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Virtualienmarkt
Hollywood geht nach Digitalien
Von Rüdiger Wischenbart
14.07.2003. Die digitalen Techniken haben das Kino bereits revolutioniert und werden es weiter revolutionieren. Nun müssen nur noch die Mogule und Konsortien begreifen.
Die Meldung, die uns Kinofans eigentlich ergreifen sollte, verspricht aufs erste kaum mehr als den trockenen Charme einer typischen Ingenieursmeldung: Hollywood gibt im laufenden Jahr 2003 rund 500 Millionen Dollar nur für digitale Speicherkapazitäten aus. Dieses Volumen ist nötig, um einerseits die Digitalisierung und Renovierung alter Filmbibliotheken und andererseits die Flut an Daten aus der Special Effects Abteilung für neue Produktionen zu bewältigen. Einige der größten Technologiefirmen, IBM, Silicon Graphics, Inc. (SGI), oder Apple, mühen sich heftig, jeweils ein Stück vom großen Kuchen abzubekommen, schrieb der Technologie-Informationsdienst Cnet kürzlich in einer "Vision Series" überschriebenen Artikelreihe. In Wahrheit aber kündigt diese Nachricht völlig neue Zeiten für das gesamte Film-Business an. Und ein Umbruch in Hollywood lässt auch alle anderen Kulturindustrien nicht kalt.
Das Vorspiel dazu begann bereits ab den späten neunziger Jahren, als sich ziemlich abrupt und in ganz unterschiedlichen Lebensbereichen, Dinge aus ihren bisherigen Voraussetzungen zu lösen begannen. Am buntesten trieb man es bereits damals naturgemäß beim Film, wo der Computer mit einem Mal dazu einlud, die Gesetze von Schwerkraft und Körperlichkeit außer Kraft zu setzen.
Zwischen einer - anfangs noch etwas ungelenken, doch umso sprichwörtlicheren - "Toy Story" über monströse Auftritte von Dinosaurierhorden bis hin zum finalen Durchbruch bei "The Matrix" und "Tiger and Dragon" lernten die Bilder in einer Weise neu zu laufen, welche alles reale Leben, so wie es die Zuschauer zuvor gekannt hatten, um völlig neue virtuelle Welten erweiterte. Neu war nicht zuletzt, dass dem Betrachter keine Chance mehr bleibt zu erkennen, wo das reale Leben (und die Tricks von Kamera und traditionellen Stunts) aufhörten und Digitalien begann.Spätestens mit der Vervielfachung von "Agent Smith" in "The Matrix Reloaded" haben wir uns an die Grenzenlosigkeit der filmischen Animationsuniversen gewöhnt.
Nun aber zeigt sich allmählich auch handfest, was seit dieser "Übergangsperiode" sonst noch alles umgekrempelt wurde. George Lucas, der Schöpfer des "Star Wars"-Epos, gilt zwar als einer der genialen Begründer des neuen Filmtrickmärchens. Als Vorreiter eines tatsächlich digitalen Kinos aber - also einer Filmproduktion ohne Celluloid - ist er immer noch, ähnlich wie in Deutschland Wim Wenders, ein Avantgardist mit bestauntem Außenseiterstatus. Lucas jüngste Star Wars Episode, "Attack of the Clones", war die erste große Kinoproduktion, die komplett digital gedreht wurde. Immer noch sind Qualitätseinschränkungen ein starkes Argument fürs Celluloid. Doch sind die meisten wichtigen Stimmen der Kinoindustrie längst davon überzeugt, dass sich durch integrierte digitale Kinowelten - wenn also vom Dreh bis zur Projektion im Kinosaal alles digital läuft - Millionen Dollar an Produktionskosten einsparen ließen. In finanziell angespannten Zeiten ist dies ein gewichtiges Argument.
Schon heute sind viele der wichtigsten - und auch kommerziell entscheidenden - Kino-Acts ohne die teuren Zauberkunststücke auf den Rechneranlagen nicht mehr vorstellbar: Action Thriller, Kinder-Kino oder, natürlich auch, Science Fiction.
Eine einzige Stunde Animation belegt jedoch rund ein Terabyte an Speichervolumen, und diese gewaltige Datenmenge - das Gegenstück von rund 150 DVDs - muss jederzeit verfügbar sein, was erneut höchste Ansprüche an die Gesamtarchitektur der Systeme stellt. Das geht weit über Technik und Geld hinaus.
Was nämlich anfangs wie ein Lobgesang auf Leistungs- und Innovationskraft von Hollywood aussieht, entpuppt sich als das glatte Gegenteil.Kenner der Materie sagen es direkt und deutlich: Hollywood sei heutzutage schrecklich uneffizient und vor allem überbezahlt ("recklessly overpaid and vastly inefficient". Dies meint etwa George F. Colony, Gründer und CEO des wichtigsten Marktforschungsinstituts dieser Branche, Forrester Research. "Uneffizient und überbezahlt" bezieht sich natürlich einerseits auf die Stargagen, die längst jenseits aller wirtschaftlichen Logik angesiedelt sind. Aber es geht auch um die Kosten für Produktion, Marketing und Vertrieb. Ist es wirklich nötig, jeweils die letzten bildlichen Feinheiten aus dem Material rauszuholen, anstatt billig digital zu drehen und dann, statt riesige, teure Filmspulen weltweit zu verschippern und in klimatisierten Hallen zu lagern, die Bits and Bytes über Leitungen an die Cineplexe zu verschicken (und damit vielleicht auch die Kinolandschaften ein bisschen strikter zu kontrollieren)?
