Perlentaucher - Das Kulturmagazin

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zuletzt aktualisiert 09.02.2010, 16.23 Uhr

Blog - Im Ententeich

Die vierte Gewalt ist jetzt im Netz

Von Anja Seeliger, 01.07.2009, 09:05

Der Verleger Hubert Burda bezeichnete gestern in der FAZ die Presse als "vierte Gewalt" und behauptete, sie sei unverzichtbar für die Demokratie. Das ist Unsinn. In Sachen Berichterstattung über das Internet ist die Presse weithin keine vierte Gewalt mehr, sondern ein Lobbyist, der sich unter dem Deckmantel des Journalismus dem Staat andient.

Burdas Text in der FAZ, in dem er Leistungsschutzrechte und noch eine ganze Menge anderer Rechte für die Zeitungsverlage verlangte, ist völlig unverständlich, wenn man nicht die Rede kennt, die Kulturstaatsminister Bernd Neumann vor zwei Wochen auf der Jahreskonferenz der "Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft" hielt.

Neumann versprach kleine Geschenke für verschiedene Kreative: so sollen die Schutzfristen ausübender Künstler von 50 auf 70 Jahre verlängert werden und die Mitarbeiter bei Film und Fernsehen leichter Zugang zu Arbeitslosengeld I erhalten.

Aber die fettesten Versprechungen machte er den Zeitungsverlagen. Zum Beispiel: "In der nächsten Legislaturperiode muss das Thema Leistungsschutzrecht für Presseverlage auf die Agenda. Sie sind bislang mangels ausreichender Rechte an ihren Presseerzeugnissen in weiten Teilen der Verwertungskette nicht in der Lage, ihre Rechtsposition angemessen zu schützen. Das wollen wir ändern."

Zwei Wochen später findet Hubert Burda das in der FAZ noch nicht ganz ausreichend. Er möchte kein einfaches Leistungschutzrecht, sondern ein erweitertes. "Nun kann man sagen, dass jede Branche in dieser Zeit großer wirtschaftlicher Veränderungen zu kämpfen hat und sich anpassen muss. Diese Anpassung besteht insbesondere auch in der Einführung eines weiten Leistungsschutzrechtes, verbunden mit der Transparenz des Internets."

Um das zu begründen, wird er kurz ein bisschen weinerlich. Der Schnittmusterverleger nennt seine Produkte ein Kulturgut. Sie seien unerlässlich für die Demokratie. Habermas habe das gesagt, ja, Miriam Meckel habe das gesagt. Ohne Presse keine Demokratie, sagt er. Aber eigentlich droht er den Politikern im Wahlkampf: Ohne gute Presse keine Wiederwahl.

Burda will ein "weites Leistungsschutzrecht" und "Transparenz des Internets". Was ist damit gemeint? Dem Leser wird das an keiner Stelle seines Artikels an einem konkreten Beispiel aufgeschlüsselt.


Leistungschutzrecht

Ein Leistungsschutzrecht für Verlage bedeutet, dass Verlage künftig auch ohne Einverständnis ihrer Autoren - ja sogar gegen den Willen ihrer Autoren - Zitate aus Artikeln in ihren Zeitungen schützen und damit kostenpflichtig machen können. Die Financial Times Deutschland hat das kürzlich in einem zustimmenden Artikel genauer beschrieben: Gegründet werden soll eine "Verwertungsgesellschaft der Verlage. Eine Gema für Onlinetexte, die im Netz nach illegaler Nutzung fahndet - und fällige Gebühren eintreibt". Nicht für die Verbreitung ganzer Texte, das ist heute schon illegal, sondern für Zitate!

Für den Leser bedeutet das zweierlei: Presseschauen wie die Feuilletonrundschau des Perlentauchers werden künftig kostenpflichtig. Der Jurist Jan Hegemann hatte im April in der FAZ angedeutet, wie weit das erträumte "Recht" gehen soll - bis hin zu "Snippets - also die mit "großem redaktionellen Aufwand erstellten Kurzzusammenfassungen der Artikel". Google dürfte keine Überschriften mehr zitieren ohne zu bezahlen. Und Leser - oder ihre Kinder - die im Netz zum Beispiel in Kommentaren aus Zeitungsartikeln zitieren, werden künftig ebenfalls von den Verlagen zur Kasse gebeten. Ob zu Recht, kann man dann vor Gericht mit den Anwälten der FAZ ausfechten. Gegen den Perlentaucher führen FAZ und SZ seit Jahren einen Prozess wegen seiner Berichterstattung über ihre Berichterstattung.


