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Klappentext
Aus dem Englischen von Manfred Allie und Gabriele Kempf-Allie. Pi Patel, der Sohn eines indischen Zoobesitzers und praktizierender Hindu, Christ und Muslim erleidet mit einer Hyäne, einem Orang-Utan, einem verletzten Zebra und einem 450 Pfund schweren bengalischen Tiger namens Richard Parker Schiffbruch. Bald sind alle erledigt - alle, außer Pi. Alleine treiben sie in einem Rettungsboot auf dem Ozean. Eine wundersame, abenteuerliche Odyssee beginnt.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 08.03.2003
Eine richtige Lobeshymne ist es, die der Rezensent Ulrich Sonnenschein auf Yann Martels neuen Roman anstimmt. Das liegt wohl vor allem daran, dass der Roman auf verschiedenen Ebenen funktioniert. Die leichtgängige Geschichte zu lesen macht ebenso Spaß, wie sich weitergehende Gedanken über das so schwungvoll Erzählte zu machen, "denn dieser Roman hat eine solide theoretische und philosophische Basis". Was nach Meinung des Rezensenten auch sehr begrüßenswert ist: dem Leser wird nichts aufgezwungen. Der Autor "lässt uns die Wahl, ob wir ihm ohne Referenzzwang einfach in die fantastische Welt der Sprache folgen, ob wir bei der Symbolik bleiben wollen oder den Dingen ihren realen Kern abzutrotzen versuchen". Im Kern des Buches steht eine Auseinandersetzung sowohl mit der Zoologie als auch mit der Theologie - beide Fächer studiert der Protagonist Pi Patel, nachdem er seinen Schiffbruch mit dem Tiger überlebt hat. Symptomatisch für die Erzählleistung des ganzen Romans sei, was Sonnenschein über Martels Abhandlung dieser beiden wissenschaftlichen Disziplinen sagt: "Yann Martel befreit beide Disziplinen von ihrer zwanghaften Ausschließlichkeit".

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 27.02.2003
Iris Radisch bemüht sich um Nüchternheit, kann aber nicht umhin, diesem Roman einen kräftigen Verriss angedeihen zu lassen. Etwas giftig weist sie darauf hin, dass die Grundidee dieses Romans, - ein Jugendlicher landet nach einem Schiffbruch mit einem Tiger und einigem anderen Getier in einem Rettungsboot - die ihrer Ansicht nach auch einem "Schreibseminar" entstammen könnte, bereits dem brasilianischen Autor Moacyr Scliar eingefallen ist. Dass die Geschichte einigen "Münchner und Hamburger Herrenmagazinen" gefallen hat, kann Radisch ja noch nachvollziehen, aber dass der Roman, den sie als in "Maßen unterhaltsamen Klamauk" geißelt, den renommierten Booker Preis bekommen hat, ist ihr ein Rätsel. Sie meint, die Jury habe wohl den "Spielzeug-Ton" dieses Buches für "epische Originalität" gehalten. Die "Botschaft" eines Kuscheltier-Frieden" zwischen Mensch und Tier und zwischen den Religionen, die der kanadische Autor auch noch an den Leser zu bringen versucht, kann die Rezensentin auch nicht versöhnlicher stimmen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 20.02.2003
Eine spannungsgeladene Geschichte ist Yann Martels Roman schon, meint Rezensent Ilija Trojanow, die Geschichte nämlich von einer Meeresüberfahrt in einem Boot und vom "Tauziehen zwischen Mensch und Bestie", das sich zwischen den zwei Passagieren des Bootes, einem 16-jährigen Jungen und einem Tiger, entspinnt. Doch was ein schönes Kinder- und Jugendbuch hätte werden können, so der Rezensent, erleidet "literarischen Schiffbruch", denn der Autor wolle ein Buch "über Religion, Glauben und Phantasie" schreiben. Und so habe er die Meeresüberfahrt in eine in Indien angesiedelte Rahmenhandlung eingebettet, in der der Erzähler dem mittlerweile erwachsenen Jungen auf die Spur kommt. Der wiederum entpuppe sich nicht nur als Hindu, sondern gleichzeitig als Moslem und Christ. Und spätestens da ist der Rezensent entsetzt, denn Martel gelinge es überhaupt nicht, sich in die Inder "einzufühlen". Seine Beobachtungen sind "ungehemmt oberflächlich", ärgert sich Trojanow, sie haben das Niveau eines "Pocket-Reiseführers" und zeugen bestenfalls von "Ignoranz". Dazu kommt für ihn noch eine gewisse Pose, denn Martel versuche, "mit flotten Bonmots zu glänzen", was auf unseren Rezensenten eher "unfreiwillig satirisch" wirkt. Diese "Sammlung gewollt amüsanter Anekdoten mit simuliertem Tiefgang" biete lediglich eine "postmoderne Remix-Religiosität vor, die sich an allem bedient, ohne Rücksicht auf Kontext, Tradition oder tieferen Sinn". Und damit, schließt der aufgebrachte Rezensent, scheint Martel auch noch den Zeitgeist getroffen zu haben, schließlich hat er mit diesem Roman den letzten Booker-Preis gewonnen. Seinem hehren ökumenischen Ziel jedoch diene er nur mit "verarmter Rhetorik".

