Bücher der Saison
Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.
Literaturbeilagen
All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.
Über uns
Service für Leser
Service für Kunden
Jobs
Historische Tage
Artikel von
Links
Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.
Im Ententeich: Redaktionsblog
Das Zentraleuropäische Forum in Bratislava
Von Thierry Chervel, 20.11.2009, 15:11
Eine solche Liebe dürfte einem ausländischen Staatsmann kaum je entgegenschlagen. Obama vielleicht. Aber der Jubel für Obama wirkt angesichts der Szene im ausverkauften Stadttheater von Bratislava wie kindische Verliebtheit. Denn dies hier ist Liebe, dauerhafte innige Dankbarkeit für einen, der wusste loszulassen. Vaclav Havel verbeugt sich in einer Reihe von Diskussionspartnern und nimmt den stehend dargebrachten Applaus mit Geduld und Bescheidenheit entgegen. Die Diskussion handelte von einem gewissen Gefühl der Ernüchterung nach zwanzig Jahren errungener Demokratie. Der Perlentaucher war eingeladen, weil er mit seiner englischsprachigen Seite signandsight.com immer wieder auch versuchte, europäische Debatten zu lancieren – und dabei in den mittel- und osteuropäischen Ländern auf größere Resonanz stieß als in Deutschland oder Westeuropa.
Havel sprach ruhig und ein bisschen stockend. Er wirkte gegenüber alten Fotografien ein bisschen gealtert und geschrumpft, zugleich hellwach und elegant. Er beklagte die Parteienherrschaft und kam gleich auf das Ursprungsereignis der Slowakischen Republik zu sprechen – die Teilung der Tschechoslowakei. Sie sei zuerst von Parteifunktionären als Verhandlungsergebnis von Parteien verkündet worden, und nicht von Parlament und Regierung, beklagte er. Auf dem Podium saßen berühmte Intellektuelle aus Mittel- und Osteuropa, der slowakische Politologe und Mitunterzeichner der Charta 77 Miroslav Kusy, die ungarische, seit Jahren in den USA lebende Philosophin Agnes Heller, der politische Denker Ivan Krastev aus Bulgarien, der tschechisch-slowakisch-französische Politologe und Historiker Jacques Rupnik, aus Deutschland Ingo Schulze und aus Österreich Robert Menasse.
Im Grunde war von Ernüchterung wenig zu spüren. Die Debatte war einfach zu lebendig. Robert Menasse nannte die EU undemokratisch, und erhielt dafür von Rupnik eine scharfe Replik. Agnes Heller benannte mit wunderbar ungarischem Akzent auf Englisch all das, was in den mitteleuropäischen Ländern unter den Teppich gekehrt wird – an erster Stelle die Beteiligung der Länder am Holocaust, aber auch Verbrechen der Kommunisten. Ivan Krastev hielt ein realistisches Plädoyer für die Demokratie, eine Schlampe, gewiss, aber eine verdammt attraktive. Es wurde so offen und selbstkritisch geredet, dass man sich bei allen Problemen und Populismen in der Region über die Zukunft keine Sorgen machen mochte.
Schwieriger ist das Verhältnis zur Vergangenheit. Auf einem anderen Podium diskutierten (von mir selbst moderiert) Adam Michnik, György Konrad, Slavenka Drakulic, die amerikanische Historikerin Marci Shore, ihr Kollege Timothy Snyder und der polnisch-schwedische Journalist Maciej Zaremba. Michnik, den ich vorher nie erlebt hatte, erwies sich als ein Mann von Gerd-Fröbe-hafter Berserkerherzlichkeit, der einem mit breiten Pranken auf die Schulter patscht und mit historischer - aber auch schlicht physischer – Statur die Runde dominierte. Er dekretierte laut, trotz wiederholter Versuche meinerseits, über zwei Punkte nicht sprechen zu wollen: seine eigene Vergangenheit und die von Milan Kundera.
Michnik argumentierte wie ein historischer Sieger, der dem von ihm Erledigten nun wieder auf die Beine helfen will. Er plädierte rundheraus gegen die Öffnung von Geheimdienstarchiven und begründet es aus einem Missbrauch der Akten – etwa zu Kapuscinski und Walesa – unter den Kaczynskis. Seine Argumentation gipfelte in einer Verteidigung des Generals Jaruzelski, der einen gewaltlosen Übergang gestattet habe. Als Vorbild für den Umgang mit der Vergangenheit empfahl er nachdrücklich den spanischen Weg. Bei aller Sympathie mochte man sich fragen, ob hier nicht ein großherziger Macho andere große Männer verteidigte und darüber vergaß, dass es nicht in erster Linie um die Abstützung künftiger Denkmäler geht, sondern um die Rehabilitation von Opfern und historische Wahrheit. Akten können missbraucht werden gewiss, aber wer glaubt, dass dies systematisch geschieht und das man keinen fairen Umgang finden kann, glaubt nicht an die Demokratie, die er selbst geschaffen hat.
Dann wurde die Runde für Fragen aus dem Publikum geöffnet. Eine Studentin stand auf und fragte Adam Michnik, ob man dann nicht gleich das nächste Unrechtsregime errichten könnte, da seine Untaten ja nicht mit Aufarbeitung zu rechnen hätten. Wie gesagt: Um die Zukunft der Demokratie muss man sich in diesen Ländern keine Sorgen machen.
(Hier noch der Link zu allen Veranstaltungen, die das verdienstvolle slowakische Internetmagazin Salon.eu.sk für das Central European Forum organisiert hatte.)
