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Im Kino
Realismus zweiter Ordnung
Die Filmkolumne. Von Ekkehard Knörer
11.05.2007. Paul Verhoevens Film "Black Book" zeigt uns die Mata Hari des niederländischen Widerstands. Das ist manchmal krude, manchmal geschmacklos, aber es geht völlig in Ordnung. Der gar nicht verschämte Rückgriff auf Thrillerklischees, erweist sich der Obszönität der Ereignisse als eigentümlich angemessen.
Wie geht das zu: Dieser Film ist reine Kolportage - und da es um Nazis in den Niederlanden geht also reine Nazi-Kolportage -, aber siehe und höre und staune - es geht in Ordnung. Es gibt keinen Zweifel: Des Films Heldin, die jüdische Sängerin Rachel Stein (Carise van Houten), als Mata Hari des Widerstands dann tätig unter dem Namen Ellis de Vries, entstammt der erhitzten Fantasie eines Autors auf Subtilitäten pfeifender Genreliteratur sehr viel eher als erstens der Wirklichkeit und zweitens der ruhigen Überlegung, mit der Verfasser seriöser historischer Drehbuchliteratur mit den Nazi-Verbrechen umzugehen pflegen. Auf gut germanische Weise pseudodokumentarisch - wie etwa in Marc Rothemunds biederem "Sophie Scholl" oder, auf andere Weise, auch Stefan Ruzowitzkys Handkamera-Konzentrationslager-Drama "Die Fälscher" - ist bei Verhoeven rein gar nichts. Zwar betont er, dass alles, was er erzählt, mehr oder minder sich so oder ähnlich auch zutrug (Untertitel des Films "Nach einer wahren Geschichte"). Er versichert, und das ist jetzt kein ganz willkürlich gewähltes Beispiel: "Im Widerstand wurde rechts und links gevögelt." (In einem Interview im Berliner Stadtmagazins "tip".) Es wird schon stimmen, aber zu aus dem Leben gegriffenen Figuren macht das Verhoevens Rachel Stein und ihre Mitstreiter noch lange nicht. Mindestens die wundersame psychische Unversehrtheit der mehrfach, ja, immerzu aufs Neue traumatisierten Heldin macht sie zum Charakter direkt aus der Trivialliteratur.
Eine kurze Inhaltsangabe kann an dieser Stelle nicht schaden, denn in der Ballung des Geschehens, in der Wut, einer verrückten Wendung die nächste gleich hinterherzusetzen, liegt nicht zuletzt die Methode des Films. Es beginnt alles mit einer Vorblende, die sich am Ende als Rahmung erweisen wird. In einem Kibbutz in Israel kommt es zur Wiederbegegnung zweier Frauen, die sich aus dem Krieg und den Niederlanden kennen. Eine der Funktionen dieses Rahmens ist sicherlich die Entschärfung des historischen Geschehens. Wir wissen: Es ging, für die Heldin jedenfalls, noch gut aus. Die Geschichte wird als Rückblende, die der als Beginn gesetzten Gegenwart folgt, in die Distanz des Vergangenen, vielleicht könnte man auch sagen: ganz klar in den Modus des Erzählten, nicht des Dokumentierten versetzt. ("Die Fälscher" verfolgt eine ganz ähnliche Strategie, verwickelt sich aber mit der durch die Handkamera erzeugten Dabeiseinsillusion sofort in einen Widerspruch.) Im Vergangenen wird die Heldin dann eingeführt als eine, die sich zu helfen weiß. Erst hat sie Glück, ist die einzige, die auf der Flucht vor den Nazis einem Hinterhalt entkommt, mit einer Schramme am Kopf, die anderen, darunter alle Mitglieder ihrer Familie, sind tot. Sie gerät, als Leiche maskiert, in den Widerstand und lässt sich, weil das Vaterland danach verlangt, ein auf mit Sex verbundene Spionage beim Nazi-Sicherheitsdienst. Das Objekt der Unterwanderung ist Hauptsturmführer Müntze (Sebastian Koch), ein Nazi mit Liebe zu Briefmarken und einer Abneigung gegen das Barbarentum seiner Kollegen aus dem Klischeebilderbuch. Aus Sex wird Liebe (für Rachel bzw. Ellis) und aus Abneigung so etwas wie Widerstand (bei Müntze). Die Sache fliegt auf, und Marie gerät bei ihren von den Nazis geschickt an der Nase herumgeführten Mitstreitern in den Verdacht der Kollaboration. Es wäre fahrlässig, weitere Elemente des Plots zu verraten, denn "Black Book" ist in erster Linie nun mal ein Thriller und Spannungsfilm. Und keineswegs endet er mit der Befreiung, mit der dann alles gut wäre - das barbarische Verhalten der Niederländer selbst in diesem Moment ist vielmehr eine seiner zentralen, mit Gusto ausgespielten Pointen.
