Stöbern nach Themen

Durchsuchen Sie unsere Bücherdatenbank nach Themen, Ländern, Epochen, Erscheinungsjahren oder Stichwörtern.

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Redaktionsblog: Im Ententeich

Wunschtraum eines Apokalyptikers

Von Thierry Chervel
27.07.2009. Timothy Garton Ash tut in seinem neuesten Buch etwas, das Intellektuelle seines Kalibers selten tun: Er zieht einen Begriff zurück. Leichthin hatte er in einem Artikel für die New York Review of Books die niederländische, jetzt in den USA lebende Frauenrechtlerin Ayaan Hirsi Ali eine "Fundamentalistin der Aufklärung" genannt. Er hatte eine Symmetrie zwischen dem Islamismus und einer bestimmten Fraktion der westlichen Öffentlichkeit konstruiert und damit eine riesige Debatte ausgelöst, die von Perlentaucher und signandsight.com angeregt wurde und an der sich Intellektuelle wie Pascal Bruckner oder Necla Kelek beteiligten. Die Debatte fand ein großes Echo in der internationalen Presse. Von dieser Konstruktion hat sich Garton Ash nun also in einer Fußnote zu dem besagten Artikel in seiner neuen Essaysammlung "Facts are Subversive" verabschiedet (Ort und Teilnehmer der Debatte nennt Garton Ash in seinem Buch nicht).
Timothy Garton Ash tut in seinem neuesten Buch etwas, das Intellektuelle seines Kalibers selten tun: Er zieht einen Begriff zurück. Leichthin hatte er in einem Artikel für die New York Review of Books die niederländische, jetzt in den USA lebende Frauenrechtlerin Ayaan Hirsi Ali eine "Fundamentalistin der Aufklärung" genannt. Er hatte eine Symmetrie zwischen dem Islamismus und einer bestimmten Fraktion der westlichen Öffentlichkeit konstruiert und damit eine riesige Debatte ausgelöst, die von Perlentaucher und signandsight.com angeregt wurde und an der sich Intellektuelle wie Pascal Bruckner oder Necla Kelek beteiligten. Die Debatte fand ein großes Echo in der internationalen Presse. Von dieser Konstruktion hat sich Garton Ash nun also in einer Fußnote zu dem besagten Artikel in seiner neuen Essaysammlung "Facts are Subversive" verabschiedet (Ort und Teilnehmer der Debatte nennt Garton Ash in seinem Buch nicht).

Und kaum hat TGA das getan, steht John Gray auf, der dunkle Prinz der jüngeren britischen Philosophie, und macht ihm das zum Vorwurf: "Garton Ash mag zögern, den Begriff des Fundamentalismus der Aufklärung zu verwenden, weil dieser Begriff nahe legt, dass wir in einen unbeherrschbaren Konflikt abdriften. Aber genau diese Gefahr eines Clash der Fundamentalismen ist real", schreibt Gray in einer Besprechung des Buchs für den New Statesman.

Warum sagt Gray das, möchte man als mitdenkender und -bloggender Bürger fragen, welches Interesse hat er an dieser angeblichen Symmetrie der Fundamentalismen, die TGA gerade für obsolet erklärt hat? Gray braucht sie offensichtlich, um seine pessimistische Weltsicht intakt zu halten. Der Konflikt, so betont der Professor an der London School of Economics zweifach in seinem kurzen Artikel, sei unlösbar, und dabei noch gar nix gegen die eigentlich drohenden Katastrophen wie Klimawandel und Rohstoffmangel. Ein Staubsaugervertreter - immer ein Ersatzmodell im Koffer.

Also noch einmal: Gibt es so etwas wie einen Fundamentalismus der Aufklärung, der einem islamischen Fundamentalismus symmetrisch gegenübersteht? Besteht eine Gefahr, dass sich diese Fundamentalismen in einer Gewaltspirale aufschaukeln, bis es zum Clash der Kulturen kommt?

