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Essay
Kotau vor dem Petro-Zar
Die neue russische Macht ist eine Macht zu schaden. Von Andre Glucksmann
14.07.2006. Nichts zwingt die westlichen Demokratien, dem neuen Petro-Zar die Krone aufzusetzen. Nur der Preis des Barrels Öl stützt Russlands Wirtschaft. Seine Industrie rostet. Es braucht den Westen dringender als umgekehrt.
Was ist der G8-Gipfel? Ein Treffen der größten Wirtschaftsmächte des Planeten? Durchaus nicht, denn China und andere sind ausgeschlossen. Ein Treffen der demokratischen Führungsmächte? Warum dann Russland und nicht Indien? Oder ein Treffen eines euroatlantischen Clubs christlicher Nationen, wie man in Moskau vorschlägt, wobei man vergisst, dass Japan zu den Gründungsländern gehört? Lassen wir diese faden Definitionen, die nur dürftig verbergen, dass die große Wette der Zeit nach dem Kalten Krieg verloren wurde. Boris Jelzins Russland wurde 1998 zur Ermutigung in den Club geladen. Als Vorgeschmack auf den gesegneten Tag, an dem Russland zu den großen westlichen Demokratien aufschließt. Man setzte voraus, dass der russischen Gesellschaft nach der Abschüttelung der kommunistischen Ideologie kein anderer Weg offen stand. Man vertraute auf eine wirtschaftliche Vorsehung, die notwendiger Weise über die Abschaffung des Kollektiveigentums und die Befreiung des Marktes zu einer Demokratie reinsten Wassers führen würde. In Sankt Petersburg müssen sich die von Putin empfangenen Großen entscheiden: Entweder sie verlängern ein enormes Missverständnis über den Tod hinaus, oder sie sind intelligent genug, es zu beerdigen.
Die idyllischen Nebel der Zeit nach dem Mauerfall verflüchtigen sich. George W. Bush erblickt in den blauen Augen des Wladimir Putin nicht mehr die Seele des Good Guy. Er lässt seinen Vizepräsident mit lauter und vernehmbarer Stimme die antidemokratischen Entwicklungen beklagen. In Russland applaudieren zugleich alle Offiziellen ihrem Chef, wenn er Amerika als "Genosse Wolf" bezeichnet, der "jeden zu verschlingen weiß, den er verschlingen will, ohne Aussprache". Und die Menge stimmt bei. Rückkehr zum Kalten Krieg? Nein, Eintritt in die Post-Post-Kalte-Kriegsära.
Der Zerfall des Sowjetreichs hat zwar stattgefunden, aber die Folgerungen, die der Westen daraus zieht, entsprechen ganz und gar nicht denen Moskaus: "Die Auflösung der Sowjetunion im Jahr 1991 ist die größte Katastrophe des Jahrhunderts", wagt der Zeremonienmeister von Sankt-Petersburg zu behaupten, als ob die Abermillionen Toten des Hitler-Abenteuers und des Gulags und anderer Kerker der Tscheka weniger zählten als die "Katastrophe" der verlorenen Hegemonie über Riga, Vilnius, Kiew oder Tiflis. Wo sind die Empörungsschreie? Vergleiche sind nicht immer vernünftig, aber stellen Sie sich eine Sekunde eine Angela Merkel vor, die über den Zusammenbruch des Dritten Reichs in Tränen gerät: unmöglich. Und dennoch sind die Worte in Moskau nicht in die Luft gesprochen.
Alle Anstrengungen Wladimir Putins zielen sowohl in der Innenpolitik als auch im benachbarten Ausland darauf, eine "Vertikale der Macht" wiederherzustellen, ein diskreter Euphemismus, der kaum die Rückkehr zur brutalen autokratischen Tradition des Zarenregimes verschleiern kann, die von den Bolschewiken zu ihrem Gipfel geführt worden war. Man hält an einem unmenschlichen Krieg gegen Zivilisten in Tschetschenien fest, erstickt die bürgerlichen Freiheiten, verteilt die Reichtümer unter Kumpeln, unter Sanktionierung von Abtrünnigen wie Michail Chodorkowski, benutzt Gas und Öl als Waffe, um die russische Ordnung in den Nachbarhauptstädten wieder herzustellen. Es fällt wie Schuppen von den Augen. Die Sieben aus der G8 wissen jetzt, dass ihr Gastgeber seinen Ehrgeiz und seine Arroganz nicht mehr zu verstecken braucht.
