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Im Ententeich: Redaktionsblog

Wikileaks' Julian Assange verhaftet

Von Anja Seeliger

07.12.2010. Der Versuch in Sachen Wikileaks auf dem Laufenden zu bleiben, war heute ein echter Marathon. Hier kurz die neuesten Entwicklungen: Wikileaks-Gründer Julian Assange hat sich heute in London Scotland Yard gestellt. Inzwischen hat es eine erste Anhörung gegeben, in der die Schweden ihre Vorwürfe gegen Assange etwas präzisiert haben, berichtet der Guardian: "Assange wurde in Verbindung mit vier Beschuldigungen gesucht, darunter Vergewaltigung und Belästigung. Gemma Lindfiel von der schwedischen Staatsanwaltschaft sagte, die erste Anschuldigung betreffe A., die gesagt hat, sie sei in der Nacht des 14. August in Stockholm Opfer einer Nötigung geworden. Vor Gericht beschuldigte sie Assange, sein Körpergewicht benutzt zu haben, um sie niederzudrücken. Die zweite Anklage lautet, Assange habe A. 'sexuell belästigt' indem er Sex mit ihr hatte, ohne ein Kondom zu benutzen, obwohl dies ihr ausdrücklicher Wunsch war. Die dritte Anklage lautet, Assange habe A. am 18. August 'vorsätzlich belästigt', auf eine Art, die 'ihre sexuelle Integrität verletzt' habe. Viertens wird Assange beschuldigt, am 17. Oktober mit einer zweiten Frau, W, in deren Stockholmer Wohnung Sex ohne Kondom gehabt zu haben, während sie schlief."

Der Versuch in Sachen Wikileaks auf dem Laufenden zu bleiben, war heute ein echter Marathon. Hier kurz die neuesten Entwicklungen: Wikileaks-Gründer Julian Assange hat sich heute in London Scotland Yard gestellt. Inzwischen hat es eine erste Anhörung gegeben, in der die Schweden ihre Vorwürfe gegen Assange etwas präzisiert haben, berichtet der Guardian: "Assange wurde in Verbindung mit vier Beschuldigungen gesucht, darunter Vergewaltigung und Belästigung. Gemma Lindfiel von der schwedischen Staatsanwaltschaft sagte, die erste Anschuldigung betreffe A., die gesagt hat, sie sei in der Nacht des 14. August in Stockholm Opfer einer Nötigung geworden. Vor Gericht beschuldigte sie Assange, sein Körpergewicht benutzt zu haben, um sie niederzudrücken. Die zweite Anklage lautet, Assange habe A. 'sexuell belästigt' indem er Sex mit ihr hatte, ohne ein Kondom zu benutzen, obwohl dies ihr ausdrücklicher Wunsch war. Die dritte Anklage lautet, Assange habe A. am 18. August 'vorsätzlich belästigt', auf eine Art, die 'ihre sexuelle Integrität verletzt' habe. Viertens wird Assange beschuldigt, am 17. Oktober mit einer zweiten Frau, W, in deren Stockholmer Wohnung Sex ohne Kondom gehabt zu haben, während sie schlief."

Assange bestreitet die Vorwürfe. Er hat die Auslieferung nach Schweden abgelehnt. Kaution - Filmregisseur Ken Loach und Gesellschaftsdame Jemima Khan standen neben anderen als Bürgen bereit - wurde laut Guardian abgelehnt mit der Begründung, es bestehe Fluchtgefahr.

Nach Amazon, EveryDNS.net und PayPal haben jetzt Mastercard und Visa ihre Verbindungen zu Wikileaks gekappt. Außerdem hat das Schweizer Geldinstitut Post Finance das Konto von Wikileaks-Chef Julian Assange gekündigt. "Assange nutzte das Konto, um seine Verteidiger zu bezahlen und für persönliche Ausgaben", berichtet Golem. Zum Dank legten Hacker stundenlang die Webseite von Post Finance lahm, heißt es weiter. Die NZZ meldet, dass die Geschäftsbeziehung auch das "sittliche Empfinden" von Post Finance verletze (da kommen einem echt die Tränen). Aber offenbar kann man immer noch spenden: hier.

