Stöbern nach Themen

Durchsuchen Sie unsere Bücherdatenbank nach Themen, Ländern, Epochen, Erscheinungsjahren oder Stichwörtern.

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Redaktionsblog: Im Ententeich

Der Medienwandel als interne Revolution

Von Thierry Chervel
11.04.2013. Das Problem des Spiegels ist keines der Chefredaktion. Es kann im Grunde nur dann in Angriff genommen werden, wenn die Printleute aus der Mitarbeiter-KG die Online-Leute (und auch TV) integrieren.

==
Das Problem des Spiegels ist keines der Chefredaktion. Es kann im Grunde nur dann in Angriff genommen werden, wenn die Printleute aus der Mitarbeiter-KG die Online-Leute (und auch TV) integrieren.

==

Ursprünglich war Spiegel Online das Schaufenster des Spiegels im Netz. Nun soll dieses Schaufenster, das beim Publikum inzwischen erfolgreicher ist als die Printausgabe, verklebt werden und selbst ein Schaufenster bekommen, während das Eigentliche hinter eine Paywall gesteckt werden soll: Und das soll den Spiegel retten? Eines kann man sagen: Da hatte Mathias Müller von Blumencron recht, wenn er sich gegen eine Schranke, die den ganzen von ihm maßgeblich gestalteten Erfolg von Spon gefährdet, mit Händen und Füßen wehrte.

Spiegel Online, hieß es bisher ja immer, sei immerhin profitabel. Der Spiegel war das einzige Institut, das frühzeitig eine Online-Entwicklung zuließ. Die anderen setzten ein paar traurige Jungjournalisten mit Werkverträgen in die Garage und sind frühestens vor fünf Jahren wachgeworden. Nun wird gerade der Erfolg des Mediums Spiegel Online, so scheint es, zum Problem.

Aber so recht Blumencron hatte: Das Dilemma, vor dem Georg Mascolo und er standen, war universell, und es ist bisher noch durch kein einziges Medium gelöst worden. Wie soll man Journalismus unter digitalen Bedingungen refinanzieren? Die deutschen Medien laufen zur Zeit der von der New York Times vorgegeben Parole des "Metered Model" hinterher: Stammnutzer werden hineingezogen und sollen zahlen, sobald sie angefixt sind. Das mag für die New York Times tatsächlich funktionieren. Aber die deutschen Medienmanager übersehen in der großartigen Geste, mit der sie das neue Modell propagieren, dass die New York Times unter ganz anderen Bedingungen agiert als etwa der Spiegel: Die New York Times ist eine globale Medienmarke. Sie hat einen Markt von Milliarden von Lesern. Der Spiegel verfügt über einen Resonanzraum von neunzig oder hundert Millionen Personen, wenn man Österreich und die Schweiz mit hineinrechnet. Kein deutsches Medium wird darum das Metered Model auf sich übertragen können.

Übrigens sind auch die Parolen, die in den Jahren zuvor ausgerufen wurden, inzwischen obsolet. Wer glaubt noch, dass eine Ipad-App geeignet sei, die Medien zu retten?

Das Dilemma, vor dem die Medien stehen, ist so gut wie unlösbar: Bisher hat noch keiner darauf eine Antwort gefunden. Blumencron und Mascolo zu feuern, ist Augenwischerei – zumal die eigentlichen Entscheidungen im Spiegel nicht von den Chefredakteuren, sondern von den Eigentümern und der Geschäftsführung getroffen werden müssen.

Der Spiegel mag zu den privaten Medien gehören, die à la longue in Deutschland – trotz allem, und auf schrumpfenden Terrain – eine Überlebenschance haben, aber in der jetzigen Konstruktion wird es nicht funktionieren. Denn dies ist das Symbolische an der Explosion im Spiegel: Die Trennung zwischen Print, TV, Online ist zwar institutionell bombenfest – aber in der Wahrnehmung des Publikums und der Struktur der Öffentlichkeit längst von gestern.

Eigentlich gibt es nur noch online. Die eigentliche Struktur der Öffentlichkeit ist heute das Internet. Was nicht im Netz ist, ist nicht öffentlich, kann nicht zirkulieren, nicht auf Facebook diskutiert werden. Print ist eine der abgeleiteten Formen, in denen Inhalte aufbereitet werden können, TV eine andere. Eine Einsicht, die seit über fünfzehn Jahren im Raum steht, lässt sich nun auch institutionell nicht mehr abwehren: Alle Medien müssen von der neuen Struktur der Öffentlichkeit her gedacht werden. Die Angsttechnik der Medienkonzerne, die Online an die alten Institute anbauten, statt die neuen Leute von vornhereien als integralen Bestandteil des Unternehmens zu integrieren, rächt sich heute. Die Abteilungen sind getrennt – die Medien haben aber allenfalls dann eine Überlebenschance, wenn sie sich als ein Gesamtes denken.