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 18.02.2003
Diesem Roman ist vorab bereits viel Lob zuteil geworden, berichtet Carsten Würmann, denn er hat im Herbst 2002 den renommierten englischen Booker Prize gewonnen. Für Würmann hat er ihn auch verdient. "Witzig, berührend, grausam und spannend" ist "Schiffbruch mit Tiger", schwärmt er. Ein echter Abenteuerroman und eine Parabel zugleich. Das Abenteuer findet auf hoher See statt, wo der Junge Pi (nach dem Pariser Schwimmband Piscine Molitor benannt) mitsamt einem Tiger in einem kleinen Rettungsboot treibt - als einzige Überlebende eines Schiffsbruchs. Pis Vater war Zoodirektor und wollte mitsamt Tieren nach Kanada auswandern, so erklärt sich die ungewöhnliche Besatzung. Die Handlung nimmt überraschende Wendungen, berichtet Würmann, unter anderem lerne Pi, der Vegetarier, zu überleben, indem er Fische fange, Schildkröten schlachte und den Tiger zähme. Ein Art Arche Noah, greift Würmann den religiösen Faden des Romanstoffs auf, denn zugleich sei "Schiffbruch mit Tiger" eine anrührende Parabel auf den Glauben: Pi werde inmitten der großen Unendlichkeit des Ozeans zum gläubigen Hindu, Moslem und Christen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 17.02.2003
Henning Ahrens eröffnet seine Kritik mit einem überschwänglichen Lob für die "wunderbare" Übersetzung. Nicht nur hat er keine sprachlichen Stolpersteine gefunden, er würdigt auch nachdrücklich die Recherchearbeit, die der Übersetzer leisten musste, um all die im Roman vorkommenden "theologischen, zoologischen und nautischen" Fachtermini richtig zu benennen. Wenn er sich dem Roman zuwendet, klingt er allerdings weit weniger begeistert. Den "selbstironischen" Anfang der Geschichte, in deren Verlauf ein indischer Jugendlicher nach einem Schiffbruch mit einem Königstiger allein in einem Rettungsboot landet, lobt der Rezensent noch als "gut". Doch dann moniert er, dass die ersten 100 Seiten sich trotz manchen "Vergnügens" wie "Schwarzbrot" lesen, sprich etwas mühsam. Die Botschaft, dass die drei großen Religionen Christentum, Hinduismus und Islam für den Protagonisten nebeneinander bestehen können, hört Ahrens "in einer Zeit wie dieser gern". Dennoch ist sie ihm im Roman viel zu "platt und aufdringlich" vorgetragen. Was ihn an diesem Buch am meisten stört ist, dass der Protagonist durch die dramatischen Erlebnisse auf dem Meer - er übersteht Kannibalen, fleischfressende Pflanzen und nicht zuletzt den Tiger - keine Entwicklung erlebe und all dies "letztlich folgenlos" bleibe. Richtig geärgert hat sich der Rezensent dann über den letzten Teil des Buches, in dem der Held japanischen Sachverständigen, die die Geschichte mit dem Tiger nicht glauben können, noch mal eine völlig andere Geschichte seines Schiffbruchs auftischt. Hier bemängelt Ahrens nicht nur "plumpe Komik", er kritisiert zudem, dass durch diese "Fiktion innerhalb der Fiktion" dem Ganzen die "letzte Spitze genommen" werde.
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