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Essay
George Bush ist schuld
Besonders an unserer Blindheit für die Tatsachen des Terrorismus. Von Andre Glucksmann
21.09.2006. In den Medien geriet das Gedenken zum 5. Jahrestag der Anschläge auf New York und Washington oftmals zu einer Art exorzistischen Sitzung, bei der George Bush als perfekter Sündenbock fungierte. Aber das magische Denken des Antiamerikanismus verstellt den Blick auf die Wirklichkeit.
Der Anschlag auf das World Trade Center nimmt kein Ende. Der Schrecken des 11. Septembers macht Herzen und Geistern noch immer zu schaffen. Immer mehr Amerikaner (79 Prozent gegen 72 Prozent vor noch einem Jahr) und Europäer (66 Prozent gegen 58 Prozent im Jahr 2005) halten den internationalen Terrorismus für eine "massive Bedrohung" (wie eine Umfrage des German Marshall Fund und der italienischen San Paolo Gesellschaft ergab). Seit dem Ende des Kalten Krieges glaubte die Menschheit einem globalen und immer endgültigeren Frieden entgegenzuleben. Doch 2001 ist die Welt aus den Fugen geraten, und heute ist vom naiven Idyll eines "Endes der Geschichte" ohne größere Bedrohungen keine Rede mehr.
Ein solch radikaler Wandel in der öffentlichen Meinung lässt die Politiker ratlos zurück. Dieselbe Umfrage zeigt, dass die Europäer den Vereinigten Staaten gegenüber immer misstrauischer werden, was nicht heißen soll, dass der alte Kontinent ein- und dieselbe pazifistische Ideologie vertritt. Hinsichtlich des Irans sprechen sich 54 Prozent der Amerikaner, aber auch 53 Prozent der Franzosen für eine militärische Intervention aus, sollte die Diplomatie in ihrem Versuch scheitern, dem Iran Einhalt zu gebieten. Auch durch das alltägliche Leben weht ein ähnlicher Zwiespalt. Trotz der allgemeinen Sorge ist die Wirtschaft, nach einem kurzen Moment der Schwebe, wieder angelaufen, als sei nichts geschehen. Selbst die anfälligsten Branchen - der Flugverkehr und der weltweite Tourismus - verzeichnen triumphierende Wachstumsraten. Die Angst fliegt mit, ja. Aber nicht die Panik. Und wenn ein jeder auch in seinem Privat- und Familienleben eingesteht, dass die Gefahr wächst, so hofft er doch, ungeschoren davonzukommen.
Das Unbehagen hat alles erfasst. In den Medien geriet das Gedenken zum 5. Jahrestag der Anschläge auf New York und Washington oftmals zu einer Art exorzistischen Sitzung, bei der George Bush als perfekter Sündenbock fungierte. Wenn Angriffe und beträchtliche Drohungen sich mehren, dann ist das seine Schuld. Wenn die Terroristen sowohl hier als auch am anderen Ende der Welt skrupellose Mörder anheuern, so ist dies seine traurige Bilanz. Wenn im Irak ein Glaubenskrieg schwelt, wenn Muslime sich in Marokko, Algerien, Afghanistan oder Indonesien gegenseitig abschlachten, wenn der Iran atomar aufrüstet, dann suchen Sie nicht nach den Hintermännern, es ist Bush, Bush und nochmals Bush. Er ist der Geldgeber im Libanon, der Anstifter des israelisch-palästinensischen Konflikts, und wenn Putin den Kaukausus in Brand setzt oder die Ukrainer und die Georgier mit seinem Gas erpresst, dann glauben Sie ruhig, dass der Kreml dabei lediglich auf die "Provokationen" aus Washington antwortet. Begreifen Sie? Die dreitausend Gemarterten des 11. Septembers hat die amerikanische "Arroganz" geopfert; fünf Jahre danach ist das Opfer zum Henker geworden.
Einst stieß man Nadeln in eine Puppe, um das Unglück abzuwenden und aus der Ferne die bösen Geister zu töten. Heute wendet man sich an den angeblichen Weltherrscher und wirft ihm vor, seine Übermacht auf absurde Weise zu gebrauchen. Er ist der Quell all unserer Qualen. Sein Verschwinden würde die universelle Eintracht wiederherstellen. Unser magisches Verhalten macht uns gleich in zweierlei Hinsicht zu Gewinnern: Unser Zeigefinger deutet auf die Ursache des weltweiten Chaos; unser Engelslächeln will weismachen, dass wenn erst die böse Macht gelähmt ist, alles gut wird, und Taube und Schlange, Löwe und Lamm in Harmonie miteinander leben werden. Vor fünf Jahren starrte die Öffentlichkeit auf den Anstifter des größten Terrorattentates der Geschichte. Der 11. September 2006 hingegen hat nur Augen für den abscheulichen Bush, das wahnsinnige Amerika und verdrängt die blutrünstigen Drahtzieher des Massakers. So sehr, dass diese unseligen Fürsten verzweifelt versuchten, die Aufmerksamkeit wieder auf sich zu ziehen, und per Videobotschaft kundtaten, dass sie immer noch da seien. Gerade noch rechtzeitig beanspruchten sie jene Autorenrechte, die man ihnen streitig macht. Vergebliche Liebesmüh, denn die Gutmenschen schließen, dass es Washington ist, das sie mit seinen finsteren Absichten in Atem hält.