Transparenz des Internets


Aber wie, fragen Sie sich vielleicht, soll die Zeitung herausfinden, wer ein Nutzer ist? Mittels "Transparenz des Internets", wie Hubert Burda das nennt. Kulturstaatssekretär Neumann war da etwas deutlicher: "Wir brauchen Kooperationsvereinbarungen zwischen Providern, Rechteinhabern und Verbrauchern."

Im Klartext: Wenn ein Verlag es fordert, soll der Internetprovider künftig Ihre Daten herausgeben müssen. Jeder soll im Internet identifiziert werden können. Das geht nur durch staatliche Kontrolle des Internets. Das meint Hubert Burda mit "Transparenz im Internet".


Erweitertes Leistungsschutzrecht

Was will Hubert Burda, wenn er ein "erweitertes Leistungsschutzrecht" fordert?

Burda fordert für Verlage: "das Recht, im Netz von den Suchmaschinen nach objektiven, nachvollziehbaren Kriterien gefunden zu werden. Das Recht, an den Erlösen der Suchmaschinen fair und zu überprüfbaren Konditionen zu partizipieren. Das Recht auf Neutralität der Plattformen. Und damit verbunden die Garantie, dass Inhalte unserer Transaktionsangebote von Suchmaschinen nicht für eigene Geschäftsmodelle genutzt werden. Denn genau dies ist zurzeit technisch immer noch möglich."

Er will, dass auch Suchmaschinen wie Google staatlich kontrolliert werden. Nur so kann man seine Forderung interpretieren, am Erlös der Google-Anzeigen beteiligt zu werden, denn freiwillig wird Google keinen Cent rausrücken.

Google ist ein privatwirtschaftliches Unternehmen. Es ist nicht im Verlagswesen tätig, sondern in der Logistik. Es organisiert das Netz. Warum sollte es Verlage an den Erlösen aus dieser Leistung beteiligen? Das konnte auch Staatssekretär Neumann nicht erklären. Aber er war überzeugt: "Es kann nicht angehen, dass ein Privatunternehmen künftig ein Monopol auf diesen essenziellen Teil unserer Kultur hat! Die digitale Verfügungsgewalt muss in öffentlicher Verantwortung bleiben", also in Verantwortung des Staates. Die Vertreter der vierten Gewalt klatschten Beifall.

Hubert Burda behauptet, all diese Maßnahmen seien unumgänglich, um den "Qualitätsjournalismus" und damit die Demokratie zu schützen. Aber nicht der "Qualitätsjournalismus" ist wichtig für die Demokratie, sondern die Existenz einer freien Presse. Die Presse ist aber nur frei, wenn sie von staatlichen Einflüssen unabhängig bleibt. Doch genau das lehnen Zeitungsverleger jetzt ab: Sie rufen nach dem Staat.

Die Forderungen der Verlage umfassen inzwischen

- eine vom Staat anzuschiebende Zwangsgebühr namens Kulturflatrate,
- eine staatliche Beaufsichtigung der Suchmaschinen (denn auf nichts anderes läuft die Forderung Burdas hinaus),
- eine vom Staat zu erzwingende Umverteilung der Anzeigenerlöse der Suchmaschinen,
- ein vom Staat zu verabschiedendes Leistungsschutzrecht, das die Grundvoraussetzung für die Schaffung einer Gema für Onlinetexte wäre.
- eine staatliche Überwachung des Internets. Natürlich nur, um die Kulturindustrie vor Piraten zu schützen.

Dies alles wird gefordert nicht zugunsten einer freien Presse, sondern zum Schutz überkommener Geschäftsmodelle. Die Zeitungen werden schamlos für Lobbyarbeit in eigener Sache benutzt und sprechen schon damit jeder Form von Qualitätsjournalismus Hohn.

