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Im Ententeich: Redaktionsblog

E-Book und Urheberrecht: Sind die Autoren endlich aufgewacht?

Von Wolfgang Tischer

12.09.2013. Erinnern Sie sich noch an den Aufruf "Wir sind die Urheber"? Während E-Book-Leser anfingen, die preisgünstigen Werke der Self-Publisher zu lieben und diese Amazons Top-10 dominierten, während die Selbstverleger diskutierten, wann und für wie lange man sein Buch verschenkt, um Aufmerksamkeit zu erreichen und dadurch richtig Geld zu verdienen, forderten Schriftsteller vor gut einem Jahr ein stärkeres Urheberrecht.

Erinnern Sie sich noch an den Aufruf "Wir sind die Urheber"? Während E-Book-Leser anfingen, die preisgünstigen Werke der Self-Publisher zu lieben und diese Amazons Top-10 dominierten, während die Selbstverleger diskutierten, wann und für wie lange man sein Buch verschenkt, um Aufmerksamkeit zu erreichen und dadurch richtig Geld zu verdienen, forderten Schriftsteller vor gut einem Jahr ein stärkeres Urheberrecht.

Beim Wettern gegen die angebliche Kostenlosmentalität im Internet stellte ich damals die Frage, ob nicht speziell die literarischen Autoren viel ernstere Probleme haben. Wer nicht wahrgenommen wird, wer nicht gelesen wird, dem nützt kein Recht. Denn ein Recht auf Wahrgenommenwerden gibt es nicht. Sorgen machen sollten sich also paradoxerweise die Autoren, deren Werke nicht in den Tauschbörsen auftauchen.

Doch wie wird der Leser künftig die Titel jenseits des Mainstreams entdecken? Wer wird sie bekannt machen, wenn Zeitungen sterben, wenn Literaturkritiker entlassen werden und Buchhandlungen schließen? Amazons E-Book-Bestsellerliste ist ein Blick auf die Wirklichkeit. Hier liegen Genre und Unterhaltung vorn: Thriller, Krimis, Romance, Fantasy, Vampire, Erotik, Zombies, Chick- und Mum-Lit. Hätte auf einem E-Book dominierten Buchmarkt ein Roman wie seinerzeit Daniel Kehlmanns "Die Vermessung der Welt" überhaupt eine Chance? Würde ein Schriftsteller wie Thomas Glavinic bis heute nur Bücher wie den "Kameramörder" schreiben anstatt "Das größere Wunder", weil grausame Verbrechen nun mal vom Leser gewünscht werden?

Stellt man diese Fragen, so erlebt man in der Regel zwei Standardreaktionen: Die einen sprechen den intellektuellen Literaten ohnehin jede Daseinsberechtigung ab. Wer schreibt, was die Masse nicht lesen will, der hat zwar ein Problem, aber es ist nicht das Problem der Masse. Die anderen behaupten steif und fest, man würde auch im E-Book-Meer so manche Perle finden. Fragt man nach, wird meist auf das eigene Buch oder das eines guten Bekannten verwiesen. Doch wer sucht ernsthaft nach den Perlen? Das Feuilleton bislang nicht. Und Blogs und Websites, die sich angeblich dem qualitativem E-Book verschrieben haben, meinen damit oft qualitativ hochwertige Thriller und qualitativ hochwerte Fantasy.

Den sogenannten Literaturbetrieb berührt das E-Book offenbar nicht. Papier scheint das adäquate Trägermedium für Bücher jenseits des Mainstreams zu sein und die netten Buchhändler um die Ecke die Dealer für diesen Stoff, während die flüchtige Unterhaltungsliteratur auf E-Readern spurlos weggelesen wird.