Aber ganz im Ernst, ganz gleich wie sehr er im Dunkeln getappt ist und welche Fehler er sich hat zuschulden kommen lassen, George Bush hat die weltweite Ausdehnung des Terrorismus nicht erfunden, eines Terrorismus wohlgemerkt, der schon lange vor seiner Zeit existierte und der, wer auch immer sein Nachfolger sein wird, fortdauern wird. Nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums hat der Kalte Krieg aufgehört, aber uns seine Krieger hinterlassen. Sie haben sich emanzipiert und in allen möglichen Ecken der Welt die Herrschaft des Messers, der Machete und der Kalaschnikow errichtet. Und dies war keineswegs nur den Islamisten vorbehalten. Als in Algerien die GIA Intellektuelle und Frauen ins Visier nahm und massenhaft Bauern niedermetzelte, stand in Europa dem demokratischen Weg (siehe Vaclav Havel) der Terrorismus und die ethnische Säuberung gegenüber (siehe Milosevic). Die Enthaupter und Verstümmler in Liberia und Sierra Leone frohlockten, als der Völkermord an einer Million Tutsi von einer braunen Pest im Kongo abgelöst wurde, die noch zahlreichere Opfer unter der Zivilbevölkerung forderte. Die Kriege und die Massaker Saddam Husseins, die blutigen Scherze des Khomeinismus, die Gemetzel im Timor, die Gräueltaten der Tamilen-Tiger, die Ruinen von Grosny und die Massengräber in Darfur demonstrieren zur Genüge, wie das Ende der verfeindeten Blöcke die Demokraten befreite, aber auch Mord- und Völkermordtriebe entfesselte. Mit dem Segen diverser religiöser, nationalistischer oder rassistischer Ideologien.
Ob als Berufssoldaten oder Reservisten, in Zivil oder in Uniform, im T-shirt, im Kaftan oder im Dreiteiler, die fanatischen Krieger, die der Kalte Krieg hinterlassen hat, sind begierig, sich einen Platz an der Sonne zu verschaffen, indem sie mit Klinge und Feuer Wohnungen, Pfründe, Frauen, Dienstgrade oder absolute Macht erobern. Es kommt ihnen nicht auf ihre Fahne an, wenn sie nur gewährleistet, entfesselt morden zu können. In manchen Monaten übersteigt die Anzahl der vom irakischen Terror getöteten muslimischen Opfer die gesamte Zahl der seit der Bagdad-Offensive gefallenen GIs! Dabei handelt es sich nicht um ein neues Vietnam, sondern um ein neues "Chicago", um die ethno-theologische Version eines Banden- und Mafiakriegs, in dem man sich durch ethnische Säuberung Gebiete aneignet. Der Sturz des Kommunismus ermöglichte Milosevic, seine Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu verüben, und Putin, Tschetschenien zu unterwerfen, was aber kein Grund ist, den Zusammenbruch von Europas totalitären Regimes, die millionenfach gemordet haben, zu bedauern. Der Sturz Saddams, der für den Tod von Millionen von Zivilisten verantwortlich ist, rief blutrünstige Milizen auf den Plan, und das sollte ein Grund sein, der verstrickten amerikanischen Koalition zu helfen, denn ihren überstürzten Abzug kann kein verstandesbegabter Mensch für richtig halten.
Doch was und wie sollen wir denken, wenn erst einmal das Hirngespinst eines allmächtigen Amerikas und eines satanischen George Bush beiseitegeräumt ist? Wir müssen zum Prinzip Wirklichkeit zurückkehren und die Welt so betrachten wie sie nun einmal läuft: unsicher, chaotisch, von Individuen und Völkern bewohnt, die in einem dramatischen Moment des Übergangs gefangen sind. Sie können sich nicht mehr nach den Jahrtausende alten Normen richten, die ihre Ahnen blind befolgten. Die Gewalttätigkeit der modernen Jahrhunderte hat die überlieferten Orientierungspunkte endgültig entwurzelt. Doch ebensowenig können sie sich wie wir in die Rechtsstaaten integrieren, die es bei ihnen nicht gibt (noch nicht, sagen die Optimisten). In diesem Moment des Übergangs verkünden Terroristen unterschiedlichster Couleur: "Wir werden siegen, weil ihr das Leben liebt und wir den Tod nicht fürchten". Und der Einsturz der Twin Towers veranschaulicht diese herausfordernde Kampfansage. Wer wird siegen? Jene nihilistischen Kämpfer, die den Tod und den Selbstmord verherrlichen? Oder die Mehrheit der ehrlichen Leute, die es versteht - ob in Slums oder in schicken Wohngegenden - auf zivile Weise zu leben? Das Gesetz der menschlichen Bomben zu akzeptieren oder auch nicht, dies wird, befürchte ich, für das Kind unserer Zeit die Frage aller Fragen sein, die Frage nach Freiheit und Überleben.
Aus dem Franzöischen von Barbara Jantzen.
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