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Wunschtraum eines Apokalyptikers
Von Thierry Chervel, 27.07.2009, 16:07
Timothy Garton Ash tut in seinem neuesten Buch etwas, das Intellektuelle seines Kalibers selten tun: Er zieht einen Begriff zurück. Leichthin hatte er in einem Artikel für die New York Review of Books die niederländische, jetzt in den USA lebende Frauenrechtlerin Ayaan Hirsi Ali eine "Fundamentalistin der Aufklärung" genannt. Er hatte eine Symmetrie zwischen dem Islamismus und einer bestimmten Fraktion der westlichen Öffentlichkeit konstruiert und damit eine riesige Debatte ausgelöst, die von Perlentaucher und signandsight.com angeregt wurde und an der sich Intellektuelle wie Pascal Bruckner oder Necla Kelek beteiligten. Die Debatte fand ein großes Echo in der internationalen Presse. Von dieser Konstruktion hat sich Garton Ash nun also in einer Fußnote zu dem besagten Artikel in seiner neuen Essaysammlung "Facts are Subversive" verabschiedet (Ort und Teilnehmer der Debatte nennt Garton Ash in seinem Buch nicht).
Und kaum hat TGA das getan, steht John Gray auf, der dunkle Prinz der jüngeren britischen Philosophie, und macht ihm das zum Vorwurf: "Garton Ash mag zögern, den Begriff des Fundamentalismus der Aufklärung zu verwenden, weil dieser Begriff nahe legt, dass wir in einen unbeherrschbaren Konflikt abdriften. Aber genau diese Gefahr eines Clash der Fundamentalismen ist real", schreibt Gray in einer Besprechung des Buchs für den New Statesman.
Warum sagt Gray das, möchte man als mitdenkender und -bloggender Bürger fragen, welches Interesse hat er an dieser angeblichen Symmetrie der Fundamentalismen, die TGA gerade für obsolet erklärt hat? Gray braucht sie offensichtlich, um seine pessimistische Weltsicht intakt zu halten. Der Konflikt, so betont der Professor an der London School of Economics zweifach in seinem kurzen Artikel, sei unlösbar, und dabei noch gar nix gegen die eigentlich drohenden Katastrophen wie Klimawandel und Rohstoffmangel. Ein Staubsaugervertreter - immer ein Ersatzmodell im Koffer.
Also noch einmal: Gibt es so etwas wie einen Fundamentalismus der Aufklärung, der einem islamischen Fundamentalismus symmetrisch gegenübersteht? Besteht eine Gefahr, dass sich diese Fundamentalismen in einer Gewaltspirale aufschaukeln, bis es zum Clash der Kulturen kommt?
Gray dreht die Debatte, die er offensichtlich nur aus TGAs Darstellung kennt, gewissermaßen auf Null zurück. "Ein großer Teil des Staatsterrors im letzten Jahrhundert war säkular, nicht religiös", gibt er zu bedenken, "Lenin und Mao waren bekennende Anhänger von Aufklärungsideologien." Genau den gleichen Einwand hatte auch schon Garton Ashs Antipode in der "Islam in Europa"-Debatte, Pascal Bruckner, gemacht - und abgewehrt: "Man hat im 20. Jahrhundert mehr gegen Gott getötet als in seinem Namen. Und doch wurden der Nationalsozialismus und nach ihm der Kommunismus von demokratischen Regierungen entthront, die ihre Inspiration aus der Aufklärung und der Philosophie der Menschenrechte bezogen."
Man mag sogar noch einen Schritt weitergehen als Bruckner und fragen, ob sich Lenin und Mao tatsächlich auf "Aufklärungsideologien" bezogen. Eigentlich bezogen haben sie sich, in drastischer Vergröberung, auf Marx. Reicht es, seine Welterklärung wissenschaftlich zu nennen, um als Aufklärer zu gelten? Auch Marx selbst - einer, der behauptete, das Zauberwort für das künftige Weltgeschehen parat zu haben - könnte nach heutigen Begriffen wohl nicht als Aufklärer gelten. In einem war er prophetisch: Er nannte den Kommunismus ein Gespenst.
