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zuletzt aktualisiert 09.02.2010, 16.23 Uhr

Blog - Im Ententeich

Islam ist nicht Islamismus

Von Thierry Chervel, 15.09.2009, 07:09

Früher hieß es: Die Rechte verteidigt "die Kultur", die Linke kämpft für "die Zivilisation". Die Rechte akzeptiert Ungleichheit als etwas natürlich Gewachsenes. Die Linke kämpft für Universalia wie zum Beispiel auch die Gleichheit der Menschen. Die Rechte befürwortet ein traditionelles Frauenbild, die Linke kämpft für Emanzipation. Aber so ist es nicht, vielleicht war es ja noch nie so: In Wirklichkeit ist sich die Linke mit der Rechten einig.

Im Blick auf die berühmten "anderen Kulturen" zeigt sich: Eigentlich ist es die Linke – und besonders die einst von Bourdieu beschworene "linke Linke" die an den verlorenen Gewissheiten der Rechten festhält: Kultur, Tradition, Sitte, Kopftuch, Religion, Unterwerfung. Die Rechte war dabei ehrlicher, weil sie diese Werte und die daraus resultierenden Zwänge auch fürs eigene Milieu einforderte. Die Linke aber hat für die "anderen Kulturen" ein anderes Programm als für die eigene. Sie ist also nicht nur reaktionär, sondern rassistisch.

György Dalos, Dietmar Dath, Gretchen Dutschke-Klotz, Jürgen Flimm, Peter Hamm, Christoph Hein, Elfriede Jelinek,Thomas Ostermeier, Tim Renner, Harry Rowohlt, Horst Eberhard Richter, Charlotte Roche, Friedrich Schorlemmer, Katharina Thalbach, Martin Walser, Roger Willemsen, Feridun Zaimoglu und einige weitere Prominente aus dem linken juste milieu rufen im Freitag zum Rückzug der Bundeswehr aus Afghanistan auf. Ihr Argument: "Der Gegner ist keine Armee, sondern eine Kultur."

Kultur? Als einziger Beitrag der Taliban zur Kulturgeschichte ist die Sprengung der Bamiyan-Buddhas erinnerlich. Al Qaida hat immerhin ein Filmgenre erfunden, das religiöse Snuff-Video, für das Ungläubige vor laufender Kamera bei vollem Bewusstsein geschächtet werden, um die Szene als erbauliches Handy-Video zirkulieren zu lassen.

Taliban und Al Qaida repräsentieren gerade keine Kultur, sondern einen radikalen Utopismus, der alles, was als individuelle, kulturelle oder regionale Differenz über ihre totalitäre tabula rasa ragt, gnadenlos kappt, nicht anders als es einst die Nazis taten und genauso wie die Kommunisten, denen Jelinek oder Walser in früheren Tagen anhingen.

Mit entwaffnender Biederkeit blicken die Unterzeichner des Manifests in die Kameras des Freitag. Die Militärs sollen abziehen, und die NGOs sollen ihr friedliebendes Werk tun, fordern sie. Sie wissen natürlich, dass die NGOs nur dann arbeiten können, wenn die Soldaten auch da sind. In Wirklichkeit rufen sie einfach dazu auf, die Menschen in Afghanistan – an erster Stelle die Mädchen und Frauen – den Steinen der Taliban zu überlassen. Sie verwechseln Barbarei mit Kultur.

Dankbar muss man dem Aufruf auch sein, weil er zeigt, dass genau jene Kräfte, die in anderen Diskussionszusammenhängen aufgeregt davor warnen, Islam und Islamismus ineinszusetzen, diese Identität propagieren, wenn es dem Defaitismus dient.






