Bücherschau der Woche
Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.
Literaturbeilagen
All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.
Über uns
Service für Leser
Service für Kunden
Aus dem Archiv
- Debatte "Islam in Europa": Mit Beiträgen von Pascal Bruckner, Ian Buruma, Necla Kelek, Lars Gustafsson, Adam Krzeminski, Bassam Tibi u.a.
- Der dänischer Karikaturenstreit: Eine europäische Presseschau
- Die Walser-Affäre: Der Streit um Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers"
- Der 11.September: Eine Presseschau
- Fallende Blätter: Zur Lage des Feuilletons heute
Perlentaucher-Autoren
Links
Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.
Essay
Wieviele Divisionen hat Garri Kasparow?
Von Andre Glucksmann
03.05.2007. Putin, sein Öl, sein Gas. Gerhard Schröder steckt sich seine Dividenden ein. Anna Poltikowskaja ist schon vergessen. Die neuen Dissidenten um Garri Kasparow lassen unsere moralischen Autoritäten kalt. Habt Ihr nichts gelernt, Ihr Großen Europas? Von Andre Glucksmann
Als die Panzer des Ostblocks den Prager Frühling niederwalzten, waren sie zu neunt auf dem roten Platz. Neun Dissidenten, neun mutige Männer und Frauen, die die sowjetische Diktatur herausforderten. Nur einige wenige europäische Intellektuelle zeigten sich von ihnen berührt und schafften es, die Befreiung dieser einsamen Helden aus den psychiatrischen Anstalten zu erwirken, in die die politische Polizei sie gesperrt hatte.
Und doch mussten die europäischen Kanzleien und Generalstäbe 21 Jahre danach zu ihrer Verblüffung feststellen, dass diese Federgewichte - Solschenizyn, Sacharow, Bukowski und die neun vom Roten Platz das sowjetische Reich besiegt hatten.
Alle Großen dieser Welt sind Opfer des Stalin-Syndroms: "Wieviele Divisionen hat der Papst?" Unglücklicherweise korrigieren allerdings die Despoten ihre Rechenfehler früher als die Demokraten. Jene Geheimdienste, in denen Putin seine Grundausbildung absolviert hatte (bevor er an die Spitze des KGB und des russischen Staates gelangte), versuchten, Johannes Paul II. zu liquidieren, bevor die westlichen Regierungen den immensen antitotalitären Freiheitsdrang, den Karol Woytila symbolisierte, auch nur begriffen hatten.
Die neue Dissidenz, die jüngst in Moskau demonstrierte, ließ die moralischen und politischen Autoritäten kalt. Paris, Rom, London, Berlin wenden den Blick ab und ziehen Bilanz: Putin, sein Öl, sein Gas, seine Vernichtungswaffen und die Waffen, die er auf dem ganzen Planeten verkauft, wiegen schwerer als ein paar tausend Demonstranten, die von zehn mal stärkeren Ordnungskräften, geschlagen, zerstreut und festgenommen werden. Schröder steckt sich seine Gasprom-Dividenden ein, Jacques Chirac geht ohne das geringste Bedauern für das Großkreuz der Ehrenlegion, das er Putin ans Revers heftete, in Rente. Und Romani Prodi scheint Putin mit Puschkin zu verwechseln.
Anna Poltikowskaja wurde ermordet und ist schon vergessen, zusammen mit Dutzenden anderer Journalisten, die Opfer tödlicher Kontrakte wurden. Die Journalisten, die über die Auftraggeber der in Moskau in die Luft gejagten Häuser recherchierten, sind liquidiert. Bei den Explosionen starben 300 Menschen. Sie dienten als Vorwand für den Tschetschenienkrieg. Und Litwinenko wurde mit Polonium vergiftet.
Chodorkowski und Trepaschkin sind im tiefsten Sibirien eingekerkert. Jeder vierte oder fünfte Tschetschene ist ums Leben gekommen. Garri Kasparow und seine Freunde werden bedroht und daran gehindert, mit einer Rose in der einen und der russischen Verfassung in der anderen Hand zu demonstrieren. Wieviele Köpfe müssen abgeschnitten und Hoffnungen zerstört werden, damit die Europäer, diese Freunde der Menschenrechte, reagieren?
