mehr hinterfragbare Wahrheiten. Moore dagegen nutzt Fremdmaterial unterschiedlicher Art vor allem dazu, sich spielerisch über die Kommunismusparanoia in Amerika lustig zu machen und unterlegt eine Rede Castros auch schon einmal mit dem Fauchen Godzillas.

Bild zum ArtikelMoore spielt mit offenen Karten und bietet so dem Zuschauer die Möglichkeit, zu widersprechen, wo es ihm nicht passt. So ist sein Film eher ein - polemischer - Beitrag zu einem öffentlichen Diskurs als eine Behauptung über den Zustand der Welt. Dass "Sicko" besser funktioniert als beispielsweise "Fahrenheit 9/11", liegt aber möglicherweise auch an der Wahl des Themas. Die jedem Populismus inhärente Tendenz zur Vereinfachung komplexer Zusammenhänge führt hier zu weit weniger argumentativen Verrenkungen als im Falle des Vorgängerfilms mit seiner reduktionistischen Sicht auf den Irak-Krieg. Denn zumindest der Grundlinie der Moore'schen Argumentation werden nicht einmal die radikalsten Liberalisierungsbefürworter widersprechen können: Private Krankenkassenunternehmen sind in aller Regel am eigenen Profit orientiert und nicht am Wohlergehen ihrer Kundschaft.

Natürlich kann - und muss - man einiges an Michael Moore kritisieren. In diesem Fall vor allem die reichlich widerwärtige Instrumentalisierung der Guantanamo-Häftlinge für die Kritik am Gesundheitssystem. Vor allem jedoch gilt es, die Differenz zwischen der amerikanischen und der europäischen Perspektive zu berücksichtigen. So ist es zwar Moores gutes Recht, seinen Landsleuten die gut funktionierende Krankenversorgung in Frankreich und Großbritannien vorzuführen. Hierzulande sollte man jedoch bedenken, dass diese Sicherungssysteme unter anderem durch eine konsequente Abschottung der EU-Außengrenzen aufrechterhalten werden. Und auf den ersten großen Dokumentarfilm über die Gesundheitsversorgung in nordafrikanischen Flüchtlingscamps werden wir wohl noch eine Weile warten müssen.

Lukas Förster

***

Bild zum ArtikelSzenen einer Ehe. Er ist Polizist, sie ist Grundschullehrerin. Er ist sanft, bescheiden, geduckt, einer, der sich am liebsten verkriechen würde immerzu. Einmal begeht er fast aus Versehen eine Heldentat, er soll befördert werden, es ist ihm sehr unangenehm. Georg Hoffmann (Matthias Brandt) ist das Gegenteil eines Helden. Er nimmt die Schuld der Welt auf sich. Er genießt es nicht, er ist kein Masochist, aber sich zur Wehr setzen, das ist nicht sein Ding.

Seine Frau Anne (Victoria Trauttmansdorff) hält es nicht aus. Sie hält ihn nicht aus, sie hält die Ehe nicht aus, sie hält ihr Leben nicht aus: es ist nicht einfach zu sagen. Aber eins ist gewiss: Sie duckt sich nicht, sie belässt es auch nicht bei Widerworten. Sie schlägt zu. Sie schlägt ihren Mann, der sich nicht zur Wehr setzt, der sich am liebsten verkriechen würde, der die Schläge nimmt, wie sie kommen. Sie genießt das nicht, sie bittet ja, es ist ihr selbst wohl nicht recht klar, was sie von dieser Wut halten soll, die sie zuschlagen lässt.

Jan Bonny macht dieses Szenario in seinem Debütfilm "Gegenüber" plausibel. Ein bisschen zu nachdrücklich vielleicht, wenn er die Eheleute mit beinahe guten Gründen für die plötzliche Eskalation derBild zum Artikel Beziehungsprobleme nach zwanzig Ehejahren umzingelt. Dazu gehört ein Schwiegervater zum Beispiel, von dem sie finanziell abhängig sind, der Georg seiner Erfolglosigkeit wegen verachtet und ihn kränkt und verletzt, wo er nur kann. Oder einem Kollegen (Wike Wotan Möhring), der Georg die Beförderung neidet und sich als Freund gibt, der er, wie man bald sieht, nicht ist.

Bonny erzählt seine Geschichte im sozialrealistischen Modus - wer also angesichts der psychodynamisch fatalen Kernkonstellation an Fassbinder denkt und seine präzisen Stilisierungen, liegt eher falsch. Bonny setzt nicht auf Distanz, sondern auf größtmögliche Intimität. Es schleicht sich dabei aber dank der hervorragenden Schauspieler kein falscher Ton in die Darstellung, die Bilder zeigen die Verletzungen, aber beuten sie nicht aus. Weil Bonny nichts verschweigt, die intensiven Szenen nicht durch Humor entschärft, ist das Zuschauen manchmal schwer erträglich. Es spricht das aber für, nicht gegen den Film.

Ekkehard Knörer

Sicko. Regie: Michael Moore. USA 2007, 116 Minuten.

Gegenüber. Regie: Jan Bonny. Mit Victoria Trauttmansdorff, Matthias Brandt, Wotan Wilke Möhring, Susanne Bormann und anderen. Deutschland 2007, 96 Minuten.

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