Mag also sein , dass der real existierende Sozialismus ein Fundamentalismus war - aber bestimmt nicht der Aufklärung. Mit den religiösen Fundamentalismen teilte er eine dogmatische Textauslegung. Nur die Heilige Schrift war eine andere. Fundamentalismen wollen die Wirklichkeit nach einer im Text verkündeten Wahrheit modeln. Was übersteht, wird abgeschnitten. Sie versprechen eine Rückkehr zu ursprünglicher Reinheit, Erlösung von der Korruption entfremdenden Marktgeschehens, Unmittelbarkeit zu Gott, Aufgehobensein in der Gemeinschaft statt traurig vereinzelten Erkennens der eigenen Endlichkeit. Für Kollateralschäden auf dem Rückweg in diese Seligkeit wird keine Haftung übernommen. Manche wollen sie durch Terror erringen, andere begnügen sich mit der Abspaltung einer Community und Terror nach innen.
Nichts in der Reaktion westlicher Gesellschaft auf Islam oder Islamismus ähnelt derartigen Lehren oder Verhaltensweisen. Es gibt Intoleranz, gewiss, und Indifferenz, Rassismus, Diskriminierung, das ganze Repertoire alltäglicher Gemeinheiten, unter dem allerdings nicht allein Angehörige des muslimischen Glaubens zu leiden haben. Aufgeklärt kann man sie nicht nennen.
Welchen Begriff der Aufklärung muss man eigentlich haben, um glauben zu können, dass sie zu Fundamentalismus fähig sei? Ihre Prinzipien sind doch gerade gegen den Glauben an die Fundamente gerichtet. Nur wer "selber denkt" findet den Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit: Wer selber denkt, löst sich von Dogmen und scheinbar ewigen, in Wirklichkeit nur von einer Priesterkaste verwalteten Wahrheiten. Selber denken heißt auch über sich selber nachdenken, Selbstreflexion, Selbstrelativierung in Bezug auf andere. Darum sind die Devisen der Aufklärung häufig paradox: "Freiheit ist die Freiheit der Andersdenkenden." Die Aufklärung glaubt auch nicht an eine Zwangsläufigkeit auf diesem Weg zur Selbsterkenntnis. Eine solche Fortschrittsphilosophie würde ja schon wieder einen Automatismus behaupten, der die Menschen zu Marionetten eines fremdgesteuerten Prozesses machte.
Wolf Lepenies zitiert in seinem Nachruf auf Leszek Kolakowski einen Satz des Philosophen: "Im beständigen Zweifel an sich selbst kann die europäische Kultur ihr geistiges Gleichgewicht und die Rechtfertigung ihres Anspruchs auf Universalität finden." Die Ideen der Aufklärung stehen darum auch nicht als "westliche Werte" im Gegensatz zum Islam. Sie setzen zunächst einmal eine Lösung von den eigenen Religionen und Traditionen voraus. Paradoxerweise wird die aus der Aufklärung geborene Demokratie dadurch zu dem einzig möglichen Regime, das eine Koexistenz von Religionen ermöglicht. Natürlich zieht Aufklärung jeden Glauben in Zweifel, aber sie ermöglicht ihn auch gerade als Freiheit Andersdenkender. Der Glaube wird zum persönlichen Bekenntnis jenseits von Tradition und Priesterzwang. Erst die Freiheit abzufallen, macht den Glauben wahr.
Diese Freiheit zur Religion - nicht etwa ein "Fundamentalismus der Aufklärung" - zieht in Wirklichkeit den Hass der Fundamentalisten auf sich. Ihnen geht es gar nicht um Religion, sondern um die Verfügungsgewalt über die Individuen. Im Fall des Islamismus ist das sprechendste Symbol dieses Willens zur Macht das Kopftuch. Gewiss, Frauen sind frei sich zu unterwerfen. Wenn sie es freiwillig tun.
Timothy Garton Ash hat ein 400-seitiges Buch voller Ideen, Reflexionen und Geschichten vorgelegt. Aber Gray hält sich ausschließlich an einer zehnzeiligen Selbstkorrektur fest, um einen sinnlosen Begriff wieder einzuführen. Dass die Aufklärung ein Fundamentalismus sei, ist der Wunschtraum eines Apokalyptikers, der den Clash der Kulturen noch kommen sehen will.
Nein, diesen Staubsauger kaufe ich nicht.
4 Kommentare, kommentieren
Stichwörter:
Islam in Europe, John Gray, Timothy Garton Ash
Zagreus
30.07.2009 um 18:09:14 Uhr
@ Th. Chervel
Ich habe mir lange nun überlegt, ob ich etwas noch dazu schreiben soll oder nicht.
Ich tue es nun doch.
Der Punkt, auf den ich hinaus wollte, ist im Grunde einfach, daß man sich selbst 'ins Bein schießt' bei dieser 'common-sense'-Betrachtung.