Und doch: Es ist in Ordnung, ja, mehr noch, "Black Book" ist klüger und interessanter als all die ästhetisch unriskanten Nazistücke der letzten Jahre aus deutscher Produktion. Wobei auch "Black Book" bei Lichte betrachtet aus deutscher Produktion stammt. Nachdem sich für Verhoeven zuletzt geplante Projekte in Hollywood mehrfach zerschlugen, ist er nun nach Europa zurückgekehrt, hat in seiner niederländischen Heimat gedreht und in Deutschland Produktionsgelder akquiriert. Das macht aber nur umso deutlicher: Einen wie Paul Verhoeven gibt es in Deutschland nicht, keinen mit seiner von Geschmacklosigkeit kaum und manchmal auch gar nicht zu unterscheidenden Chuzpe, seinem Mut zum schlechten Geschmack im rechten Moment. Der sich etwa darin äußert, dass er in unverschämter Manier seine Heldin bei der Blondierung ihres Schamhaars zeigt, nur zum Beispiel. Oder darin, dass er kübelweise Scheiße auskippen lässt auf ihr, gegen Ende, und zwar ganz buchstäblich. Hat es alles gegeben, ist alles passiert, versichert Verhoeven. Im fortgesetzten und ungescheuten Zeigen des Dagewesenen, im Verzicht auf alle Zurückhaltung, gewinnt er aber, und das ist der eigentliche Clou des Films, dem Furchtbaren eine seltsame Darstellungsunschuld zurück.
Gerade des Krude der Erzählung und Präsentation, der gar nicht verschämte Rückgriff auf Spannungsmomente und Thrillerklischees, erweisen sich als der Obszönität der Ereignisse eigentümlich angemessen. Zumal das Drehbuch dann auch vor der gewagten Umkehrung aus Historiendarstellungen gewohnter Verhältnisse nicht zurückscheut. So finden sich Gut und Böse auf Seiten der Täter wie der Opfer. Das nicht über die Maßen optimistische Menschenbild, das Paul Verhoeven mit seinem Drehbuchkoautor Gerhard Soetemann teilt, verhindert falsche Rücksichten und lässt in "Black Book" immer wieder alles möglich erscheinen. Auf diese Weise trotzt der Film der Kolportage einen Realismus zweiter Ordnung ab. Verhoeven nimmt die eingesetzten Versatzstücke ernst, aber eben als Spielmaterial. Er setzt den Klischees keinen Widerstand entgegen, und gelangt gerade im semi-seriösen Umgang mit ihren Attraktionswerten zu anschaulichen gemachten Einsichten, die keine Schulbuchweisheit lehrt.
***
Josh Gordons und Will Specks "Die Eisprinzen" trägt, in den Figuren ihrer Hauptdarsteller Will Ferrell und Jon Heder, eine doppelte Hypothek. Deren Namen sind mit einigen der besten amerikanischen Komödien der letzten Jahre verbunden, Komödien, die, auf den Spuren nicht zuletzt der Farrelly-Brüder ("Alle lieben Mary") das Gegenteil von sophistication zu sehr eigenwilligen Kunstformen des Komischen ausdifferenziert haben. Will Ferrell ist beim TV-Klassiker "Saturday Night Live" zu Ruhm gekommen, machte in Woody Allens "Melinda und Melinda" Station und hat zuletzt "Ricky Bobby - König der Rennfahrer" gedreht, einen NASCAR-Film, der sich einen Sport daraus macht, eher den umwegigsten, nie den direkten Weg zur Pointe zu suchen. Abseitiger und eigensinniger noch war Jared Hess' längst zu Kultehren gelangtes Debüt "Napoleon Dynamite", in dem Jon Heder mit absurder Dauerwelle und rotziger Ausdruckslosigkeit den Highschool-Nerd im dysfunktionalen Familienverband spielte.