18 Kommentare, kommentieren

Stichwörter: Freitag-Aufruf, Islam, Islamismus

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Leserkommentare (18)

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Thierry Chervel

29.09.2009 um 15:18:26 Uhr

Lieber Herr Roentgen,

nein, in meinem kleinen Artikel ging's nicht um den Truppenabzug – alle sind dafür, es ist nur eine Frage des Zeitpunkts und der Konditionen. Was mich stört, ist die Gleichsetzung Afghanistans mit den Taliban und die Behauptung, die Taliban seien eine "Kultur", gegen die man nicht kämpfen kann, sondern die man tolerieren soll. Die westlichen Soldaten kämpfen nicht gegen Afghanistan, und die Taliban sind nicht die gewählten Vertreter Afghanistans. Als die pakistanische Armee für kurze Zeit die Swat-Region den Taliban überließ, flüchteten Hunderttausende, die die Taliban anscheinend auch nicht mit ihrer "Kultur" verwechselten. Übrigens sollten wir nicht völlig vergessen, dass die westlichen Truppen in Afghanistan eingriffen, weil Al Qaida von dort operiert und den Westen attackiert hatte. Dass der Westen an all dem Mitschuld hat – keine Frage. Umso größer die Verantwortung. Wer argumentiert wie der Freitag-Aufruf, plädiert nicht für Toleranz, sondern für Toleranz mit den Taliban. In einem Punkt sind wir uns einig: Saudi-Arabien ist kaum besser.

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Hans Peter Roentgen

26.09.2009 um 11:20:25 Uhr

Lieber Herr Chervel

in Ihrem Artikel (und dem des Freitags) ging es um einen Truppenabzug. Und um die Frage, ob Anwesenheit der deutschen Truppen nütze und Sie haben klar erklärt, dass jeder, der für Truppenabzug plädiere, den Islamismus unterstütze. Denn die Truppen würden dort die westlichen Freiheitswerte garantieren.

Leider gibt es Leute, die stark bezweifeln, dass das überhaupt möglich ist (Für sie sind das alle Islamisten oder bestenfalls Leute, die vom guten Wilden träumen). Aber die Freiheit kommt nicht aus fremden Gewehrläufen, eine Niederlage wäre eine einzige Katastrophe und je länger eine Besatzung dauert, desto unbeliebter macht sie sich, das zeigt die Geschichte. Gut, das ist meine Meinung, sicher gibt es ander. Aber das Glauben "Wir haben recht" auch automatisch den Sieg garantiert oder auch nur, dass die Afghanen die Demokratie übernehmen, dieser hier von IHnen und vielen KOmmentatoren vertretene Glaube halte ich für persönlich für naiv.

Und ja, Toleranz heißt auch andere Kulturen zu akzeptieren, meiner bescheidenen Meinung nach. Man muss sie nicht mögen, man kann (und sollte) die unterstützen, die sie weiterentwickeln wollen, aber der Glaube, wir könnten das mit Gewehrläufen tun, den halte ich für sehr gefährlich. Und nein, ich bin weder Islamist noch freue ich mich über Kopftücher. Ganz im Gegenteil. Aber ich reiße sie den Trägerinnen auch nicht gewaltsam vom Kopf.

Hans Peter Roentgen

PS: Witzigerweise ist Saudi-Arabien (wo all der Islamismus seine Wurzeln hat und unterstützt wird) immer noch ein heißgeliebter Freund zahlreicher Rechter, leider nicht nur der. Auch wenn ich nicht für den Einmarsch der Truppen plädiere, finde ich das doch etwas, sagen wir mal: merkwürdig.

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sachichma

21.09.2009 um 21:22:39 Uhr

Haben Sie überhaupt jemals in Ihrem Leben jemanden gesehen der Ihnen ein Kalishnikow vor den Bauch gehalten hat? Sie wissen doch nicht wovon Sie reden.

Und was wollen Sie nur damit sagen: "Dankbar muss man dem Aufruf auch sein, weil er zeigt, dass genau jene Kräfte, die in anderen Diskussionszusammenhängen aufgeregt davor warnen, Islam und Islamismus ineinszusetzen, diese Identität propagieren, wenn es dem Defaitismus dient."

