Bücherschau der Woche

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Literaturbeilagen

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Mord und Ratschlag

Schwarze Raben

Von Thekla Dannenberg

12.11.2012. Agentenaustausch mit einer Person: Mit seinem Roman über den Doppel-Agenten Kim Philby führt Robert Littell die Welt der Spionage in höchste Höhen der Paranoia und Schizophrenie. Petros Markaris rechnet in "Zahltag" mit Steuersündern und einer geschäftuntüchtigen Mafia ab.

Bild zum ArtikelWährend Hollywood nach fünfzig Jahren noch seinem bis aufs letzte Mark ausgelutschten James Bond neues Blockbuster-Leben einzuhauchen versucht, schreiben auf der anderen Seite John Le Carré und Robert Littell ohne Unterlass ihre Nachrufe auf den Spion und halten das Genre damit deutlich lebendiger. Littells neuer Roman über die Agentenlegende Kim Philby ist ein hochkonzentriertes Antidot gegen die Vorstellung, bei einem Geheimdienst könnten die Geschicke eines Landes in guten Händen sein. Auch allen anderen dürfte jede Faszination für das abenteuerliche Leben des Kim Philby erfolgreich ausgetrieben werden. Denn das ewige Rätsel, ob Philby Doppel- oder Dreifach-Agent war, gibt der Geschichte zwar den Thrill, aber nicht das Fundament. Denn im Grunde, das macht Littell sehr deutlich, läuft diese Form des Agentenaustauschs auf die Frage hinaus, ob Philby ein Doppel- oder Dreifach-Mistkerl war. Oder wie schon der scharfsinnige Jean-Patrick Manchette wusste: "Wenn alle Ideologie zusammenbricht, wissen nur die vom Licht geblendeten Maulwürfe noch nicht, dass alle Raben schwarz sind."

Schwer zu sagen, ob es wirklich noch ein Geheimnis um die Person Kim Philby gibt, angeblich lassen die zugänglichen Quellen Fragen offen. Die wahnwitzige Geschichte, die Littell erzählt, ist jedenfalls folgende: Der 1912 geborene Philby war ein Kind der britischen Upperclass. Sein Vater war der zum Islam konvertierte Orientalist St. John Philby, Berater von König Ibn Saud und damit der Gegenspieler von T. E. Lawrence, ebenso flamboyant, aber weniger bekannt. Als Student wurde Philby Mitglied der Socialist Society in Cambridge, anschließend ging er nach Wien, um dort seinen Genossen im Kampf gegen den Austrofaschisten Dollfuß zur Seite zu stehen. Dort traf er auf die österreichische Kommunistin und NKWD-Agentin Litzi Friedmann, die er nach dem niedergeschlagenen Arbeiteraufstand von 1934 heiratete und mit nach England nahm. Kaum zurück, wurde Philby vom Residenten des NKWD angeworben, der sein Glück kaum fassen konnte, Zugang zur Upperclass zu bekommen: "Wenn Sie der Partei beitreten wollen, werden Sie natürlich mit offenen Armen aufgenommen werden, erklärte ich ihm. Dann können Sie Ihre Tage damit verbringen, der arbeitenden Klasse den Daily Worker zu verkaufen. Nur wäre das eine Verschwendung Ihrer Zeit und Ihrer Fähigkeiten." Der NKWD macht Philby zu dem, was die Spezialisten des Genres einen deep-cover-Prospektivagenten nennen: Er bekommt eine Legende als desillusionierter Renegat und begibt sich als Reporter in den Spanischen Bürgerkrieg auf Francos Seite. Bald wirbt ihn der britische Secret Intelligence Service an, wo er in der Abteilung D (wie Destruction) zusammen mit Kollegen wie Hugh Trevor-Roper, und Graham Greene zusammenarbeitet. Und wie der NKWD nimmt auch der SIS Philbys Cambridger Kommilitonen Donald Maclean, Anthony Blunt und Guy Burgess auf.

Für wen arbeitet ein Mann, wenn er als britischer Geheimdienstler einem sowjetischen Führungsoffizier die Angriffspläne der Nazis verrät? Wem dient er? Wem nützt er? Und können die Briten wirklich solche Trottel sein, nicht zu bemerken, dass ihr Oberagent Staatsgeheimnisse weitergibt? Robert Littell hat seine eigene Theorie dazu, und auch wenn diese gar nicht so überzeugend ist, entwickelt er sie für sein "Porträt des Spions als junger Mann" auf sehr kluge Art, wahrscheinlich die einzige mögliche: Zu Wahrheitsfindung ruft er Philbys Genossen, Vorgesetzte oder Gegenagenten in den Zeugenstand - alle sehr redselig, keiner vertrauenswürdiger als der andere. Den Auftakt bildet ein grandios-böses Verhör in den Kellern der Moskauer NKWD-Zentrale, wo eine "Genossin Vernehmungsbeamtin" Philbys bisherigen Führungsoffizier ein letztes Mal in die Mangel nimmt, bevor er - wie sein Vorgänger - als feindlicher Spion hingerichtet wird. Denn für die englischen Upperclass-Kommunisten mag die Spionage ein frivoles Spiel gewesen sein, in Moskau aber werden sich die Verdächtigungen in einem perfiden Teufelskreis der Paranoia hochschrauben, so dass verraten werden kann: Seinen sowjetischen Agentenführern hat Philby schon mal nichts genützt.