0 Kommentare, kommentieren
Stichwörter:
Mitteleuropa
Archiv
Archiv: Presseschauen
Ein feiner Herr
02.09.2010. In der Welt fragen Monika Maron und Necla Kelek, wann wir über die interessanten Seiten in Thilo Sarrazins Buch diskutieren. In der taz erklärt der Politikwissenschaftler Markus Linden, warum Sarrazin gut für die Demokratie ist. Die NZZ betrachtet leicht amüsiert den roten Kopf des "sittlichen" Deutschlands. In der SZ erkennt der Philosophieprofessor Christian Illies, dass es beim Streit um "Stuttgart21" um das gesellschaftliche Selbstverständnis der Stuttgarter Bürger geht. In der FAZ erklärt die Intelligenzforscherin Elisabeth Stern, wie gesellschaftliche Verdummung zustande kommt. Die Zeit blickt in deutsche Redaktionsstuben und sieht nur urdeutsche Mittelschicht. Mehr lesen
Bloggen im Bleistiftgebiet
02.09.2010. Der Leser, das unbekannte Wesen: Marc Reichwein trifft den Handke-Blogger Lothar Struck - Intellektueller Offenbarungseid oder Hirngröße: Weil es gerade diskutiert wird - Bereit für die Apokalypse: Zur Wiederauflage von Friedrich Sieburgs kulturpessimistischen Meisterwerk "Die Lust am Untergang" - Simulation von Soziologie: Eine kleine Hommage an Sjöwall/Wahlöö - Netzwelt-Ticker: WikiLeakiLeaks, das WikiLeaks für WikiLeaks. Mehr lesen
Karikaturen und Cartoons
02.09.2010. Vergebliche Liebesmüh'.
Mehr lesen
Ich mag einen kräftigen Downbeat
31.08.2010. Im Guardian erklärt John Gray, warum es genügt, Tariq Ramadan zu tolerieren statt zu respektieren. Das Magazin liest den neuen Roman von Bret Easton Ellis. Der New Yorker wendet sich ab vom Originalitätsdünkel. In El Pais Semanal feiert Wole Soyinka die befreienden Auswirkungen der Globalisierung. Magyar Narancs hält nichts vom französischen Burkaverbot. Die New York Times ruft: Hebe deine nördliche Hand und bewege dein südliches Bein ostwärts. Mehr lesen
Archiv: Bücher
Ästhetik des Ungekämmten
02.09.2010. Die FAZ liest tief beeindruckt Erwin Mortiers Roman "Götterschlaf", der die Geschichte einer Frau in Zeiten des Ersten Weltkriegs erzählt. Die Zeit feiert Steven Uhlys Romandebüt "Mein Leben in Aspik" als irrwitzigen Barock-Poetry-Slam und verteidigt Martin Mosebach und seinen Roman "Was davor geschah" gegen seine Kritiker: Mit formloser Kunst ist dem formlosen Leben nicht beizukommen. Die SZ erfährt in Barbara Ehrenreichs "Smile or Die" die beglückende Wirkung des negativen Denkens. Mehr lesen
Hannah Arendt, Gershom Scholem: Der Briefwechsel
30.08.2010. Von 1939 bis 1964 führten Hannah Arendt und Gershom Scholem einen intensiven Briefwechsel, in dem sie sich über jüdische Geschichte und jüdisches Selbstverständnis auseinandersetzten. Lesen Sie hier Auszüge aus der Korrespondenz, in denen es um Walter Benjamins Tod und Hannah Arendts Bericht "Eichmann in Jerusalem" geht. Mehr lesen
Die Farbe von Kopfweh
26.08.2010. Louise Welsh zeichnet in ihrem Krimi "Das Alphabet der Knochen" ein wenig charmantes Bild vom Universitätskader. Selbst Kindermörder sehen besser aus. Jedediah Berry pflanzt uns das "Handbuch der Detektive" ins Unterbewusstsein. Mehr lesen
Ich verhungere auch
05.08.2010. Marketa Pilatova zeigt uns vier Frauen, die ums Glück kämpfen. Elizabeth Strout zeigt uns eine nicht nette Frau mit Empathie. Vladimir Sorokin schickt uns noch einmal zur Bruderschaft des Lichts. Wojciech Jagielski porträtiert die irre ugandische Lords Resistance Army. Kirsten Heisig erklärt, warum jugendliche Straftäter nicht härter, sondern schneller bestraft werden sollen.
Mehr lesen
Archiv: Magazin
Väinemöinen greift zur Kantele
05.08.2010. Der estnische Komponist Veljo Tormis, der mit seiner zugleich modernen und archaischen Chormusik die "Singende Revolution" inspirierte, ist im Westen noch viel zu unbekannt. Sein Leben. Seine Musik - mit Hörbeispielen. Mehr lesen
Entscheidung verschoben
15.07.2010. Die Entscheidung des BGH im Prozess FAZ und SZ gegen Perlentaucher wurde auf den 30. September verschoben. Mehr lesen
Islamischer Calvinismus
11.05.2010. In Istanbul soll einer der ältesten und traditionsreichsten Kinosäle abgerissen und das Kino selbst, das Emek, in ein neues Einkaufszentrum verfrachtet werden. Dagegen wehren sich nicht nur Filmregisseure, sondern auch Architekten und Denkmalschützer. Mehr lesen
Gezwitscher
18.03.2010. Das Telefon klingelte und der Anrufbeantworter sprang an, das Notebook meldete ein Twitter-Update und an der Haustür klopfte es unerhört selbstbewusst... Eine Erzählung Mehr lesen







