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Essay
Wider die postmoderne Religionspolitik
Von Eva Quistorp
17.07.2012. Begründen grüne Spitzenpolitiker und JuristInnen jetzt ihre Positionen zu Religion, Familie und Minderheiten mit wortwörtlichen Zitaten aus heiligen Büchern?
Volker Becks und Renate Künasts Äußerungen zur Beschneidung von Jungen heben sich von plakativen Phrasen à la "Wir sind für Beschneidung" oder "das ist die größte Bedrohung des Judentums seit dem Holocaust" durch wohltuende Differenzierung ab. Ich habe nichts gegen eine Kompromisslösung zur Beschneidung von kleinen Jungs bei Juden und Muslimen, wenn sie betäubt werden und daraus kein Gruppenzwang wird
Doch seit wann dürfen Politikerinnen im Jahre 2012 in Europa - und gerade in Deutschland, würde ich jetzt sagen - Bibel- oder Koran- oder Thora- oder sonstige religiöse Texte wortwörtlich nehmen und sogar als Gesetz oder notwendigen Brauch verteidigen? Die religiöse Beschneidung im Judentum und Islam berühre den Kern abrahamitischer Religionen, sagen Künast und Beck und zitieren: "Das soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und euch. Jedes Knäblein, wenn's acht Tage alt ist, sollt ihr beschneiden bei euren Nachkommen." (Auszug Gen 17,10-14). Das haben sich ja nicht mal CSU-Politikerinnen in den fünfziger bis siebziger Jahren angesichts der Forderungen der Frauenbewegungen und der kirchenkritischen Bewegungen und der Strafrechtsreformen im Bereich Sexualität, Ehe, Scheidung, Abtreibung et cetera erlaubt!
Welche Politik treibt grüne Spitzenpolitikerinnen und JuristInnen zu einer solchen wörtlichen Interpretation der Thora beziehungsweise Bibel und Koran?
Das ist, wie schon in der Kopftuchdebatte, Parteiergreifung für die traditionelle und konservative Thora- und Koraninterpretation; etwas, das grüne PolitikerInnen gegenüber der wörtlichen und konservativen Bibelauslegung im Christentum niemals zugelassen haben - man denke an die Forderung nach schwulen Bischöfen und der kirchlichen Trauung lesbischer Paare und anderes.
Gibt es also verschiedene Standards, was Meinungsfreiheit und gesellschaftlichen Druck zu internen Reformen angeht, fordernd gegenüber Christen, affirmativ gegenüber den konservativen Formen des Judentums und des Islam, vertreten durch Moscheeverbände?
Soweit sollte man als Spitzenpolitiker gebildet sein: Man könnte wissen, dass es spätestens seit der US-Frauenbewegung, an der viele Jüdinnen aktiv und führend beteiligt waren, die Debatte innerhalb einiger liberaler jüdischer Gemeinden in den USA und Israel zur Beschneidung als Gewalt an kleinen Jungen gibt. Dort wird die Frage gestellt, ob der Bund mit Gott nicht im Babyalter in anderer, symbolischer Weise geschlossen werden kann. Warum soll diese Zeile in der Thora nicht wie andere Zeilen auch zeitgemäß interpretiert werden, zumindest von einigen liberalen Jüdinnen oder Minderheiten?
Das religiöse Gesetz, falls es das in Demokratien so einfach geben kann, die keine Theokratien sind, kann ja nie einfach die Gesetzgebung in Demokratien ersetzen und muss sich auch der Debatte in den Gemeinden, in den theologischen Schulen und in der Gesellschaft stellen.
Natürlich geht es mir als Theologin nicht um einen Rationalitätsfundamentalismus, wie ihn der Schriftsteller Navid Kermani in der Debatte mit Recht kritisiert, und geht es mir als grüne Politikerin nicht darum, eine religiöse Tradition einfach "par ordre du Mufti" abzuschaffen. Aber sie muss sich dem öffentlichen gesellschaftlichen Dialog stellen, was das Urteil in Köln erst einmal bewirkt hat. Und sie sollte intern offen für historisch-kritische Interpretationen, Reformen und Pluralität sein.
Die demokratische Kultur hat vieles an religiösen und gesellschaftlichen Traditionen und an sozialem Druck und Kontrolle hinterfragt - die Ansätze dazu liegen teilweise schon vor der Aufklärung und dem März 1848 und den Jugendrevolten des 19. Jahrhunderts, sogar in den internen Debatten in den Religionen selbst. Oft war der Säkularisierungsschub rabiat, verstärkt durch Jugendproteste oder Modewellen. Es war nicht alles durchdacht. Doch es ist eine der Stärken der Demokratie und des Grundgesetzes, alte Bräuche hinterfragen zu dürfen, auch in Kunst und Satire und Philosophie oder Psychotherapie.