Bei John le Carré verlieren die melancholischen Helden erst ihren Glauben, dann lernen sie in der "Schule der schmerzlichen Erfahrung", dass Loyalität auch nur eine Schwäche ist, die sich ausnutzen lässt. Bei Littell hat Kim Philby nicht nur keinen Glauben und keine Loyalität, er hat nicht einmal Sinn oder Bedeutung: Er hat Stalin und Franco gedient, Guernica geleugnet und wahrscheinlich seine Cambridger Freunde verraten, eine Kommunistin geheiratet und eine Faschistin geliebt. Hätte er doch den Daily Worker verkauft oder im Gentlemen's Club die Kreuzworträtsel der Times gelöst! Beides wäre ein sinnvolles Leben gewesen. Vor dem Angriff der Nazis auf die Sowjetunion hätte auch die BBC warnen können.

Robert Littell: Philby. Porträt des Spions als junger Mann. Aus dem Amerikanischen von Werner Löcher-Lawrence. Arche Verlag, Hamburg 2012, 286 Seiten, 19,95 Euro (Bestellen)


***

Bild zum ArtikelBild zum ArtikelPetros Markaris macht sich seit Jahren als verlässlicher Chronist der griechischen Misere verdient. In seinen Essays und Kommentaren, die noch viel zu selten in Zeit und taz erscheinen, schafft er es zugleich, die durch und durch korrumpierten Strukturen des griechischen Parteienstaates offenzulegen, die Verantwortungslosigkeit der Vermögenden zu brandmarken und gleichzeitig Sympathie und Solidarität mit der verarmenden Bevölkerung zu wecken. Der Diogenes Verlag hat die Artikel in dem Band "Finstere Zeiten" versammelt, und jeder, dem die Kurzberichte vom letzten Krisengipfel in Brüssel oder vom wütenden Generalstreik in Athen zu einseitig sind, sollte sie lesen. Oder Markaris' neuen Krimi "Zahltag". Ein Roman aus einem Land, dessen Konversationslexikon weder kollektiven Selbstmord kennt noch das Wort Steuerhinterziehung.

In "Zahltag" bekommt es der verdiente Kommissar Kostas Charitos mit einem Verbrechen heikelster Art zu tun: Ein Mann hat sich selbst zum Nationalen Steuereintreiber befördert, da dem Staat in dieser Angelegenheit bekanntlich der Durchsetzungswille fehlt. Dieser Eintreiber macht kurzen Prozess mit vermögenden Steuerhinterziehern - und stellt ihre Leichen auf antiken Stätten zur Schau. Zuerst trifft es einen berühmten Chirurgen, dessen Raffgier zwar notorisch war, der aber nur ein Jahreseinkommen von 50.000 Euro versteuerte. Seine Häuser hatte er auf die studierenden Töchter überschrieben, die Yacht einer Offshore-Firma. Was soll das Finanzamt machen? Für die neunzig Patienten, die er pro Jahr behandelt, waren die Abrechnungen einwandfrei! Zweites Opfer wird ein renommierter Wissenschaftler, der dank seiner politischen Kontakte an Forschungsgelder in Millionenhöhe kam, von denen er eher den kleineren Teil an die Universität weitergab. Der Unternehmer, der halb Attika mit Schwarzbauten zugepflastert hat, wird verschont, weil er rechtzeitig zahlt.

Als wären sie Abgesandte der Troika werden die Polizisten bei ihren Ermittlungen von Bürokraten und Demonstranten aufgehalten, jeweils aus unterschiedlichen Gründen, aber gleichermaßen entschlossen: Die Finanzbeamten wollen nicht für weniger Geld mehr arbeiten müssen, ihr Minister ist vollauf damit beschäftigt, jede Eigeninitiative der Steuerfahndung zu unterbinden - es könnte ja einen Parteifreund treffen. In der Innenstadt geht sowieso nichts mehr: Auf dem Omonia-Platz protestieren die Gewerkschaften, auf dem Athinion Boulevard die Taxifahrer, den Syntagma-Platz besetzen die Anhänger des Steuereintreibers.

Eine Topografie der Ungerechtigkeit zeichnet Markaris, wenn er seinen Kommissar durch die Straßen Athens schickt: In Egaleo nehmen sich verarmte Rentnerinnen das Leben, aus Aspropyrgos werden Ausländer verjagt, in den Villen von Egali werden die Kunstsammlungen versteckt. Zugegeben, zu den Stärken von "Zahltag" gehört nicht unbedingt die Subtilität. Markaris benutzt auch den Säbel, wenn er das Florett nicht zur Hand hat, und für eine Pointe verzichtet er auf jede Wahrscheinlichkeit. Doch bekommen griechische Emporkömmlinge genauso ihr Fett weg wie deutsche Geizhälse. Und schließlich gelingt es Markaris immer wieder, seinen Spott zu einem galligen Sarkasmus zu steigern: "Der griechische Staat ist weltweit die einzige Mafia, die es geschafft hat, bankrott zu gehen."

Petros Markaris: Zahltag. Ein Fall für Kostas Charitos. Aus dem Neugriechischen von Michaela Prinzinger. Diogenes Verlag, Zürich 2012, 419 Seiten, 22,90 Euro (Bestellen).

Petros Markaris: "Finstere Zeiten". Zur Krise in Griechenland. Aus dem Neugriechischen vom Michaela Prinzinger. Diogenes Verlag, Zürich 2012, 161 Seiten, 14,90 Euro (Bestellen)

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