Um ihren Status des Weltentscheiders zurückzugewinnen, haben die Realisten aus dem Kreml die ideologische Waffe gegen die banalere, aber wirksamere Waffe Öl und Gas getauscht. Kaum eingesetzt, ist ihnen die Erpressung qua Energie schon geglückt. Statt eine gemeinsame Reaktion zu suchen, zerfällt die Europäische Union. Jede europäische Nation läuft einzeln nach Moskau, um über den Preis ihrer Schwäche zu verhandeln. Der Gasprom-Konzern spürt, wie ihm Flügel wachsen, er korrumpiert hier und dort, und kauft sich sogar einen Ex-Kanzler, den er für seine loyalen Dienste ein paar Tage nach seinem Amtsverlust mit einem Posten tröstet. Schröders Geschäfte bringen Gewinn! Warum sollte er sich genieren? War nicht er es gewesen, der Putin den G8 in diesem Sommer präsidieren ließ, obwohl die Reihe an Deutschland gewesen wäre? Hat nicht er in aller Hast in den letzten zehn Tagen seines Mandats den Vertrag über die Gas-Pipeline durch die Ostsee geschlossen, die unter großen Kosten die Ukraine, Polen und die baltischen Länder umgeht? Gasprom, der bewaffnete Arm der russischen Reconquista, unterzeichnet Verträge mit der algerischen Sonatrach und mit dem Venezuela des Präsidenten Chavez, schützt den Iran und den Sudan, versucht mit den arabischen Petro-Monarchien anzuknüpfen und führt die Offensive in Zentralasien. Die neue Energiegroßmacht nimmt die EU in die Zange und droht, den Westen auszutrocknen. Der "liberale" Wirtschaftsminister Putins, German Oskarowitsch Gref, erklärt: "Was ist schon Davos? Ein kleines Dorf in der Schweiz. Petersburg ist die schönste Stadt der Welt." Der Mann ist ein Ästhet. Als er an der Seite seines Herren im Helikopter Grosny überflog, rief er aus: "Das sieht ja aus wie ein Hollywood-Dekor, um den Zweiten Weltkrieg darzustellen!"
Nichts zwingt die westlichen Demokratien, dem neuen Petro-Zar die Krone aufzusetzen. Nur der Preis des Ölfasses stützt die Wirtschaft Russlands. Seine Industrie rostet und stagniert, ganz anders als in China, die Handelsbilanz - rechnet man die Rohstoffe und die Waffen heraus - ist kläglich. Außerhalb von Moskau und Sankt Petersburg herrscht Elend. Während sich der bürokratische Wasserkopf weiter ausdehnt, feiert die Korruption mit ihrem Geleitzug mafiöser Bandenkriege fröhliche Urständ. Der "Russian Way of Life" muss sämtliche Kommoditäten des Lebens aus den Konsumgesellschaften importieren, vom Big Mac bis zum Computer. Die neue russische Macht, ist eine Macht zu schaden. Sie kann das Weltchaos nähren und vergrößern, aber sie kann nicht auf die Kredite und Investitionen der entwickelten Gesellschaften verzichten. Sollte man, um den Kreml nicht zu demütigen, auf seine Forderungen eingehen und ihm das Recht auf die Beherrschung des "nahen Auslands" und auf Erpressung der EU einräumen? Oder sollte man, wie Garri Kasparow und die neue russische Dissidenz des "Anderen Russlands" fordern, auf die Menschenrechte pochen, auf unsere und auf ihre?
Es gibt keinen neuen Kalten Krieg. Putin ist nicht Stalin. Ihm gehört nicht halb Europa wie noch seinem Meisterdenker Andropow. Übergroß erscheint die Herausforderung durch Putin nur angesichts unserer Zersplitterung, unserer kurzsichtigen Rivalitäten und moralischen Schwäche.
*
(Aus dem Französischen von Thierry Chervel)
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