Der Literaturbetrieb hat seinen eigenen Kreislauf. Er besteht aus Stipendien, Preisen, Verlagen, Feuilletons, Buchhandlungen und gefilterten Bestsellerlisten, auf denen selbstverlegte E-Books ausgeblendet werden. Wer ein Stipendium bekommt, hat gute Chancen auf einen Literaturpreis, wer einen Literaturpreis bekommt hat, hat gute Chancen, einen weiteren zu bekommen. Und wer Preise bekommt, der wird verlegt und in den Feuilletons besprochen. Es ist ein hochsubventioniertes und gefördertes literarisches Perpetuum mobile, das sich selbst am Leben erhält und als dessen Trüffelschweine die Verlage gelten.

Doch das Gestänge dieser Apparatur wird marode und knirscht. Um Förder- und Preisgelder wird gerungen, selbst der renommierte Bachmannpreis stand in diesem Jahr auf der Kippe, und die kleine Buchhandlung um die Ecke schließt spätestens dann, wenn ihre Inhaberin in den Ruhestand geht. Von einer Minderheit, die Bücher jenseits der Standardplots lesen will, können irgendwann auch die großen Verlage nicht mehr leben. Die Quersubvention, also der Bestseller, der einen Newcomer mitträgt, lässt sich in der Bilanz immer weniger rechtfertigen, wenn nur ein paar Hundert Exemplare des Neulings verkauft werden. Wäre es da nicht sinnvoller und kostengünstiger, den Erstautor gerade nicht gedruckt, sondern nur als E-Book anzubieten? Papier nur für Bestseller?

Und wieder sind wir bei der Frage, wer dieses E-Book entdecken soll? Warum gibt es keinen staatlich geförderten Preis, der sich aufs Finden der E-Book-Perlen konzentriert? Kein multimedialer Schnickschnack freilich, sondern einfach gut erzählte Geschichten abseits der Genre-Pfade.

Es dämmert inzwischen einigen Schriftstellern, dass auch Verlage auf Dauer keinen Halt mehr bieten. Endlich gibt es eine Deklaration wie die der Autoren-Initiative Fiction, in der den Autoren bewusst wird, dass es die angebliche Qualitätsauslese der Verlage irgendwann so nicht mehr geben wird. Der designierte neue Hanser Verleger Jo Lendle betont, dass Verlage sich in Zukunft anstrengen müssen. Wieviel mehr muss das für die Autoren gelten?

Fast ungläubig lese ich in der Deklaration einen Satz wie "Um E-Books zu vertreiben, ist es nicht zwingend erforderlich, sie zu verkaufen." Wohl gemerkt, es ist ein Text von preisgekrönten Autoren wie Elfriede Jelinek und Katharina Hacker und kein Text der Piratenpartei! Zumindest ein Teil der Autoren scheint ein Jahr nach "Wie sind die Urheber!" in der Gegenwart angekommen zu sein, hat den Elfenbeinturm verlassen, plappert die Phrasen ihrer Verlage nicht mehr nach, sondern fordert Eigeninitiative und Solidarität unter den Autoren statt mit den Verlagen: "Die kommerziellen Verlage haben auf die Herausforderungen durch das digitale Zeitalter vor allem defensiv reagiert".

Und weiter heißt es in der Deklaration: "Nur indem wir gemeinsam unsere Rolle als Autorinnen und Autoren neu bestimmen, kann unsere Literatur insgesamt wieder an Bedeutung gewinnen." Eine Bedeutung, so ist hinzuzufügen, nicht nur um der Autoren willen, sondern auch für die Leser, die mehr wollen als reine Unterhaltungsliteratur.

***

Die Autoren-Initiative Fiktion präsentiert sich heute um 19 Uhr im Haus der Kulturen in Berlin. An der Veranstaltung zum digitalen Wandel nehmen teil: Ingo Niermann, Mathias Gatza, Henriette Gallus, Rajeev Balasubramanyam, Marcus Braun, Jan Peter Bremer, Nina Bußmann, Katharina Hacker, Ingeborg Harms, Ben Marcus, Thomas Melle, Stephan Porombka, Verena Roßbacher, Sabine Scholl

