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- Die Beschneidungsdebatte: im Perlentaucher und in anderen Medien
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- Der dänischer Karikaturenstreit: Eine europäische Presseschau
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Gott ist nicht die Mitte
Von Helga Trüpel
20.09.2007. Kardinal Meisner spricht von der Menschheit, als ob es nur die christliche Menschheit geben würde - darum ist seine Kölner Rede so vormodern.
Kardinal Meisner verzichtet in seinem Beitrag in der FAZ ("Wenn Gott nicht mehr in der Mitte steht", erschienen am 19. September) auf den Begriff der "entarteten Kultur". Er argumentiert, er brauche ihn nicht, um seine Aussage zu seinem christlichen Kunst und Kulturverständnis zu verdeutlichen. Er hat recht damit. Leider!
Der Begriff der "entarteten Kultur", der schon fehlgeleitet war und zurecht viele kritische Stimmen hervorgerufen hat, ist in der Tat nicht der Kern der Argumentation Meisners. Der Kern ist - und hier liegt der größere Hase im Pfeffer - sein Verständnis von Kunst, die für ihn nur dann Kunst ist, wenn sie letztlich zentriert ist auf Gott und das Christentum. Diese Weltanschauung ist mehr als begrenzt und eingeengt. Höflich ausgedrückt: Sie ist vormodern. Und in einem ganz schlechten Sinne eurozentristisch.
Seine These lautet, dass Kunst pervertiert, die nicht auf Gott bezogen ist und dass das christliche Ritual leer wird und erstarrt, das nicht auf Kunst und Kultur bezogen ist. Auch hier hat er kein Verständnis davon, dass die Kunst der Moderne in der christlich geprägten Welt gerade davon lebt, dass sie sich mit dem christlichen Erbe konfrontiert, es kritisiert und sich erst durch diese Freiheit, gerade nicht nur Teil des Kultus zu sein und zu ihm beizutragen, die Autonomie der modernen Kunst erkämpft hat, die sie zu dieser Größe in der Moderne gemacht hat.
Kardinal Meisner hat nur ein Verständnis von Kunst, die aus dem christlichen Glauben kommt, die auf den christlichen Gott, auf den Mensch gewordenen Jesus Christus zielt. Meisner spricht immer von der ganzen Menschheit, als ob es nur die christliche Menschheit geben würde. Der Kardinal ist nicht nur bar jeden Verständnisses für Kunst, die nicht auf Gott zielt, sondern er hat auch keinerlei Verständnis und kein Verhältnis zu Kunst im Judentum, im Islam, in Stammesreligionen, deren Gotteshäuser auch in der Mitte unserer Städte zu finden sind.
Sein anti-aufklärerischer Impuls gipfelt in der Aussage, dass der Mensch nicht das setzende Zentrum vom Maß von Gut und Böse sein dürfe, weil das direkt in Menschenverachtung und Totalitarismus münden würde.
Die Herausforderung von Aufklärung und Moderne, Kants "wage, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen", hat gerade mit dieser Gotteszentrierung gebrochen und den Menschen zum Maß der Urteilsfindung gemacht. Das impliziert eine hohe Verantwortung des Menschen, der er oft nicht gerecht wird. Auch die katholische Kirche ist dieser Verantwortung in ihrer Geschichte oft nicht gerecht geworden. Der Feind des Totalitarismus und seines menschenverachtenden Denkens ist nicht der christliche Gott, sondern die Freiheit. Diese zu verteidigen gegen alle Varianten anti-aufklärerischen Denkens ist das Gebot einer offenen Gesellschaft, die sich ihrer Werte versichert im öffentlichen politischen Diskurs und in ihrer Verfassung, die wertebasiert ist. Da fließt das christliche Erbe ein, bestimmt sie aber bei weitem nicht alleine.
Die moderne Kunst ist ein Kind der Freiheit. Das verleiht ihr ihre Kraft, ihren Glanz, ihre Konfliktfähigkeit und ihr Streitpotenzial. Moderne (abstrakte) Kunst beruft sich oft genug auf religiöse Dimensionen. Mark Rothko zum Beispiel spricht davon. Aber er meint damit eine Spiritualität, die die Begrenzungen von Alltag, Gesellschaft und Politik transzendiert und damit zur Freiheit führt. Und keine, die sich christlichen Gott als ihre Mitte bezieht.
*
Helga Trüpel ist Europa-Abgeordnete in der Grünen-Fraktion, stellvertretende Vorsitzende des Kulturausschusses im Europäischen Parlament und Kultursenatorin a.D. in Bremen.
Archiv: Meldungen
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