Was Sie sagen ist: Demokratie muss verbreitet werden und helfen dabei sie bei sich selbst zu hause abzubauen!

Sie sagen, sie wollen Frieden und verbreiten Krieg!

Sie sagen, sie kämpfen für Menschenrechte und foltern ohne Reue!

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Thomas Rothschild

21.09.2009 um 16:35:42 Uhr

Na gut, lieber Thierry Chervel, dann wollen wir nachliefern, wonach Sie verlangen:
1. Genau das ist das Wesen von Toleranz. Würde man, was man toleriert, nicht für sich selbst ablehnen - worin bestünde die Duldung? Van Morrisson muss ich nicht tolerieren: ich mag ihn ja. Sie tolerieren (hoffentlich) meine Meinung, obwohl Sie sie sich nicht zueigen machen wollen. Sie müssen sie noch nicht einmal gern sehen - aber Sie halten sie aus. Bin ich nun für Sie ein edler Wilder?
2. Ist es "natürlich", dass Sie nicht für einen Einmarsch der USA in der Sowjetunion wären, wenn Sie für militärische Intervention plädieren, wo Menschenrechte verletzt werden? War der Gulag weniger bekämpfenswert als Taliban?
3. Na gut, wenn der Perlentaucher anprangert, dass keine Bomben auf den Pentagon geworfen wurden, als in Guantanamo gefoltert wurde, wenn er sich hinter das ZDF stellt, wenn Korntaler Christen es wegen einer Sendung anzeigen, wie er sich hinter Karikaturisten stellt, die Muslimen missfallen, will ich glauben, dass das für Sie ebenso selbstverständlich ist wie Soldaten in Afghanistan.
4. Ich hätte gedacht, meine erste Stellungnahme sei ein Argument - nämlich gegen double standards. Wenn Sie es dennoch vermissen, muss ich das hinnehmen. Ich meinerseits würde Ihnen nicht absprechen, dass Sie argumentieren. Darin besteht meine Toleranz...
Mit artigen Grüßen
Thomas Rothschild

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Thierry Chervel

21.09.2009 um 15:18:16 Uhr

@Thomas Rothschild A propos "Tolerieren" und "Gewissheit" – ja, da ist genau das, was ich meine, man toleriert bei anderen, was man für sich selbst ablehnt: Kopftuch, Sitte, Religion. Beim edlen Wilden sieht man's gern. Die Doppelzüngigkeit ist hier wohl auf Seiten unserer wohlmeinenden Linken. Zweitens: Natürlich meine ich nicht, dass die USA damals in die Sowjetunion hätten einmarschieren sollen – aber darum muss man ja seine Überzeugungen nicht gleich aufgeben. Drittens: Die Demokratie sollte an ihren Ansprüchen gemessen werden, und darum muss auch ihr Versagen in Chile und Guantanamo angeprangert werden, so wie Religionskritik auch Kritik am Christentum einschließt. Ich vermisse bei Ihnen das Argument, Herr Rothschild.

@readysetohgott Leider trifft für mich der Nazivergleich bei allen Unterschieden in einem wichtigen Punkt zu. Ich sehe den Islamismus als Totalitarismus, der – wie Nazis und Kommunisten – die totale Verfügung über das Individuum und die Gesellschaft anstrebt.

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readysetohgott

19.09.2009 um 20:03:23 Uhr

Ganz davon abgesehen, dass es anscheinend immer noch en vogue ist, sich nur dann auf Labels wie "links" und "rechts" zu beziehen, wenn es dazu dient, die eigene Individualität und Emanzipation von eben solchen Labels zu kennzeichnen, ist es einfach peinlich, immer wieder den Nazi-Vergleich aus der Schublade zu holen.