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Archiv: Presseschauen

Ästhetische Zeremonie

30.08.2014. In der Welt wünschen sich Autorinnen eine neue Rolle der Frau im Literaturbetrieb. Joshua Oppenheimers "The Look of Silence" hat die Feuilletons in Venedig zutiefst verstört. Der Tagesspiegel findet bei Ulrich Seidl "Im Keller" nur Freaks. Außerdem huldigt er Robert Wilson. Und die NZZ schwelgt in Erinnerungen an die traurig-schöne Freundschaft zwischen Rainer Maria Rilke und Alice Bailly.
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30.08.2014. Auf Slate.com hält Anne Applebaum mittlerweile einen Krieg mit Neurussland durchaus für möglich. In der NZZ beschreibt Serhij Zhadan, wie die Ukrainer dem zu entkommen versuchen. Netzpolitik.org beleuchtet den mageren Ertrag der BND-Überwachung. In der Berliner Zeitung springt Annett Gröschner von der Berliner Geister-S-Bahn. Die taz lauscht David Harveys Kapital-Vorlesungen auf YouTube. Und in Open Culture erklärt Meister Naomichi Yasuda, wie man korrekt Sushi ist.
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29.08.2014. Aktualisiert: Print unter Druck oder Was ist los in der Medienbranche? fragt Klaus Raab & Bernd Ziesemer antwortet: Deutschen Verlagen fehlt es an operativer Exzellenz - "Zombie-Zeitung" zerfällt zusehends: Funke prüft Insolvenz der Westfälischen Rundschau - Anklagegesänge: "I am" bei der Ruhrtriennale - Entführungen: Journalisten als lukrative Opfer - West-östlicher Divan: Goethe zeigt, wie es geht - Bilderflut ist Bildersturm: Sebastian Hennig über die Kunst des Sehens + Murder at the Vanities: Duke Ellingtons "Ebony Rhapsody" (1934). Mehr lesen

Kompass des Bösen

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Archiv: Bücher

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30.08.2014. 1200 Seiten und kein einziger abgenutzter Satz, jubelt die SZ über Nino Haratischwili große Georgien-Saga "Das achte Leben", die sich über hundert Jahre und von Tbilissi über Berlin nach London erstreckt. Die Literarische Welt erhebt Einspruch gegen Thomas Hettches "anachronistischen" Roman "Pfaueninsel". Die NZZ lobt Peter Hamms Schweizer Literaturgeschichte "Ins Freie". Geradezu ansteckend findet die FAZ den Optimismus in Hans Zenders Musikessay "Waches Hören". Ähnlich geht es der taz mit Gereon Klugs durchgeknallten Pop-Newslettern "Low Fidelity". Mit seinem neuen Brenner-Roman katapultiert Wolf Haas seine Fans auf unterschiedliche Glückniveaus. Mehr lesen

Jürgen Neffe: Mehr als wir sind

27.08.2014. Was wäre, wenn wir nicht mehr schlafen müssten? Anfang des 21. Jahrhunderts entdeckt der Chemielaborant Janush Coppki eine Wachdroge, die sich bald über die ganze Welt verbreitet. Jahrzehnte später stößt ein Biograf auf die Geschichte des unbekannten Coppki... Mehr lesen

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26.08.2014. In jedem Gedicht die ganze Welt. Ein paar Ausschnitte aus den Frühjahrsgedichten 2014. Zusammengestellt Mehr lesen

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25.08.2014. Nic Pizzolatto erzählt in seinem Männerdrama "Galveston" von der Läuterung des todgeweihten Gangsters Roy Cady und seiner großen Liebe zur kindlichen Hure Rocky. Mike Nicol schließt mit "Black Heat" seine Südafrikasaga um die Rachegöttin Sheemina February ab. Mehr lesen

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Die Buchkultur und der leere Stuhl

21.08.2014. Der Streit um Amazon in den USA und Deutschland ist Symptom einer säkularen Veränderung der Buchbranche. Der Appell an den Staat gegen die Internetgiganten wird nicht weiterhelfen: Die Impulse müssen aus der Gesellschaft kommen. Manifest für eine soziale Marktwirtschaft im Buch-Business. Mehr lesen

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