Die Grünen selbst würde es ohne diese Bekämpfung der wortwörtlichen Interpretation der Bibel und die Bekämpfung der orthodoxen und konservativen katholischen und protestantischen Kirchenstrukturen durch Demos, Kabarett, Polemik, Austritte et cetera gar nicht geben! Und nun zitieren ihre SpitzenjuristInnen für ihren Kompromiss, den sie im Mediengetümmel vorschlagen, die Thora, als seien sie eine Rabbiversammlung. Und suchen nicht mal nach einer Minderheitenmeinung beziehungsweise Lösungen ähnlicher Fragen im deutschen oder europäischen demokratischen Recht, um besser abzuwägen!
Da stimmt eben was nicht, das scheint inzwischen eine postmoderne Religionspolitik zu sein, die sich faktisch auf die Seite der jeweils konservativen bis reaktionären Vereine und ihrer theologischen Schulen (jedenfalls im Islam) schlägt, dabei Minderheiten im Islam und Judentum übergeht und gleichzeitig so tut, als ob man alle Religionen über einen Kamm scheren könnte, egal in welchem inneren Zustande und in welchem Verhältnis zum modernen Grundgesetz sie sich befinden.
Die Religionspolitik der Grünen scheint es inzwischen auch antiaufklärerisch allen Zielgruppen Recht machen zu wollen, die wählen und in die Medien kommen und sich in den Grünen laut zu Wort melden können oder als ExpertInnen eingeladen werden.
Interessanterweise sind Seyran Ates und Necla Kelek noch nie auf einen grünen Parteitag, in eine BAG oder zu Veranstaltungen der Böllstiftung eingeladen worden, so wenig wie andere profiliert-liberale Muslime!Es ist auch nicht rechtlich und faktisch in Deutschland gesichert, dass jeder und jede in Deutschland und Europa seine Religion auch verlassen darf, in die sie hineingeboren wurden, was in Teilen des Islam mit dem Tode bedroht wird.
Klar, inzwischen sind die Grünen,was ich für eine Reifung halte, allen monotheistischen Religionen gegenüber offen. Doch sie nutzen es aus, dass die EKD und die deutschen Katholiken relativliberal bis linksgrün und sehr dialogoffen und selbstkritisch sind und machen so auf multikulti-postmodern.
"Lass doch die anderen Religionen konservativ bis reaktionär sein, wir haben ja noch den Christopher Street Day, die Humanistische Union, die säkularen Hedonisten, die liberale EKD und die katholische Basisbewegung." So haben wir eben ein nettes Kuddelmuddel, und kohärent argumentieren ist in der Mediengesellschaft eh nicht nötig, die ein kurzes Gedächtnis hat, und jede Wahlgruppe will irgendwie ein bisschen versorgt werden.
Von den unglaublichen Äußerungen von Professor Brumlik (hier) und Herrn Graumann und der Rabbinerversammlung bin ich sehr enttäuscht. Welche Ängste aktivieren sie? Als hätte das Kölner Urteil irgendwas mit "wir wollen keine Juden und Muslime in Deutschland" zu tun - dies wird von Beck/Künast nicht zurechtgerückt.
Der Versuch von Volker Beck und Renate Künast, eine juristische Klärung und einen Kompromiss zu erreichen, der zumindest auf der Schmerzbetäubung besteht bei der Beschneidung kleiner Jungen, ist anzuerkennen und in die Richtung wird es auch eine Lösung im Bundestag geben, denke ich.
Aber die Argumentation von Politikern mit Thora und Koran ist ein Hammer! Man stelle sich vor, welche Bibelzitate unsere grünen und SPD- Spitzenpolitiker zur Rechtfertigung der Abtreibung, der Ehescheidung, der sexuellen Beziehungen vor der Ehe,Verhütungsmittel in der Hand von Frauen, für die gleichgeschlechtliche Ehe, Swinger Clubs, Drogenpolitik und Prostitutionsgesetze verwandt hätten!
Und auch in anderen Fragen bitte immer die Haltung einnehmen: Was 4000 Jahre lang Brauch ist, das können wir doch in einer deutschen Demokratie nicht ändern zu wollen wagen!
Eva Quistorp
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