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Essay
Wahrheit und Glauben
Von Andre Glucksmann
03.03.2006. Warum die dänischen Mohammed-Karikaturen und Karikaturen über den Holocaust nicht auf eine Stufe zu stellen sind.
Die Karikaturenkampagne richtete sich zunächst gegen eine Zeitung, dann gegen Dänemark, das sich auf die Meinungsfreiheit berief, und visierte am Ende ganz Europa an, dem man vorwarf, ungleiches Maß anzulegen. Denn erlaubt die Europäische Union nicht die Verspottung des Propheten, während sie andere "Meinungen" wie den Nazismus und die Leugnung des Holocausts verurteilt? Warum darf man über Mohammed spaßen, aber nicht über den Völkermord an den Juden?, fragen lauthals die Islamisten und loben einen Karikaturen-Wettbewerb über Auschwitz aus. Wie dem einen so dem anderen: Entweder ist alles im Namen der Meinungsfreiheit gestattet, oder beides wird zensiert, das, was die einen und das, was die anderen schockiert. Nicht wenige Verteidiger des Rechts auf Karikaturen fühlen sich in der Falle. Werden sie im Namen der Meinungsfreiheit Zeichnungen über die Gaskammern publizieren?
Beleidigung gegen Beleidigung? Grenzüberschreitung gegen Grenzüberschreitung? Kann man die Negation von Auschwitz auf dieselbe Ebene stellen wie die Entwürdigung Mohammeds? Hier stehen sich zwei Philosophien unversöhnlich gegenüber. Die eine sagt "ja", denn es handelt sich um zwei gleichwertige "Glaubensüberzeugungen", die hier herabgesetzt werden: Es gibt keinen Unterschied zwischen einer faktischen und einer Glaubenswahrheit. Die Überzeugung, dass der Genozid stattgefunden hat und dass Mohammed vom Engel Gabriel die Offenbarung erhielt, stehen auf einer Stufe. Der andere sagt "nein", denn die Realität der Todeslager lässt sich durch eine Untersuchung belegen, nicht so die Heiligkeit des Propheten, die von der Überzeugung des Gläubigen abhängt.
Diese Unterscheidung zwischen Tatsachen und Glauben bildet das Fundament des westlichen Denkens. Schon Aristoteles trennt einerseits den indikativen Diskurs, der diskutiert, um am Ende zu einer Behauptung oder Verneinung zu gelangen, und andererseits die Gebete. Diese lassen eine Diskussion nicht zu, denn sie flehen, verheißen, schwören, bestimmen. Sie sind kein informativer, sondern ein performativer Akt. Wenn der fanatische Islamist behauptet, dass die Europäer die "Religion der Schoah" praktizieren, so wie er die Religion des Propheten, dann hebt er die Unterscheidung zwischen den Fakten und dem Glauben auf. Für ihn gibt es nur Glauben, und also zieht Europa die eine Seite der anderen vor.
Der zivilisierte Diskurs analysiert und umschreibt ohne Unterscheidung von Rasse und Glauben wissenschaftliche und historische Tatsachen, die nicht auf Glauben, sondern auf Wissen beruhen. Man mag sie für profan oder unwürdiger halten - aber sie sind nicht mit den Wahrheiten der Religion zu vermengen. Unser Planet ist nicht einem Kampf der Kulturen oder Zivilisationen ausgeliefert, sondern er ist das Schlachtfeld eines entscheidenden Kampfes zwischen zwei Denkweisen. Auf der einen Seite jene, für die es keine Fakten gibt, sondern nur Interpretationen, die bloße Glaubensakte sind. Sie tendieren entweder zum Fanatismus ("ich bin die Wahrheit") oder zum Nihilismus ("nichts ist wahr, nichts ist falsch"). Auf der anderen Seite jene, für die eine freie Diskussion mit dem Ziel der Trennung des Wahren vom Falschen einen Sinn hat, und für die Politik, Wissenschaft und die schlichte Urteilskraft auf profanen, von willkürlichen und vorgegebenen Meinungen unabhängigen Gegebenheiten beruhen.
Ein totalitäres Denken erträgt keinen Widerspruch. Es ist dogmatisch und gestikuliert mit dem kleinen roten, grünen oder schwarzen Buch in der Hand. Es ist obskurantistisch und verschmilzt Religion und Politik. Antitotalitäres Denken hingegen hält Fakten für Fakten und erkennt selbst die scheußlichsten Fakten, die man aus Angst oder Bequemlichkeit lieber verleugnet, als solche an. Die Enthüllungen über den Gulag haben die Kritik und Zurückweisung des realen Sozialismus ermöglicht. Die Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen und die Öffnung der Vernichtungslager haben Europa nach 1945 zur Demokratie bekehrt. Die Leugnung von Geschichte mit ihren grausamen Wahrheiten führt zur Rückkehr der Grausamkeit. Auch wenn es den Islamisten - die keineswegs die Muslime repräsentieren - nicht gefällt: Es gibt kein gemeinsames Maß zwischen der Leugnung bewiesener Tatsachen und der verbalen oder zeichnerischen Kritik all der Religionen, die jeder Europäer glauben oder verspotten darf.
Seit Jahrhunderten mussten Jupiter und Christus, Jahwe und Allah eine Menge Spott wegstecken. In diesem Spiel sind die Juden die besten Kritiker ihres Gottes - sie haben geradezu eine Spezialität daraus gemacht. Das hindert den wahren Gläubigen jeder Konfession nicht daran zu glauben, und diejenigen, die nicht an das gleiche glauben, leben zu lassen. Dies ist der Preis des religiösen Friedens. Das Lachen über Gaskammern, vergewaltigte Frauen und aufgeschlitzte Babys, der Respekt vor Enthauptungsvideos und menschlichen Bomben weisen dagegen in eine unerträgliche Zukunft.
Es ist Zeit, dass die Demokraten ihren Geist und die Rechtsstaaten ihre Prinzipien wiederfinden. Feierlich und einträchtig sollten sie in Erinnerung rufen, dass nicht diese oder jene Religion oder Ideologie darüber entscheiden dürfen, was ein Bürger sagen oder denken darf. Es geht nicht nur um die Freiheit der Presse, sondern um die Freiheit, eine Tatsache eine Tatsache und eine Gaskammer ein Grauen zu nennen, unabhängig von unserem Glauben. Es geht hier um die Grundlage jeglicher Moral: Auf dieser Erde beginnt der Respekt vorm Individuum mit der universellen Anerkennung und der gemeinsamen Zurückweisung der schlimmsten Unmenschlichkeit.
*
Der originale Artikel erschien am 3. März 2006 in Le Monde.
Aus dem Französischen von Thierry Chervel.
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