"Für die Europäer bedeuten 5.000 Menschen auf der Straße nicht sehr viel. Aber in einem Land, in dem die Beteiligung an einer Demonstration ernste Folgen haben kann, sind selbst tausend Menschen ein Erfolg", erklärt der ehemalige Schachweltmeister zurecht. Liebe Leser, begreifen Sie den Euphemismus, der in diesem Satz steckt: Denn diese Demonstranten leben in einer Gegend, in der "eine Kugel im Kopf immer noch der schnellste Weg der Konfliktlösung ist" (so eine seherische Anna Poltikowskaja im Jahr 2003).
Vorsicht! Glauben Sie nicht, dass es hier allein um Idealismus, Moral und Werte geht. Stellen Sie nicht Gutmenschentum in Gegensatz zu Realismus, Überzeugungsethik in Gegensatz zu Verantwortungsethik.
Seit wann ist es realistisch und verantwortungsvoll, vor den Pforten der Europäischen Union, auf einem Sechstel der Erdoberfläche, eine autokratische Macht heranwachsen zu lasssen, die niemand kontrollieren kann - außer dem Herrn des Kremls, seinen Geheimdiensten, seiner Polizei und Armee. Haben wir vergessen, dass Russland über das zweitgrößte Atomwaffenarsenal und eine unglaubliche Macht der Erpressung (Öl, Gas) verfügt?
Wenn Zensur, Korruption, Schläge, Drohungen und Mord alle Kritik verhindern, alle Opposition lähmen, dann gibt es niemanden mehr in der russischen Gesellschaft, der für Demokratie, Vernunft, Verantwortung, Vorsicht und menschlichen Respekt eintreten kann.
Habt Ihr nichts gelernt, Ihr Großen Europas? Findet Ihr es weise dabei zuzusehen, wie alle internen Gegengewichte vernichtet werden, die helfen könnten, eine einsam agierende, willentlich oder unwillentlich zur Weltvernichtung fähige Macht zu bremsen?
Muss daran erinnert werden, dass Wladimir Putin vor der Duma im April 2005 seine Bilanz der Geschichte enthüllte und den Sturz der Sowjetunion als "die größte geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts" bezeichnete. Vor den Augen unseres großen Mannes konkurrieren im 20. Jahrhundert weder Auschwitz noch Hiroshima, weder die beiden Weltkriege, noch die Millionen Toten des Gulag um den Titel des größten Unglücks in der Geschichte.
Die Schleifung Grosnys, die Abschlachtung Hunderttausender tschetschenischer Zivilisten, die Vernichtung der mageren Meinungsfreiheit in Russland bezeugen die Obsession des Kremls: die panische Angst vor jeder Art der Infragestellung.
Es ist Zeit, dass die Europäische Union ihre Leidenschaft für die Freiheit bekennt. Dieser Leidenschaft verdankt sie ihren Ursprung. Sie beseelte die antitotalitären Revolten von Berlin (1953), die Erweckung Polens (1956), den Aufstand von Budapest (1956), Prag, Warschau und schließlich den Mauerfall in Berlin. Und auch was folgte: vom Studentenaufstand gegen Milosevic in Belgrad, über die Rosen-Revolution in Tbilissi bis zum Kiewer Dezember in Orange. Es ist höchste Zeit laut auszusprechen, dass die Seele Europas nicht in ein paar Divisionen, sondern im Andern Russland und in Garri Kasparow liegt.
*
Der Artikel erschien zuerst am 25. April 2007 im Figaro.