Gray dreht die Debatte, die er offensichtlich nur aus TGAs Darstellung kennt, gewissermaßen auf Null zurück. "Ein großer Teil des Staatsterrors im letzten Jahrhundert war säkular, nicht religiös", gibt er zu bedenken, "Lenin und Mao waren bekennende Anhänger von Aufklärungsideologien." Genau den gleichen Einwand hatte auch schon Garton Ashs Antipode in der "Islam in Europa"-Debatte, Pascal Bruckner, gemacht - und abgewehrt: "Man hat im 20. Jahrhundert mehr gegen Gott getötet als in seinem Namen. Und doch wurden der Nationalsozialismus und nach ihm der Kommunismus von demokratischen Regierungen entthront, die ihre Inspiration aus der Aufklärung und der Philosophie der Menschenrechte bezogen."

Man mag sogar noch einen Schritt weitergehen als Bruckner und fragen, ob sich Lenin und Mao tatsächlich auf "Aufklärungsideologien" bezogen. Eigentlich bezogen haben sie sich, in drastischer Vergröberung, auf Marx. Reicht es, seine Welterklärung wissenschaftlich zu nennen, um als Aufklärer zu gelten? Auch Marx selbst - einer, der behauptete, das Zauberwort für das künftige Weltgeschehen parat zu haben - könnte nach heutigen Begriffen wohl nicht als Aufklärer gelten. In einem war er prophetisch: Er nannte den Kommunismus ein Gespenst.

Mag also sein , dass der real existierende Sozialismus ein Fundamentalismus war - aber bestimmt nicht der Aufklärung. Mit den religiösen Fundamentalismen teilte er eine dogmatische Textauslegung. Nur die Heilige Schrift war eine andere. Fundamentalismen wollen die Wirklichkeit nach einer im Text verkündeten Wahrheit modeln. Was übersteht, wird abgeschnitten. Sie versprechen eine Rückkehr zu ursprünglicher Reinheit, Erlösung von der Korruption entfremdenden Marktgeschehens, Unmittelbarkeit zu Gott, Aufgehobensein in der Gemeinschaft statt traurig vereinzelten Erkennens der eigenen Endlichkeit. Für Kollateralschäden auf dem Rückweg in diese Seligkeit wird keine Haftung übernommen. Manche wollen sie durch Terror erringen, andere begnügen sich mit der Abspaltung einer Community und Terror nach innen.

Nichts in der Reaktion westlicher Gesellschaft auf Islam oder Islamismus ähnelt derartigen Lehren oder Verhaltensweisen. Es gibt Intoleranz, gewiss, und Indifferenz, Rassismus, Diskriminierung, das ganze Repertoire alltäglicher Gemeinheiten, unter dem allerdings nicht allein Angehörige des muslimischen Glaubens zu leiden haben. Aufgeklärt kann man sie nicht nennen.

Welchen Begriff der Aufklärung muss man eigentlich haben, um glauben zu können, dass sie zu Fundamentalismus fähig sei? Ihre Prinzipien sind doch gerade gegen den Glauben an die Fundamente gerichtet. Nur wer "selber denkt" findet den Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit: Wer selber denkt, löst sich von Dogmen und scheinbar ewigen, in Wirklichkeit nur von einer Priesterkaste verwalteten Wahrheiten. Selber denken heißt auch über sich selber nachdenken, Selbstreflexion, Selbstrelativierung in Bezug auf andere. Darum sind die Devisen der Aufklärung häufig paradox: "Freiheit ist die Freiheit der Andersdenkenden." Die Aufklärung glaubt auch nicht an eine Zwangsläufigkeit auf diesem Weg zur Selbsterkenntnis. Eine solche Fortschrittsphilosophie würde ja schon wieder einen Automatismus behaupten, der die Menschen zu Marionetten eines fremdgesteuerten Prozesses machte.