In einem Blog des New Yorker stellt Amy Davidson folgende Fragen: Warum verteufeln Regierungen Wikileaks, aber nicht die Medien, die die Dokumente veröffentlichen, also Guardian, Spiegel, New York Times, Le Monde, El Pais? Und warum werden Politiker nicht konkret, wenn sie Maßnahmen gegen Wikileaks fordern? Davidson zitiert die NYT, die in einem Artikel anmerkte: "Die Staatsanwälte des Justizministeriums bemühen sich, Mr. Assange anzuklagen, seit Wikileaks im Juli die Dokumente über den Afghanistankrieg veröffentlicht hat. Aber während es ganz klar illegal für einen Regierungsangestellten ist, als geheim eingestufte Regierungsdokumente an Wikileaks weiterzureichen, ist es überhaupt nicht klar, ob es illegal ist, dass Wikileaks diese Dokumente veröffentlicht."

Raffi Khatchadourian, der vor einiger Zeit ein großes Porträt Assanges im New Yorker schrieb und ihm nicht unkritisch gegenübersteht, weist in seinem Blog darauf hin, dass Wikileaks diesmal den US-Behörden eine Kooperation angeboten hat. "Was die Diplomaten-Depeschen angeht, hat Assange persönlich das Außenministerium kontaktiert und angefragt, was die Regierung dazu meint. Am 26. November schrieb er dem US-Botschafter in Großbritannien, dass 'Wikileaks dankbar wäre, wenn die amerikanische Regierung vertraulich alle speziellen Umstände (zum Beispiel Namen) nennen würde, die ihrer Ansicht nach Menschenleben in Gefahr bringen würden.' Assange erklärte sogar - ohne Ironie - dass 'Wikileaks die Vertraulichkeit dieser Hinweise respektieren würde und entsprechenden Hinweisen ohne zu zögern folgen würde.' Es ist unnötig zu sagen, dass die Obama-Regierung dieses Angebot abgelehnt und eine Rückgabe aller Depeschen gefordert hat."

Im New Republic weist Todd Gitlin jeden Vergleich zwischen Julian Assange und Daniel Ellsberg, der in den 70ern die als geheim eingestuften Pentagon-Papiere über den Vietnamkrieg veröffentlicht hat, zurück. "Ellsbergs Veröffentlichung der Pentagon-Papiere war eine große demokratische Tat, die der amerikanischen Öffentlichkeit half, klar zu sehen, dass ihre Führer sie jahrelang in die Irre geführt und der Ehre der Nation geschadet hatten. Assange ... ist ein Minister des Chaos, der für eine Welt der totalen Transparenz kämpft. Wir haben genug Probleme ohne das."

In Salon.com hält Glenn Greenwald dagegen: "Wikileaks hat bisher nur 960 der 251.297 Diplomaten-Depeschen veröffentlicht. Fast jede dieser Depeschen wurde zuerst von einem der Medienpartner [von Wikileaks] veröffentlicht (dem Guardian, der NYT, El Pais, Le Monde, Der Spiegel). Mehr noch, die Depeschen, die von Wikileaks ins Netz gestellt wurden, haben nicht nur diese Zeitungen zuerst veröffentlicht, sie sind auch genau die Ausgaben, die diese Zeitungen veröffentlicht haben, um unschuldige Menschen zu schützen und jede Gefährdung auszuschließen." Greenwald zitiert einen AP-Artikel von vorgestern, der den Prozess beschreibt: Wikileaks "veröffentlicht in einem bestimmten Zeitabschnitt immer nur einen Bruchteil der gut 250.000 Dokumente und das auch immer nur, nachdem es die Ratschläge der fünf Medienorganisationen berücksichtigt hat, mit denen es das Material teilt. 'Sie veröffentlichen die Dokumente, die wir ausgesucht haben', erklärte Le Mondes Managing Editor Sylvie Kauffmann in einem Interview."

