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Vorgeblättert

Leseprobe zu Britta Schröder: Zwölfender. Teil 1

09.08.2012.

Mein rechtes Handgelenk ist geschwollen. Es sieht unförmig aus, grünlich zudem, und schmerzt bei bestimmten Bewegungen so sehr, dass ich zusammenzucke. Dabei habe ich nur mit der flachen Hand gegen eine Tür geschlagen, die verschlossen blieb.
     Oft, ja, und ziemlich heftig, das stimmt.
     Ich habe das Gelenk nicht verbunden. Hätte auch gar kein Verbandszeug gehabt.
Dass es übel aussieht, bestätigt mir, dass ich das alles nicht geträumt habe. Nachts hält mich ein gleichmäßiges Pochen vom Davondriften ab.

Ein anderes Mal, es ist ein paar Jahre her, schlug ich ähnlich verzweifelt - oder nein: doch anders, haltloser - mit einer rechten Geraden gegen eine Wand, sodass der Mittelhandknochen rechts außen brach.
     Zwei Drähte mussten eingesetzt werden. Ich kam ins Krankenhaus.
Vor der Operation verabreichte man mir eine Spritze in die Achselhöhle.
     Der Schmerz war so atemberaubend dumpf, dass mir unversehens  eine Auswahl längst vergessener Begebenheiten durch den Sinn rann.
     Danach sah ich meinem jodbestrichenen Arm dabei zu, wie er, nichts wollend, zwischen grünen Tüchern hin- und hergehoben wurde. Dieser Arm, in dem sich bündelt, was ich bin, war lahm und fern, als gehörte er niemandem.

Ein paar Wochen später sollten die Drähte in der Praxis eines Handchirurgen entfernt werden. Ich erhielt eine Narkose und sank in eine angenehme dunkle Tiefe.
     Unten, auf dem sandigen Grund, lösten sich die Gewichte von selbst, und ich stieg langsam wie ein Taucher zurück an die Oberfläche. Je näher ich ihr kam, desto mehr trug mich die Idee, wieder vollständig zu sein. Ich sah meine rechte Hand wieder zugreifen, arbeiten mit allem, was ich mag: Holz, Stein, Gips, Farbe, Blattgold, Silikon.
     Der Chirurg ernüchterte mich. Man habe mit Mühe einen der beiden Drähte auslösen können, der andere aber stecke noch im Knochen und müsse im Krankenhaus entfernt werden, was frühestens nach vier weiteren Wochen Heilung möglich sei.
     Die Warterei war mir unerträglich.

Ich habe die wichtigsten Dinge im Leben greifend begriffen, auch wenn meine Augen und Ohren meist wach sind.
     Ein Holzscheit in der Hand halten - und jede verloren geglaubte Gewissheit ist wiederhergestellt. Ein Blatt Papier kann, je nach Beschaffenheit, zum Schreiben einladen oder davon abhalten. Gips, frisch angerührt, wird warm, als hätte man selber ein Leben erschaffen, und er erkaltet wie die, die man verliert.
     Stein gibt sich ungefügig und ist es doch nicht; Silikon gibt sich geschmeidig und weich, ist aber zäh und widerständig.
     Blattgold legt sich, obschon fein und leicht und flatterhaft, in unendlicher Schwere auf jedes Material. Gold sagt immer: Schluss, genug geatmet. Ewigkeit.

Man muss nur mit einer Hand seine Stirn umfassen (Daumen an die eine Schläfe, Mittelfinger an die andere) - und sofort begreift man, dass man eines Tages sterben wird.
     Einen Zeigefinger in kaum geronnene Ölfarbe drücken, ist eine der größten Verlockungen. Ein gut geformtes Geländer oder eine perfekte Kugel umgreifen - und für einen Moment ist jeder Zweifel dahin.