Eines der größten Probleme bei den bisher getrennten Sphären ist, dass sie ihr Wissen nicht aneinender weitergeben. Die Printleute sagen, dass sie nicht auch noch Zeit haben zu twittern (nur eine Formel, um die Schwellenangst zu kaschieren), aber auch die Online-Leute können vom Print natürlich eine Menge lernen: nämlich all das, was Journalismus einmal war und neu werden muss, Streit, Recherche, Inszenierung. Warum haben so wenige Leute aus dem Print die neuen Möglichkeiten einmal ausprobiert? Warum haben die prominentesten Namen nicht Blogs und übertragen den Nimbus des alten Mediums in die neue Sphäre? Und warum sind die Strukturen in den Medien so, dass die begabtesten Online-Leute zum Print abwandern, so schnell sie können, weil sie es dort gemütlicher haben und sie außerdem noch besser bezahlt werden? Neue Themen müssten online lanciert, im Print vertieft, und dann wieder in Form von Leserpartiziation ans Netz zurückgegeben werden, so dass daraus wieder neue Geschichten im Heft entstehen könen - und so weiter. Neue Geschichten können auch im Print lanciert werden, als Setzung. Der Inhalt des neuen Heftes muss auch nicht kostenlos hergeschenkt werden - aber von vornherein auf die Resonanz im Netz hin konzipiert werden mit begleitenden Elementen, datenjournalistischen Aufbereitungen, Diskussionen und Nachfragen beim Publikum - die Stoff mobilisieren können für neue Recherchen: kurz eine neue Euphorie journalistischer Arbeit, die sich aus dem Abenteuer speist.

Obwohl Spiegel Online – zum großen Teil dank Müller von Blumencrons – das erfolgreichste deutsche Online-Medium ist, erweist sich die Trennung der Sphären beim Spiegel als besonders tragisch: Denn nur die Mitarbeiter des Print-Spiegel stellen die Mitarbeiter-KG und halten mehr als die Hälfte des Unternehmens. Diese Struktur kann allenfalls dann überleben, wenn die Mitarbeiter-KG auch zu den Mitarbeitern der anderen Unternehmentsteile geöffnet wird und der Spiegel mit all seinen Abteilungen als Ganzes agiert. Das heißt, die Print-Leute müssen etwas abgeben. Auch die anderen müssen profitieren können.

Die eigentliche Arbeit kann darum gar nicht von den Chefredakteuren geleistet werden: Es sind vor allem arbeitsrechtliche Fragen und die Frage der Eigentumsstruktur, die beantwortet werden müssen. Der Spiegel muss den Medienwandel als interne Revolution vollziehen. Erst dann kann er wieder als ein mächtiges Medium agieren, allerdings vor einem weiterhin unsicheren Hintergrund, in dem die größte Frage – ob es überhaupt ein Geschäftsmodell für Journalismus gibt – noch längst nicht beantwortet ist.

Thierry Chervel

twitter.com/chervel

Archiv | Drucken | Empfehlen auf Facebook | Twittern | Share on Google+

Archiv: Presseschauen

Die Sprache der Autorität

27.01.2015. FAZ und FR werfen schon einmal einen Blick auf die Literatur Indonesiens, das im Herbst Buchmessengastland sein wird. In der Berliner Zeitung streitet der Fotograf Espen Eichhöfer für das Recht auf künstlerische Straßenfotografie. Die Welt erlebt in Salzburg die Transzendierung nobler Pferde in Kunst. Die FAZ erlebt Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" in Berlin so fein und behutsam wie selten zuvor. Mehr lesen

Gegen jegliches Archiv

27.01.2015. In der FAZ erklärt Claude Lanzmann, warum er seinen Film "Shoah" so und nicht anders gemacht hat. Die Welt sucht nach Bezügen zwischen dem heutigen Terror und dem Terror der RAF. In der SZ wundert sich Ingo Schulze über Pegida. Bei Internetaktivisten löst die jüngste Zusammenarbeit zwischen der amerikanischen Regierung und Google, das E-Mails von Wikileaks weitergegeben hat, Empörung aus. Die NZZ sucht nach Wandel im Ruhrgebiet. Im Perlentaucher wird über die Charlie-Hebdo-Zeichnungen gestritten. Mehr lesen

