Perlentaucher - Das Kulturmagazin

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zuletzt aktualisiert 26.05.2012, 14.01 Uhr

Bücherschau der Woche

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Im Ententeich: Redaktionsblog

Das Gift der Selbstzensur

Von Thierry Chervel, 18.08.2009, 11:08

Bild zum ArtikelDie meisten Zeitungen in Deutschland haben das Thema nicht aufgegriffen, dabei ist es fast eine Woche alt. Die New York Times brachte es zuerst, am 12. August. In Deutschland hat dann nicht eine Zeitung, sondern ein Blog, die Achse des Guten, ein informatives Dossier zum Thema zusammengestellt. Die Süddeutsche Zeitung hat am 14. August eine winzige Meldung abgedruckt (die dem Perlentaucher entgangen ist). Der Perlentaucher wurde am 15. durch eine Meldung in der NZZ aufmerksam. Die FAZ brachte an diesem Montag einen kleinen Artikel. In anderen Zeitungen haben wir nichts gefunden - vor allem, mit Ausnahme der FAZ, keinen Kommentar. (Aktualisierung vom 19. August: Jens Balzer griff die Geschichte gestern in der Berliner Zeitung ausführlich auf.)

Man kann sich die Redaktionskonferenzen förmlich vorstellen: Ach, nicht schon wieder dieses Thema. Aber ist es wirklich zum Abwinken? Jytte Klausen, Politologin an der Brandeis-Universität hat den Karikaturenstreit wissenschaftlich aufgearbeitet. "The Cartoons that Shook the World" , das erst im November herauskommt, wird nun ein Buch über Bilder ohne Bilder. Offensichtlich versucht Klausen darin zu zeigen, dass die gewalttätigen Proteste gegen die Karikaturen keineswegs spontan von den muslimischen Bevölkerungen in Europa ausgingen, die ihrer Meinung nach besser integriert sind als angenommen - so geht es jedenfalls aus Besprechungen zu ihrem letzten Buch "Europas muslimische Eliten" hervor. Nein, diese Proteste waren inszeniert.

Aber sie scheint in dem Buch auch näher auf die größtenteils völlig harmlosen Karikaturen einzugehen. Im Interview mit Helen Epstein auf dem Blog The Arts Fuse erklärt sie, warum sie den Abdruck der Karikaturen eigentlich für notwendig hielt: "Die Leute denken, sie wüssten alles über die Karikaturen, aber wenige verstehen den Witz in einigen von ihnen, die Anspielungen auf Ereignisse in Dänemark und so weiter. Wenige Leute nehmen zur Kenntnis, dass einige der Karikaturen die Muslime als Opfer der Redakteure darstellen und dass sie sich über die Redakteure lustig machen. Andere sind rassistische Abbildungen in der Tradition des Antisemitismus."

Mir ist zwar unerfindlich, welche der Karikaturen mit rassistischen Klischees in der Tradition des Antisemitismus spielen, aber Klausens Argumentation zeigt, wie notwendig eine Auseinandersetzung mit den einzelnen Zeichnungen eigentlich gewesen wäre.

Das heißt, obwohl die Proteste gegen die Karikaturen eine rein politische Aktion interessierter Regimes war, die in Wirklichkeit gar nicht von der "arabischen Straße" mitgetragen wurde, verhält sich die Yale University Press so, als gäbe es die hier bloß inszenierte Emotionalisierung tatsächlich und erklärt die Zeichnungen - und alle andere bildlichen Darstellungen Mohammeds gleich mit - zum Tabu. Das Verhalten des Verlags steht konträr zur Aussage des Buchs. Eine Selbstblockade!

Warum die Zeitungen selbst nicht wirklich in der Lage sind, dieses Versagen der westlichen Öffentlichkeit zu thematisieren, benennt ausgerechnet die Yale Universität in einer offiziellen Stellungnahme zur Kritik an ihrem Publikationsverhalten: "Es ist festzuhalten, dass die New York Times, die Washington Post und der Boston Globe so wie sämtliche großen britischen Zeitungen zur Zeit des ursprünglichen Karikaturenstreits 2005 und 2006 auf einen Abdruck der Karikaturen verzichteten." Gleiches gilt mit Ausnahme der Welt weitgehend auch für die deutschen Zeitungen (mehr hier).

Und darum darf dieses Thema nicht Thema werden. Die Zeitungen könnten sich gar nicht richtig mit der Geschichte um die Yale University Press auseinandersetzen, weil sie stets dazu sagen müssten, dass sie sich selbst genauso verhalten haben. Da verzichtet man doch lieber. Und das Gift der Selbstzensur sickert immer tiefer.

Thierry Chervel



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