Julian Assange selbst schreibt heute in The Australian: "WikiLeaks hat einen neuen Typ Journalismus geprägt: wissenschaftlichen Journalismus. Wir arbeiten mit anderen Medien zusammen um Neuigkeiten zu überbringen, aber auch um zu beweisen, dass diese Neuigkeiten wahr sind. Wissenschaftlicher Journalismus erlaubt es einem, eine Nachricht zu lesen und dann online zu klicken, um das Originaldokument zu sehen, auf dem die Neuigkeit basiert. So kann jeder selbst entscheiden: Ist die Geschichte wahr? Hat der Journalist sorgfältig berichtet?"

Fazit: Meine Sympathie liegt ganz klar bei Wikileaks. Was sich in deutschen - und auch anderen - Medien erst wie gehobener Klatsch las, hat sich inzwischen als eine Art Klarspüler erwiesen. Zuerst dachte ich noch, naja, die Amerikaner sind mal wieder der Buhmann, aber inzwischen zeigt sich, dass die Veröffentlichung der Diplomatendepeschen die ganze Welt irgendwie durchsichtiger gemacht hat. Dieser völlig unlösbar erscheinende Konflikt im Nahen Osten hat plötzlich Luft bekommen, weil Israel zum ersten Mal seit gefühlten hundert Jahren nicht mehr im Mittelpunkt steht, sondern der Iran. Die Schweden sehen plötzlich gar nicht mehr liberal aus, sondern wie die Schoßhündchen Amerikas, die angeblich die Briten sind. In der Türkei, erzählte mir Necla Kelek, hat Wikileaks unvorstellbare Diskussionen ausgelöst. In Deutschland und Frankreich müssen sich die Regierungen erklären. Diese Depeschen haben fast alle Nationen beschämt. Und das ist gut! Kann man nicht plötzlich ganz neu reden, wenn auf jeden ausgestreckten Zeigefinger zurückgezeigt werden kann? Soll doch jeder erst Mal vor der eigenen Haustür kehren!

Erschreckend finde ich allerdings, wie große, internationale Firmen (Amazon, EveryDNS.net, PayPal, Visa, Mastercard, Post Finance) sich ducken, wenn eine staatlich nicht genehme Organisation wie Wikileaks unter Beschuss steht. Das stellt die Behauptung, die Politik folge der Wirtschaft, doch auf den Kopf, oder? Aber Firmen, das glaube ich immer noch, sind beeinflussbarer als Regierungen. Wenn Ihnen, liebe Leser, nicht gefällt, was diese Firmen gerade tun, dann protestieren Sie! Kündigen Sie Ihr Amazon-, PayPal-, Visa-, Mastercard-, Post Finance-Konto. Oder schreiben Sie eine Mail an die Herrschaften: Ich protestiere gegen Ihren Umgang mit Wikileaks. Wenn Sie das nicht zurücknehmen, kaufe ich wieder bei Karstadt und zahle in bar.


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Archiv: Presseschauen

Zwischen Bett und Sandkasten

15.09.2014. Laut SZ sehnen sich deutsche Schriftsteller nach ihrer guten alten bürgerlichen Öffentlichkeit. Harmlos-gemütlich laut Welt auch der Pop von Blumfeld. Die FR blättert sich konzentriert durch die pornografische Kunst aus dem Japan des 18. Jahrhunderts. Nicht viel Neues aus dem Sexleben der Großstädter melden die Theaterkritiker aus dem Gorki. Mehr lesen

Sonst würden wir die Krise kriegen

15.09.2014. In Le Monde erklärt die schottische Autorin A.L. Kennedy, warum sie für das schottische "Ja" stimmen würde, wenn sie nicht dummerweise in London wohnte. Die SZ erkundet den Ursprung des Schottenrocks aus dem Geist der Moderne. In Dänemark sprach Herta Müller Klartext über Putin. In einem Video können wir sehen, wie deutsche Ingenieure aus allen Wolken fallen:  NSA und GCHQ kennen ihre Passwörter.
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Geisterbilder aus dem Internet

15.09.2014. Zwanzig Jahre Zeitung im Internet: Schafft den Online-Journalismus ab oder Testament der Ratlosigkeit & Digitaler Analphabetismus im Land der Dichter und Denker? - Unterschiedliche Vorstellungen: Keine Springer-Koop mit Cicero & Monopol - Theater-Nachtkritiken aus Berlin, Dortmund und Wiesbaden - Print-Hoffnung Wochenende: So entwickeln sich die Auflagen + Jazz-Nachruf: Joe Sample ist tot. Mehr lesen

