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Aus dem Archiv
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Essay
Lob der Dissidenz
Von Ulrike Ackermann
25.02.2007. In der vom Perlentaucher und signandsight.com angestoßenen Multikulturalismus-Debatte erinnern Ian Buruma und Timothy Garton Ash an die wohlmeinenden Intellektuellen der westlichen Welt, die einst den Stalinismus, aber nicht den Kommunismus kritisieren wollten. Sie träumen von "Wandel durch Annäherung", aber sie verirren sich auf einem "Dritten Weg".
Im Frühjahr 2006, während der Streit um die Mohammed-Karikaturen tobte und europäische Regierungen, Unternehmen und Medien sich um die verletzten Gefühle der Muslime sorgten und den Dialog der Kulturen beschworen, hielt Ayaan Hirsi Ali in Berlin eine außergewöhnliche Rede über das "Recht, zu beleidigen". Die deutsche Presse hat damals kaum darauf reagiert, und niemand druckte die Rede ab.
Die Autorin verteidigte darin im Namen der Freiheit der Rede, Meinung und Kunst den Abdruck der Karikaturen und kritisierte die Selbstzensur des Westens gegenüber dem Islam und seinen radikalen Ausformungen. Ganz bewusst hatte sie Berlin als Redeort gewählt, eine Stadt, die in besonderer Weise geprägt ist von der Geschichte der ideologischen Herausforderungen, die die Entstehung und Verteidigung einer offenen Gesellschaft begleiten. "Eine geteilte Stadt, in der hinter der Mauer der kommunistische Staat die Menschen festhielt, die aber auch Brennpunkt für die Schlacht um die Herzen und Köpfe der Bürger war. Im Westteil lehrten die Verteidiger der offenen Gesellschaft über das Scheitern des Kommunismus, und zugleich diskutierte man an den Universitäten die Werke von Karl Marx. Hier konnten aus dem Osten geflohene Dissidenten schreiben, Filme machen, Cartoons zeichnen und ihre Kreativität nutzen, und andere überzeugen, dass der Kommunismus weit davon entfernt war, ein Paradies auf Erden zu sein. Trotz der Selbstzensur vieler im Westen, die den Kommunismus idealisierten und verteidigten und trotz der brutalen Zensur im Osten, ist diese Schlacht gewonnen. Heute wird die offene Gesellschaft vom Islamismus in Frage gestellt."
Ausdrücklich stellte sich Ayaan Hirsi Ali in ihrer Rede in die Tradition der ostmitteleuropäischen Dissidenten, die sich vom Kommunismus zugunsten der westlichen Freiheit abgewendet hatten. "Die Dissidenten des Islamismus wie jene des Kommunismus haben weder Atombomben noch andere Waffen. Wir stecken keine Botschaften und Flaggen in Brand. Zahlenmäßig sind wir zu wenige und zu verstreut um je ein Kollektiv von irgendetwas zu werden. Das einzige was wir haben, sind unsere Gedanken, und das einzige, was wir verlangen, ist die Chance, sie frei ausdrücken zu können. Unsere Gegner wollen uns gewaltsam zum Schweigen bringen. Sie behaupten, wir seien geistig und mental unberechenbar und sollten nicht ernst genommen werden. Die Verteidiger des Kommunismus haben die gleichen Methoden angewandt."
Die Verharmlosung des Islam erinnert heute allerdings an jene des Kommunismus vor 1989. Zeigtensich damals der westliche Selbsthass und die Entwertung der Errungenschaften der freiheitlichen Demokratie in der Weichzeichnung des Kommunismus, so können wir dies heute gegenüber dem Islam beobachten - nicht zuletzt aufgrund seines Antikapitalismus und Antiamerikanismus. Der Vorbehalt vieler westlicher Intellektueller gegenüber den ostmitteleuropäischen Dissidenten gründete nicht zuletzt darin, dass sie ja nur für sogenannte "bürgerliche Freiheiten" kämpften. Viele träumten damals noch vom "dritten Weg" zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Bis in den Sprachgebrauch hinein liegt die Analogie nahe: die Stalinismuskritik war damals hoffähig, aber der Kommunismus als solcher wurde mit Samthandschuhen angefasst; heute ist die Islamismuskritik common sense, aber der Islam darf nur maßvoll kritisiert werden.
