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zuletzt aktualisiert 03.02.2012, 14.00 Uhr

Bücherschau der Woche

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Essay

Die Logik der Toleranz

Von Lars Gustafsson

17.02.2007. Die verschiedenen Ansprüche oder Anschauungen in den jeweiligen "Kulturen" sind nicht miteinander vereinbar. Selbstverständlich sollten Monotheisten, Atheisten und Polytheisten idealerweise in der Lage sein, in friedlicher Nachbarschaft zu leben. Aber die Gesetze der Scharia und die Regeln westlicher Demokratien sind vollkommen unvereinbar. Und diese Unvereinbarkeit ist im "multikulturellen Gespräch" nicht einfach wegzudiskutieren.

Der altehrwürdige Historiker Henry Thomas Buckle (mehr hier und hier) war davon überzeugt, dass der demokratische, wissenschaftliche und nicht zuletzt technische Fortschritt in Europa auf einen Wandel in der britischen Mentalität zurückzuführen ist. In seiner 1857 erschienenen Geschichte der Zivilisation in England markiert er diesen Wandel in der Mitte des 17. Jahrhunderts, eine Zeit, in der selbst Theologen begannen, nicht länger von einem unfehlbaren Glauben zu sprechen, sondern die Triftigkeit und Güte des Arguments zu bevorzugen.

Der sich hier noch vor Descartes und Leibniz ankündigende neue Typus von Rationalität hat, wenn wir Buckle folgen, nicht nur die modernen Naturwissenschaften, sondern die Demokratie als solche begründet. Entscheidend war von nun an die Vorstellung, dass Rationalität eine Methode und keine bloße Überzeugung ist und dass diese Methode auf die Natur, den Menschen und die Gesellschaft angewendet werden kann. In den Worten Buckles: "Die Vernunft gibt uns das Wissen, während uns der Glaube nur eine Meinung erlaubt - eben deshalb ist er unterlegen."

In Buckles Geschichtsverständnis ist der Schritt vom Dogmatismus zum methodischen Rationalismus der erste Schritt auf dem Weg zur politischen Freiheit.

Im Zentrum der gegenwärtigen Debatte zwischen Ian Buruma und Timothy Garton Ash auf der einen sowie Pascal Bruckner auf der anderen Seite scheint mir vor allem die Frage zu stehen, ob Irrationalität in der gleichen Weise unsere Wertschätzung verdient wie Rationalität. Genauer gefragt: Ist der der Anspruch auf Rationalität nur eine Überzeugung neben vielen anderen, die wir nicht mehr, aber auch nicht weniger zu achten haben als andere Ansprüche, welche Art von Irrationalität und Fanatismus auch immer von ihnen ausgehen mag?

Dieser, wie ich meine, nur schwachsinnig zu nennende Relativismus führt - jedenfalls so, wie er in der Debatte unter anderem von Ian Buruma und Timothy Garton Ash vertreten wird - geradewegs zu einer Anklage gegen all jene, die an westliche Toleranz und demokratische Freiheiten glauben: Ihr Glaube sei nichts weiter als eine Art "Aufklärungsfundamentalismus".

Einem solchen Vorwurf liegt die Vorstellung zu Grunde, dass unsere westliche Rationalität aus einer Unzahl von Dogmen besteht, die sich in keiner Weise von anderen dogmatischen Anschauungen und Ansprüchen unterscheiden, so wie sie sich in großer Vielfalt über die ganze Welt verteilen. In dieser äußerst dubiosen Spielart des Multikulturalismus werden wir nun aufgefordert, alle Dogmen, alle autoritären, politischen wie moralischen Ansprüche mit dem gleichen Respekt zu behandeln.

Das ist in der Tat unmöglich. Und zwar nicht nur, weil der allen Ansprüchen oder "Dogmen" gleichermaßen zu Grunde liegende Begriff von Kultur äußerst unscharf ist und der Beliebigkeit Tür und Tor öffnet. Die Folge ist eine Verwechselung zwischen Dogma und Rationalität, zwischen, wie Buckle es nannte, unfehlbarem Glauben und triftigen Argumenten.

Religiöse Überzeugungen auf der einen Seite und die unsere westlichen Gesellschaften auszeichnende wissenschaftliche Rationalität auf der anderen Seite stehen allerdings gar nicht im Wettstreit miteinander. Es gibt, um ein Beispiel zu geben, keine christliche oder muslimische Version der Biochemie. Religionen haben in der Regel kaum etwas zu tun mit empirischen Beobachtungen, experimentellen Anordnungen oder logischen Schlussfolgerungen.

Die eigentliche Punkt aber ist ein anderer: Die verschiedenen Ansprüche oder Anschauungen in den jeweiligen "Kulturen" sind nicht miteinander vereinbar. Selbstverständlich, Monotheisten, Atheisten und Polytheisten sollten idealerweise in der Lage sein, in friedlicher Nachbarschaft zu leben. Aber die Gesetze der Scharia und die Regeln westlicher Demokratien, die othodoxen biblischen Vorschriften, die etwa ein strenge Bestrafung homosexueller Lebensgemeinschaften vorsehen, und unsere modernen Sozial- und Familiengesetze sind vollkommen unvereinbar. Und diese Unvereinbarkeit ist im "multikulturellen Gespräch" nicht einfach wegzudiskutieren.

Es gibt eine eigentümliche Interpretation der Toleranz, die diesen Begriff vollkommen bedeutungslos und leer werden lässt. Aber die Aufforderung, dass wie gegenüber allem und jedem in der gleichen Weise tolerant zu sein haben, ist schlicht gedankenlos. Genauso wie es übrigens absurd wäre, dass alles, was uns in der Erfahrung begegnet, eine Illusion zu nennen - wir könnten dann sofort aufhören, zwischen barer Münze und Falschgeld, zwischen Halluzination und Realität zu unterscheiden.

Vielmehr gibt es etwas, das ich Logik der Toleranz nennen möchte. Sie wird von einem künftigen Philosophen noch auszuarbeiten sein, doch möchte ich damit beginnen, indem ich zwei klare Sätze formuliere:

1. Die Toleranz gegenüber der Intoleranz führt zur Intoleranz.

2. Die Intoleranz gegenüber der Intoleranz führt zur Toleranz.

Etwas pathetischer ließe sich auch sagen: In Fragen der Vernunft und der Freiheit haben Gesellschaften genauso wie Individuen eine klare Antwort zu geben. Sie müssen sich entscheiden. Es gibt hier keinen Mittelweg. Das gilt für die Bürger eines Landes genauso wie für die Zugezogenen.


Aus dem Englischen von Christian Schlüter

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Lars Gustafsson ist einer der bekanntesten Schriftsteller Schwedens, sein letztes Buch "Risse in der Mauer. Fünf Romane" ist im Hanser Verlag (München 2006) erschienen. Von 1983 bis 2006 lebte Gustafsson in den USA und unterrichtete als Professor für Theoretische Philosophie in Austin/Texas. Heute lebt er in Stockholm.
Pascal Bruckner hat mit seiner Polemik gegen Ian Burumas Buch "Murder in Amsterdam" und einen Artikel Timothy Garton Ashs eine internationale Debatte ausgelöst. Alle Artikel zu dieser Debatte finden Sie auf Deutsch hier, auf Englisch hier.

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