Wolf Lepenies zitiert in seinem Nachruf auf Leszek Kolakowski einen Satz des Philosophen: "Im beständigen Zweifel an sich selbst kann die europäische Kultur ihr geistiges Gleichgewicht und die Rechtfertigung ihres Anspruchs auf Universalität finden." Die Ideen der Aufklärung stehen darum auch nicht als "westliche Werte" im Gegensatz zum Islam. Sie setzen zunächst einmal eine Lösung von den eigenen Religionen und Traditionen voraus. Paradoxerweise wird die aus der Aufklärung geborene Demokratie dadurch zu dem einzig möglichen Regime, das eine Koexistenz von Religionen ermöglicht. Natürlich zieht Aufklärung jeden Glauben in Zweifel, aber sie ermöglicht ihn auch gerade als Freiheit Andersdenkender. Der Glaube wird zum persönlichen Bekenntnis jenseits von Tradition und Priesterzwang. Erst die Freiheit abzufallen, macht den Glauben wahr.

Diese Freiheit zur Religion - nicht etwa ein "Fundamentalismus der Aufklärung" - zieht in  Wirklichkeit den Hass der Fundamentalisten auf sich. Ihnen geht es gar nicht um Religion, sondern um die Verfügungsgewalt über die Individuen. Im Fall des Islamismus ist das sprechendste Symbol dieses Willens zur Macht das Kopftuch. Gewiss, Frauen sind frei sich zu unterwerfen. Wenn sie es freiwillig tun.

Timothy Garton Ash hat ein 400-seitiges Buch voller Ideen, Reflexionen und Geschichten vorgelegt. Aber Gray hält sich ausschließlich an einer zehnzeiligen Selbstkorrektur fest, um einen sinnlosen Begriff wieder einzuführen. Dass die Aufklärung ein Fundamentalismus sei, ist der Wunschtraum eines Apokalyptikers, der den Clash der Kulturen noch kommen sehen will.

Nein, diesen Staubsauger kaufe ich nicht.
Archiv | Drucken | Empfehlen auf Facebook | Twittern | Share on Google+

Archiv: Presseschauen

Kulinarik, nein danke!

19.01.2015. Der Tagesspiegel lernt bei Christian Thielemanns Berliner Beethoven-Konzert, wieviel Gewalt im Schmerz steckt. Die NZZ lässt sich in Marseille daran erinnern, dass Essen und Denken Gegensätze sind. Slate.fr und Welt fragen, warum sich französische Universitäten und Michel Houellebecq nichts zu sagen haben. Die taz erlebt im Institut für Alles Mögliche den USB-Stick als liebevoll gebasteltes Dingchen. Nach einem Blick auf die deutsche Modebranche trägt die FAZ Trauer. Mehr lesen

Vielerlei Unzufriedenheit

19.01.2015. Es wird weiter über Charlie Hebdo gestritten: Wenn wir die Ermordung eines Polizisten verpixeln, ist es dann nicht verständlich, dass die Muslime keinen Mohammed sehen wollen, fragt die Zeit. Gérard Biard, Chefredakteur von Charlie Hebdo, kritisiert dagegen Medien, die die Karikaturen nicht zeigen. Die taz verabschiedet das Freihandelsabkommen TTIP und begibt sich nach Moldawien. Und der Spiegel offenbart neue Pläne der Fünf Augen. Mehr lesen

Buchpreisopfer

19.01.2015. 1000 Peitschenhiebe: Wer steht zu Raif Badawi? - Wie sich die Mohammed-Karikaturen auf die Pressefreiheit auswirken: Wolfgang Michals Antwort auf Jochen Wegners vier Irrtümer über die Pressefreiheitv - Digitalkonferenz München: Hubert Burda sieht keine Zukunft für Paywalls im Netz - Facebook: Wie ein Algorithmus Zuckerbergs Buchclub torpediert - Theater-Nachtkritiken aus Berlin, Hamburg & Stuttgart - Ian McEwan, der Mystiker der Vernunft + In memoriam: Pierre-Joseph Proudhon zum 150. Todestag. Mehr lesen

