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Mord und Ratschlag
Die Krimikolumne. Von Ekkehard Knörer
17.04.2002. Die Krimi-Kolumne. Heute: Der Argentinier Pablo de Santis zeigt in seinem Krimi "Die Fakultät", wie gut sich Mord in der Bibliothek für einen Ideenroman eignet.
Wer Kriminalroman sagt, meint trotz neuerer schwedischer oder italienischer Erfolge auch heute noch meist britische oder amerikanische Autoren. Dafür gibt es natürlich gute Gründe. So haben die beiden wichtigsten Traditionslinien der Kriminalliteratur im angelsächsischen Raum ihren Anfang genommen, sei es das Modell der hartgesottenen amerikanischen Privatdetektive in den Romanen Dashiell Hammetts oder Raymond Chandlers, sei es das der im Englischen halb liebevoll, halb herablassend so genannten Cozys britischer Prägung, also der Rätselkrimis ohne Anspruch auf ungeschminkte Wirklichkeitsbeschreibung, für die Namen wie Agatha Christie oder Dorothy Sayers bis heute stehen. Und nach wie vor gibt es, das ist ganz unbestritten, hervorragende angelsächsische Vertreter und Vertreterinnen in der Nachfolge beider Traditionen.
Seit ein paar Jahren aber führt der kleine Schweizer Unionsverlag unter der Federführung des eminenten Krimikenners Thomas Wörtche allen, die es wissen wollen (und es werden, zum Glück, immer mehr), vor Augen, dass auch anderswo kluge, innovative, eigenwillige und, natürlich, spannende Kriminalliteratur verfasst wird: von Anchorage bis Instanbul, von Kenia bis Mexiko. Eine der interessantesten Entdeckungen Wörtches ist der 1963 geborene Argentinier Pablo De Santis, der sich in seiner Heimat zunächst als Comic-Szenarist und Autor von Kinder- und Jugendbüchern einen Namen machte. Vor zwei Jahren erschien im Unionsverlag der Roman "Die Übersetzung", mit dem De Santis in Argentinien der Durchbruch gelang, eine vertrackte Geschichte um einen Übersetzerkongress, in dem es, zwischen allerlei Verwicklungen um Liebe und Mord, um die tödliche Macht einer geheimnisvollen Ursprache geht.
Der jetzt erschienene Roman "Die Fakultät" wurde in Argentinien im selben Jahr wie "Die Übersetzung" veröffentlicht, und tatsächlich kreist auch er um Sprache und Literatur, um Fragen der Autorschaft und der Magie von Worten. Das Gravitationszentrum der Geschichte ist Homero Brocca, ein (fiktiver) Klassiker der argentinischen Literatur, ein höchst mysteriöser Autor, geheimnisvoller noch als der unbekannteste aller Gegenwartsautoren, Thomas Pynchon: nicht nur weiß die Öffentlichkeit wenig über ihn, auch seine Bücher sind nur noch in Form von Gerüchten vorhanden. Die Werke, von denen dies und das gemunkelt wird, sind verschollen, einzig Professor Emiliano Conde, Direktor des Nationalen Instituts für Literatur, hat sie einst gelesen, behauptet er. Er hat auch, das macht ihn zur Kapazität, ein Buch mit Texten zu Brocca veröffentlicht und arbeitet nun an der Herausgabe einer in vielen ganz und gar nicht miteinander übereinstimmenden Fassungen überlieferten Erzählung mit dem Titel Substitutionen.
Hier kommt nun der Ich-Erzähler und etwas naive Held von Pablo de Santis' Roman ins Spiel, Esteban Miro, der gerade sein literaturwissenschaftliches Studium mit wenig Aussicht auf Beschäftigung abgeschlossen hat, an seiner Dissertation arbeitet und am Literaturinstitut bessere Sekretärsdienste verrichtet. Conde macht ihn zum Gehilfen, eigenhändig darf Miro die definitive Fassung der unabgeschlossenen Erzählung herstellen, ein wenig eigenen Text fügt er auch hinzu. Dann aber überschlagen sich die Ereignisse: der Hausmeister des baufälligen Insitutsgebäudes wird tot aufgefunden (er wird nicht der einzige Tote bleiben), Miro entdeckt Spuren, die auf Broccas einstigen Aufenthalt in der Psychiatrie hinweisen und er macht Bekanntschaft mit dem früheren Professor für Logik Gaspar Trejo, der jetzt als Detektiv arbeitet.