Politiker hören diesen Ruf der Verlage nach dem Staat gern. Überwachung ist eh ihr Konzept. In Sachen Internetsperren passte kein Blatt zwischen die großen Zeitungen und Ursula von der Leyen. Die Versuchung für Zeitungsjournalisten war unwiderstehlich, Kinderpornografie mit dem "Pfuhl Internet" (so die FAZ) gleichzusetzen und so ein missratenes Gesetz nicht kritisch zu überprüfen, sondern für eigene Zwecke umzumünzen. Die Verlage scheinen sich ganz sicher zu sein, dass die staatliche Überwachungsmaßnahmen, die sie zur Sicherung ihrer Profite fordern, nie sie selbst betreffen werden. Wie nah müssen sie sich der Regierung fühlen. In eigener Sache haben die einstigen Kontrolleure von Parlament, Verwaltung und Rechtsprechung ihren Anspruch aufgegeben, vierte Gewalt zu sein.

Die vierte Gewalt ist jetzt im Netz.



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Stichwörter: Bernd Neumann, Hubert Burda, Leistungsschutzrecht, Urheberrechte

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Ekkehard Knörer

02.07.2009 um 15:24:50 Uhr

@matthias ulmer:

Es gibt viele Gründe, aus denen mir die Idee eines Leistungsschutzrechts absurd vorkommt; der schlichteste aber ist: Sie ist voll und ganz netzwidrig. Und zwar nicht, weil sie den Vorstellungen irgendwelcher Radikalpiraten widerspricht - sondern der Grundidee des Netzes. Und das ist, in der Verkörperung des Links, die eines gegenseitigen Gebens und Nehmens. Im vernünftigen Rahmen. Den Rahmen gilt es, zum Nutzen aller Nutzer, durchaus auch gesetzlich im Moment eher zu erweitern als enger zu ziehen. (Mashups etc.) Nicht nur, aber auch weil das Engerziehen ganz sicher nicht funktioniert. Deshalb schneiden all jene, die ein eventuell irgendwann mal womöglich existierendes Leistungsschutzrecht wirklich umsetzen wollten, indem sie Zitate verbieten bzw. sich bezahlen lassen wollen, sich vom Netz einfach ab. Ich kann gar nicht damit anfangen zu erklären, warum eine Google-Zwangsgebühr rechtlich nie und nimmer durchsetzbar ist. Dasselbe gilt für eine allgemeine Kulturflatrate: das wird allerspätestens an Grenzziehungen scheitern. (Wer hat Anspruch, wer nicht; wie wird verteilt; warum nur Google? sollte man nicht gleich eine Link-Gebühr einführen?) Herauskommen kann bei alledem einzig Selbstmord und das wäre mir ja auch noch egal, läse ich nicht eigentlich recht gerne qualitätsjournalistische Print-Produkte (da jedenfalls, wo sie nicht im eigenen pekuniären Interesse Unfug übers Internet verbreiten).

Problematisch bzw. eher dumm finde ich Lobbyarbeit, die so durchsichtig ist, dass sie mit dem Hinweis, das sei nun wirklich nichts weiter als ein Partialinteresse sehr zurecht ganz einfach zurückgewiesen werden kann. (Darum ist das Kulturgut-Argument das Lächerlichste daran. Erstens ist der Verweis auf Herrn Burdas Produkte angesichts dessen in der Tat nicht unangebracht. Zweitens: Kulturgüter gibt's viele, Anspruch auf staatliche Förderung haben sie - mag sein: leider - alle miteinander nicht. Und wenn einer förderungswürdig ist, dann eher das von keinem dahinterstehenden Verlag mit entsprechender Marktmacht gestützte Independent-Qualitätsprodukt. Aber da bin ich, gebe ich sofort zu, befangen.)

Zum Personalausweis. Das ist eben deshalb nicht vergleichbar, weil die Identitätsfeststellung im Internet im Ernstfall nur funktionieren kann, wenn alle IP-Daten immerzu gespeichert werden und dann lange auf Vorrat gespeichert bleiben. Das macht vollständige Überwachung der Bewegung im Internet eben potenziell möglich. Und das führt wiederum zu einer ganz anders gelagerten Güterabwägung als im Identititätsfestellungs-Real-Life. Ich verstehe gut, dass man bei dieser Güterabwägung lieber auf der Seite der Freiheit landet, bei vollem Bewusstsein, was das an Nicht-Feststellbarkeiten bedeutet.

