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Essay
Riecht wie Führerbunker
Von Ekkehard Knörer
22.09.2004. In den meisten Feuilletons war Oliver Hirschbiegels Film "Der Untergang" Chefsache. Die Kritiker mussten schweigen. Und darum weiß niemand, wie der Film wirklich ist: langweilig, verlogen, bieder.
Zum "Untergang" scheint alles gesagt. Von Zeitungsherausgebern, Sozialpsychologen, Historikern und feuilletonistischen Metabetrachtern. Die Filmkritik dagegen hat sich in den großen überregionalen Zeitungen zurückgehalten, oder: sie hatte sich zurückzuhalten. Der Eindruck drängt sich auf, und zwar auch und gerade angesichts der Emphase des führenden Nicht-Filmkritikers Frank "Meisterwerk" Schirrmacher, dass das eigentliche Kunstwerk hier der Diskurs ist, nicht der Film; oder auch, dass hier mal mehr, mal weniger verzückt, jedenfalls eifrig zum Rhythmus der von Drehbuchautor und Produzent Bernd Eichinger geschlagenen Werbetrommel getanzt wird. Eine schöne Win-Win-Situation, sollte man meinen. Das Feuilleton hat Stoff und sponsort mit großzügigen Aufmerksamkeitsgaben nebenbei den Kunstfilmer Eichinger und seinen ausführenden Regisseur Oliver Hirschbiegel. Operation gelungen: "Der Untergang" hat es am letzten Wochenende auf Platz 1 der deutschen Box Office geschafft.
Die Filmkritik, wo sie sich äußerte, war eher gelangweilt. Das ist verständlich, denn der Film ist auch eher langweilig, vielmehr: er ist von Herzen schlecht. Man müsste als Filmkritiker nicht viel über ihn sagen, wäre er nicht der Anlass zu jenem merkwürdig hohlen Debatten-Kunstwerk, zu dem der sich um ihn rankende Diskurs geworden ist. Es kreißt eine Maus und gebiert Titelbilder, ellenlange Interviews und Feuilleton-Leitartikel. Das Missverhältnis zwischen Qualität des Films und Quantität des Geredes ist so eklatant, dass sogar der Film wieder der Untersuchung wert scheint, und sei es nur als Symptom. In der Analyse wäre womöglich etwas zu lernen darüber, wie ein Film auszusehen hat, um zum Gesprächsstoff für Debatten zu taugen, die wohl Anlässe brauchen, aber keinen vernünftigen Grund. Es wäre festzustellen, dass gerade der - in diesem Fall fast schon gemeingefährliche - ästhetische Biedersinn den "Untergang" zur Diskussion in der Öffentlichkeit prädestiniert. Wenn dieser Film tatsächlich ein "wichtiges Datum unserer Verarbeitungsgeschichte" (Frank Schirrmacher) ist, dann hat "unsere Verarbeitungsgeschichte" von Kino, Kunst und Ästhetik nicht die leiseste Ahnung.
Schon bevor das erste Bild zu sehen ist, beginnt "Der Untergang" mit einer Behauptung. Man hört eine Stimme, die nicht in die Fiktion gehört, die folgen wird. Mit dieser Stimme, die nicht seine eigene ist, behauptet der Film bereits den Zusammenfall von Geschichtsereignis und fiktionaler Darstellung. Diese Stimme nämlich ist eine angeeignete Stimme, die Stimme einer Toten, von Hitlers letzter Sekretärin Traudl Junge. Aufgerufen wird eine Zeugin, zitiert wird, als unverbrüchliche Beglaubigung, der Originalton aus dem Interview-Dokument "Im toten Winkel". Die Bilder, die der Stimme folgen werden, behaupten in dieser Montage, nichts anderes zu sein als Illustration des von dieser Stimme Gesagten. In der Schauspielerin Alexandra Maria Lara (vor allem in ihren großen, staunend in die Kamera blickenden Augen) gewinnt diese Stimme Gestalt; dieser Figur, die seine unverbrüchliche Zeugin sein soll, vertraut die Erzählung sich an. Am Ende, wenn der Film als von Anbeginn beglaubigte Fiktion die "Wahrheit" der geschichtlichen Ereignisse vor Augen geführt haben wird, gewinnt auch die Off-Stimme ihre Gestalt: Wir sehen Traudl Junge, wiederum ein Zitat aus "Im toten Winkel". Der Film, behauptet er frech, hat die Stimme ohne Bild mit seinen Bildern erlöst. Wir haben gesehen, was gewesen ist, in den letzten Tagen des Dritten Reichs. Traudl Junge, die sich nicht mehr wehren kann, gibt als zum Bild erlöste Stimme ihren Segen zu diesem Arrangement.