Zwischen der Taliban und dem Nationalsozialismus liegen Welten, angefangen bei der Ideologie und der damit einhergehenden Aufteilung in Rassen bis hin zur Stellung der Frau (Stichwort Wehrmachtsbordelle und das Zitat Himmlers "Für notwendig halte ich allerdings, daß in freiester Form den fleißig arbeitenden Gefangenen Weiber in Bordellen zugeführt werden") usw.

Es ist in erster Linie immer ein Zeichen für die Faulheit eines Journalisten, wenn man sich auf den Schock-Effekt einer Aussage à la "Nazis = Taliban" bedient.

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corvinplutarco

19.09.2009 um 13:03:39 Uhr

@reginabarbara:

Der Hinweis auf die NGO´s ist allerdings gut. Jedoch weiß jeder, der schon einmal in einem, unserem Kulturkreis fremden Land gearbeitet hat, dass gute z.B. Entwicklungszusammenarbeit von den dortigen Bürgern respektiert und anerkannt wird.
Fragwürdig ist jene "Hilfe", die von Soldaten und Waffen geschützt werden muss.

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Thomas Rothschild

19.09.2009 um 11:48:13 Uhr

Dass die Linke an den "Gewissheiten" "Tradition, Sitte, Kopftuch, Religion, Unterwerfung" festhalte, ist offensichtlich ein horrender Unsinn; der ehemalige taz-Redakteur Thierry Chervel weiß das natürlich und verwechselt mit böswilliger Absicht Tolerierung mit Gewissheit, wie im Übrigen nicht einmal die Rechte das Kopftuch "fürs eigene Milieu einforderte". Dass die Taliban keine "Unschuldslamperln" sind (um einen Ausdruck zu verwenden, den selbst die applaudierende Eva Menasse versteht), wird kein vernünftiger Mensch bestreiten. Unglaubwürdig aber ist, wer je nach Lust und Laune seine Prinzipien ändert. Man kann für militärische Intervention plädieren, wo Menschenrechte massiv verletzt werden, oder man kann Appeasement befürworten. Aber man möge seine Entscheidung verbindlich festlegen - nicht mal so, mal so. Kants Kategorischer Imperativ gilt auch und gerade für die Politik. Wer der (von wem eigentlich legitimierten?) Weltpolizei zugesteht, dass sie in Afghanistan eingreift, aber nichts einzuwenden hatte gegen die vierzigjährige Neutralität der USA gegenüber faschistischen Diktaturen wie etwa Spanien und Chile, macht sich der Doppelmoral verdächtig. Wer eine Einmischung am Hindukusch, nicht aber in Guantanamo für richtig hält, wenn Menschen gefoltert werden, folgt zweierlei Wertordnungen. Wer ohne Skrupel militärische Aktionen in Afghanistan (oder im Irak, oder im Iran...) verteidigt, sollte wenigstens retrospektiv gestehen, dass die USA nach seinen Standards aus dem Kalten Krieg gegen die Sowjetunion einen Weltkrieg hätten machen sollen. Und wer aufbrüllt, wenn Muslims sich gegen Verhöhnung dessen wehren, was ihnen heilig ist, aber schweigt, wenn Christen das ZDF wegen angeblicher Blasphemie verklagen, muss sich vorwerfen lassen, dass seine Maßstäbe noch nicht einmal von Religion, sondern von einer bestimmten Religion, in deren "Kultur" (!) er aufgewachsen ist, determiniert sind.

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Hans Peter Roentgen

17.09.2009 um 10:44:42 Uhr

@Thierry Chervel:
Nein, der Kulturalismus ist keine deutsche Erfindung. Bei ihrem Artikel ist mir sofort das Buch von M.M. Kaye eingefallen, in dem diese Frage ebenfalls eine Rolle spielt - allerdings in Bezug auf Indien und England als Kolonialmacht.

Auch die Kolonien wurden mit humanitären Argumenten begründet, wir bringen die Zivilisation, wir verbieten Witwenverbrennung, Sklaverei, etc.

Sicher gut gemeint, aber gut gemeint ist nicht immer gut gemacht.