Um den verbliebenen Draht loszuwerden, ging ich noch einmal ins Krankenhaus. Die Ambulanz der chirurgischen Abteilung: erst eine Schwester, dann zwei Ärzte. Eine Frau, ein Mann.
     Ich erhielt eine örtliche Betäubung, die mehrfach zu erneuern war. Die Hartnäckigkeit, mit der sich der Draht in meinem Knochen festgesetzt hatte, irritierte alle Anwesenden.
Geblieben sind eine etwa drei Zentimeter lange Narbe an der Handkante und ein unangenehm surrendes Gefühl bei jeder noch so zarten Berührung damit. Ich vermeide es inzwischen unbewusst, mit dieser Seite der Hand irgendwo anzustoßen. Jemandem die Hand geben, das geht. In diesen Momenten (und ich habe einen festen Händedruck) blende ich das leise Singen in den Nerven einfach aus. Aber mit der geballten Rechten auf den Tisch hauen - zum Beispiel -, das fiele mir tatsächlich gar nicht mehr ein.
Daher wohl auch die flachen Schläge neulich.

Gute Schauspieler, so las ich, erkennt man daran, dass sie im gespielten Ärger die richtige Reihenfolge einhalten: Man schlägt zuerst auf den Tisch und fängt danach an zu fluchen. Auch weiß man aus neurologischen Untersuchungen, dass unsere Hände den Impuls zum Ergreifen eines Gegenstands erkennen lassen, noch bevor unsere Gedanken den Befehl dazu erteilen. Es ist eine Art vorbewusstes Zucken. Messbar.
     Was heißt das?
     Meine Hände wissen, was zu tun ist, bevor ich es weiß.

Meine beiden Hände haben im Laufe der Jahre - längst auch vor dem Knochenbruch - zwei vollkommen verschiedene Funktionen und ein entsprechend unterschiedliches Aussehen angenommen:
     Meine Linke ist deutlich schmaler und zartgliedriger als die Rechte. In Gesellschaft rauche ich vorzugsweise mit der Linken.

Sie erscheint mir einfach ansehnlicher. Mit der Rechten begreife ich den Kern der Dinge, mit der Linken nur die Oberflächen.
     Für meine Augen gilt dieselbe Arbeitsteilung. Mein rechtes Auge und meine rechte Hand sehen älter aus als das linke Auge, die linke Hand.

Als Kind gab es für mich nur ein einziges Kriterium für gute Kleidung: Sie musste Taschen haben, in denen ich meine Hände vergraben konnte. Keine Aufnahme, auf der ich sie nicht in die Hosen- oder Jackentaschen drücke. (Eine wenig mädchenhafte Angewohnheit, befand meine Mutter.)
Mag sein, dass es auch daran liegt: Meine Hände waren nie besonders schön. Sie sind, wenn ich sie jetzt betrachte, sehnig und verhältnismäßig lang. Es zeichnen sich erste Altersflecken ab, ziemlich viele Falten an den Knöcheln und die Spuren einer lang verjährten Verbrühung.
     Es sind nüchterne Hände. Sie greifen zu, als gäb es keinen Zweifel.
     Meine Rechte wäre fähig, meine Linke zu brechen. Und umgekehrt.
     Woher diese Kraft in ihnen kommt, weiß ich nicht. Sie ist mir selbst ein bisschen unheimlich.
     Ich neige zum Jähzorn.



1

Ich sehe meinen Vater dicht vor mir stehen.
     Wir halten uns in seiner Küche auf, verlegen wie zwei, die sich eben erst kennengelernt haben. Ich überreiche ihm einen Strauß Tankstellen-Blumen.
     Das war am 11. Mai dieses Jahres.