Maoistische Synthese der Oppositionen

11.09.2014. Diese Woche war die Magazinrundschau so riesig, dass wir sie geteilt haben. Heute also der zweite Teil mit einem sehr lesenswerten Artikel von Assaf Sharon in der NYRB über die verfehlte Politik Netanjahus. Bookforum stellt eine Geschichte Gazas vor. Im Guardian gerät AL Kennedy über einen goldenen Ferrari ins Grübeln. In Eurozine beschreibt der Soziologe Boris Dubin die Machtlosigkeit der russischen Gesellschaft. Und das New York Magazine stellt die CEO Martine Rothblatt vor, die ihre Ehefrau als Computer hat nachbauen lassen. Mehr lesen

Archiv: Bücher

Wahrheit oder Literatur

15.09.2014. Literaturmäßig ein exzellenter Wochenstart, nur die Portion ist mit zwei Buchbesprechungen etwas mager! Nino Haratischwili erschafft in ihrem Roman "Das achte Leben" Figuren, als wär sie der liebe Gott, bewundert die FR. Und die SZ lässt sich mit Vergnügen von den Geschichtenerzählern, Musikmachern und Liebeskünstlern in Eduardo Halfons Roman "Der polnische Boxer" einfangen. Mehr lesen

Jedes Wort ein Diversant

08.09.2014. In Marcel Beyers neuem Gedichtband "Graphit", in dem vielfach Fotos Auslöser gewesen sein dürften, hört man immer wieder einzelne Stimmen im Thomas Klingschen Sinne heraus. Das Rheinland natürlich: flück flück flück. Eine Hommage. Mehr lesen

Souveränes Schöpfertum

08.09.2014. Judith Hermanns Roman "Aller Liebe Anfang" zielt ins Herz der deutschen Mittelschicht. Sherko Fatah führt uns mit einem Übersetzer in den Irak. Silke Scheuermann besingt den Dodo. Und Geert Buelens zeigt uns Europas Dichter vor dem Ersten Weltkrieg. Dies alles und mehr in den interessantesten Büchern des Monats September. Mehr lesen

Hans Keilson: Tagebuch 1944

03.09.2014. Im März 1944 beginnt der Arzt und Schriftsteller Hans Keilson ein Tagebuch im holländischen Exil, mit gefälschtem Pass und teilweise im Versteck. Er schildert die Erfahrung des Untertauchens und berichtet von der Entfremdung gegenüber Frau und Kind, einer heimlichen Liebe, von Gedichten und Lektüre. Lesen Sie hier einen Auszug von April bis Oktober aus "Tagebuch 1944". Mehr lesen

Archiv: Magazin

Der Druck der nächsten feinen Sache

10.09.2014. Neben dem Deutschen Buchpreis wirbt in Frankfurt auch die "Hotlist" der unabhängigen Verlage mit alternativen Lektüren um Aufmerksamkeit: Ein Streitgespräch zwischen Daniela Seel und Axel von Ernst über die Vermittlung von Literatur in Zeiten radikalen Wandels. Moderiert Mehr lesen

Die Buchkultur und der leere Stuhl

21.08.2014. Der Streit um Amazon in den USA und Deutschland ist Symptom einer säkularen Veränderung der Buchbranche. Der Appell an den Staat gegen die Internetgiganten wird nicht weiterhelfen: Die Impulse müssen aus der Gesellschaft kommen. Manifest für eine soziale Marktwirtschaft im Buch-Business. Mehr lesen

Adieu Spätaffäre, Willkommen Stichwörter

10.06.2014. Warum wir die Spätaffäre einstellen, die Magazinrundschau weiter liefern und Stichwörter einführen. Mehr lesen

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06.02.2014. In der Türkei hat das Parlament gestern Nacht ein Gesetz verabschiedet, das das Abschalten unliebsamer Webseiten erleichtert. Befürworter loben es als Schutz der Bevölkerung, Gegner sprechen von Zensur. Präsident Erdogan findet: Twitter ist der größte Unruhestifter in heutigen Gesellschaften. Mehr lesen

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