Gewiss, die integrierten digitalen Kreisläufe werden in Zukunft - viel stärker noch als bisher - die Copyright-Piraten nähren. Aber schon heute verdient Hollywood am meisten nicht an der Kinokasse, sondern am Verkauf für das Heimkino - ob über diverse TV-Kanäle oder, noch stärker, aus dem Verkauf von Konserven, insbesondere von DVDs.
Das heißt, selbst wenn ein erheblicher Schnitt für die Piraten abfällt, rollt der Rubel am besten von König Couch Potatoe, der zu Hause am Sofa über ein ständig wachsendes Imperium aus Entertainment-Angeboten regiert, zu den Hollywood-Magnaten. Unterhaltung ist immer mehr eine Domäne des privaten Lebens, und keine öffentliche Veranstaltung mehr.
König Couch Potatoe aber, so scheint es, hat einen sensiblen Nerv, was die Organisation seiner Leidenschaft anlangt. Er (oder sie) nutzt (und kauft oder leiht) Abspielgeräte und Inhalte, ist schwer berechenbar in seinen Entscheidungen, aber er (oder sie) misstraut notorisch den Versprechungen der Industrie. Der König ist ein Pragmatiker und weiß, dass diese Welt eine unordentliche ist. Keine alles umfassende "Settop Box", kein perfekt die Bücher (und die Copyright-Interessen verwaltendes) eBook, und wohl ganz gewiss kein allmächtiges System, das automatisch beim nach Hause kommen die richtige CD in den Kühlschrank legt während es die "favourite" Milch auf den TV-Schirm schaltet findet seinen Gefallen. Da schaltet er (oder sie) lieber selbst irgendein vergleichsweise unvollkommenes Gerät ein und lädt sich, legal oder illegal, herunter, was dann irgendwann zur Unterhaltung konsumiert wird oder doch nur die Festplatte versifft.
Herr Colony (was für ein Name!) von Forrester drückt die gleiche Sache vornehmer aus wenn er meint: "The liquidity of entertainment will explode." Anders gesagt, kein vernünftiger Mensch interessiert sich besonders für die digitale eierlegende Wollmilchsau - welche auch immer -, sondern nur jeweils für ein paar bestimmte Inhalte, also Filme, Stars, Themen, Bücher, was immer, und die diversen Konzern-Anbieter geraten erheblich unter Druck.Selbst jene Inseln, die bis unlängst allein den Großkonzernen und Megastudios vorbehalten waren, kriegen zudem Konkurrenz von Independent-Produktionen. Bei den animierten Hits wie "Toy Story" oder "Monsters Inc." verlangten die virtuelle Darstellung jedes Hauttons und jedes Haars (und noch mehr jedes Fells!) Rechnerleistungen und damit Investitionen, die nur wenige Firmen zu stemmen vermochten. Die nächste Attacke kommt gewissermaßen von Off-Hollywood, wo selbst Animationen wie "Foodfight" mit 138 "main characters" und 12.000 Lichtern außerhalb der Großstudios gestemmt werden. Wie es scheint, sind weltweit "Dutzende unabhängige Produktionen am Weg".
Vor allem aber - und das ist die dritte These der Enthusiasten von Digital Hollywood -, werden in den kommenden fünf bis zehn Jahren gewiss neue "entertainment moguls", die neuen "David Sarnoffs and Sam Goldwyns" vortreten, die Geschäftsmodelle für diese unordentliche Welt verwöhnter Konsumenten, integrierter digitaler Produktions- und Vertriebssysteme (mitsamt entsprechender Piraten) und einem wüsten Mix von großen Konzernen und wilden Unabhängigen austüfteln werden.
Der eher nüchterne Informationsdienst Screendigest meint schlicht, dass "digital cinema" das Kino so umfassend umkrempeln wird wie zuletzt die Einführung des Tons, und entsprechend werden auch alle wirtschaftlichen Spielregeln neu geschrieben werden.
In Deutschland predigt vor allem Wim Wenders seit mehreren Jahren schon den digitalen Gospel ("Die Vergangenheit des Kinos wird uns nicht sehr helfen, seine Zukunft zu erfinden", so Wenders in der FAZ 2001), während sonst, ähnlich wie in der Musikindustrie, der Klageton überwiegt, wie schwierig alles geworden sei, durch Piraten, Kostenexplosionen und ein unberechenbares Publikum, das nicht mehr so recht zahlen will. Tatsache aber ist, dass das Kino in den Köpfen seiner Zuseher längst den Wechsel auf die Festplatte vollbracht hat. Auch die Geschichten, die das Kino erzählt, spielen bereits in hohem Maß in Digitalien. Nur die Branchenvertreter, ihre Anwälte und Lobbyisten glauben dem eigenen Plott noch nicht. "End the denial", ruft ihnen aufmunternd Herr Colony zu, "Get over it, get on with it, figure it out. Or end up in the dustbin of history with sheet music publishers." Was für ein Wort.
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