Mein Vater tat, was er am besten beherrschte: gut gelaunt tun.
     Ich beobachtete ihn dabei, wie er ein Messer aus der Schublade zog, um die Blumen anzuschneiden, wie er das Messer beiseitelegte und die Blumen in einer Vase versenkte.
     Ich versuchte, ihm mit unvoreingenommener Freundlichkeit zu begegnen.
     Ich war da, um Frieden zu schließen, nach vielen Jahren eisiger Stille.
     Ich erprobte mich darin, seine Unsicherheit sympathisch zu finden, und heftete, um mich milde zu stimmen, meinen Blick auf die Zeichen des Alters - auf die Falten, das gelichtete Haar, die Pigmentflecken auf Stirn und Händen.
     Ich versuchte, diesen Mann vor mir von meiner Geschichte zu trennen.
Es glückte mir nicht, er war mir zu ähnlich.

Zum ersten Mal verstand ich die Vergleiche meiner Mutter: Diese Gestik, die langen Arme und Beine, die- selbe Mischung aus Kontrolliertheit und Nachlässigkeit in den Bewegungen. Dieselbe innere Spannung, die Bereitschaft, jederzeit zu einem Sprung anzusetzen.

Früher einmal erschien mir mein Vater, getrieben von Fernweh, Ehrgeiz und dem Wunsch, allen unverhohlen die Meinung zu sagen, als Experimentator im Auftrag der Wahrhaftigkeit.
     Von ihm habe ich gelernt, niemanden nach seinem Äußeren oder nach seinem Beruf zu beurteilen. Ihm verdanke ich die Fähigkeit, gutes Handwerk zu erkennen. Und das Interesse an Kunst. Er brachte mir bei, zu kosten, was ich nicht kannte.
     Mein Vater verkörperte ein sattes, ein zweifelloses Leben. Bis er sich nach einem Satz, der seine Eitelkeit verletzte, von mir abwandte.
     Er tat das mit derselben Entschiedenheit, mit der er mich zu seiner Komplizin erklärt und in seine Experimente eingeweiht hatte.

Seine plötzliche Missachtung traf mich, sodass ich strauchelte, fiel und liegenblieb.
     Wie lang genau, weiß ich nicht. Eines Tages setzte ich mich auf, befreite meine mit dem Unterholz verwachsenen Kleider von allerlei Geäst, klopfte die Kletten und Käfer ab und schlug mich, immer schneller werdend, durch die Farne.

Jetzt stand ich in seiner Küche.

"Wie ist es dir ergangen?", erkundigte er sich.
     Die Arglosigkeit seiner Frage stieß mir in die Kniekehlen.
     Schwer zu sagen, was mich härter traf: seine oder meine Verachtung.
Weiß nicht. Vielleicht war das auch eins. Weiß nicht.

Mein Vater öffnete den Kühlschrank und griff nach einer Flasche Wein.
     "Ich …", sagte ich.
     Er drehte sich zu mir um.
     Ich nahm das Küchenmesser von der Anrichte und schob es in seinen Körper.
     Er sackte zu Boden, es floss wenig Blut.

Er atmete flach und sah mich ausdruckslos an. In seinem Blick war nichts. Keine Furcht, kein Flehen, kein Vorwurf, kein Bedauern, kein Zorn.
     Ich sah, dass er am Leben nicht hing.
     Seine Heiterkeit, seine Neugierde und Abenteuerlust waren nur ein Schild gewesen, hinter dem sich Leere und Unlust verbargen.

Ich rief einen Krankenwagen und verließ das Haus mit ruhigen Schritten.


Meiner rechten Armbeuge entspringt eine Ader, schwer wie ein Kabel. Sie nimmt geraden Verlauf über den Innenarm, wendet sich dann seitwärts, hin zum äußeren Handgelenk, das sie in einer sanften Kurve umrundet. Kurz über der Handwurzel teilt sie sich in zwei Ströme.
     Der eine fließt in den Atlantik, wo sich meine Erinnerungen mit denen anderer brechen und als nervöse Wachheit in mich zurücklaufen.
     Der andere mündet in den Pazifik, führt hinunter in den Marianengraben und an die Nordküste Chiles in Richtung Wüste, wo alles verödet.

Ich suche mir diese Bilder nicht aus. Sie sind in meinem Kopf.


zu Teil 2

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