Übersetzung: Thierry Chervel
Archiv: Essay
Selbst ist der Autor
08.02.2012. Die entscheidenden Akteure im Buchmarkt sind die Leser und die Autoren. Sie können nun direkt zueinander finden. Weitere Regulierungen braucht es nicht. Eine Antwort auf Jürgen Neffe Mehr lesen
Gemeinsam einsam: Havels Beispiel
29.12.2011. Der Dissident ist nicht tot. Vaclav Havel verkörperte diese Figur wie kein anderer. Er demonstrierte die Macht der Ohnmacht - und war siegreich. Mehr lesen
Small Town, Big Government
19.12.2011. Jedes Scheitern ist eine neue Chance: In der amerikanischen Fernsehserie "Parks and Recreation" beweist eine ambitionierte Provinzbürokratin, dass keine Bühne zu klein für einen großen politischen Auftritt ist. Solange es dem öffentlichen Wohl dient. Mehr lesen
Gutenberg und die Brandstifter
19.12.2011. Nun kommt es doch: Das elektronische Buch revolutioniert den deutschen Markt. Wenn er sich nicht schützt, gerät er in die Hände übermächtiger Akteure Mehr lesen
Ecce Pontifex
12.12.2011. Wie Nanni Moretti mit dem weißen Zauber der Improvisation den Papst zum Menschen macht. Und wie er seine Botschaft so elegant an der Oberfläche versteckte, dass sie für die Kritik undurchdringlich wurde. Mehr lesen
Nichts, das ist kein schlechter Slogan
23.11.2011. Der Zufall wollte es, dass sie in Cannes gegeneinander antraten, Terrence Malicks "Tree of Life" und Lars von Triers "Melancholia": zwei Filme, absolut heterogen, die sich doch auf irritierende Weise gleichen. Was unterscheidet den Hypersymbolismus eines Lars von Trier so radikal von Malick? Mehr lesen
Man muss sie nicht hassen
22.11.2011. Die Piraten sind ein Interessenclub für das neue WLan-Bürgertum. Ihr Wahlerfolg in der "Kreativhauptstadt" Berlin ist plausibel. Ein neues Bürgertum auf der Suche nach sich selbst. Mehr lesen
Das Dilemma der Wirklichkeitsverweigerer
06.09.2011. Lässt sich Anders Breiviks Attentat tatsächlich als "spiegelsymmetrische Entsprechung" zu 9/11 betrachten? Und warum wird ausgerechnet Henryk Broder dafür in Haftung genommen? Eine fällige Nachbetrachtung aus Anlass eines Jahrestags Mehr lesen
Der schlüpfrige Puritanismus der USA
29.08.2011. Die Häme der amerikanischen Medien im Fall DSK ist das Symptom einer ans Unheimliche grenzenden sexuellen Verklemmtheit, für deren Durchsetzung Feministinnen mit der religiösen Rechten paktieren. Wir können viel von Amerika lernen, aber bestimmt nicht die Kunst zu lieben. Mehr lesen
Boykottiert Durban 3!
22.08.2011. Aktualisierung vom 4. September: Deutschland boykottiert Durban 3. Auf der Durban-Konferenz kurz vor dem 11. September 2001 wurde Israel im Namen des Antirassismus für alle Übel der Welt verantwortlich gemacht. Die UNO droht zum Jahrestag mit einer neuen Durban-Konferenz - unweit von Ground Zero. Demokratische Länder sollten sie boykottieren. Mehr lesen
In hoc signo vinces!
03.08.2011. Die nach Utoeya kursierende Kritik an "Islamkritikern" verdrängt den gefährlichsten Aspekt an Breiviks Tat: Sie ist selbst infiziert vom Gift, das sie bekämpft Mehr lesen
Drei Schlote, zwei Krokodile, ein Fisch
25.07.2011. Terrence Malicks Cannes-Gewinner "Tree of Life" ist kein mit harmloser Esoterik kosmologisch überhöhtes Familiendrama, sondern ein nach Form und Inhalt hyperreaktionäres Manifest. Seine christlich-fundamentalistische Botschaft will verstanden werden. Wieso tut das niemand? Mehr lesen
Hätte Freud Emails geschrieben...
09.05.2011. Archive konstruieren nicht nur die Vergangenheit. Sie strukturieren auch das Denken. Was verändert sich durch ihre Digitalisierung? Mehr lesen
Leistungsschutzrechte schaden - auch den Verlagen
30.03.2011. Bis heute haben die Verlage keinen Gesetzentwurf für das seit langem herbeigebettelte Leistungsschutzrecht vorgelegt. Wenigstens hierfür verdienen sie Dank. Ein Vortrag Mehr lesen
Für eine Intervention in Libyen
16.03.2011. Wir dokumentieren einen Aufruf französischer Intellektueller für eine Sperrung des libyschen Luftraums. Lanciert wurde er unter anderem von Jane Birkin, Andre Glucksmann und Claude Lanzmann Mehr lesen