Es geschieht einfach dadurch, daß man etwas behauptet, das man am Ende nicht halten kann. Das ist dies mit der 'Wahrheit' bzl. Letztaussagen. Einerseits wird - zu recht - gläubigen Menschen vorgeworfen, daß sie aus ihren 'heiligen Texten' Dinge herauslesen und diese dann zur Erklärung der Welt oder Handlungen in ihr heranziehen. Andererseits besteht man in irgendeiner Form dabei selbst auf einen Wahrheitsanspruch, der sich auf nicht hinterfragte Vorgaben beruft.
Das werfen dann einem die 'Gläubigen' vor - und landen damit wirklich einen Punkt - denn die eigenen Grundlagen (der Aufklärung und Philosophie) sagen ja gerade, daß es keine an sich wahren Letztaussagen gibt.
Den Punkt, den man akzeptieren sollte ist ganz einfach: alles beruht letztendlich nur auf Glaube. Einfach aus drei Gründen:
- alles, was uns zugänglich ist (!), ist vermittelt über dasjenige, was uns entsprechend erfaßbare Data liefert (Sinneseindrücke z. B.).
- nichts, was unseren Möglichkeiten der Erfassens (z. B. über Denken) übersteigt, kann von uns erfaßt werden
- wir benötigen zum sinnvollen Umgang mit Phänomenen Konstrukte, denen wir ein essentielles Sein zusprechen, obwohl dieses für uns als Ganzes nicht erfahrbar ist (aber als abstrakte erfaßbar - Ideen).
Die Leistung Kants besteht ja gerade darin, daß er vor allem durch seine Kritik der reinen Vernunft die Grenzen des Erfaßbaren versuchte auszuloten - was kann ein ICH warum überhaupt erfassen und darüber sinnvolle Aussagen machen.
Das ist auch das "Ich, Ich, Ich" von @ M. Opielka - denn das Ich , das Subjekt mit seinen Möglichkeiten & Grenzen ist die letztgültige Instanz der Beurteilung, ob etwas prinzipiell erfahrbar ist oder nicht - und nicht mehr die Objekte an sich selbst betrachtet, noch Autoritäten, Institutionen, heilige Texte usw...
Damit hat er sich ja als großer 'Zerschmetterer' des Glaubens erwiesen - indem er nämlich schlicht und ergreifen nachwies damit, daß Aussagen, die jenseits jeder Erfahrbarkeit liegen im Grunde kein Wissensaussagen, sondern nur Glaubensaussagen sind. Gott als eine selbstständige Entität ist so eine Aussage (physikalische Gottesbeweise).
Und damit kommen wir auf eine 1. Ebene: die Ebene, daß es eben die Wahrheit an sich selbst gar nicht eben gibt - und dies für jedes System, dass eine Wahrheitsanspruch an sich erhebt, gilt.
Das sprechen von Objektiv versus Subjektiv, von Wissen versus Glaube wird auf dieser Ebene obsolet.
Eine andere, die 2. Ebene - eine im ICH selbst - das als grundsätzlich subjektiv gesetzt sei - ermöglicht aber wieder einen sinnvollen gebrauch der Unterscheidung Objektiv-Subjektiv oder Wissen-Glaube .
Bei kant ist es der versuch der herleitung der Naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten aus den Kategorien, die als transzendental gesetzt werden. Bei Hegel ein über das Scheitern vermittelter Aneignungsprozeß von Denkkonstrukten und Sinnesdata, da einerseits die gesetzmäßige Durchdringung der Phänomene als auch die gesetzmäßige Durchdringung der Gesetze selbst beinhalten, was letztendlich gipfeln soll im Erweis der Gleichheit der durch Sinneseindrücken vermittelten Strukturen und der durch das Denken vermittelten Strukturen - das 'Sich-irren-können' wird damit in letzter Instanz aufgehoben, oder: Denken und Welt erweisen sich als Ein- & Dasselbe.
Bei anderen Denkern wird auf andere Methoden versucht dieses Problem aufzuheben, bis hin zur Sprachanalytik, die sagt, daß sich Denken und somit Erkennen nur in Sprache abspielt (Kann man denn etwas Anderes als einen Satz verstehen?
Oder: Ist es nicht erst ein Satz, wenn man es versteht.
Also: kann man Etwas anderes, als als Satz verstehen? [Wittgenstrein])
Oder die formale Logik, die über die Gesetze des Schließens Wahrheitswerte vergibt - z. B.: die Konklusio ist genau dann wahr, wenn die Prämissen A und B wahr sind (aber ob die Prämissen wahr sind, weis ich nicht, sondern setze es einfach).
