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Im Kino
Bewegtbilddreschflegelei
Die Filmkolumne. Von Ekkehard Knörer
04.09.2007. "Das Bourne Ultimatum", der dritte Teil der Bourne-Saga, verbreitet virtuos, aber wenig originell, viel Hektik und Lärm. In Erica von Moellers "Hannah" geht es in sehr viel ruhigerer Gangart um Nina Hoss als schöne Frau mit rätselhafter Vergangenheit.
Da ist er wieder, diesmal - Totale von oben, getickerter Schriftzug rechts im Bild - in Moskau (später überall und anderswo): Jason Bourne, zum geheimsten Geheimdienstmitarbeiter ausgebildet einst, von allen Hunden des Westens gehetzt nun schon im dritten Film und sich selbst identitätslos noch immer das größte Geheimnis. Er wird gejagt und weiß nicht warum und wird selbst zur verfolgenden Unschuld, als Jäger nach seiner eigenen Identität und Vergangenheit, als einer, der werden will, wer er war, der darüber aber fliehend, verfolgend, tötend, zu einem wird oder werden muss, der er nie sein wollte.
Klingt nach einem Ödipus unserer Tage, ist aber, wenn Regisseur Paul Greengrass das ganze in Szene setzt, nur ein Schnittgewitter und Handkameraspektakel der atemlosen und unkoordinierten Art. Im fortwährenden medias in res, im Immerzu des Fortmüssens und Weiterspringens, des Hin von Verfolgung, des Her von Flucht, verliert der Film Mitte und Ziel, verliert Jason Bourne das ihm auferlegte Schicksal schnell aus den Augen. Es bleiben, immerhin, Virtuosenstücke des Orientierungsverlusts, früh im Film als von Bourne live choreografierter
Pas-de-deux durch den Londoner Bahnhof Waterloo. Und später im Film eine Autojagd durch Manhattan, bei der die Autos und die Fetzen fliegen, mal auf die Kamera zu, mal von der Kamera weg und mal fliegt die Kamera mit.
Es korrespondieren in "The Bourne Ultimatum" wiederum zwei Grundbewegungen, aufgelöst ins rasante Szenengewühl: die der Suche nach der eigenen Vergangenheit, mittlerweile kompliziert dadurch, dass Bourne für den Mord an seiner Freundin Marie Kreutz (Franka Potente) Vergeltung sucht, die den Film gelegentlich als eine Art Geist in Erinnerungen und Fotografien heimsucht; und als zweite Bewegung, in Fortsetzung und Wiederholung der Teile eins und zwei, die der Flucht vor den technisch und personell beängstigend gut, was moralische Bedenken angeht dagegen beängstigend schlecht ausgestatteten CIA-Bossen.
Die haben zu verbergen, dass sie etwas zu verbergen haben, und natürlich kommt ihnen Jason Bourne dann drauf. Er ist denen, die ihn verfolgen, immer einen Schritt, einen Blick, einen Gedanken voraus und noch die Fallen, die sie ihm stellen, hat er ihnen selbst suggeriert. An dieser Plotmechanik ist nichts verkehrt, im Gegenteil. Sie böte viele spannende Möglichkeiten zu retardierenden Momenten, Parallelmontagen der atemlosen Art, zu Beinahe-Konfrontationen und Manipulationen des Betrachters, der mal weiß, was gespielt wird und wenig später dann nicht mehr.
An dergleichen Raffinessen aber haben Tony Gilroys Drehbuch, vor allem aber Paul Greengrass' Regie wenig Interesse. Greengrass, der mit dem Nordirlandfilm "Bloody Sunday" vor ein paar Jahren den Goldenen Bären gewann und zuletzt mit "United 93" die erste große 9/11-Rekonstruktion vorlegte, inszeniert, worum immer es geht, immer im selben Stil. Er ist ein Manierist, also einer, der sein Können nicht im Funktionalen aufgehen lässt, sondern die Form um der Form willen forciert. Nur besteht seine Manier nicht, wie von Manieristen gewohnt, darin, dass er sich ins Künstliche, den einfachen Formen Ferne verliert. Seine Manier besteht vielmehr in der Mimikry ans Dokumentarische und damit in einer künstlich produzierten Form von Einfachheit.
In "The Bourne Ultimatum" ist diese Manier ausgeprägter denn je. Abgesehen von Totalen auf große Städte, die meist mit einem rasenden Zoom ins Getümmel enden, tut die Kamera immer so, als wäre sie mittendrin und live dabei. Forciert wird der Eindruck durch Handkameraeinsatz, hektische Schnitte, das
Schieben und Stellen von Körpern und Dingen in den Bildvordergrund, so dass das eigentlich zentrale Geschehen, die gerade handelnden Figuren an den Rand gedrängt, in den Hintergrund gerückt erscheinen. Greengrass gönnt dem Betrachter kaum einen Moment der Ruhe und Orientierung, aber gerade diese künstlich hochgepeitschte Dauererregung führt schnell zur Ermüdung. Zwar schreit beinahe jedes Bild dieses Films "Action"; jeder Zusammenhang von Bewegung und Raum zerfasert aber bis hin zur Unlesbarkeit des Geschehens: etwas bewegt sich, Jason Bourne rennt, Jason Bourne springt über Gassen von Fenster zu Fenster, hier ein Verfolger, da ein Verfolger, Jason Bourne kämpft auf Leben und Tod.
