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zuletzt aktualisiert 26.05.2012, 14.01 Uhr

Bücherschau der Woche

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Im Ententeich: Redaktionsblog

Wer ist jetzt der Spießer?

Von Sascha Josuweit, 30.03.2009, 15:06

Vor zwanzig Jahren starb der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard an Herzversagen. Achtzehnjährig hatte er mit Tuberkulose bereits im Sterbezimmer gelegen und die Sakramente erhalten. In den vierzig Jahren danach entstand sein umfangreiches erzählerisches und dramatisches Werk unter dem Eindruck der Todeskrankheit.

Die einen schätzten seine Texte für ihren seriellen Stil, ihre Unnachsichtigkeit gesellschaftliche Zustände betreffend und ihre Komik. Wenige, darunter Elfriede Jelinek und Hanns Dieter Hüsch, begriffen Bernhard intuitiv. Andere wünschten, die letzte Ölung wäre nicht umsonst gewesen. Österreichs Politiker und Kulturverweser, vom Bürgermeister bis zum Bundespräsidenten, agitierten parteiübergreifend. Die geschäftsmäßig skandalisierende Kronen-Zeitung wiegelte ihre Leser gegen den "Nestbeschmutzer" auf. Bernhards Zwangseinweisung wurde gefordert oder direkt seine Ausbürgerung. In Wien wurde der Autor auf der Straße mit dem Tod bedroht.

Zwanzig Jahre später hat Österreich seinen Bernhard fest im großmütterlichen Würgegriff. Bernhards Verfügung eines Publikations- und Aufführungsverbotes seiner Texte innerhalb Österreichs sowie "jeder Annäherung des österreichischen Staates, meine Person und meine Arbeit betreffend, in alle Zukunft" wurde längst aufgeweicht. In die sogenannte Thomas-Bernhard-Privatstiftung, initiiert vom Halbbruder und Universalerben des Autors, fließen Mittel gleich aus mehreren Bundesministerien. Die Wiener Burg, unter Claus Peymann einst Schauplatz der Bernhardschen Theatereklats, begeht das 20. Todesjahr mit Aufführungen, Filmen und Lesungen. Die Folklorisierung ist gut fortgeschritten. Ab und zu zeigt das alte aufrichtige Gefühl noch seine Fratze. Pflichtschuldig richtet das Österreichische Theatermuseum im Bernhard-Gedenkjahr eine Bernhard-Gedenkausstellung aus – aber erst im November. Ätsch.

Einem höheren Gesetz folgend, als gehöre ein "Staatsdichter" wie Bernhard selbstverständlich abgewatscht, kommen die offenen Angriffe inzwischen aus einer anderen Ecke. Sigrid Löffler rief zum 10. und noch einmal zum 15. Todestag Bernhards zu einer "Revision seines Werkes und seines Wertes" (Die Zeit, 7/99) auf und erklärte großketzerisch, außer vom sozialen und intellektuellen Emporkömmling und Poseur Bernhard selbst erzählten dessen Texte vor allem von der allumfassenden, auf die Lieblosigkeit der Mutter zurückgehenden Misogynie des Autors. Den Skandal um Peymanns "Heldenplatz"-Inszenierung am Burgtheater hatte Löffler seinerzeit im Spiegel noch in seiner ganzen Lächerlichkeit vorgeführt.

Bei aller grellen Polemik ist Maxim Billers Arschloch-Breitseite in der Sonntags-FAZ ("Dieser opportunistische Kaffeehaus-Schreihals", 4.1.2009) Teil dieser rätselhaft zwanghaften Gegenbewegung zur Kanonisierung eines Autors. Biller besteht darauf: Bernhard habe er nie ausstehen können, tot oder lebendig. Bernhards heuchelnde Spießerarschlöchrigkeit hat sich ihm aber angeblich erst jetzt, durch den aus dem Nachlass publizierten Erinnerungsband "Meine Preise" enthüllt. Laut Biller Bernhards bestes Buch, weil es seine Doppelmoral, "die ganze Wahrheit, seine eigentliche Poetik", ans Licht bringt. Die Heuchelei besteht für Biller darin, "polternd, grummelnd", über alles und jeden hergefallen zu sein und dennoch Preisgelder kassiert zu haben. Wer ist jetzt der Spießer – Bernhard oder Biller? Für Elfriede Jelinek übrigens "affirmiert Bernhard die Gesellschaft in seiner Rolle als Kritiker, als Schablone des Kritikers schlechthin, gerade indem er sie kritisiert". Kein Widerspruch also.

Wenn Löffler den Schriftsteller für seine Häuser, seinen Schuhtick und den möglicherweise nur geborgten Intellektualismus kritisiert oder Biller sich über Bernhards Freude über den vom Preisgeld gekauften Sportwagen mokiert, ist das natürlich witzig zu lesen. Davon, wie überflüssig und ungerecht die Gleichsetzung von Dichtung und Wahrheit auch sein kann, kann zumindest Maxim Biller ein Lied singen.

Was seine Tirade an Formkritik bietet, ist dagegen harmlos. Bernhardsche Stilelemente wie die Hyperbel oder die von Biller parodierte serielle Syntax ("allesverdunkelnder, redundanter Schleifenstil") sind im Original immer auch Abbild der inneren und äußeren Verhältnisse (der Landschaft, der Figur usw.), und natürlich ergeben sie eine Geschichte. Aber das weiß der Biller ja auch.

Zur Strafe soll ihm jemand Bernhards autobiografische Erzählungen schenken (Residenz Verlag, 2009), und die muss er dann laut vorlesen, alle 578 Seiten. Oder besser noch Raimund Fellingers Auswahl für Bernhard-Einsteiger. Da geht's um die Liebe, ums Geschichtenerzählen und -zerstören und die Kunst der Übertreibung. Beim Buchhändler liegt sie naturgemäß gleich neben seinen eigenen Büchern.

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