Wichtig dabei ist die Verlagerung der Frage nach Objektivität oder Wahrheit von der ersten auf die zweite Ebene – das ist sozusagen das Ergebnis der Aufklärung.
Bei der zweiten Ebene ist es aber Bedingung, dass die Grundannahme (ICH) als Ausgangspunkt akzeptiert wird - wird das bereits bestritten (z. B. von manch Gläubigen mit: menschlicher Logik versus göttlicher) oder setzt er einfach sein System (Gottesglaube) gegen unseres (Subjekt als Ausgangspunkt von Erkenntnis) - bleibt nur die erste Ebene.
Wir halten die Aussage: die Erde kreist um die Sonne dank Physik für wahr - es gibt einflußreiche Gläubige, die sagen, daß stimmt nicht, weil Menschen können sich irren, Gott nicht - und im Koran steht....
Es gibt hier keine Diskussionsgrundlage.
Die Unterscheidung 1 & 2 Ebene benötigt man bei solchen Diskussionen - und wo 'der andere' gerade ist.
Thierry Chervel
29.07.2009 um 16:25:26 Uhr
@zagreus
Ich bin kein Erkenntnistheoretiker und habe versucht, als mitdenkender Bürger, also aus "Common sense" zu formulieren. Übrigens hatte ich das Gefühl, dass wir am Ende über divergierende Wege zum gleichen Ziel gelangt sind.
Mir ist aber wichtig daran festzuhalten, dass ich Aufklärung nicht für einen weiteren Glauben halte. Sie kommt aus der Einsicht, dass keine letzte Wahrheit zu formulieren ist. Schon darin steckt eine Selbstrelativierung. Und gerade aus dieser Relativität - die kein Relativismus ist - lassen sich die Menschenrechte ableiten. Aber irgendwie wird's mir hier zu schon zu philosophisch.
Ich würde Fundamentalismus auch nicht als Treue zu Prinzipien bezeichnen, sondern als die Bereitschaft, alle Prinzipien über Bord zu werfen, um die Wirklichkeit einer in der Heiligen Schrift verkündeten Wahrheit anzupassen. Der Zweck heiligt die Mittel.
@Michael Opielka
Warum Aufklärung ins "Ich! Ich! Ich!" führen sollte, ist mir unbegreiflich, sie führt allenfalls in Selbstverantwortung: "Ich! Ich! Ich!" sagt möglicherweise der liebe Herrgott. Aufklärung bedeutet meiner Meinung nach auch nicht unbedingt Lossage von Tradition, sondern Selbstreflexion und Temperierung.
Michael Opielka
29.07.2009 um 11:39:55 Uhr
Thierry Chervel hat fast ganz und gar recht: er will die Früchte der Aufklärung gegen ihre Verächter retten. Die Situation ist auch kompliziert: Aufklärung und Religion scheinen aus Sicht des urbanen Entbundenen ein Widerspruch, ein "Fundamentalismus der Aufklärung" insoweit kaum denkbar, sei doch Aufklärung das genaue Gegenteil des Religiösen, das allein stets dem Risiko des Fundamentalismus ausgesetzt sei oder, wie Chervel formuliert über die Ideen der Aufklärung formuliert: "Sie setzen zunächst einmal eine Lösung von den eigenen Religionen und Traditionen voraus." Aber stimmt das wirklich - oder ist es nicht einfach eine Konstruktion ex post?
Immanuel Kant meinte bekanntlich: "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit." Denkbar ist gewiss, dass auch dieser "Ausgang" böse endet. Unter Fundamentalismus lässt ja zumindest zweierlei verstehen: religionssoziologisch der Rekurs auf dogmatische Fundamente, in der Regel die jeweiligen Offenbarungstexte; alltagsweltlich so etwas wie Dogmatismus, Engstirnigkeit usf. Timothy Garton Ash scheint mit seinem nun begrabenen Bonmot "Fundamentalismus der Aufklärung" die zweite Bedeutung im Sinn zu haben. Das lässt sich durchaus mit Kants Definition vereinbaren: Ich kann gut meine Unmündigkeit verlassen, indem ich irgendetwas sage, was mir gerade einfällt, was provoziert, andere verletzt usf. Pubertät nennt man ontogenetisch diese Menschenphase, ganz früh spricht man von Trotzalter. Geistesgeschichtlich ist allerdings etwas mehr nachzulegen. Und hier liegt das Problem.