Das Paradox des Über-Ichs

13.01.2015. In der Paris Review erklärt Michel Houellebecq, warum er eine muslimische Partei für wahrscheinlich hält. Da kann einem die Burka richtig sympathisch werden: Aus unseren Gesichtern werden jetzt sogar die Emotionen ausgelesen und vermarktet, berichtet der New Yorker. Die britischen Linken sind solche Heuchler, ruft Slavoj Zizek im New Statesman. Karen Armstrong porträtiert den Islamischen Staat als reichste Dschihadisten-Gruppe der Welt. In Vice schildert Roberto Saviano das gute Einvernehmen von Londoner und New Yorker Börsen mit der Mafia. Und der Guardian freut sich, dass John Galliano nach seinen antisemitischen Ausfällen wieder einen Job hat - in Frankreich. Mehr lesen

Archiv: Bücher

Philosophie für Gutverdienende

17.01.2015. Als Freude für Auge, Hand und Verstand empfehlen taz und Welt die von Klaus Binder übersetzte und kommentierte Ausgabe des Lehrgedichts "Über die Natur der Dinge" von Lukrez. Die Welt ist beeindruckt, wie sich Phil Klay in seinen Kurzgeschichten dem Schreiben über den Krieg immer wieder neu nähert. Die FAZ freut sich sehr über Alastair Brotchies Biografie über Alfred Jarry. Und die SZ rät mit Nachdruck zu Steven Uhlys Roman "Königreich der Dämmerung". Mehr lesen

Elegänse und Intelligänse

10.01.2015. Michel Houellebecq beschreibt die süße Lust der Unterwerfung, Cormack McCarthy die süße Lust am Mord, Rüdiger Esch den Düsseldorfer Quantensprung im Pop und Rana Dasgupta die postkoloniale Welt Delhis. Dies alles und mehr in den besten Büchern des Januar. Mehr lesen

Literatur der Schwärze

09.01.2015. "Allein der Tod kann die Bewegung der Figuren aufhalten": Einer der großen Autoren von Charlie Hebdo war auch Jean-Patrick Manchette. Gerade hat der Alexander Verlag Erzählungen, Essays und Anmerkungen zum Kriminalroman in dem rabenschwarzen Band "Porträt in Noir" herausgebracht. Mehr lesen

Die Allee der Deutung

12.12.2014. "Alle tragen wir Brillen, auch wenn wir gute Augen haben": Gedichtbände, nicht nur zur Weihnachtszeit. Mehr lesen

Archiv: Magazin

Die Schule der Kritik

14.01.2015. Warum hat es ausgerechnet in der linken und linksliberalen Szene und bei den Grünen so viel Feigheit und Ignoranz gegenüber dem Islam und dem Islamismus gegeben? Ein Wutausbruch Mehr lesen

Trauer um Charlie Hebdo

09.01.2015. Wir erinnern mit einer Hommage an Charb, Cabu, Wolinski, Honoré und Tignous. Mehr lesen

Trauer um Charlie Hebdo

07.01.2015. Heute um 18 Uhr versammeln sich vor der Französischen Botschaft in Berlin Bürger, um ihre Anteilnahme mit den Opfern des Anschlags auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo zu bekunden. Wir erinnern mit einer Hommage an Charb, Cabu, Wolinski und Tignous, die vier bei dem Anschlag ermordeten Karikaturisten Mehr lesen

Bis das Bild quasi neu erscheint

17.12.2014. Verborgene Sammlungen, öffentliche Kunstfälscher, heldenhafte Rettungen: Setzt man sich das Ziel, dass erst alles geklärt werden muss, bevor wieder ein Bild mit gutem Gewissen zu betrachten sein wird, zeigt sich die eifernde Kunstpolitik unserer Zeit als ikonoklastisch. Mehr lesen

Stichwörter

Stichwörter