Wie problematisch längst auch die Gema ist, dazu mehr hier: http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,633430,00.html. Umso verrückter wäre es, dergleichen jetzt auch noch auf anderen Gebieten einzuführen.

Ohne dieses andere Fass hier jetzt noch aufmachen zu wollen - oder dann halt doch: Google hat doch niemals den Anspruch der Rechteinhaber auf Entgeltung bei Google Books bestritten. Das Problem, auf das Google Books recht eigentlich eine Antwort gesucht hat, lautete doch: Was ist mit all den Büchern, deren Rechteinhaber nicht mehr aufzutreiben sind, obwohl die Rechte noch nicht abgelaufen sind (das ist eine riesengroße Zahl)? Die Antwort lautete: Naja, wir digitalisieren sie mal und wer noch ein Interesse daran hat, wird sich schon melden. Anders wär das nicht gegangen. Das ist sehr dreist, ging nur wegen Googles ungeheurer Marktmacht und ist in jeder Hinsicht problematisch. Ich bin aber ehrlich unentschieden als jemand, der großes Interesse daran hat, diesen abertausenden von Büchern eine virtuelle Existenz zu geben. Ich bin sehr dafür, alles zu tun, um da jetzt kein Monopol entstehen zu lassen. Und ja, ich weiß, dass Google ein Wirtschaftsunternehmen ist, dass da nicht in erster Linie zum Wohle der Menschheit gehandelt hat. Es ist nur so, dass dabei sehr wohl etwas zum Wohl der Menschheit herausspringen dürfte.

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Matthias Ulmer

02.07.2009 um 13:14:24 Uhr

@ Ekkehard Knörer: keiner muss mit seinem Dafürhalten auf irgend etwas warten. Im Gegenteil, für Lobbyarbeit gegen ein Leistungsschutzrecht wäre es ja dann zu spät.

Sicher sind die Verlage durch das Internet gefährdet, zumindest Teile ihrer Geschäftsmodelle. Das gilt aber auch für Berater, für Einzelhändler, für Rechtsanwälte, Journalisten usw. Das sehe ich nicht als Drama, das ist eben eine der normalen Herausforderungen. Und der begegnet man mit veränderten Konzepten, veränderten Rahmenbedingungen und neuen Geschäftsmodellen. Und zu den veränderten Rahmenbedingungen gehört eben auch, dass man versucht, den rechtlichen Rahmen so zu beeinflussen, dass er passt. Es wäre eine altertümliche Sicht, wenn man von einen objektiv richtigen Zustand annähme und behauptet, dass die Verlage diesen immer mehr verfälschen. Es gibt kein richtig und falsch. Es gibt nur widerstreitende Interessen. Und so wie sich die Verlage für Links einsetzen, setzen sich andere, Sie zum Beispiel, für Rechts ein. Nicht mehr und nicht weniger.

Dass Sie die Reformvorschläge der Verlage verrückt finden, ist eben auch wieder Dafürhalten. Herr Burda sieht das genau umgekehrt. Ob er unverschämter ist, ein größerer Angsthase als Sie oder jemand anderes, das kann ich nicht beurteilen. Ich kenne weder Sie noch ihn persönlich.

Wenn Sie Lobbyarbeit problematisch finden, die sich nur um die eigenen Interessen kümmert, dann zeigen Sie mir doch eine Lobbyarbeit, die sich nicht um die eigenen Interessen kümmert. Wollen Sie einen Staat, in dem die Interessenvertretung verboten wird?

Danke für den Hinweis mit dem Personalausweis. Ich bin verblüfft. Ich dachte, dass eine Ausweispflicht auch gleichzeitig eine Mitführpflicht ist. Das Thema scheint also keine große Rolle in meinem Leben zu spielen.
Im Internet führt ja heute fast jeder eine Identifikation mit, es sei denn sie wird bewusst durch technische Mittel verschleiert. Ich sehe hier schon Ansätze sicherzustellen, dass man gegebenenfalls jemanden identifizieren kann, wenn sich herausstellt, dass er gegen Gesetze verstoßen hat. Wenn ein Ladendieb erwischt wird, dann besteht auch das Recht die Personalien zu ermitteln. Das ist für mich noch nicht der heraufbeschworene Überwachungsstaat. Und mehr braucht es auch im Internet nicht. Wenn man einen Dieb erwischt, dann soll er sich nicht anonym machen können. Dafür wurde ja vermutlich im wahren Leben auch die Ausweispflicht eingeführt.