Mit Furcht & neuem Mut

27.01.2015. Schere im Kopf? Stecken lassen! Facebook blockiert Mohammed-Karikaturen in der Türkei - Demokratie digital: Aktiv für Volksabstimmungen per App - Kriegsrhetorik: Weltbild streicht weitere Jobs & Filialen - Medienkritik: Walter van Rossum aus "dem Inneren" -  Er war "untauglich für das Werk der Zerstörung": Isaak Babel wurde heute vor 75 Jahren hingerichtet + Free-Jazzer Ulrich Gumpert: Der Tastenderwisch wird 70. Mehr lesen

Denkfiguren des Universellen

27.01.2015. Die NYRB lässt Flüchtlinge vom Leben unter dem IS erzählen. Im Guardian fragt Julie Walters: Wo sind die Schauspieler aus der Arbeiterklasse geblieben? Zu viel Anthropologie führt zu Gettoisierung, fürchtet in Telerama der Philosoph Abdennour Bidar. In Pitchfork erklärt Björk den Unterschied zwischen ihr und Kanye West. Der New Yorker schnuppert an einem salmonellenverseuchten Hühnchen. The Verge stellt die neueste Spionagesoftware vor: FinFisher - von D und GB für Bahrain! Mehr lesen

Archiv: Bücher

Testosterongeladenes Sprachfeuerwerk

27.01.2015. Zum heute vor siebzig Jahren befreiten Konzentrationslager Auschwitz empfiehlt die FAZ Wladyslaw Bartoszewskis Erinnerungen "Mein Auschwitz". Außerdem lernt sie in Sebastian Gießmanns Kulturgeschichte "Die Verbundenheit der Dinge" alles über Netze und Netzwerke. Die NZZ nimmt Olivia Weibels Debüt "Anna und wir" ebenso positiv auf wie Stephan Thomes Eheroman "Gegenspiel". Zum Standardwerk erklärt die SZ Richard Overys Geschichte des Bombenkriegs in Europa. Mehr lesen

Julie Mazzieri: Grabrede auf einen Idioten

26.01.2015. Der Idiot stört. Der Idiot wird beseitigt. Einfach so, in einen Brunnen geworfen. Doch als man wider Erwarten seinen Leichnam findet, braucht das Dorf einen Mörder. Lesen Sie hier einen Auszug aus Julie Mazzieris Roman "Grabrede auf einen Idioten"
Mehr lesen

Die Raubtiere werden immer schneller

20.01.2015. 2015 feiern Deutschland und Israel 50 Jahre diplomatischer Beziehungen, die 1965 offiziell beschlossen wurden, nachdem 13 Jahre zuvor, 1952, Konrad Adenauer und Moshe Sharett das erste "Wiedergutmachungsabkommen" in Luxemburg unterzeichnet hatten. Wir beginnen die Tagtigall dieses Jahres daher mit einem israelischen Dichter: Dan Pagis. Mehr lesen

Elegänse und Intelligänse

10.01.2015. Michel Houellebecq beschreibt die süße Lust der Unterwerfung, Cormack McCarthy die süße Lust am Mord, Rüdiger Esch den Düsseldorfer Quantensprung im Pop und Rana Dasgupta die postkoloniale Welt Delhis. Dies alles und mehr in den besten Büchern des Januar. Mehr lesen

Archiv: Magazin

Charlie, ein Missverständnis

26.01.2015. Die satirischen Waffen von Charlie Hebdo sind weitgehend stumpf, schon lange. Aber wir tun erst mal so, als wären wir Plattköpfe, aus politischer Raison. Mehr lesen

Die Schule der Kritik

14.01.2015. Warum hat es ausgerechnet in der linken und linksliberalen Szene und bei den Grünen so viel Feigheit und Ignoranz gegenüber dem Islam und dem Islamismus gegeben? Ein Wutausbruch Mehr lesen

Trauer um Charlie Hebdo

09.01.2015. Wir erinnern mit einer Hommage an Charb, Cabu, Wolinski, Honoré und Tignous. Mehr lesen

Trauer um Charlie Hebdo

07.01.2015. Heute um 18 Uhr versammeln sich vor der Französischen Botschaft in Berlin Bürger, um ihre Anteilnahme mit den Opfern des Anschlags auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo zu bekunden. Wir erinnern mit einer Hommage an Charb, Cabu, Wolinski und Tignous, die vier bei dem Anschlag ermordeten Karikaturisten Mehr lesen

Stichwörter