Auch wenn die Taliban nicht die afghanische Kultur repräsentieren, ist die afghanische Kultur wohl kaum wegen Feminismus oder Gewaltlosigkeit berühmt.

Eine fremde Besatzung ist nie angenehm, schon gar nicht, wenn die Besatzer einer anderen Kultur angehören, eine andere Sprache, Religion haben.

Die Taliban sprechen die gleiche Sprache, berufen sich auf den Koran (wenn auch in einer sehr eigenen Weise), sie gehören zur Familie, auch wenn sie das schwarze Schaf sind. Je länger die Besatzung andauert, desto mehr werden sie zu Helden, nicht zuletzt knüpfen sie ja an den Krieg gegen die sowjetische Besatzung an.

So wie für viele Linke die RAF dann doch zur Familie gehörte, selbst für Leute, die Baader & Co für durchgeknallte Idioten hielten und die ganze Bande zum Teufel wünschte.

So wie für viele Rechte die Nazis dann doch zur Familie gehörten, selbst wenn sie sahen, was die Typen anrichteten.

Ich war Anfang der SIebziger in Afghanistan und weiß, dass ich bei der Rückkehr sagte: Für die dürften die Kommunisten und der Westen alle gleich sein, eher des Teufels. Leider sollte ich recht behalten.

Es gibt unterschiedliche Kulturen und nicht immer stimmen sie mit unseren Wertevorstellungen überein. Aber die Möglichkeiten, andere Wertevorstellungen von außen durchzusetzen ist leider sehr begrenzt. Wir marschieren auch nicht in Saudi-Arabien ein, obwohl dort Zehnjährige zwangsverheiratet werden, Vergewaltigungsopfer ins Gefängnis kommen, während die Täter frei herumlaufen und Menschen abgemurkst werden.

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Thierry Chervel

17.09.2009 um 09:56:37 Uhr

@Hans Peter Roentgen Nun ja, im Grunde stimmt das: Die Linke ist sich wie gesagt mit der Rechten einig, okay, eine gewisse Linke (namens "Die Linke" zum Beispiel) mit einer gewissen Rechten (Leute wie Todenhöfer oder Martin Walser, der allerdings auch mal der DKP nahestand). Der Unterschied zwischen links und rechts ist gar nicht so leicht zu definieren. Eine der historischen Ursachen: Der Kulturalismus ist geradezu eine historisch durchaus nachvollziehbare Erfindung der deutschen Reaktion und heute nun mal, unter dem Zeichen des Postkolonialismus, in die Linke eingewandert.

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reginabarbara

17.09.2009 um 08:20:47 Uhr

Der Hinweis von Chervel, daß die NGO´s nur im Feuerschutz der Soldaten arbeiten könnten, scheint mir der wichtigste Punkt zu sein. Vorschlag: die Wenigen von den Unterzeichern, die altersmäßig den Strapazen einer Reise nach Afghanistan noch gewachsen sein dürften, könnten doch- marketingmäßig aufgebrezelt-, entsprechende Hilfsorganisationen begleiten. Ich frage mich schon lange, wie sich diese Intellektuellen aus den schicken Cafes der Bundesrepublik heraus die ersten 30 Tage nach Abzug der westlichen Streitkräfte in Afghanistan vorstellen. Das erinnert mich an Sartres vollmundige Aufrufe und Entschuldigungen für die Diktoren seiner Zeit vom Tischchen des Pariser Cafes aus (plastisch geschildert in der Biographie von Annie Cohen-Solal).Seit Bendas "Der Verrat der Intellektuellen" und Ulrike Ackermanns "Sündenfall der Intellektuellen" sind diese wohlfeilen Appelle billige Fluchten.

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Hans Peter Roentgen

16.09.2009 um 11:47:55 Uhr

Na, das ist aber diesmal ziemlich daneben. Selbst wenn Sie Recht haben, dass Taliban nicht Islam bedeutet und schon gar nicht afghanische Kultur. Aber Kommunismus hat auch nicht vietnamesische Kultur bedeutet und trotzdem war der Vietnam Krieg ein großer Fehler (den mittlerweile selbst der damalige Verteidigungsminister McNamara eingesteht).