In Großbritannien werden die Sparschweine aus den Banken geräumt, weil sie die religiösen Gefühle der Muslime verletzen könnten, die im Schwein ein unreines Tier sehen. In Italien erwägt man, Strände für die muslimischen Frauen abzusperren, damit sie bekleidet und von der gefürchteten dekadenten westlichen Nacktheit unbehelligt baden können. In Holland debattiert man über muslimische Krankenhäuser, damit die Ehemänner, Väter und Brüder muslimischer Frauen sichergehen können, dass kein nichtmuslimischer Arzt ihre Ehefrauen, Töchter und Schwestern berührt. Kopftücher und Burkas sind in den Straßen Westeuropas zahlreicher zusehen als je zuvor und die Zahl derer, die zum Islam konvertieren, steigt.
Angesichts dieser Erscheinungen warnt Ayaan Hirsi Ali vor der "schleichenden Scharia" in Europa. Die ehemals streng gläubige Muslimin hat in ihrer Autobiografie ihren Befreiungsprozess, ihre schrittweise, von inneren Kämpfen und Ambivalenzen begleitete Abwendung vom Islam sehr eindringlich beschrieben - ein großartiges Beispiel der Selbstaufklärung. Sie zählt zu den wenigen Dissidentinnen, die nicht nur den Islamismus brandmarken, sondern auch den Islam kritisieren. Für sie ist "der Islam mit der liberalen Gesellschaft, wie sie sich im Gefolge der Aufklärung herausgebildet hat, nicht vereinbar ist."
Ihre Kritik weckt aber nicht nur den Zorn und Widerspruch ihrer ehemaligen Glaubensbrüder, sondern inzwischen auch jenen europäischer linksliberaler Intellektueller wie Ian Buruma oder Timothy Garton Ash. Beide werfen ihr vor, sie sei eine "Fundamentalistin der Aufklärung", die mit ihren Einlassungen Öl ins Feuer gieße und eine "Politik der Wut" betreibe.
Für Hirsi Ali sind die Errungenschaften der Aufklärung, die Trennung von Staat und Religion, die politischen und individuellen Rechte und Freiheiten, die Selbstbestimmung des Individuums, die Vernunft und die Gleichberechtigung der Geschlechter allerdings und völlig zurecht von fundamentaler Bedeutung. Die offensive Verteidigung dieser Anliegen als Fundamentalismus zu denunzieren, ist angesichts der Lage, in der wir uns befinden, geradezu aberwitzig.
Für Ian Buruma sind Mohammed Bouyeri, der Mörder von Theo van Gogh, der seinem Opfer noch eine Todesbotschaft an Ayan Hirsi Ali in die Brust rammte, und die Adressierte gleichermaßen Fundamentalisten: der Islamist sei ein Krieger mit dem Schwert, die Islamkritikerin eine Kriegerin mit dem Stift. Weil sie ihren Glauben verloren habe, vertrete sie nun mit gleichem Eifer das Gegenteil. Seltsam, das hatten wir doch schon einmal: in kommunistischen Zeiten wurden ebenfalls jene Abtrünnigen, die vom Glauben abgefallen waren, von wohlmeinenden Intellektuellen im Westen als Renegaten entlarvt und damit als Gesprächspartner auf dem Weg zur "friedlichen Koexistenz" disqualifiziert.
In einem Interview mit "3sat Kulturzeit", die über die Debatte berichtete, spricht Timothy Garton Ash beschwichtigend vom "Dritten Weg", den es im Streit zwischen einer Politik des Multikulturalismus oder einer als universell gedachten Aufklärung einzuschlagen gälte. Ein Terminus, der zu Zeiten des Eisernen Vorhangs auch gerne von Intellektuellen bemüht wurde. In der Realpolitik der Entspannung hieß das "friedliche Koexistenz" und später "Wandel durch Annäherung".