Dieses Arrangement ist ein ideologisches im schlichtesten Sinn. Geleugnet werden soll der notwendig fiktive Charakter der Darstellung. Jedes Bild des Films ist, in dieser Behauptung, Lüge. Eine Lüge, wohlgemerkt, die nicht etwa darin liegt, dass hier die historische Wahrheit verfehlt würde, dass der Charakter des einen, das Verhalten des anderen falsch wiedergegeben würde. Das alles sind Fragen für die Historiker und Hobbyhistoriker unter den Kinogängern, die die Lüge, die dieser Film ist, glücklich beim Wort nehmen. Tatsächlich will "Der Untergang", der sich auf eine historische Quelle und eine historische Darstellung stützt, gelesen werden, als wäre er selbst eine Quelle. Er setzt sich mit seinen Bildern an die Stelle der Auseinandersetzung, die mit den - immer: dubiosen - Quellen zu leisten wäre. Gerade in der Akribie, mit der hier eine Mimikry ans Historische versucht wird, liegt der tiefste ideologische Zug der ganzen Unternehmung. Jede Flasche "Staatlich Fachinger" auf dem Tisch, das Porträt Friedrichs des Großen an der Wand, das Zittern der Hand hinter dem Rücken von Bruno Ganz: alles Lüge durch die Behauptung, genau so sei es gewesen.
Es ist nicht der Naturalismus an sich, der den "Untergang" ins Verhängnis führt, es ist die Leugnung der Künstlichkeit dieses Naturalismus. Vorstellbar wäre ein intensives Kammerspiel im Bunker, das freilich gerade die Tatsache, dass es sich um eine Fantasie nach wahren Ereignissen handelt, markieren müsste. Hier fehlt diese Markierung vollständig. Die Buchstabengläubigkeit von Drehbuchautor, Ausstattern, Darstellern, Regisseur ist vollkommen, und sie muss sich mit Notwendigkeit gegen den Film wenden.
Dazu kommt - und ebenfalls mit Notwendigkeit - die Feigheit und Fantasielosigkeit des Ganzen, die sich natürlich als historische Genauigkeit ausgibt. "Der Untergang" glaubt sich, naiv wie er ist, seine eigenen Behauptungen und scheut unter dem Deckmantel der tatsächlichen Ereignisse vor jeder Bildidee, vor jedem Schlag über die Stränge zurück. Für die Schauplätze entwickelt der Regisseur keinen Sinn über den hinaus, möglichst mit dem natürlichen Licht der Lampen zu arbeiten. Er nimmt seine Kunstmittel - die Beleuchtung - künstlich zurück, um natürlich zu wirken. Verwunderlich nur, dass er nicht einmal aus dem Dauerschummer ein wenig Atmosphäre zieht. Dennoch kommt in diesem Licht-Fetischismus die Zwanghaftigkeit des Ganzen vielleicht am einleuchtendsten zum Ausdruck: Wenn er könnte, würde der Film gerne auch noch riechen wie der Führerbunker.
Die feige Buchstabengläubigkeit von Ausstattung, Darstellung, Regie schlägt, wenig überraschend, in atemberaubende Langeweile um. Das Buch hat keineswegs Angst vor Manipulativität, ganz unverfroren werden Kinder durch die Straßen Berlins und die Gänge des Bunkers geschoben und großes, geduldig sentimentalisierendes Augenmerk gilt der Ermordung des Goebbels-Nachwuchses. Im entscheidenden Moment aber kneift die Regie. Sie wagt sich nicht an die dem Konzept des Films doch nahe liegende Obszönität, den Selbstmord des Führers im Bild zu zeigen. Sie unternimmt nichts, den Schulfunk-Dialogen etwas hinzuzufügen oder entgegenzusetzen, das über die reine Illustrationsabsicht hinauswiese. So sieht man nur die Illustration von Verzweiflung und Wahnsinn, ohne das mindeste davon zu spüren. Mit seinem handwerklichen Biedersinn fällt Oliver Hirschbiegel den eigenen Naturalismusabsichten ständig in den Rücken. Das macht den "Untergang", der eine einzige Lüge ist, dann nicht nur zu einem Machwerk, sondern auch noch zu einem so unbedarften wie langweiligen Machwerk.
Mehr ist darüber eigentlich nicht zu sagen. Als Filmkritiker darf man aber vielleicht ergänzen, dass mit Angela Schanelecs "Marseille" in dieser Woche der aufregendste deutsche Film dieses Jahres anläuft. Wahrscheinlich haben Sie davon noch nichts gelesen. Wahrscheinlich werden Sie ihn nicht zu sehen bekommen, da die Kopien, die davon ab morgen in Umlauf sind, an einer Hand abzuzählen sind. Das ist, wenn Sie dem Filmkritiker diese Naivität verzeihen, das wahre Elend dieser Win-Win-Situation.
Ekkehard Knörer
Jump Cut Magazin
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