Zu diesem Thema liegt ein aufklärerischer Schlüsseltext vor: Georg Wilhelm Friedrich Hegels Aufsatz "Glauben und Wissen" aus dem Jahr 1802. Man sollte ihn lesen und verstehen, wenn man auf Ash-Niveau argumentiert. Hegel protestiert gegen Fichte, Jacobi und vor allem gegen Kant, zahlreiche klarste Sätze, wie dieser: "Nach Kant ist Übersinnliches unfähig, von der Vernunft erkannt zu werden;
die höchste Idee hat nicht zugleich Realität." An diesem Hegel kann heutiges Denken nicht vorbei, Jürgen Habermas hat das 2001 in seinem gleichnamigen Vortragsaufsatz endlich eingesehen.
Auf dieser Grundlage ist Pluralität von Religionen überhaupt erst möglich. Und selbst die religiösen Kostverächter können auf Verständnis rechnen. Denn auch sie sind, wie man zeigen kann (z.B. in "Religion versus Kultur?", 2007), jedenfalls dann religiös, wenn ihre Letztwertbegründung gewissen Standards genügt. Natürlich kann man auf "letzte Werte" verzichten, Tod, Geburt, Glück und Liebe als Chaosfolgen, Zufall usf. abtun und sich gleichwohl am Augenblick freuen (oder ihn verdammen). Das machen auch Würmer und Fliegen. Wir Menschen können freilich mehr. Kant hat da ganz recht.
Chervel schreibt: "Natürlich zieht Aufklärung jeden Glauben in Zweifel, aber sie ermöglicht ihn auch gerade als Freiheit Andersdenkender. Der Glaube wird zum persönlichen Bekenntnis jenseits von Tradition und Priesterzwang." Das stimmt und stimmt nicht ganz. Es stimmt für einen großen Teil der Aufklärung als Menschheitspubertätsprojekt: weg mit den alten Stiefeln! Ende den Kirchen! Ich! Ich! Ich! Keine Tradition! usf. Religion nur noch als "persönliches Bekenntnis" - hier wird historisch eine (!) bestimmte Denkweise zur einzig aufgeklärten deklariert. Auch Pubertät ist "richtig". Die Philosophie der Freiheit muss sich gegen das Alte wehren um Ich zu werden. Aber dann ist auch mal gut. Ash meinte vielleicht, das Ayaan Hirsi Ali aus der Pubertätsattitüde nicht herauskam, aus der Patriarchatsbefreiungsgeste - für die sie ja wirklich gute Gründe hatte. Diese phylogenetische Minidiagnose hat er nun zurecht zurückgenommen, eine Fußnote reicht dafür.
Das große Problem von Glauben und Wissen bleibt. Präzision bleibt ratsam, ein Satz wie Chervels "Dass die Aufklärung ein Fundamentalismus sei" darf dann nicht durchgehen - hier wird nämlich alles verdreht, um dem eigenen Argument zu dienen. Denn selbstverständlich war die Aufklärung eine Art "Fundamentalismus", aber eben nicht im religionssoziologischen Sinn. Ash meinte das Gegenteil: dass Ali mit ihrer Radikalität den aus seiner Sicht zentralen Unmündigkeitsausgang der Aufklärung übertreibe, dogmatisiere.
Wir lernen: Übertreibungen sind als Polemik didaktisch hilfreich, aber als analytische Kategorien untauglich, weil sie noch mehr Missverständnisse erzeugen als die sachliche Rede.
Zagreus
28.07.2009 um 18:18:47 Uhr
Die Position von T. Ch. hier ist leider nicht haltbar:
Es wird eine grundsätzlicher Gegensatz aufgebaut zwischen der *Aufklärung* und *Glauben*, hier Anhand des Islam, der folgendermaßen begründet wird:
„Ihre (der Aufklärung [Anm. Z.]) Prinzipien sind doch gerade gegen den Glauben an die Fundamente gerichtet.“
Das Dumme dabei ist nun, dass hier selbst Wahrheiten behauptet werden, damit diese Aussagen gültig sein können.
Zuerst einmal geschieht dies durch die Abtrennung zwischen faktischen Aussagen und methodischen Aussagen – Fundamente sind damit ‚nur’ Faktenaussagen – quasi Prämissen, während unter dem Begriff ‚Prinzipien’ etwas firmiert, was eben nicht Bestandteil der ‚Fundamente’sein soll.
Der absolute Wahrheitsanspruch steckt hier in der gesetzten Behauptung der Richtigkeit der jeweiligen Prinzipien, mit denen die als Fundamente gesetzten Faktenaussagen hinterfragt werden könnten.