Zur Google-Gebühr: ich habe mich nicht eingemischt in die Frage, ob diese berechtigterweise gefordert wird oder nicht. Ich sage nur: wer eine Anspruchsgrundlage hat, der kann sie fordern, wer nicht eben nicht. Und ob die Zeitschriftenverleger eine haben, das müssen sie und die Gerichte wissen, die das klären werden. Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, hatten die belgischen Verleger sehr wohl einen Anspruch. Und ganz aus Spaß wird Google auch nicht an die Gema zahlen. Und ganz ohne Grund stellt Google auch nicht ein paar hundert Millionen für die Autoren und Verleger im Book Settlement zur Verfügung. Also: so absurd ist der Gedanke nicht. Aber ich habe keine Ahnung, ob sie damit durchkommen. Einen Versuch scheint mir das wert zu sein.

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Ekkehard Knörer

01.07.2009 um 17:37:43 Uhr

@matthias ulmer: Lassen Sie mich gleich vorneweg sagen, damit klar ist, dass ich hier nicht auf die Entscheidung von Gerichten zu warten gedenke, bis ich eine eigene Meinung äußere: Ich halte dieses Leistungsschutzrecht für eine in jeder Hinsicht lächerliche Idee. Sie ist einzig und allein aus der Panik geboren.

Es wird ja immer deutlicher, dass mit dem Internet vor allem eine Instanz der Kulturindustrie in Lebensgefahr gerät: die Verwerter. Drum kommen sie nun alle miteinander auf völlig verrückte Sachen. Die Inhaber von Urheberrechten, die auf Verwertung dieser Rechte angewiesen sind - die Freien etwa, wie, full disclosure, auch ich einer bin, kucken Sie aber mal hier: http://frei.djv-online.de/?p=496 - sehen das Treiben der Verwerter doch längst mit Empörung, bei aller berechtigten Sorge um die eigene Erwerbszukunft. Man kann doch kaum glauben, dass man mit solchen auch noch unverschämt werdenden Angsthasen wie dem Herrn Burda in einem Boot sitzen sollte.

Allzu durchsichtig ist hier die Lobbyarbeit - die, wie jede Lobbyarbeit, hoch problematisch wird, wenn man sieht, dass bei der Agitation wirklich gar nichts anderes eine Rolle spielt als die Rettung der eigenen Pfründen. Alles andere ist hier dermaßen vorgeschoben, dass es schon nicht mehr komisch ist.

Falsch ist übrigens auch Ihr Argument mit dem Personalausweis. Keineswegs gibt es, wie von Ihnen behauptet, eine Pflicht, diesen stets bei sich zu führen. Was aber fürs Netz gefordert wird, entspräche der Pflicht, diesen nicht nur dabeizuhaben, sondern wo man geht und steht die Nummer zu notieren und zu hinterlassen. Das käme Ihnen nicht wie ein Überwachungsstaat vor? Na, danke.

In der Frage, woraus der VDZ seine Google-Gebühr denn eigentlich ableiten will - bzw. wie das geforderte Zitatverbot in irgendeiner Weise durch das Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt sein sollte -, haben Sie ja auch eher nicht das, was man jetzt ein Argument nennen würde, zu bieten. Und Ihr Highway to Hell-Vergleich: Google bringt doch gerade nicht den Text, sondern nur den Titel auf seinen Lastwagen auf und vielleicht noch ein oder zwei Zeilen.

Abgesehen davon ist der Vergleich sowieso absurd, weil Google ja diese Titel und Zeilen ausnahmslos deshalb auf seiner Seite hat, um die Leserinnen zu den Inhalten zu lenken, die im Fall der Zeitungen und Zeitschriften die Verwertungsrechteinhaber absolut freiwillig ins Netz gebracht haben (ohne die Freien etwa als Urheberrechteinhaber je im Ernst um Erlaubnis zu fragen). Und das macht Google auch noch ohne direkte Gegenleistung!

(Und ich halte, damit das klar ist, Google für eine Firma mit genialen Ideen, aber auch für einen problematischen Monopolisten mit bedenklichen Anwandlungen von Dreistigkeit.)