Gerade aufgrund seiner mir wohlbekannten Unterstützung der ostmitteleuropäischen Dissidenz erstaunt es mich umso mehr, dass Timothy Garton Ash offensichtlich ein Compagnon de route von Tariq Ramadan geworden ist, jenem Vertreter eines obskuren "europäischen Islams". "Wir sind für die Integration", sagt Ramadan in dem Porträt, das Ian Buruma über ihn für die New York Times verfasste, "aber wir selbst müssen entscheiden, was das heißt. Ich halte mich an die Gesetze, aber nur solange sie mich nicht zwingen, etwas gegen meine Religion zu tun." Sowohl Garton Ash als auch Buruma empfehlen Ramadan als Ansprechpartner für die westlichen Gesellschaften. Sie teilen einen Multikulturalismus, der die Errungenschaften der westlichen Aufklärung samt der daraus entstandenen Lebensstile gegenüber den zu tolerierenden "fremden Kulturen" relativieren will.
Galten die Freiheitsliebenden der Dissidenz in Ostmitteleuropa seinerzeit als "Störenfriede der Entspannungspolitik" zwischen Ost und West, so fallen heute Dissidentinnen des Islam wie Ayaan Hirsi Ali, Taslima Nasrin, Irshad Manji, Necla Kelek oder Seyran Ates in Ungnade, weil sie mit ihrer Kritik angeblich den Dialog der Kulturen störten. Ihre leidenschaftliche Verteidigung eines selbstbestimmten Lebens, der Freiheit des Individuums gegenüber einem religiösen, domestizierenden Kollektiv verlangt endlich lautstarke Unterstützung, wie sie bereits Pascal Bruckner für die "Rebellen in der islamischen Welt" gefordert hat. Denn von wem soll denn eine Sebstreflexion und Reformation des Islam angestoßen werden, wenn nicht von diesen mutigen Dissidenten?
Der Hass auf die "Dekadenz" des Westens, seinen Kapitalismus, Konsumismus und Individualismus war der kommunistischen Ideologie ebenso eingeschrieben wie dem radikalen Islam heute. In der Verschmelzung von Glauben und Gesellschaftsordnung, von Wahrheit, Hierarchie und sozialer Realität entstand eine säkulare Umma, in der der Einzelne vergemeinschaftet werden sollte. Das Individuum ist allen ideokratischen Totalitarismen suspekt: unberechenbar, triebgesteuert, egoistisch, eigensinnig und anarchisch soll ihm die jeweilige Umma die Zügel anlegen und es zum Wohle der Volksgemeinschaft, der Klassengemeinschaft oder der Religionsgemeinschaft domestizieren. Millionen Tote waren der Preis für das kommunistische Gesellschaftsexperiment, Millionen Tote waren die Opfer von Nationalsozialismus und Faschismus. Aus dieser Geschichte lernen, kann doch nur bedeuten, wachsam zu sein gegenüber neuen, totalitären Gefahren, die unsere mühsam errungene Freiheit bedrohen, sie zu verteidigen "als eine stets erneute, wiederholte Tat der Befreiung, eine ewige Schlacht, in der es keinen Endsieg geben kann, weil dieser dem Tode aller Kämpfenden, das heißt aller Lebenden gleichkäme."(Benedetto Croce)
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Ulrike Ackermann, Sozialwissenschaftlerin und freie Autorin, unter anderem Kolumnistin der Zeitschrift Merkur. 2000 erschien ihr Buch "Sündenfall der Intellektuellen" (Klett-Cotta, Stuttgart) über die antitotalitären Traditionen in Frankreich und Deutschland und die Arbeit des Kongresses für kulturelle Freiheit, 2003 "Versuchung Europa" (Hg., Humanities Online, Frankfurt). Im März erscheint die von ihr herausgegebene Anthologie "Welche Freiheit - Plädoyers für eine offene Gesellschaft" (Matthes&Seitz, Berlin).
Pascal Bruckner hat mit seiner Polemik gegen Ian Burumas Buch "Murder in Amsterdam" und einen Artikel Timothy Garton Ashs eine internationale Debatte ausgelöst. Alle Artikel zu dieser Debatte finden Sie auf Deutsch hier, auf Englisch hier.
Archiv: Essay
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