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Mord und Ratschlag

Die Dachse sind relativ diskret

Von Thekla Dannenberg
24.08.2012. Thomas Steinfelds Krimi ist kein publizistischer Racheakt an Frank Schirrmacher. Worüber sich das Feuilleton seit zwei Wochen echauffiert, ist eine Krimiparodie, in der einem Mord in kultivierter Pose nicht nachgegangen wird.
Als Autoren sind Journalisten den Verlagen sehr lieb. Sie können meist leidlich gut schreiben, halten die Abgabetermine ein und vor allem können sie die Medienmaschine bedienen. Gut vernetzt wie sie sind, organisieren sie sich wohlwollende Besprechungen bei Kollegen und beschaffen sich bei befreundeten Autoren Blurbs, die auf dem Buchcover die Einzigartigkeit des Buchs anpreisen. Umgekehrt schreiben Journalisten über nichts lieber als über die Bücher ihrer Kollegen. All die   Reportagen und Kolportagen, die Hauptstadtkrimis oder Landleben- und Gender-Reflexionen, die die Literaturseiten füllen, stehen in keinem Verhältnis zu den Büchern internationaler Autoren, die kaum noch Beachtung finden.

Wenn der Welt-Kritiker Richard Kämmerlings nicht selbst darauf gekommen wäre, dass sich hinter dem Pseudonym Per Johansson der SZ-Feuilletonchef Thomas Steinfeld und der Münchner Arzt Martin Winkler verbergen und dass der ermordete Chefredakteur deutliche Züge von FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher trägt, hätte ihm der Fischer Verlag den Hinweis glatt stecken müssen.

Ohne das pittoreske Detail hätte kein Hahn nach Johanssons Schwedenkrimi gekräht. Im modernen Krimi geschehen nicht nur skandalösere Dinge als Morde an Chefredakteuren, die lebenden Personen nachempfunden sind, sondern auch brutalere und geschmacklosere, im Glücksfall auch politisch brisantere. So aber ist die Medienmaschinerie in einem außergewöhnlich schrillen Gang gestartet, kurzzeitig erweckte sie den Anschein, als ginge sie nach hinten los, doch eigentlich läuft sie jetzt jetzt ganz flott und fast wie nach Plan. Entkommen kann man ihr nicht. Denn der Skandal ist die Aufregung nicht wert, und der Krimi schon gar nicht.

Der "publizistische Racheakt", den Kämmerlings mit so viel Verve herbeipsychologisiert hat und über den das Feuilleton seit zwei Wochen spekuliert, er findet überhaupt nicht statt, wie man jetzt feststellen kann, da der Krimi vorliegt. Eine "Sehnsucht nach Anerkennung, nach Heilung einer immer noch offenen Wunde" wollte Kämmerlings in Steinfelds Krimi erkennen und die gesamte Zunft war peinlich berührt ob der Blöße, die sich der SZ-Mann da gegeben haben soll. Doch die Leiche des ermordeten Chefredakteurs wird zwar von Dachsen auseinandergerissen und zerfetzt, doch gehen die Tiere hier, im Vergleich zu den sadistischen Gewaltfantasien, denen schwedische Krimis sonst frönen, relativ diskret vor. Nach dem einen oft zitierten Satz über die abgenagten Knochen, ist die Angelegenheit vorbei. Und der als verrückt, erfolgreich und auch grausam beschriebene Journalist wird hier ermordet, weil er üblen Machenschaften der New Yorker Finanzwelt auf die Spur gekommen ist. Er stirbt also aus eher schmeichelhaften Gründen und nicht an den Folgen eines neidgesteuerten Ritualmords (was vielleicht Steinfeld zu der Äußerung bewogen hat, in der Figur stecke auch viel von ihm).

Als Roman aber ist "Der Sturm" eigentlich nur die Parodie eines Krimis. Nicht mal die träge Hauptfigur kann dem Fall echtes Interesse entgegenbringen. Hinter dem Mord steckt, wie dem Leser sehr schnell klargemacht wird, eine amerikanische Sicherheitsfirma, die für die Bankenwelt die Internetgeschäfte abwickelt und die von einer Hackergruppe aus Südschweden ins Visier genommen wurde. Mit dem Fall beauftragt ist der extrem antriebsschwache Lokaljournalist Ronny Gustavsson, der seiner Jugend nachtrauert, der Zeit beim Sozialistischen Bund und den Seminaren bei Deleuze. "Es wurde kein schöner Sommer für Ronny Gustavsson. Er war viel allein", heißt es an einer Stelle lahm, und mitunter sieht man ihm beim Lesen zu.

Statt zu recherchieren trifft sich Ronny mit seinen Freunden aus der alten Pariser Studenten-Truppe und diskutiert bei Jakobsmuscheln oder Fasan die Weltlage, die Abgründe der Finanzmärkte, Deleuze und die Garbo, ohne jemals über den höheren Allgemeinplatz hinauszukommen, selbst für Bob Dylan springen nur sentimentale Klischees ab. Ronny, Benigna und Lorenz zelebrieren die kritisch-kultivierte Gesellschaftsanalyse bei Rotwein, die als höchste Form der Aufklärung offenbar jeder Ermittlung überlegen ist. Leider entwickelt sich dabei kein Plot, nicht einmal der Mord an einem der jungen Hacker treibt die Handlung an, seine Freundin sieht hinterher nur ein bisschen blasser aus. Abwechslung bringt auch nicht das südschwedische Lokalkolorit, das die Bullerbü-Landschaft zwischen Kristianstad, Brio-Fabrik und Ikea-Stammhaus genau so darstellt, wie man sie sich vorstellt, auch wenn man noch nie dagewesen ist.

Letztlich ist "Der Sturm" ein durchschnittlich uninteressanter Krimi, nicht schlechter und gehässiger als die Dutzendware, die Jahr für Jahr auf den Buchmarkt gestoßen wird und die alle möglichen Autoren als Vehikel benutzen, um ihren Lieblingsurlaubsort zu verewigen, ihre Gedanken zur Weltlage bekannt zu machen oder schnelles Geld zu verdienen. Der "Sturm" ist höchstens etwas dünkelhafter: Die einzige Person, die nicht den besseren Kreisen entstammt, ist der Sohn der Haushälterin. Er heißt Olle und über ihn lesen wir: "Er spricht nicht viel, denken tut er übrigens auch nicht." Unterschicht! Aber wer weiß: Angesichts all der soignierten Freiherren, Gräfinnen und Philosophieprofessoren wird sich bestimmt beim NDR ein Kollege finden, der die Verfilmung und einen Sendeplatz am Freitagabend klar macht.

Thekla Dannenberg

Per Johansson: "Der Sturm". S. Fischer Verlag, Frankfurt 2012, 336 Seiten, 18,99 Euro.
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