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Matthias Ulmer

01.07.2009 um 16:05:09 Uhr

Es kommt nichts Gutes dabei raus, wenn man in blinder Wut Artikel schreibt. Bei einem gedruckten Medium hätten Sie das vielleicht noch einmal durchgelesen. So haben Sie scheints einfach auf Abschicken geclickt. Und das war nicht gut.

Es kann natürlich sein, dass Sie an sachlicher Argumentation gar nicht interessiert sind, dass Sie nur für Ihre Fans schreiben und diese motivieren wollen, dass sie weiter mit Farbbeuteln aus ihrem Schützengraben heraus in die Stellung des Gegners werfen. Sollte es Ihnen aber um mehr gehen, dann sollten Sie sich um verständisorientierte Kommunikation bemühen. Dazu gehört, den anderen nicht zu diffamieren, seine Aussagen verstehen zu wollen und nicht zu manipulieren und sich dann damit sachlich auseinander zu setzen. Diese Grundregeln haben Sie in Ihrem Beitrag so ziemlich alle außer Acht gelassen.

Selbst die Frage, ob Perlentaucher oder die FAZ recht haben bei der Einordnung der Berichte über Berichte, ist eigentlich kein Anlass für einen Kreuzzug, sondern eine ganz simple Frage: entweder es gibt eine Anspruchsgrundlage für die FAZ oder es gibt keine. Das weitere klären Gerichte. Und als Ergebnis steht dann fest, ob Perlentaucher ein geniales Geschäftsmodell gefunden hat oder ob es eben doch keins ist. Man kann verstehen, dass Sie das emotional sehen, weil es auch um die Existenz geht. Aber daran ist nicht die FAZ oder die Thematik schuld, sondern die Grüner von Perlentaucher, die auf ein Modell gesetzt haben, das möglicherweise keinen Bestand hat.

Es ist auch das Gute Recht eines jeden, auch eines jeden Verbandes, sich für sein Recht einzusetzen. Dass Sie den VDZ mit dem Etikett Lobby versehen kann zur Empörung kaum ausreichen. Immerhin ist attac eine Lobby, die katholische Kirche, die Grünen, verdi oder der BDI.

In mir kommt auch dann noch keine Empörung auf, wenn sich Lobbys für neue Gesetze oder Änderungen bestehender einsetzen. Irgendwie ist das der Kern der Demokratie, oder? Ob nun ein Leistungsschutzrecht sinnvoll ist oder nicht, das wäre ja im Kern das Thema Ihres Artikels gewesen. Das haben Sie aber nicht mal im Ansatz dargestellt. Dabei gibt es zu dieser Frage seit Jahrzehnten eine tief gehende und ausgewogene Diskussion in den Fachmedien.

Ein übler Fehler ist es, wenn Sie Herrn Burda als Schnittmusterverleger bezeichnen und ihm absprechen, dass er für Kultur sprechen könnte. Sie müssen sich schon die Mühe machen, bei dem Repräsentanten einer Interessenvertretung die Funktion zu berücksichtigen. Und da ist er Präsident des VDZ. Würden Sie einem Parlamentarier im Bundestag auch wegen seines zivilen Berufes mal zugestehen und mal absprechen, sich zu bestimmten Themen zu äußern? Da haben Sie dann einen zentralen Punkt in der repräsentativen Demokratie nicht verstanden.

Der nächste Unsinn ist, dass eine Identifizierbarkeit der Internetnutzer gleichzusetzen sei mit staatlicher Kontrolle des Internets. Ist denn das reale Leben dadurch staatlich kontrolliert, dass jeder einen Personalausweis bei sich haben muss? In diesem Sinne ist staatliche Kontrolle natürlich ein leere Begriff. Die Wasserqualität in Deutschland wird staatlich kontrolliert, die Seeadler- und Uhu-Bestände, die Taxipreise und auch die Straßenverkehrsordnung.

Überhaupt hängen Sie sich an der staatliche Kontrolle geradezu auf. Auch Google will der VDZ staatlich kontrollieren, empören Sie sich. Wenn der VDZ eine Beteiligung an den Werbeerlösen von Google fordert, dann verstehe ich das. Ich hätte da auch gerne was davon ab. Aber ich habe leider keine Anspruchsgrundlage. Wenn der VDZ eine hat, schön für ihn. Wenn er keine hat und sich darum bemüht zukünftig eine zu bekommen: nur zu verständlich. Wenn es eine gibt, muss Google zahlen, wenn nicht, dann nicht. Das hat alles überhaupt nichts mit Ihrem Fetisch "staatliche Kontrolle" zu tun.