Immer deutlicher wird: die Wahrheit über Homero Brocca verbirgt sich im vierten Stock des Instituts für Literatur, in dem Massen von Papier und Büchern lagern, über die niemand einen Überblick hat, eine Bibliothek, die der von Babel, wie sie Borges beschrieb, nicht unähnlich ist. Mit dem einen entscheidenden Unterschied: De Santis' Bibliothek, in der ein so blutiger wie papierener Showdown stattfinden wird, ist in den Zustand rettungslosen Zerfalls übergegangen, eine letzte große Lawine wird sie beim Zusammensturz des Gebäudes auslöschen. Zuvor jedoch gibt sie ihr überraschendes Geheimnis preis, Esteban Miro kommt der wahren Identität von Homero Brocca auf die Spur.
Jorge Luis Borges und Adolfo Bioy Casares sind erklärtermaßen Vorbilder von Pablo De Santis und tatsächlich findet man auf Schritt und Tritt das phantastische Rätsel- und Verrätselungsmoment wieder, das deren Geschichten auszeichnet. Ähnlich wie bei Borges (oder Bioy Casares) überlagern sich die Kriminalromanstruktur und der Ideenroman, ohne dass sich der Text in einem von beiden erschöpft. Vielmehr gibt beides in erster Linie das formale Muster ab für die Fragen zum Verhältnis von Wort und Tat, zur - womöglich tödlichen - Wirkmächtigkeit der Worte, um die es De Santis in durchaus eigenständiger Weise geht. Dabei ist "Die Fakultät" keine entzifferbare Parabel (nicht umsonst nennt der Autor auch Franz Kafka und Leo Perutz als wichtige Einflüsse), Pablo De Santis hat auch keine Thesen, die er unter die Leserschaft bringen möchte.
Im Gegenteil. Mit Botschaften wird man hier nicht belästigt, jeder Versuch einer kulturkritischen Deutung etwa des Untergangs der Bibliothek liefe sofort ins Leere. Fast spielerisch und in vorsätzlich nüchterner Sprache unternimmt De Santis hier nichts anderes als die Transposition von Ideen in Handlung. Bezüge zur neueren Literaturtheorie lassen sich herstellen, von der unbeendbaren Erzählung Substitutionen bis zum Verschwinden eines Autors - halb Theorie, halb Kriminalfall -, alle Einfälle aber werden unverzüglich in Elemente einer (spannenden) Geschichte verwandelt. Das Modell des Kriminalromans ist hier nicht Vehikel, auch nicht bloßer postmoderner Anspielungshorizont. Eher kommt es einem so vor, als hätte De Santis die längst Klischee gewordenen tragenden Pfeiler und Versatzstücke des Whodunit, vom rätselhaften Mord und dem überschaubaren Kreis der Verdächtigen bis zum neunmalklugen Detektiv, durch zeitgemäßere, philosophisch aufgerüstete Strukturelemente ersetzt und ins so runderneuerte Gebäude viele reizvolle Zerrspiegel, Tapetentüren und trompe l'oeuils eingebaut.
Trotz der Bezüge auf Klassiker der europäischen Literatur, auch auf die britischen Krimi-Ladys, öffnen einem die beiden Romane von Pablo De Santis so die Augen für einen bei uns kaum wahrgenommenen Sachverhalt: es gibt, ausgehend von Borges und Bioy Casares, eine ganz eigenständige Tradition des lateinamerikanischen Kriminalromans, die philosophischer und reflektierter ist als die der europäischen oder amerikanischen Vettern. Überhaupt gilt, dass es jenseits von Ruth Rendell und Henning Mankell, von Donna Leon und Agatha Christie jede Menge kriminalliterarischer Entdeckungen und Ausgrabungen zu machen gibt. Der Kriminalroman ist längst international geworden, hat hoch interessante Bastarde mit anderen Genres gezeugt und auch in den etablierten Subgenres, vom PI (Privat Investigator)- zum Polizeiroman, schreiben Autoren auf der ganzen Welt aufregende Bücher. Deshalb schließt die erste Folge dieser Kolumne mit dem Versprechen: Fortsetzung folgt.
Pablo de Santis: "Die Fakultät". Roman. Aus dem Spanischen von Claudia Wuttke. Unionsverlag, Zürich 2002, 223 Seiten, gebunden, 16,80 Euro. (Bestellen)
Links:
Leseprobe "Die Fakultät"
Interview mit Pablo De Santis in der Crime Corner
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