Leider trägt "Die Eisprinzen" an der durch diesen Stammbaum geschürten Erwartung ziemlich schwer. Sehr viel mehr als die gelegentlich schon auch ziemlich komische Mainstream-Version der Vorgänger hat er nicht zu bieten. Eng lehnt er sich zunächst an die Geschichte von "Talladega Nights" an, denn hier wie da beginnt alles mit einer Kindheits-Vorgeschichte, in der ein fordernder, fördernder Vater eine nicht geringe Motivationsrolle spielt für die spätere Karriere. Wo aber bei "Ricky Bobby" der Vater nur auftaucht, um gleich wieder zu verschwinden, wird in "Die Eisprinzen" ein fehlender Vater ersetzt, und zwar durch den von perversen Zügen nicht freien wunderkindadoptierenden Multimillionär Darren MacElroy (William Fichtner), der das Talent des jungen Jimmy (John Heder) sogleich erkennt und ihn unter seine familiären und pekuniären Fittiche nimmt. Jimmys Talent ist das zu Pirouette und Rittberger, zu Axel und Tanz auf dem Eis, also zur aus Perspektive von Sportfreunden doch eher dubiosen Sportart Eiskunstlauf. Dass der Film den vom Milieu und den darüber kursierenden Klischees nahe gelegten Scherzen - zur schwulen Anmutung der Sache, zu Nutzen und Nachteil scharfkantiger Kufen, zum übertriebenen Ehrgeiz von Trainern - nachdrücklich ausweicht, wird man ihm nicht nachsagen können. Andererseits muss auf den Einbezug Nordkoreas ins Eiskunstlaufscherzrepertoire auch erst mal kommen.
"Die Eisprinzen" erzählt, wie der Wille zum Erfolg aus einer Konkurrenz-, ja Feindesbeziehung ein Traumpaar entstehen lässt. Erst einmal wird dafür aus dem blonden Wunderkind Jimmy in der digitalen Überblendung ein grauenhaft frisierter Virtuose im lächerlichen Pfauenkostüm. Es erweist sich freilich schnell, dass die Parodie des typischen Hybrids aus Möchtegernkunst und Sprungsport so einfach nicht ist: Das sieht in der Wirklichkeit doch immer schon ähnlich dämlich aus. Interessanter ist die Gegenfigur, Jimmy (nun: MacElroys) Konkurrent mit dem hübsch bescheuerten Namen Chazz Michael Michaels. Will Ferrell gibt den moppeligen Rebellen auf Kufen, der sich in seiner vom Publikum frenetisch gefeierten Kür als Rowdy und Sexprotz und Cowboy ausweist.
Die beiden in gegenseitigem Hass verbundenen Wettkämpfer müssen sich die Weltmeisterschafts-Goldmedaille teilen - und werden nach einer Prügelei auf dem Siegespodest disqualifiziert für den Rest ihres Lebens. Der katatstrophale Ausgang des Wettkampfs trägt, ohne dass einer es ahnt, bereits den Keim künftigen Triumphs in sich: Die beiden gehen durchs Tal der Tränen, des Alkohols, des Kindertheaters und des Schlittschuhverkaufs. Dann aber schlüpft durch eine Lücke im Regelwerk die eigentliche Pointe des Films: Die Disqualifikation gilt nicht für den Antritt in der Paarlauf-Disziplin. Und von einer Beschränkung auf geschlechtsverschiedene Paare ist auch nicht die Rede. So tun sich die Konkurrenten zum Eislaufpaar zusammen, gewinnen einander gern und trotzen dem Widerstand des einander in inzestuöser Liebe ergebenen Geschwisterpaares Van Waldenberg (Will Arnett und Amy Poehler).
Der Film springt, ohne je wirklich zu langweilen, von Pointe zu Pointe. Das Problem ist in gewisser Weise aber gerade diese Bewegungsform des Sprungs. Und zwar deshalb, weil die avancierteren amerikanischen Komödien der letzten Jahre Mittel und Wege gefunden haben, Pointen zu Tode zu reiten, ins Leere laufen zu lassen oder auch - das ist die Spezialität von "Napoleon Dynamite" - derart wenig Aufhebens um sie zu machen, dass man sie erst bemerkt, wenn sie vorbei sind. "Die Eisprinzen" funktioniert da eher klassisch. Der Film ist über weite Strecken durchaus ein Vergnügen, aber aufs große Ganze der neueren amerikanischen Komödienkunst gesehen, ein Rückschritt.
Black Book. Niederlande / Deutschland / Großbritannien 2006 - Originaltitel: Zwartboek - Regie: Paul Verhoeven - Darsteller: Carice van Houten, Sebastian Koch, Thom Hoffman, Halina Reijn, Waldemar Kobus, Derek de Lint, Christian Berkel - FSK: ab 16 - Länge: 142 min.
Die Eisprinzen. USA 2007 - Originaltitel: Blades of Glory - Regie: Josh Gordon, Will Speck - Darsteller: Will Ferrell, Jon Heder, Will Arnett, Amy Poehler, William Fichtner, Jenna Fischer, Romany Malco, Nick Swardson, Rob Corddry - FSK: ab 6 - Länge: 93 min.
Archiv: Im Kino
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