Es ist weiters Unsinn, dass Google Logistiker sei und deshalb keine Honorare an Rechteinhaber zahlen muss. Wenn ein Spediteur auf alle seine Lastwagen den Text von "Highway to Hell" aufbringen lässt, dann muss er dafür auch Tantiemen zahlen, Logistiker oder nicht.

Es ist eine bittere Konsequenz, dass die Schlussfolgerung aus einer Menge unsinniger Aussagen nur Unsinn in Potenz sein kann: Weil der VDZ sich für ein Gesetz einsetzt, das ihm mehr Erlöse bringen soll, ist er in Ihren Augen nicht mehr frei sondern von staatliche Einflüssen abhängig?

Ist denn jemand, der sich für mehr Kindergeld einsetzt in Ihren Augen auch unfrei und staatlich kontrolliert? Und sind Sie oder Perlentaucher, weil Sie sich gegen ein Leistungsschutzrecht einsetzen und damit auch nur Ihre Geschäftsgrundlage verbessern wollen, auch keine freie Presse und auch staatlich kontrolliert?

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klinkhart

01.07.2009 um 13:49:02 Uhr

Wenn die Printpresse meint, sie sei wichtig für die Demokratie, dann sollte sie sich auch bewusst sein, dass der Souverän die Presse zu überwachen hat. Das gilt für alle klassischen Medien. Wer hat sie denn aufgefordert, Ihre Inhalte im Netz zu verbeiten? Niemand. Unternehmerischer Schwachsinn soll nun von der Netzgemeinde bezahlt werden. Große Idee. Scheint modern zu werden, sowas. Macht Eure Inhalte kostenpflichtig und Ihr werdet die gerechten Früchte Eurer Arbeit auf dem Kontoauszug sehen (oder eben nicht). Vielleicht erklären wir ja demnächst Computer zu "neumodischen Yellowpress Anzeigegeräten" die wir einer Presse-GEZ zu melden haben. Mein Vorschlag: Jeder Seitenbetreiber stellt Herrn Burda und den öffentlich rechtlichen für jeden eigenen Beitrag eine Rechnung, da sie ja theorethisch in der Lage sind den Artikel zu lesen. Bitte Mahnung und Mahnbescheid nicht vergessen.

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Reddog

01.07.2009 um 13:32:10 Uhr

Vielen Dank für diesen Artikel.

Da bin ich Ihrer Meinung. Ich glaube sogar, dass in allen anderen Unterhaltungs- und Informationsbranchen die Nähe zum Staat ständig zunimmt.

Leider vergisst man dabei wer die primären Rezipienten sind (nämlich die Menschen, die das ganze lesen, hören, sehen, ...) und dass diese ein gewisses Maß an Neutralität und Qualität erwarten dürfen. Und wenn diese Erwartungen nicht erfüllt werden, dann bleibt nur noch das Internet, obwohl die Neutralität im Netz lediglich durch schiere Pluralität von Meinungsäußerungen zustande kommt. Die Frage ist nur, wie lange bleibt das Netz die vierte Gewalt. Auch aus diesem Grund ist es allemal verständlich, warum man mit aller Vehemenz gegen unnötige staatliche Einschränkungen im Internet vorgehen muss.

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Tyrone Slothrop

01.07.2009 um 13:25:20 Uhr

keine zeitung und zeitschrift wird dazu gezwungen, inhalte ins netz oder überhaupt eine website ins netz zu stellen.

keine website wird gezwungen, sich von google indexikalisieren zu lassen. eine entsprechende sperre ist von jedem admin binnen kürzester zeit eingerichtet.

sich der "schleichenden enteignung" zu entziehen ist also "zur zeit technisch immer noch möglich".

und letzten endes gilt noch immer: qualität setzt sich durch. dass es im netz nun strickmuster und promi-klatsch nun ganz einfach so gibt, ist natürlich schade für herrn burda. für die pferdezucht-branche war die erfindung des autos aber auch nicht gerade die schönste nachricht des tages.

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