Aber selbst dies stimmt nicht ganz – denn Prinzipien – Methodik also löst kein einziges Problem.
So etwas wie die Menschenrechte z. b. – ein Kernpunkt der Aufklärung – ist schlicht und ergreifend eine Setzung.
Wir glauben, dass die Menschenrechte und die Methodiken der Aufklärung richtig sind, beweisen in einer nicht bestreitbaren Form haben wir es bisher nicht gekonnt; genauso wenig, wie es gültige Gottesbeweise gibt.
Darum sind auch diese Sätze immer eines Zusatzes bedürftig:
„Die Ideen der Aufklärung stehen darum auch nicht als "westliche Werte" im Gegensatz zum Islam. Sie setzen zunächst einmal eine Lösung von den eigenen Religionen und Traditionen voraus (indem sie ein System setzt, dass die Hinterfragung der traditionellen Systeme zulässt). Paradoxerweise wird die aus der Aufklärung geborene Demokratie dadurch zu dem einzig möglichen Regime, das eine Koexistenz von Religionen ermöglicht (solange diese nicht fundamental dieses System selbst bestreiten – sonst wären die Menschenrechte, Demokratie & die Prinzipien der Koexistenz verhandelbar). Natürlich zieht Aufklärung jeden Glauben in Zweifel, aber sie ermöglicht ihn auch gerade als Freiheit Andersdenkender (solange er nicht diese Freiheit selbst bestreitet und das Recht Zweifel zu haben bekämpft  sonst müssen wir die Selbstaufhebung als Systemmöglichkeit zulassen).“
Die Schwierigkeit besteht einfach darin, dass es am Ende auf eine erkenntnistheoretische Problematik hinaus läuft. Man muss sich entscheiden, ob man eine ewige Wahrheit akzeptiert – was aber auf eine Setzung, also auf den Glauben, dass dies oder jenes ‚absolute Wahrheit’ sei hinausläuft, oder aber man akzeptiert nichts in dieser Richtung, läuft aber damit Gefahr in einen absoluten Relativismus abzugleiten – jeder Wahrheitsanspruch ist gleich gültig – und hat dasselbe Recht der Existenz.
Auf einer absoluten Ebene mag die zweite Position als die konsistentere erscheinen. Jedes Wissen ist in ihr in letzten Konsequenz Glaube – und auch die diversen Methodiken ordnen sich dem unter. Insoweit ist Aufklärung genauso ein Glaube wie Islam und genauso gibt es ein fundamentalistisches Verständnis der Aufklärung wie des Islams. Insoweit sind sie wirklich symmetrisch – bis auf die Kleinigkeit, dass es gar keinen Maßstab gibt, der diese Symmetrie herstellt, und der nicht zugleich selbst Glaube, weil Setzung als eben nicht weiter hinterfragter Maßstab, ist.
Und damit sind wir am Grundproblem: der Erkenntnis, dass es immer Absolutsetzungen, als Glauben, gibt, wenn wir etwas beurteilen – nämlich die jeweiligen Formen und Maßstäbe, mit denen wir etwas mit etwas anderen vergleichen.
Frage ich konkret danach, welches System – Aufklärung oder Islam – mir die besseren Heilmethoden bei einer Krankheit offerieren – z. B. in Form von Kamelpisse versus medizinisch entwickelter und getesteter Arznei - dann kann ich mit Hilfe der Statistik eine Entscheidung fällen  die Gültigkeit von Statistischen Aussagen setze ich und vor allem setze ich aber auch, dass es positiv ist, dass Kinder geheilt werden und überleben.
Dies kann (und wird von Extremisten teilweise) bestritten werden (wozu man nicht mal in den Islam schauen muss).
In einer Weltanschauung, in der Gott existiert und ein Leben nach dem Tode, mag das Sterben sogar ein göttlicher Gnaden- und Liebesbeweis sein – ich lehne es ab.
Fundamentalismus ist meinem Verständnis nach bei der ganzen Sache nichts weiter als ein anderes Wort dafür, dass man seinen Prinzipien grundsätzlich treu bleibt – über Menschenrechte, und seien sie auch völlig unbewiesen – will und kann ich aus mir selbst heraus nicht verhandeln. Dabei sehe ich durchaus das Paradox, dass ich die Menschenrechte nur eingeschränkt gelten lasse – nämlich insoweit sie nicht sich selbst aufheben – und akzeptiere auch dieses Paradox.
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