Sehr schön, auf die Menschenrechtsverletzungen der Taliban zu verweisen, aber leider garantieren die nicht, dass dieser Krieg gewonnen werden kann, sondern eher, dass für die meisten Afghanen die Taliban wieder eine Option darstellen.

Denn Krieg und Besatzung fremder Soldaten, vor allem aus anderen Kulturen weckt immer Widerstand. Niemand lässt sich gerne die Freiheit mit einem Gewehrlauf in den Rachen schieben.

Und was ihre "Linke" angeht, die heute so gerne beschworen wird, wo ist sie denn? Sind 70% der Deutschen, die für den Abzug sind, alles Linke? Sie heften sich da mit großem Apomp einen moralischen Zeigefinger ans Hemd, gibt sicher ein gutes Gefühl. "Ich bin für Frauenrechte!"

Leider hilft uns Gutmenschentum aber in der Frage nicht weiter und spätestens seit Vietnam sollte klar sein, dass man eben nicht seine Vorstellungen, seien sie noch richtig und angemessen, mit Gewehren in anderen Ländern durchsetzen kann.

Hans Peter Roentgen

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Eva Menasse

16.09.2009 um 09:17:57 Uhr

DANKE, Thierry Chervel!

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Thierry Chervel

15.09.2009 um 21:32:36 Uhr

@PuntaDiLancia Das "Schächten" ist auch im Islam die traditionelle Methode der Schlachtung. Ich glaube, dass diese Mordtechnik in den Videos in bewusstem hämischem Bezug auf diese traditionelle Methode der Schlachtung gewählt wurde. Sie wurde auch früher schon zur Abschreckung eingesetzt, etwa von der FLN im Algerienkrieg, wo sie unter dem Namen "le sourire kabyle" kursierte.

@Jakob Du schreibst in Deiner Replik im Freitag:

http://www.freitag.de/positionen/0937-afghanistan-abzug-freitag-chervel-augstein

"Wenn der Krieg in Afghanistan gewonnen würde, wäre es leichter, ihn auch moralisch zu rechtfertigen." Was ist das für eine Moral?

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PuntaDiLancia

15.09.2009 um 17:30:39 Uhr

Ich habe mit grosser Zustimmung Ihren Beitrag
gelesen. Verstehen Sie es , bitte, nicht als beckmesserisch, wenn ich dazu eine Bemerkung mache. Ich beziehe mich auf den Teilsatz

"für das Ungläubige vor laufender Kamera bei vollem Bewusstsein geschächtet werden."

Ich verstehe, dass Ihr Vergleich abhebt auf das rituelle Schächten, nicht zuletzt darauf, dass dies im Unterschied zum paganen Schlachten, betäubungslos erfolgt. Insofern spielen Sie semantisch, wie ich es verstehe, mit einer antisemitischen Projektion: Al Queida macht, was man Juden vorwirft im Blick auf Tiere, mit Menschen.
Dieses Verständnis muss man sich erst erarbeiten. Auch ich war zunächst not amused über den Ausdruck "geschächtet" . Vielleicht ist mein Problem, dass ich zu sehr die antisemitischen Diskursformationen in Rechnung stelle, nicht aber die Freiheit, sich über sie ironisch zu erheben.
Am Ende stellt sich jedoch das Problem, ob man das widerwärtige Enthaupten von Menschen überhaupt - wie auch immer ironisch - in den Zusammenhang von Schächten oder Schlachten bringen sollte, da ein Schochet, aber auch ein anderer Schlachter einem Rind natürlich nicht den Kopf abschlägt. Es ist ein Mensch, den Al Queida bei vollem Bewusstsein enthauptet, (noch) nicht einmal ein Vieh. Selbst diese Mörder würden wohl ein Vieh nicht enthaupten!