Man wird von den Bildern abgewatscht wie ein heillos überforderter Boxer, Schlag folgt auf Schlag. Je länger dies Bilder-Stakkato auf einen niedergeht, desto klarer wird aber eine fatale Inkongruenz. Es ist ein Mangel an innovativen oder originellen Ideen, der hier verdeckt wird von der Mimikry ans Dokumentarische. Hinter der aufgewühlten Bildproduktion liegen die üblichen Versatzstücke von Liebe und Verrat, Abziehbilder böser Geheimdienstaktionen und noch an der Amnesie des Helden ist nichts, das aus unzähligen anderen Geschichten nicht längst vertraut wäre. So tut dieser Film auf höchst künstliche Weise einfach und haspelt sich orientierungslos durch Raum und Aktion. Die hinter der Action gähnende Leere frisst sich aber, je länger das dauert, hinein in die Bilder, in die Figuren und zuletzt auch ins Hirn des Betrachters. "Das Bourne Ultimatum" ist Kino als Bewegtbilddreschflegelei - Zuschauen auf eigene Gefahr.
***
Hannah, allein zu Haus. An der Wand eine Vasarely-Tapete, auf dem Herd der Kaffeekocher, an der Tür ein Riegel: Hannah (Nina Hoss) sperrt sich ein, Hannah sperrt die Welt aus. Sie besucht ihre Eltern, die Hannahs Tochter Maya (Isabell Bongard) erziehen. Die Tochter hat Geburtstag, sie bläst die Kerzen aus auf dem Geburtstagskuchen, unterhält sich dabei mit einer Freundin, das Handy am Ohr. Die Mutter schenkt ihr eine CD, die sie schon hat. Hannah und ihre Eltern haben sich wenig zu sagen: Porträt einer dysfunktionalen Familie. Hannah hat einen Freund, aber sie bleibt nicht bei ihm über Nacht, denn sie erträgt, sagt sie, den Atem eines anderen nicht neben sich im Schlaf. Dann atme ich eben nicht, sagt Jan (Matthias Brandt), der Hannah nicht zu helfen weiß und der sich nicht anders zu helfen weiß, als hinter Hannahs Rücken ihre Mutter zu treffen.
Hannah ist schön und sie ist rätselhaft. Sie hat Angst, sie hat ein Geheimnis. Nina Hoss macht, im Auftrag von Drehbuch (Sönke Lars Neuwöhner) und Regie (Erica von Möller), aus der Andeutung dieses Geheimnisses eine Schau. Rückblenden-Flashs in bleichen Farben helfen auf die Sprünge. Fotografien tauchen auf, Gegenwartsfotos, Vergangenheitsfotos, von beiden ist Hannah konsterniert. In den Rückblenden knirscht Eis, das Hannah im Glas zerstößt. Hannah sperrt sich ein, sie sperrt die Welt aus. An der Tür ein Riegel, an der Wand die Vasarely-Tapete.
Und dann geht sie doch hinaus, in die Stadt, in die Welt. Die Rückblenden, die Tochter, die Fotografien, ein Rätsel, ein Mann. Jan, der Hannah nicht zu helfen weiß, telefoniert mit einem Freund, der sich mit
Wahnvorstellungen auskennt. Noch mehr Fotografien, weitere Rätsel, ein unbekannter Name, ein Lager in Hinterhöfen. Dann der Aufbruch. Hannah fährt nach Berlin, mit ihrer Tochter. Sie flieht vor den Eltern, sie kommt ihrer Tochter näher, der Film wirft sich, nicht erst jetzt, naheliegenden Klischees an den Hals.
Hannah trifft eine Freundin aus ihrer Vergangenheit. Sie wird gespielt von Marie-Lou Sellem, die hier Theater spielt, es klingt nach Tschechow. Zuletzt haben wir Marie-Lou Sellem in Angela Schanelecs "Marseille" gesehen, da spielte sie Theater, es war Tschechow. Nina Hoss werden wir nächste Woche in Christian Petzolds "Yella" sehen, als eine rätselhafte Frau, deren Leben endet und neu beginnt. Wer "Marseille" gesehen hat und "Yella", für den ist "Hannah" immer wieder ein deja-vu, aber als Abklatsch. Das ist natürlich kein Plagiatsvorwurf ("Yella" ist erst nach "Hannah" entstanden), sondern nur das Konstatieren eines Klassenunterschieds. Das Problem ist: In "Hannah" lösen sich alle Rätsel, der Familienknoten geht auf. Das Problem ist: Vom ersten Bild an läuft der Film auf sein Ende hinaus.
Das Bourne Ultimatum. Regie: Paul Greengrass. Mit Matt Damon, Julia Stiles, David Strathairn, Al und anderen. bert Finney, Joan Allen, Daniel Brühl, USA 2007, 115 Minuten
Hannah. Regie: Erica von Moeller. Mit Nina Hoss, Isabell Bongard, Wolfram Koch, Matthias Brandt, Marie-Lou Sellem und anderen. Deutschland 2006, 90 Minuten
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