Vielleicht wollten Sie das ausdrücken. Vielleicht haben Sie aber auch Kritik am Schächten. Doch selbst wenn Sie das haben, ist es m.E. wichtig, dass ein Vergleich "passt". Metzger - welcher Richtung auch immer - haben mit den Al-Queida-Mördern nichts wirklich Vergleichbares. Sie töten Tiere, in der Tat. Al Queida tötet Menschen - und Al Queida tötet Menschen, wie Metzger noch nicht einmal Tiere töten.

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agit613

15.09.2009 um 12:19:17 Uhr

Seit wann sind Martin Walser und der unsägliche Roger Willemson LINKE???
Charlotte Roche links???
ich glaub, ich bin im sehr dunklen Wald.
Bislang hielt ich diese Leute für bornierte rechte Dummschwätzer, um eine oraloforme statt der angemesseneren analoformen Formulierung zu gebrauchen.
Wenn die Genannten links sein sollen, dann bin ich jedenfalls nicht links, und das bin ich jetzt schon seit 45 Jahren, hilfe, was bin ich denn nun?

Nebenbei: Schächten ist eine weitgehend Schmerz vermeidende Tötungsmethode nach strengen Regeln, bei der jedes Quälen nach Möglichkeit minimiert wird.
Dass die in manchen Kulturkreisen übliche Methode, Tiere zu Tode zu schnibbeln, als Schächten bezeichnet wird, macht die Sache nicht korrekt.
Sicher nicht intendiert, stilistisch auch nachvollziehbar (ein Schauder läuft über den Rücken) wird leider eine ungute Assoziation zu einer religiösen Praxis erweckt, die gerade nicht gemeint sein kann (JA, genau, zu meiner). Muss ja nicht sein, also, lasst das.

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Jakob Augstein

15.09.2009 um 11:55:59 Uhr

Thierry Chervel setzt den Freitag, die Unterzeichner des Aufrufs und die gesamte Linke gleich. Das ist als kühne polemische Überhöhung ganz lustig, aber nicht wirklich schlimm. Nicht so lustig ist sein Satz, dass die Linke an den "verlorenen Gewissheiten der Rechten festhält: Kultur, Tradition, Sitte, Kopftuch, Religion, Unterwerfung. Die Rechte war dabei ehrlicher, weil sie diese Werte und die daraus resultierenden Zwänge auch fürs eigene Milieu einforderte. Die Linke aber hat für die "anderen Kulturen" ein anderes Programm als für die eigene. Sie ist also nicht nur reaktionär, sondern rassistisch." Das geht über die Grenze der Polemik hinaus. Aber schlimmer als das: Es ist eine Dummheit... weiter auf freitag.de

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André Rebentisch

15.09.2009 um 09:34:04 Uhr

Einer anti-modernistischen Bewegung den "Beitrag zur Kulturgeschichte" abzusprechen, das entbehrt nicht der allerfeinsten Ironie. Immerhin können wir uns an die eigene Nase fassen, da es in Deutschland nicht einmal gelungen ist, 20 Jahre nach dem Ende des Regimes, die Barbarei eines W. Ulbricht ungeschehen zu machen. Noch immer sind nicht all die Gotteshäuser wiedererstanden, die er sprengen liess.

Wer ist eigentlich diese normative Instanz in dem Freitag-Aufruf: "Im Laufe der kommenden zwei Jahre soll Deutschland seine militärische Präsenz in Afghanistan beenden."? Und was macht die NROs so "lieb" und Militär so "böse"? Militär sorgt nur für Befriedung zum Stützen des eingesetzten Folgeregimes, NGOs mischen sich dagegen direkt in die Kultur und Institutionen ein, mithin in die inneren Angelegenheiten eines fremden Staates. Drehen und wenden können wie es, es geht um eine kulturelle Auseinandersetzung, um das, was wir dort wollen.

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